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Das sollten wir nicht verschenken!

In Ideenwirtschaft, Politik, Stadt, wörtlich! on 3. März 2014 at 19:53

Ich meine, dass wir es uns nicht leisten können, auf die Kompetenz und das Engagement von Bürgern und Bürgerinnen, Unternehmen und Initiativen zu verzichten.

Wir Grünen stehen für Basisdemokratie und Bürgerbeteiligung in den demokratischen Prozessen – und historisch steht unsere Partei für die Integration von Bewegungen und Ideen aus dem außerparlamentarischen Raum, aus der Bevölkerung, in politische, parlamentarische, demokratische Prozesse. Das Ausdiskutieren von Positionen, das Integrieren von Bewegungen, das Aushalten von Konflikten war nicht immer einfach – aber produktiv: „Grüne Themen“ sind Common Sense geworden, grüne Kompetenz ist überall gefragt. Dafür stehen als Schlusspointe des vergangenen Wahljahres 2013 auch einige „grüne“ Personalien der schwarz-roten GroKo in Berlin.

Ich meine: Wir können es uns auch in Zukunft nicht leisten, auf die Kompetenz und das Engagement von Bürgern und Bürgerinnen, Initiativen und Unternehmen zu verzichten. Als Partei wäre es dumm, auf den Rat und die Expertise von Freunden und Kritikern zu verzichten – von der Quartiersentwicklung über privates Nachhaltigkeits- und Energieverhalten bis hin zu den demografischen und kulturellen Entwicklungen einer mobilen und digitalen Gesellschaft sollten wir immer wieder genau auf die vielfältigen Erfahrungen unserer Mitglieder, vor allem aber auch sympathisierender Freunde vertrauen – und uns auch jenseits der parlamentarischen Gremien und der medialen Öffentlichkeit mit Mitbewerbern und Konkurrenten auseinandersetzen.

Zu oft begreifen und vernachlässigen wir inhaltliche Inputs als „Antragsprosa“ für verkappte Finanzierungsbegründungen; zu oft wird Engagement als freakig oder egoistisch abgestempelt und weggeheftet; zu oft tun wir Ansichten ab, weil sie vermeintlich „gegnerische“ sind. Aber anders herum wird ein Schuh draus: Als Partei müssen wir uns mit allen beschäftigen, die uns nah, aber nicht unbedingt vollkommen grün sind – von der Piratenpartei bis zu den Wirtschaftsverbänden, vom Urban Gardening bis zu privaten Sozial-, Bildungs- und Kulturangeboten. Und als Regierungspartner können wir es uns finanziell gar nicht leisten, auf die „kommunale Intelligenz“ der Nachbarschaften und Communities, von sachkundigen BürgerInnen und interessierten Gruppen zu verzichten! Gerade in Zeiten knapper Finanzmittel müssen wir Privatinitiative und Bürgerengagement als wichtige Ressource begreifen.

Bürgerbeteiligung darf sich deshalb nicht auf demokratische Verfahren einerseits und auf Protest-Management andererseits beschränken: Zukunftswerkstätten – wie sie zum Beispiel die Bürgerinitiativen zum Osterfeuerberger Ring, zur Waller Mitte am Dedesdorfer Platz begonnen haben, wie sie der Bausenator zur Entwicklung des Leitbildes „Bremen 2020“ oder zur Zukunft des neuen Hulsberg-Viertels oder wie sie das Kreativwirtschafts-Projekt „Brennerei“ für die Zukunft des Bürgerparks und seiner Finanzierung durchgeführt haben – sind nachhaltig im besten Sinne: Sie stimulieren und motivieren gesellschaftliche Entwicklung mit nachbarschaftlichem Engagement, schaffen Identifikation und sparen so soziale Folgekosten. Sie ermöglichen Vielfalt, realisieren Experimente und Visionen – und verankern mit Ideen, Fantasie und Kompetenz notwendige Veränderungen und Neuerungen frühzeitig in der Stadtgesellschaft.

Wir müssen deshalb Bürgerinnen und Bürger unterstützen und immer wieder in die Lage versetzen, zum Gemeinwohl beizutragen. Dazu gehört eine offene Informations- und Motivationspolitik. Und dazu gehört auch, die politischen Wege und Verwaltungsprozesse noch transparenter zu machen: Klar zu machen, in welchen Rahmen, zwischen welchen Anliegen und Interessen und in welchen rechtlichen, technischen und auch finanziellen, zeitlichen und personellen Grenzen Beteiligung notwendig und möglich ist, und in welchen Rahmen und Grenzen Vorhaben geplant und realisiert werden können. Denn Bürgerbeteiligung ist kein Wunschkonzert und ist weder Vorfahrts- noch Einbahnstraße.

Wenn in Zukunftswerkstätten, für Entwicklungsagenturen und an Runden Tischen von vornherein klar ist, welche Erkenntnisse gewonnen, welche Verfahrensschritte erreicht werden sollen, wessen Entscheidungen damit vorbereitet werden – und was NICHT –, dann kann die konstruktive Teilhabe an solchen Prozessen auch über den berüchtigten eigenen Tellerrand und Gartenzaun hinaus befriedigend sein. Die daraus auch entstehende Kompetenzerweiterung ist ein echter Mehrwert!

Durch die Förderung von gemeinwohlorientiertem Bauen durch Baugruppen, Selbstnutzer und Genossenschaften, durch die Stärkung von Nachbarschaften und Ehrenämtern, durch die Unterstützung privater Kinderbetreuung, durch Sozial- und Kulturangebote in privaten, auch neuen Trägerstrukturen – und natürlich durch vielseitige Teilhabe an allen Facetten des gesellschaftlichen Lebens kann der Zusammenhalt der Städte und Quartiere konkret gestärkt und nachhaltig gestaltet werden. So können Sicherheits- und Reparaturkosten, soziale Schief- und Notlagen begrenzt werden.

Bremen kann es sich nicht leisten, auf das Wissen, die Ideen, die Fähigkeiten und die Hilfe seiner BürgerInnen zu verzichten. Deshalb wünsche ich mir für die nächsten Jahre noch mehr konstruktive Bürgerbeteiligung – mit Ideen und Impulsen der BürgerInnen, mit ihrer Kompetenz, Spezialisierung und Betroffenheit, mit sichtbaren Ergebnissen – und mit einer dazu auch neu zu entwickelnden Kultur der Anerkennung und des Dankes.

Als Projekte bieten sich neben Quartiers- und Stadtentwicklungsthemen dafür auch andere Politikbereiche an: Das „Zuckerwerk“ hat eine Wertschätzung und Anerkennung wie die Bürgerhäuser oder wie das Musikfest verdient! Das Stadtmarketing kann zu einem ureigenen Projekt der BürgerInnen Bremens weiterentwickelt werden – Mundpropaganda, Spezialistenwissen first!. Die Innenstadt muss von und für BürgerInnen ein Stück weit für das öffentliche Leben auch jenseits des Shoppings zurückerobert werden. In Ampelworkshops können in Hamburg die Verkehrsteilnehmer aller Verkehrsarten ihre spezifischen Erfahrungen einbringen und lernen, die Perspektiven der anderen berücksichtigen. In Sharing-Börsen kann „Nutzen statt Besitzen“ erprobt und als Kultur einer solidarischen Ökonomie etabliert werden. Eine Bremer „Kulturloge“ kann kulturelle Teilhabe für Menschen mit geringem Einkommen in der Veranstaltungswirtschaft und der Kulturszene organisieren. – So wird Kompetenz konkret wirksam. Ich meine: Wir sollten das nicht verschenken!

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Kulturtickets, Kulturloge

In Ideenwirtschaft, Konsumempfehlung, Politik, wörtlich! on 10. Dezember 2013 at 19:33

Am 11. Dezember 2013 haben wir in der Stadtbürgerschaft eine Große Anfrage der CDU zu den Erfahrungen mit dem „Bremer (Sozial-) Kulturticket“ debattiert:

Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren,

– ich bekenne und gestehe: Ich war immer ein bisschen skeptisch, was dieses Kulturticket als staatliches Angebot angeht. Bremen hat ja eine ganze Reihe etablierter, auch äußerst effektiver inklusiver Kulturangebote, die niedrigschwellig kulturelle Teilhabe ermöglichen: Das fängt erst einmal beim moks-Theater an, dessen Schulvorstellungen nach wir vor kostenlos für die Schülerinnen und Schüler sind – und das hört bei den fürs Publikum kostenlosen Kulturfestivals und Kulturfesten mit oft hochkarätiger Besetzung nicht auf. Auch die Eintrittsprese für Kultur und Unterhaltung in Bremen sind verhältnismäßig moderat – überregionale Veranstaltungs- und Künstleragenturen wissen davon Lieder zu singen.

Das Kulturticket kann bestimmte Veranstaltungsarten zugänglich zu machen für Menschen, die Transferleistungen erhalten. Insofern ist es eine Ergänzung zur Teilhabe und Zugänglichkeit zur Kultur. Aber – weil es ein staatliches Angebot ist, geht das nicht ohne Einschränkungen und vor allem nicht Regeln, nicht ohne Nachweise, auch nicht ohne Werbung. Der Aufwand und die Kosten sind in der Antwort des Senats ja auch offen angesprochen – ihre Grenzen auch. Und wo Regeln nötig sind, ziehen sie neue Regeln nach sich und das macht es dann kompliziert: Wo ein Hürde weggenommen werden soll, steht zack eine neue.

Aber: Dennoch war und ist es richtig, das Kulturticket einzuführen und auszuprobieren – weil das auch die Sinne geschärft und neue, weitere Ideen in Gang gebracht hat, was die kulturelle Teilhabe angeht! – Bei den Einrichtungen, bei den Veranstaltern und Künstlern.

Die Antwort zählt da ja viele Beispiele auf:  Die Hochschule für Künste oder die Kammerphilharmonie, die den bürokratischen Weg umgehen und die Menschen einfach in ihre Konzerte reinlassen. Auch das Bremer Theater und die Schwankhalle haben inzwischen alle ihre Veranstaltungen fürs Kulturticket geöffnet – auch im Vorverkauf, nicht als reines Restkartenangebot. In den Museen oder auch im Lagerhaus gibt es traditionell oft sehr günstige Tickets – und vor allem auch im Bildungsbereich sind viele Veranstaltungen ohnehin eintrittsfrei. Manche Einrichtungen reagieren in der eigenen Preisgestaltung auf die Herausforderung, möglichst unkompliziert für alle Einkommens- und Bevölkerungsgruppen offen zu sein: Das Bremer Theater bietet ganz stark verbilligte Schüler- und Studententickets an und bietet Schulklassen aus wirtschaftlich benachteiligten Stadtteilen über das Projekt „Klassen los!“ einen kostenlosen Vorstellungsbesuch an. In der Schwankhalle können Zuschauer ihren Eintrittspreis inzwischen frei wählen – das kennt man von der taz: Der Solipreis subventioniert das ermäßige Abo. – Das alles sind auch Effekte des Kulturtickets!

Ich kenne aus alten Theaterzeiten noch den Regieassistenten-Code am Einlass für den niedrigschwelligen Besuch: „Die gehören zu mir“ sagte man als Mitarbeiter – und dann war drin, wer rein sollte. Und auch heute wird vielfach und einfach der Zugang ermöglicht, das steht in der Senatsantwort etwas vorsichtiger – über Mitarbeiterkarten zum Beispiel oder ganz einfach über Freikarten. – Das hat übrigens in den Einrichtungen einen ganz einfachen Grund: Einer Veranstaltungsagentur bei der Abrechnung eine Kollegenkarte oder ein paar Freikarten mehr anzugeben ist einfacher und vermittelbarer, als Künstlern oder Agenturen aus München oder Stockholm einen Eintrittspreis von 3 Euro und das System Kulturticket zu erklären.

Eine große, die wichtigste Herausforderung bei der Zugänglichkeit von Veranstaltungen ist für uns Grüne, dass kulturelle Teilhabe auch wirklich Teilhabe am sozialen Leben ist: Und das gilt nicht nur für Transferleistungsempfänger, sondern muss auch für Niedrigverdiener ohne Transfer- und Sozialleistungs-Nachweis gelten! Für uns alle gehört zum kulturellen Leben und Erleben meistens eine Begleitung dazu – wenige gehen ja immer alleine ins Konzert oder ins Theater. Da kann es nicht nur um Restkarten für nicht ausverkaufte Lesungen gehen – Teilhabe ist, wenn jemand auch Werder Bremen mit erleben kann, große Oper, Udo Jürgens und Helene Fischer, aktuelles Kino – oder aktuelle Literatur: Warum sollten wir wirtschaftlich schlechter gestellten Menschen den Mainstream und können wir ihnen wirtschaftlich erfolgreiche Kultur versagen? Teilhabe heißt ja dabei sein, mittendrin, auch mitreden. Deshalb sind nicht zuletzt auch noch die klassischen Freikarten-Verlosungen in den Printmedien und den Radiosendern so beliebt.

Aber, wie gesagt: Ein staatlich organisiertes Kulturticket hat seine organisatorischen Grenzen und kann nicht alle Menschen erreichen und nicht jedes Kulturangebot abdecken. Die private Kultur- und Veranstaltungswirtschaft ist vom Kulturressort nur begrenzt erreichbar und steuerbar.

Wichtig wäre, alle die genannten Beispiele – und es gibt ja viel mehr – gebündelt zu kommunzieren. Das Internetportal „Bremen für lau“ hat das bis vor wenigen Wochen ganz vorbildlich – und ehrenamtlich – gemacht und Tag für Tag kostenlose Termine, Kartenverlosungen und eigens recherchierte und verhandelte Angebote gesammelt und redaktionell aufbereitet. Leider hat der Betreiber das jetzt gerade aufgegeben. Es wäre schön, wenn es sowas wieder und weiter gäbe!

In vielen deutschen Großstädten gibt es die so genannten „Kulturlogen“ – ehrenamtliche Initiativen, den Lebensmittel-Tafeln ähnlich, die kostenlose Tickets sammeln und an ihre Klienten je nach deren Interessensgebieten verteilen – oder ihnen auch mal gezielt Eintrittskarten besorgen: Und zwar immer zwei! Für Geringverdiener, für Transferleistungsempfänger – und für Partner die sie begleiten; damit sie jemanden mitnehmen, auch mal jemanden einladen können!

Eine Kulturloge gibt es in Bremen noch nicht. Vielleicht ist die Debatte hier heute ein Anlass, so etwas anzustoßen – vielleicht auch aus dem Kreis von uns Abgeordneten hier in der Bürgerschaft?  Das würde mich freuen. Damit könnten wir das Kulturticket – neben den vielen anderen Maßnahmen- gemeinsam mit der Kulturszene und Kulturwirtschaft noch weiter sinnvoll ergänzen. – Und auch für diese Idee hat es das „Kulturticket“ gebraucht!
– Vielen Dank.

„Kulturinfarkt“ oder „Denkinfarkt“ ? – Ein Streit, der sich lohnt

In Ideenwirtschaft, Kunst, Politik, Stadt on 18. März 2012 at 12:30

Ich verstehe die Aufregung immer noch nicht (ganz): Vier ältere Herren schreiben im Spiegel nicht, dass sie „desubventionieren“ wollen, dass „die Hälfte“ weg soll, sondern regen durch Umwidmung von 2 von 10 Milliarden Euro deutscher Kulturfinanzierung 1. Konzentration und 2. Innovationsförderung an. Kann man da nicht drüber diskutieren, ohne dass es „Freiheitsberaubung“ aus allen Röhren schallert? Ja, ihre Markt-Produkt-Rhetorik klingt hart und für mich auch schon wieder gestrig: Aber ersetzt man diese Instant-Formeln mal durch Aufgabe/Funktion/Wirkung, meinetwegen auch Qualität, eben: „Gestaltungskraft“ und setzt die in einen gesellschaftlichen, politischen Zusammenhang, dann kann daraus doch was werden? „Erfolg“ kann auch gesellschaftlich sein. Kunst muss nicht „nützen“, aber darf sie nicht auch „nützen“?

Eine tiefe Debatte über die (Ent)Institutionalisierung und (Ent)Musealisierung der Kultur(en) und ihrer gesellschaftlichen Funktionen und Aufgaben finde ich ebenso wichtig wie Kritik an ihrer Ökonomisierung – wobei ich in „realpolitischen Aufgaben“ noch kein grundsätzliches Zeichen für Ökonomisierung sehe, sondern auch für die Empathie, Kompetenz, Wirksamkeit, Zuständig- und Widerständigkeit von Kunst und Kultur.

„Weitblick“ als „unternehmerische Tugend“ zu bezeichnen (wie Niklas Maak in der FAZ eine Schule zitiert, die mit der Debatte höchstens auf symptomatischer Ebene zu tun hat), ist eine Frechheit – aber darum Weitblick abzulehnen, ist Blödsinn: „Weitblick“ ist auch eine künstlerische, auch eine politische Tugend. Und was daran eine „Ökonomisierung des Denkens“, wenn man für Kunst in der Schule ist? Weil „marktorientiertes Denken“ die Sprache „verwüstet“ hat (und wie die Diskussion zeit: wohl auch ihr Verstehen), sprechen und diskutieren wir lieber nicht mehr, sondern schreien nach „Freiheit“? Wir? Hier? Unheimlich.

 

Einer der Autoren des „Kulturinfarkt“ im Deutschlandradio-Interview: „Baut den Apparat um!“

 

Ein nüchterner Blick auf die Entwicklung der Kulturetats und der Kultureinrichtungen in den vergangenen 2,3 Jahrzehnten und kritische Fragen nach der Richtigkeit der Institutionalisierung von allem und jedem sind wichtig.
– Kulturentwicklung muss – neben der Förderung von Kreativität – auch eine Schaffung von Strukturen zeitgenössischer Künste und Kulturen sein; und die finden heute zu nicht unerheblichen Teilen auch im Internet statt, in der Popkultur und im Stadtleben. Das bildet sich in der Wirtschafts-, Sozial-, Bildungs- und Medienpolitik ja durchaus auch deutlich ab – ob Kunstpolitik als relativ neue Querschnittsaufgabe sich da mehr einmischen müsste, kann man diskutieren. Dass sie die Entwicklungen – wie Kunst und Künstler selbst – scharf und klar wahrnehmen muss, ist notwendig und selbstverständlich! Die Innovationen und Impulse jedenfalls kommen aus den Kellern, von der Straße, aus der Technik oft – und aus dem Ausland.
– Die Kulturfinanzierung – und die für Kultur verfügbaren Mittel und auch Aufträge, nicht nur im Rahmen der Kulturförderung – sind in den vergangenen Jahrzehnten so deutlich gestiegen, wie sich die Szenen verbreitert haben. Es ist bemerkenswert und gut, dass sich Innovationsförderung, stadtentwicklerische Maßnahmen, Kultur als Inklusions- und Bildungsangelegenheit auch aus anderen Etats speisen, dass Kultur auch als Wirtschaftsbranche wahrgenommen und befördert wird, auch Künstler über ihre Angebote an die Gesellschaft als „Produkte“ nachdenken können. Ideen und ihre Gestaltung und Durchführung selbstbewusst so zu nennen und zu nutzen, ist nicht verwerflich, sondern ein legitimes Interesse, dass für die Musik-, Buch-, Film-, Medien- und Kunstmärkte auch niemand problematisch findet.
– Klassische staatliche Kulturförderung führt viel zu grundsätzlich geradewegs in die Institutionalisierung von Initiativen und Einrichtungen – oder macht sie gar zur Voraussetzung. Das führt insgesamt zu einer Musealisierung der (in Etats und Stein) sichtbaren und gebauten Kulturlandschaft. Wo das kulturelle Gedächtnis gesichert, Schaffen dokumentiert und so Maßstäbe gehalten werden, ist das wichtig. Eine Fokussierung auf den Bestand und sein allzeit dauerhaftes Bestehen, die Verstrickung von Impulsen in institutionalisierte „Sicherheit“ aber koppelt Kulturentwicklung allzuoft von den wirklichen, wesentlichen, gesellschaftlich relevanten kulturellen Veränderungen und Umbrüchen ab.

Kulturentwicklung, Kulturfinanzierung und Kulturförderung sind verschiedene und gleichberechtigte Aufgaben von Kulturpolitik. Den Kultursektor als subventionierten Arbeitsmarkt zu behandeln, greift zu kurz. Wie die dafür zuständigen Kulturressorts in Deutschland zugeschnitten sind, ist aber immer noch sehr zufällig aus politischen, machttaktischen Beweggründen verteilt: Mal gehören sie zum Regierungschef wie in Bremen und Berlin, mal gehören sie mit Wissenschaft oder/und Bildung zusammen, mal mit Wirtschaft, auch Inneres und Sport hatten wir ja schon. Hier gehört die Soziokultur dazu, dort ist die ganz klassisch Teil der Sozialarbeit, dafür rücken Kultur und Kreativwirtschaft oder Kunst und kulturelle Bildung zusammen. Diese Vielfalt muss wieder einen Sinn bekommen, ein Ziel.

Dazu passt nicht zuletzt:
Koalition der Freien Szene – Offener Brief an die Stadt Berlin – Online Petition.

 

„Das Buch verschenkt die Gelegenheit, einen Streit anzuzetteln, der sich lohnt. Die Ruhe und das phrasenreiche Einverständnis im Kulturpolitischen sind ja wirklich ein Grund zur Beunruhigung. So viel Stille und Konsens herrscht nur, wo große Konflikte und Probleme zugedeckt werden. Zu reden wäre endlich über eine Kultur des Aufhörens, des Endes auch von Kultureinrichtungen. Die immer gleichen Argumente gegen Theaterschließungen etwa – bringt wenig, schadet viel, ist banausisch – ändern nichts daran, dass viele Kommunen die Mittel für ihre Theater kaum aufbringen können. Ist der Bestandsschutz immer gerechtfertigt und die beste Lösung für die Bürger der Stadt?“
Jens Bisky in der Süddeutschen: „Der Kulturinfarkt“ – Lieber ein Streit, der sich lohnt

„Niemand wird ernsthaft behaupten, die üppigen Subventionen für Theater, Opern und Museen führten ausnahmslos zu kulturellen Höchstleistungen. (…) Kaum jemand außer Klaus Wowereit, der sie plante, wird begründen können, warum Berlin noch eine neue Kunsthalle braucht, wo man dort schon vier unterfinanzierte Quasi-Kunsthallen betreibt. Natürlich fragt man sich angesichts der uniformisierten großen staatlichen Ausstellungshallen, die die altbekannten Hits der klassischen bis neueren Moderne in immer matteren Aufgüssen servieren, ob es nicht besser wäre, die zahlreichen kleinen, von Künstlern selbstorganisierten lokalen Ausstellungsorte zu fördern, an denen Gegenwartskunst viel besser gezeigt wird. Und niemand wird bestreiten, dass die Subventionsbürokratie viel zu behäbig ist und reformiert werden muss. (…) Aber all das reicht – eben weil es keine neuen Erkenntnisse sind und weil kaum jemand diesen Punkten widersprechen würde – noch nicht, um ein ganzes Buch zu füllen.“
Niklas Maak in der FAZ: „Der Denkinfarkt“

„Der Kulturbetrieb reagiert auf den Text bislang so, wie Throninhaber von je her auf Kritik reagieren: Sie wittern Majestätsbeleidigung! (…) Auf allen Wellen und aus allen Ecken des Kultur-Landes schallt es: “Verrat! Verrat! Verrat!”. Hätte es eines letzten Beweises für die Sprengkraft des Buches bedurft, wurde er heute erbracht: Bereits vier Tage nach dem Aufkommen des sperrigen und für den Boulevard gänzlich unsexyen Themas “Kulturförderung” landet die Debatte in der „Bild“-Zeitung – mit den erwartbaren Folgen für die öffentliche Wirkung wie das intellektuelle Niveau (…). Die vier Autoren schreiben in Buch (zur Erinnerung: einer”Polemik”) und Zeitschrift aber ganz unmissverständlich, dass die zahlenmäßige Halbierung der öffentlichen Kultur-Einrichtungen gar keine Halbierung der Ausgaben bedeute (…): Statt immer mehr Geld für das immer gleiche Kulturangebot auszugeben, solle mit dem gleichen Geld mehr Vielfalt in der Kulturlandschaft entstehen. (…) Dabei ist die Diskussion überfällig: In wohl keinem anderen politischen, ökonomischen oder gesellschaftlichen Sektor der Republik hat es in den letzten vierzig Jahren ein solches Wachstum von Institutionen und Mitteln gegeben.“
Der kulturpolitische Reporter: Die Kaste der Unantastbaren und der Kultur-Infarkt

 

Bild.de über den bayerischen „Kunstminister“ (so heißt er dort!): Wolfgang Heubisch (FDP) warnt vor „Kulturpolitik mit Rasenmäher“ – dann schon lieber mit der Gießkanne: „Welches Theaterensemble und welchen Musikschullehrer wollen sie denn nach Hause schicken?“

Kürzungen schmerzen und da darf man auch schreien – gerne noch viel mehr. Das tun ja andere Lobbyisten und Interessenvertreter und -haber auch.  Über einen Umbau muss man trotzdem immer weiter reden – und der hieße wohl auch nicht einfach nur „den Großen nehmen, den Kleinen geben“; da würden die Kleinen einfach ratzfatz groß und gewonnen an Kunst, Erkenntnis, Erbauung, Impulsen wäre (fast) nix. Denn es geht nicht um „klein“ oder „groß“ – es geht um Mobilität, um Temporarität, um Teilhabe, um Beziehungen.

Letztlich betrifft das Thema nicht nur die Kultur, sondern viele „gewachsene Strukturen“, „Trägerlandschaften“, Institutionen …

Planwirtschaftliche Kürzungsideen für Kultur sind nicht so hilfreich

In Medien, Politik on 29. September 2011 at 00:20

Schön, wenn Menschen ihre Irrtümer bemerken und korrigieren:
(Update 29.9.2011 – siehe unten.)

Gestern noch hieß es bei Radio Bremen „Wirtschaft gegen Kultur: Handelskammer sieht Sparpotential bei Kultur“ – heute wurde daraus flugs „Vorschlag der Handelskammer: Mehr Kooperationen in der Kultur“
… und dann weiter im neuen Text: „Die Bremer Handelskammer fordert die Kultur-Einrichtungen auf, nach Möglichkeiten zu suchen, wo sie enger zusammenarbeiten können. Das dadurch eingesparte Geld sollte im Kultur-Etat bleiben und für Aufführungen und Ausstellungen genutzt werden.“ Oder auch, kürzer gefasst: Wer am einen Ende spart, kann am andern etwas mehr ausgeben – und natürlich ist die Theorie schön, mehr für die Kunst und weniger fürs Werben auszugeben. Man muss nur das richtige Verhältnis finden, um diese Binsenweisheiten wirtschaftlich zu nutzen – eine wichtige, unbestrittene Aufgabe aller Geschäftsführer, Produzenten, Öffentlichkeitsarbeiter, Veranstalter, Produzenten.

Was die Handelskammer zu solchen Ratschlägen qualifiziert und motiviert, bleibt aber auch am „Tag danach“ so rätselhaft irrlichternd wie ihre konkreten „Sparvorschläge“ selbst: „So könnten zum Beispiel die Buchführung und die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit gemeinsam abgewickelt werden“. Mit solchen Vorschlägen werden Erwartungen in punkto Einsparpotenzialen geweckt, die in der Realität erfahrungsgemäß kaum messbar sind. Gleichzeitig lösen sie Existenzängste in der Szene aus. Das erschwert gemeinsame Lösungen – durchaus mit echter Sparbereitschaft und echten Einsparpotentialen -, die die Kulturverwaltung mit Einrichtungen laufend verhandelt. Dass ausgerechnet die Handelskammer als oberste Interessenvertretung der Wirtschaft die Zusammenlegung der Öffentlichkeitsarbeit vorschlägt, erstaunt mich: Zwei völlig Unternehmen – sagen wir: Beck’s und Kraft, oder: Tütensuppenhersteller und Tierfutterfabrikant, oder: Autohersteller A und Autohersteller B – würden nie auf die Idee kommen, Werbung und Marketing zu fusionieren. Gerade bei Kultureinrichtungen und -projekten sind zudem ja ihre öffentlichen Veranstaltungen und deren (Be)Werbung besonders eng verknüpft.

Die meisten Kultureinrichtungen und Unternehmen der Kulturwirtschaft sind (Zwangs-)Mitglieder der Handelskammer. Dem sollte die Kammer durch substanzielle Unterstützung und Beratung bei ihrer Entwicklung gerecht werden, statt öffentlich planwirtschaftliche Kürzungsideen für den Kulturbereich zu diskutieren und unausgegorene pseudowirtschaftliche Ratschläge zu erteilen.

Wo das sachlich möglich, betrieblich machbar und künstlerisch sinnvoll oder/und wirtschaftlich vielversprechend ist, spricht nichts gegen Kooperationen von Kultureinrichtungen oder sogar deren Zusammenschluss – personell, räumlich, strukturell oder sogar konzeptionell. Das geht aber nur im Dialog – und mit gemeinsamen Zielen, von denen alle Beteiligten profitieren. Kaum irgendwo wird schon in und aus den Einrichtungen heraus so viel kommuniziert, geplant und verhandelt wie im Kulturbereich – um Verbesserungsbedarfe zu erkennen, Aufgaben und Förderkriterien zu überprüfen und zeitgemäß anzupassen (oder auch mal etwas zu beenden). Dazu ist der Dialog zwischen Kulturverwaltung und Einrichtungen wichtig – und zwischen Kreativen, ihren Beratern und Verwaltern, Kulturpolitik und -verwaltung lang geübte Praxis und auf einem guten Weg. Die Handelskammer sollte überlegen, ihre kommunikativen Angebote – die sich wesentlich in Willensbekundungen, Pressemitteilungen und Talkveranstaltungen zu CSR, Stadtimage, Kreativwirtschaft und Eventmanagement niederschlagen – besser konkreten Angeboten realer Beratung und Fortbildung zu verbinden und mit ihren davon betroffenen Mitgliedern abzustimmen.

>> Nachtrag am 29.9.2011:
Morgen darf sich dann die kulturpolitische Sprecherin der  CDU, Dr. Rita Mohr-Lüllmann korrigieren, die heute anlässlich des vom Senat vorgeschlagenen Kontraktes mit dem Bremer Theater behauptete, dass „andere Kultureinrichtungen oder freie Träger nicht auch Planungssicherheit durch vergleichbare Vereinbarungen erhalten“ und dass die Zuschüsse „nur gewährt werden, wenn sie auch an Verpflichtungen geknüpft sind. Dies ist derzeit nicht der Fall“. Beides ist Quatsch: Natürlich sind mit mehrjährigen Förderverträgen Verpflichtungen verbunden – auch zu nicht unerheblichen Einsparungen. Mein Fraktionskollege Hermann Kuhn, finanzpolitischer Sprecher der Grünen, bestätigt: „Der Kontrakt fürs Theater führt die Konsolidierung der letzten Jahre fort und bettet sie realistisch in den Sanierungspfad der Stadt ein. Die Zusicherungen sind verbunden mit der vertraglichen Verpflichtung zu Eigenanstrengungen.“ Im Gegenzug schaffen die Kontrakte für die Einrichtungen mehrjährige Planungssicherheit, damit sie sich auf ihre künstlerische Arbeit konzentrieren können, statt sich in Insolvenz(be)drohungen aufzureiben. Ähnliche Kontrakte wurden bereits mit der Kammerphilharmonie Bremen und den Bremer Philharmonikern geschlossen, die demnächst verlängert werden sollen. Und auch für das Gerhard-Marcks-Haus, das Paula Modersohn-Becker Museum und die Schwankhalle sind bereits Kontrakte vorbereitet, die hoffentlich bald abgeschlossen werden. Sie sind wegweisend für die verlässliche Förderung und Planungssicherheit auch anderer Kultureinrichtungen.

[ … und diese um sich greifende unjournalistische Unart, möglicherweise verunglückte Formulierungen, Formate, Zitate oder Behauptungen online nach ein paar Stunden einfach kommentarlos zu ändern oder zu tilgen, ohne diese Änderungen kenntlich zu machen, könnte man AUCH mal gesondert thematisieren …!? ]

kulturpolitische Bilanz 2007-11

In Politik on 23. Oktober 2010 at 22:01

Mein Beitrag für den Weser-Kurier v.23.10.2010
zu einer Sammlung von Bilanzen der Kulturpolitik von Jens Böhrnsen und Carmen Emigholz 2007-2011

(Die gefetteten Passagen wurden für die Zeitung redaktionell gekürzt.)

Die Sammlung aller Beiträge online:
http://www.weser-kurier.de/Artikel/Bremen/Kultur/251874/Bestandsaufnahme+fuer+Jens+Boehrnsen.html

Kultursenator Jens Böhrnsen tritt jenseits repräsentativer Auftritte (erstaunlich treu etwa zu Seebühnenevents und Stadtmusikantenpreisen) so selten selbst in Erscheinung, dass der Anteil seiner Staatsrätin Carmen Emigholz an der kulturellen Entwicklung in Bremen weit größer scheint. Die hat die brachen Baustellen des vorhergehenden Kultursenators Jörg Kastendiek (CDU) immerhin wieder belebt: Filmbüro, Gerhard Marcks Haus, Shakespeare Company, Schwankhalle, Bremer Theater, Kammerphilharmonie, Breminale und wohl auch die Weserburg konnten so Vorstellungen für ihre Zukunft und Selbstbewusstsein entwickeln – das ist von unschätzbarem Wert!

Das ewig durch die Stadt unkende Drama der Theaterintendanz Frey wurde vom Bürgermeister aber viel zu zögerlich angegangen, lähmte das kulturpolitische Geschehen auf Jahre und schmälerte Image und finanziellen Spielräume für Kultur dramatisch.

Im Schatten des Bürgermeisteramts wurden Schließungen verhindert – aber kaum Neuerungen realisiert. Das Kino 46 dümpelt weiter in Walle, Waldautheater und Schnürschuh und Theaterlabor werden irgendwie geduldet und wohl auch ein bisschen alimentiert. Aber die Bibliotheken bleiben absurderweise am Wochenende geschlossen, für die Überseestadt gibt es kein schlüssiges Kulturkonzept, die Arbeit der viel gelobten und erfolgreichen ressorteigenen Jugend-Kunst-Nachwuchs-Stiftung START endete laut eigener Homepage sang- und klanglos wohl irgendwann 2008, viele Potentiale haben quasi Wachstumsverbot. Die Förderung der Kreativwirtschaft beschränkt sich oft auf deren – offenbar mühsame – Selbstkenntlichmachung, und die übernehmen private Initiativen, die WFB oder das Medienreferat der Senatskanzlei. Kultur als Imagefaktor verschwimmt und versandet zusehends in den Händen der fusionierten WFB und der Bremer Touristik-Zentrale.

Eine Abstimmung und Vernetzung der verschiedenen Kulturförderungen (durch Wirtschaftsressort und WFB, über Bildung und Stadtentwicklung, für Film und Medien oder WIN-Projekte) findet jenseits undurchsichtiger technischer Finanzverteilungen von Seiten der Stadt inhaltlich kaum statt. Nichtstaatliche und nicht geförderte Bildungs- und Kultureinrichtungen werden am Diskurs kaum beteiligt. Relevante Neuerungen oder gar Gründungen macht das schwierig. Der „Klub Dialog“ und die „Zwischen Zeit Zentrale“ als vielleicht wichtigste Innovationen für die Kulturlandschaft sind dann auch in Obhaut des Wirtschafts- bzw. Stadtentwicklungsressorts entstanden.

Also: Es ist viel los in Bremen und viel im Gespräch, manches in Frage zu stellen und viel Neues zu wagen. Der Diskurs über echte Kulturentwicklung findet eher im Weser-Kurier als in der Kulturverwaltung oder zwischen den Kultureinrichtungen statt. Es wäre schön, wenn Carmen Emigholz’ neuer Umgang mit Künstlern (!) und Kulturakteuren in den nächsten Jahren frische Früchte trüge – dann vielleicht auch wieder verbunden mit einem starken gestaltenden Ressort wie Stadtentwicklung, Bildung oder Wirtschaft?!

Gründen, Spielen, Zeigen, Streiten – neue Aufgaben für eine zeitgemäße Kultur(politik)

In Politik, Stadt on 20. August 2010 at 18:39

Gastbeitrag für den Weser-Kurier im August 2010:

Immer mehr Menschen genießen, nutzen, kaufen und bezahlen Kultur – die Unterhaltungsbranchen von Buch bis Kino boomen, die Bildende Kunst sowieso, die Kreativwirtschaft wächst, die Freizeit wird immer mehr in unserer Gesellschaft. Die Sinnsuche lebt auf. „Die Krise“ hat das nicht geändert. Aber sie hat eine neue Runde der Infragestellung, der Legitimation aller staatlichen Ausgaben und Aufgaben provoziert. Das ist politisch so gewollt und so inszeniert – denn Politik „passiert“ nicht als Naturereignis oder Schicksal. Und darin liegen große Chancen.

Denn Kunst, Kultur und ihre Akteure können spüren, zeigen und erklären, …

–       dass und wie neue Arbeit und alternative Beschäftigung aussehen könnten.

–       dass und wie Teilhabe und Bürgerbeteiligung mehr sein können als Townhall-Hearings einer- und populistisch partikulare Bürgerinitiativen andererseits.

–       dass und wie sich Stadtleben gesellschaftlich konkret gestalten lässt.

Fragend, lernend, streitend, suchend, entscheidend – und dann auch im Tun und Machen der nahen Zukunft! An diesen Aufgaben – und vielen mehr in Bildung, Wirtschaft und Gesundheitswesen, in der rasanten Entwicklung neuer (und alter!) Medien, in Bildung und Forschung und Entwicklung – kann Kultur sich beweisen. Da darf und muss sie sich gestaltend einbringen und aufdrängen: Mit Ideen und Spaß, Lust und Schrecken, Konzentration und Genussmitteln um Aufmerksamkeit heischen, um Ausdruck ringen, um Applaus und Zustimmung kämpfen. Und all das selbstverständlich leben und lehren. In Bildern, in Worten, in Tönen, in Gedanken und in Bewegung.

Mag sein, dass „die Politik“, wie Renate Heitmann in dieser Zeitung geschrieben hat, die Probleme der Kultureinrichtungen simplifiziert. Aber als Einrichtungsleiter und als Künstler simplifizieren wir uns selbst, wenn wir unsere politische Existenz ausschließlich über (knappe) Finanzen, „gute“ oder „schlechte“ Quoten, über „Auslastung“, über Kennzahlen für Wirkung und Erfolg definieren. Wer sich diesem von Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz kritisierten Controlling- und Zahlenfetischismus hingibt, versinkt darin. Zu Recht, wie Axel Brüggemann im Weser-Kurier geschrieben hat: „Theater die gefallen wollen statt zu provozieren, sind gesellschaftlich irrelevant geworden.“ Unsere Währung sind Impulse.

Zum Provozieren und Entwickeln aber braucht es – neben Geld – auch Zeit und Energie. Wie viel Zeit dafür wäre, wenn wir uns einen Tag pro Woche, eine Woche im Monat, zwei Monate im Jahr NICHT mit „den Problemen der Einrichtungen“ beschäftigen würden! Wie viel Energie für gesellschaftlich relevante Inspirationen und Impulse hätten wir, wenn wir sie nicht in Rechtfertigungsdauerschleifen und Begründungszusammenhängen vergeuden müssten.

Mit Haushalts- und Zuwendungsrecht lässt sich vermutlich jede Kunstform, jede (zumal neue) Idee, jeder Inhalt verhindern, verbieten, angreifen. Gehen wir also mal davon aus, dass unsere Politiker das nicht wollen, so lange sie es nicht tun – und widersetzen uns dem vorauseilenden Gehorsam des inneren Sachbearbeiters. Das könnte uns wichtige Freiheit wiedergeben – Zeit, Kraft und Geld für den Kampf um die besseren Ideen, mehr Qualität, größere Wirkung.

Wir – Kunst und Kultur und ihre Akteure und ihre Förderer – dürften realisieren, dass Institutionalisierung, Besitzstandswahrung und Schematisierung nicht geradewegs ins berufliche und künstlerische Glück führen. Vielleicht sind „Zeiten wie diese“ tatsächlich keine Hochzeiten des Stadttheaters, das sich zwischen Tarifverträgen, Repräsentationsaufgaben und einem „Anspruch auf Unterhaltung“ verheddert hat – also fast überholten Parametern. Der Regisseur Peter Konwitschny zitierte an dieser Stelle Stephen Hawkins: Intelligenz könne nur in einem sich ausdehnenden Kosmos entstehen. Freie Kultur- und Ideenwirtschaft immerhin wachsen ja. Doch sind die „Kraftwerke“ und „Kristallisationspunkte“ der Kulturlandschaft, „kreative Keimzellen“ zur Förderung von Querdenke(r)n (schreibt Brüggemann), nicht mehr die institutionalisierten Kolosse – eher schon das Internet und die analogen Klubs und Netzwerke. Dass das Publikum weniger feste „Einrichtungen“ aufsucht und dafür temporären, nicht weniger ernsthaften und intelligenten, Kunsterlebnissen zuneigt, das ist keine Bedrohung, sondern eine Erkenntnis.

Der Klassenkampf zwischen Ernst und Event, sozial(demokratisch) oder (neo)liberal, Kunst und Kommerz, konservativ oder innovativ ist überholt. Was können Künstler und kulturelle Akteure als sprechfähige und ausdrucksstarke „Avantgarde des Prekariats“, wie es die Kulturwissenschaftlerin Adrienne Goehler nennt, ihrer Gesellschaft mitteilen? Und warum tun sie das so selten? Wie stehen Bremer Kulturschaffende zum Mindestlohn, als dessen Vorkämpfer sich ihr Bürgermeister und Kultursenator gibt? Wie zu einem bedingungslosen Grundeinkommen? Wie zu Temporarität und Teilung (Sharing) – von Räumen, Arbeit, Eigentum – als gesellschaftlichen Prinzipien, zu Entwicklung als Ziel?

Oder kulturpolitisch konkreter: Wie schließen? Was ist überflüssig? Arbeitshypothese: Mehr als eine „Seebühne“. Aber auch: Wie gründen? Wie eröffnen? Was fehlt noch? Mindestens jedes Jahr eine relevante Gründung. Das müssen wieder wesentliche Fragen von Kulturpolitik werden. Kunst darf temporär sein, zu Ende gehen, ein Ende haben. Die Schlusspointe, ein dramatisches Finale oder ein Happy End gehören doch zu einer guten Idee, einer zwingenden Geschichte – und infizieren mit der Sehnsucht nach mehr. Es muss nicht alles in Institutionalisierung, Musealisierung und Lebenswerk enden.

Darüber muss gestritten werden, in kreativer, professioneller Konkurrenz. Es geht auch um Verantwortung, um Motivation. Es geht um Ideenmanagement, Innovationsimpulse, Lust auf morgen – und weiter. Denn Schweigen ist nur Silber, „in Zeiten wie diesen“.

Carsten Werner ist freier Kurator und Redakteur von Breminale übers Sylter Meerkabarett bis zum Tagesspiegel, und Projektentwickler für die Bremer Schwankhalle.

Von der Leidkultur zur Streitkultur: Wie Schließen?

In Politik, Stadt on 4. Februar 2003 at 21:48

von cwerg @ 2003-02-04 – 21:48:43

kulturhauptstadt im kasten:
Die Debatte zur Bremer Bewerbung
– heute: Carsten Werner, Regisseur

Von der Leidkultur zur Streitkultur

Bremen bewirbt sich als Kulturhauptstadt 2010. Aber wie? In unserer Serie beziehen Kulturschaffende, Mäzene und Entscheidungsträger Position. Heute: Carsten Werner, freier Regisseur, Produzent und Kulturmanager

Nun kuscheln sie wieder: Alle finden’s toll, jeder ist dabei, Bremen wird Kulturhauptstadt. Oder auch nicht. Aber sogar das wird dann irgendwie toll gewesen sein, meinen viele. Die Bremer Kultureinrichtungen, gerade die effektiven kleinen, sind strukturell unterfinanziert und müssen jeden überregionalen Vergleich scheuen. Freie Künstler leben hier unter Sozialhilfeniveau. Aber alle wollen sich jetzt irgendwo zwischen Leidkultur und Maximalforderung arrangieren. Harmonie und Dialog sind angesagt – schon wieder, immer noch.

Streitkultur muss Bremen nach x langen Jahren großer Koalition erst wieder lernen. Kunst braucht Streit. Wer den nicht aushält, wird nicht Kulturhauptstadt. Für’s Durchwurschteln gibt’s keinen Preis. Lasst es rumpeln im Staate Bremen: Das hat Kunst so an sich, davon lebt und handelt sie – Zeit für Streit! Die Zeichen stehen gut: Neue Töpfe stehen in Aussicht, um Konzepte muss gerungen werden. Ob das Projekt Kulturhauptstadt zum „Motor der Stadtsanierung“ wird oder ein touristischer Gag bleibt, liegt auch an der Bremer Szene: Ist Kunstschaffen hier mehr als Besitzstandswahrung? Ein ehrlicher künstlerischer Prozess ist ereignisoffen und riskant, birgt aber die Möglichkeit einer überraschenden, zeitgenössischen, kunstvollen Neuerfindung der Stadt und ihrer Kultur. Das funktioniert nicht in Konsensrunden.

Gefragt ist ein Wettstreit um die besten Konzepte, die hellsten Köpfe, die größte Qualität und aufregende Projekte – um die schönste Kunst eben. Kultur ist diesen Streit wert. Initiieren muss ihn ein starker künstlerischer Leiter, der den Prozess sichtend und sortierend begleitet – die Ideen der Bremer Künstler dürfen nicht weiter ins Leere laufen. Aber bei der kunstbeflissen steuernden Staatsrätetruppe wird sich kein kompetenter Star vorstellen und denAntrag auf Erteilung einer Teilnahmeberechtigung an unserem Hauptstadtstadel abgeben – die richtigen Kontakte bringt die Szene in die Partnerschaft ein, das nötige Kleingeld hat die Stadt. Jahrzehntelang geübte Marotten braucht diese Beziehung nicht: Streit oder Kritik, frühestens nach der Wahl, nach dem nächsten Projektchen, nach dem Tarifabschluss, wenn halt mal Ruhe einkehrt… man kam ja zu gar nichts! Obwohl sich alle so bemühen – „Anstoß“ und Behördenmenschen, auch die ehrenwerten Handelskammer-Herren – viel rausgekommen ist noch nicht.

Jetzt wird es kunstvoll hauptstädtisch: Kultur ist wieder einen Streit wert. Und arg naiv ist, wer politische Profilierungsmanöver auf dem weiten Feld der Kultur verteufelt. Schön wär’s doch, wenn sich hier mal jemand nachhaltig profilieren würde! Die Politik hat Kultur zum Wahlkampfschlager gemacht. Sie taugt also wieder zur Profilierung – darin liegt ja wohl,nach politischen Tarifen, eine Wertsteigerung. Wie auch immer: Ohne Kultur geht es jetzt nicht mehr – also auf in den Kampf. Es muss ja nicht gleich eine neue Partei sein – KfB, „Kultur für Bremen“.

Nach der Finanzlage könnte es zunächst um den Kulturbegriff gehen: Zu eng gefasst wird der von KunstfunktionärInnen, die darunter einzig das Bildermalen verstehen wollen. Aber ganz „unbekümmert“ auflösen kann man ihn auch nicht – zu welcher Kunstlosigkeit das führt, zeigen die neuen Programme von Radio Bremen.

Andererseits: Zur Kulturhauptstadt gehören zwei: KULTUR und STADT. In Bremen sind beide noch lange kein Traumpaar. Es funktioniert nur, wenn die Stadt zu ihrer Kultur auch steht – und umgekehrt.

Das ist auch eine Frage des Geldes, des Respekts, und ja, von Lust, Macht, Erotik: Ein Ehevertrag muss her. Und Vertrauen in die Leistungsträger der Kultur. Lasst es krachen in der jungen Ehe: Was braucht Bremen an Projekten, Programmen, Produzenten? Und: Welche nicht? Wie schließen? – um Raum, Geld, Aufmerksamkeit zu haben für Neues? Hatten wir nicht mal ein Senatsressort für Stadtentwicklung? Es reicht nicht, Projektchen der Kategorien „wollten wir immer schon mal“ und „war doch nett“ hübsch zusammenzunageln. Zeit zum Kuscheln ist später. Wenn aus dem großen Traum doch nix wurde.

5.2.2003 taz Bremen Nr. 6972 Kultur 151 Zeilen, S. 23
taz-Serie

2000 Anschläge: „An Ihren Taten woll’n wir Sie erkennen!“

In Politik on 5. Januar 2000 at 09:00

Ein offener Brief an Kulturstaatsrätin Elisabeth Motschmann

„Die Kultur ist in Bremen chronisch unterfinanziert.“ Diese späte Einsicht der Ex-Kultursenatorin Bringfriede Kahrs (SPD) gehört inzwischen auch zum Sprachgebrauch ihrer Nachfolger, dem Senator Bernt Schulte und seiner Staatsrätin Elisabeth Motschmann (beide CDU). Für manche Einrichtungen hat diese chronische Unterfinanzierung spürbare Folgen: Mehrfach hat Motschmann angekündigt, dass einige Einrichtungen geschlossen werden müssen. Dies hat sie in einem Beitrag in der taz bekräftigt (vgl. taz vom 22.12.99). Auch wenn Finanzsenator Hartmut Perschau (CDU) inzwischen sechs Millionen Mark für einen Umbaufonds in Aussicht gestellt hat, klafft noch immer ein Millionenloch im Kulturetat.

Liebe Frau Motschmann, da sind wir uns einig: „Kultur zählt zu den interessantesten und schönsten Feldern.“ Trotz allem. Mit Ihren Ausführungen kann ich mich weitgehend identifizieren: Die Bedeutung der Kultur für den Standort Bremen, der Status von Kultur in Konkurrenz zu anderen Politikfeldern, Ihr Wunsch nach „Dialog“ und auch der nach „Prioritäten“ – das sind seit Jahren von modernen Kulturschaffenden geforderte, ausgiebig kommunizierte und praktizierte Aspekte. Ihre Worte über Kultur und deren undenkbare „Kostendeckung“: Chapeau! Von staatlichen Aufgaben „kultureller Weiterentwicklung“ schließlich wollten noch Ihre senatorischen VorgängerInnen zehn Jahre lang nichts wissen und haben Initiativen wie dem Jungen Theater Bremen bereits von ihrer Gründung Anfang der 90er Jahre abgeraten. Um so erfreulicher, dass Sie Neues und Innovatives in Kunst und Kultur jetzt neu als „Verpflichtung“ auf Ihre Fahnen schreiben!

Aber: An Ihren Taten woll’n wir Sie erkennen!

Noch vor Wochen erklärte Kultursenator Bernt Schulte öffentlich, er sähe „keinen Anlass“, auch nur über Kürzungen zu sprechen. Sie selbst aber sprechen seit Wochen von bevorstehenden „Schließungen“, freilich ohne dies zu konkretisieren. Nun schreiben Sie engagiert, intelligent und lustvoll von einer Kulturpolitik, die Ihr Verwal-tungsleiter Reinhard Strömer gerade jammervoll beklagt. Diese Widersprüche stehen vertrauensvollen „Diskussionen“ entgegen.

Dass Sie „dabei“ und „bereit“ sind, der Öffentlichkeit Ihre „Antworten“ zu geben und vorzustellen, könnte hoffen lassen. Dass Sie alle dies seit Monaten zwar ankündigen und punktgenau zum Weihnachtsfest Bremer Kulturschaffenden und Künstlern ganz pauschal mit „Schließungsszenarien“ drohen, ist aber erschreckend.

Teile der Kulturszene bangen – nach Ihren Ausführungen ja zu Recht – um ihre persönliche, soziale, künstlerische Existenz. So lange das so ist, müssen sich gerade neu berufene und im Vergleich recht gut bestallte und abgesicherte Beamte Ihres Ressorts, zumal wenn sie öffentlich ihre Arbeitsbelastung und familiäre Situation beklagen, schon einige polemische Fragen gefallen lassen! Und so lange Ihr Kollege Strömer unwidersprochen der Kulturszene pauschal die Kooperationsbereitschaft ab-spricht und von „fortwesenden Untoten“ und totgeweihten „Patienten“ sprechen darf, so lange können Sie kooperative Gespräche über „Prioritätensetzungen“ solch morbider Art schwerlich erwarten.

Dass und wie Ihre Behörde (auch) kompetent und sachlich an und mit einzelnen Projekten arbeitet, ist mir als Leiter des Jungen Theaters Bremen selbstverständlich aus nächster Anschauung und Erfahrung bekannt, und ich versäume keine Gelegengeit, begeistert zu erwähnen, für wie wichtig und gut ich zum Beispiel die jetzt endlich zu schaffende und von Ihnen geplante Produk-tions- und Spielstätte für Freie professionelle Kunst (Konzept für das Kunstzentrum Buntentor) halte und wie konstruktiv ich die Arbeit dafür erlebe. Aber selbst diese Planungen stehen unter diversen Haushalts- und sonstigen Vorbehalten, lediglich die Seite der Künstler geht in offensive, offensichtlich existenzgefährdende Vorleistung (hier: die Schließung des Jungen Theaters an der Friesenstraße auf reiner Vertrauensbasis, dadurch die radikale Reduzierung der Serviceleistungen dieses Theaters für ein ganzes Jahr).

Diese selbstverständliche Fürsorge Ihres Ressorts erfahren jedoch längst nicht alle Kulturschaffenden und Künstler unserer Stadt, angefangen beim Intendanten des Stadttheaters. Sie glauben aber sicher nicht im Ernst, dass Sie „Schwerpunkte im Kulturleben Bremens … im neuen Jahrtausend“ ergiebig diskutieren können, solange dies unter der Prämisse des von Ihnen leider akzeptierten und in Ihrem Aufsatz immer wieder an erste Stelle gerückten Sparzwangs geschehen soll und also die Abschaffung von Arbeitsplätzen, Lebensentwürfen und Visionen Bremer Kulturschaffender bedeutet und zwingend nach sich ziehen soll. Statt „Schwerpunkten im Kulturleben“ (die ja nichts anderes als „Sparmöglichkeiten“ meinen) wäre für Bremen zum neuen Jahrtausend endlich Kunst und Kultur als (!) Schwerpunkt städtischen Lebens angesagt!

Ihr von der „kultur.management.bremen“ (KMB) entworfenes „Entscheidungsbäumchen“, das nun alles richten soll, lässt leider ganz wichtige Aspekte außen vor, die der Kunstproduktion inhärent sind (und die Sie in Ihrem Text sympathischerweise zum Teil selbst mit Kunst und Kultur assoziieren): Unabdingbare künstlerische und kulturelle Funktionen und Voraussetzungen wie Freude, Freiheit, Spiel und Unterhaltungswert, Spaß und Lust, Irritationspotential und Rätselhaftigkeit, Ausstrahlung und Sympathie/Antipathie, Wille, Kraft und Phantasie, Kreativität, Sinn, Sinnlichkeit und Besinnung, Ruhe, Muße, Neugier und Erfahrung, Obsession und Kommunikation, Frage und Suche … – All diese wichtigen Ingredenzien und Maßstäbe haben dort als Kriterien keinen Platz, stattdessen dominieren Bedarf und Produktion, Effekt und Optimierung, Repräsentanz und Kernkompetenz – Perspektiven und Begrifflichkeiten der Ökonomie. Im günstigsten Falle überlebt der „Patient“ den Ausgang dieses Baum gewordenen Fleischwolfes mit einem „weiter so?“ – Eine Weiterentwicklung, Verbesserung gar, ist in diesem Konzept offenbar nicht mehr vorgesehen.

So lange von Politik und Verwaltung „der Qualitätsgedanke im Vordergrund“ immer und immer wieder wirtschaftlichen Paradigmen – ökonomisch wie inhaltlich – nur untergeordnet wird, so lange wird es keine Verständigung über einen an sich diskutierenswerten und selbstverständlich wichtigen „Qualitätsgedanken“ geben können, so lange werden Sie und Ihre Kollegen erbitterten Widerstand gegen Ihre grundsätzlichen Sparansinnen erfahren. Bei keinem anderen in seiner sozialen Existenz bedrohten Arbeiter würde Sie das wundern oder würden Sie das kritisieren.

Ihre Hoffnungen in Ehren, aber gerade der blinde Glaube an private Geldgeber und sponsernde Glücksbringer (und einige waghalsige Rechenkunststücke dazu, die Senator Schulte gerade heftig kritisiert hat) hat unter der Leitung Ihrer SPD-Vorgänger zu den fatalen Fehlentwicklungen geführt. Zudem können und wollen Sponsoren und andere private Geldgeber in aller Regel nur kurzfristig aushelfen und haben auch berechtigte ökonomische oder repräsentative Interessen, die mit Kunst und Kultur (s.o.) eben nur begrenzt kompatibel sind.

Was „Qualität“ und „Optimierung“ von Kultur sowie der angeblich „allgemeine“ Sparzwang in bremischer Lesart bedeuten, hat Katrin Rabus an Zahlen dargelegt, der Senat hat es gerade bestätigt – und Landesvater Scherf führt es in diesen Tagen grinsend vor: Wenn der kurz vor seiner lang angekündigten Pensionierung stehende Landespapa sich ein Denkmal in der Innenstadt leisten will – die Rede ist von einer kühnen Kombination von Amerikahaus und Günter-Grass-Archiv – dann leistet es sich sein Senat von genau dem Geld, das Ihrem Kulturetat fehlt. Um Sparen geht es dem Senat offenkundig nicht, er hat es nicht nötig, und der zuständige Senator hat einen Bedarf offensichtlich nicht anzumelden.

Es ist widerlich unangenehm, kränkend und beängstigend, der Kulturpolitik eines so diametral entgegengesetzt quatschenden und handelnden Senats hilf- und diskussionslos ausgesetzt zu sein. Im Grunde können es nur alle Künstler und Kulturschaffenden dieser Stadt Klaus Pierwoß nachtun: Diesen sich selbst schließenden und ad absurdum führenden „Stadtstaat“ fliehen – ob der schlechten Behandlung, ob der schlechten Bedingungen. Denn allzu viele gute Gründe, in dieser Stadt weiter leben zu wollen, gibt es für kreative Menschen nicht.

Unkonventionelle Kultur wird verdrängt, wo es nur geht. Die Bunker-Probenräume werden aus Sicherheitsgründen geschlossen, der Theaterintendant geht, weil er keinen Vertrag bekommt, die Freie Szene ist bereits weitgehend erledigt – erkennen Sie die Richtung?

Nicht Diskussion und moderater Ton prägen die kulturpolitische Auseinandersetzung, sondern Geschrei, Drohungen, Lobbyinteressen und mediale Kämpfe.

Auf die Diskussionen, Auseinandersetzungen, Prioritätensetzungen und Antworten Ihres Ressorts auf drängende Fragen im neuen Jahr bin ich dennoch sehr gespannt.

Auf ein erquickliches neues Jahr!

5.1.2000 taz Bremen Nr. 6033 Kultur 310 Zeilen, S. 23

2000 Anschäge: Wir brauchen uns!

In Kunst, Politik on 1. Dezember 1995 at 21:17

Anmerkungen zu möglichem Theatertod und Sparkommissaren

Plötzlich sitzen Goethetheater und Junges Theater, Shakespeares und Solo-Actrice Müller da, wo sie hingehören: alle in einem einzigen Boot. Laien-Theatergängerin und Kultursenatorin Kahrs hat mit dem aus freien Stücken sich beendenden Jungen Theater konsequent gleich Oper und/oder Schauspiel beigesetzt. Der Theatertod ist da und fragt nicht mehr: Frei? Privat? Oder wollen Sie nochmal mit einer Strukturreform davonkommen? – Wo ein dilettierendes Theaterreferat in jahrelangem Wurschteln schon kein Konzept für eine Theaterlandschaft fand, wird jetzt mit Rasenmäher und Sense gegen alle reduziert, geköpft, getötet.

Wer jetzt noch einmal den eigenen Arsch retten will, könnte unseriöse Fragen stellen: Könnte man nicht doch Herrn Pierwoß dann eben nur eine Million oder wenigstens ganz bißchen Tanztheater sparen lassen und dafür ganz viel Freies Theater retten? Braucht’s denn wirklich Moks und Schnürschuhe und noch Junges Theater – ist doch alles irgendwie jung (oder war’s wenigstens mal). – Dumme Fragen, denn einem nackten Mann kann man nicht… und ohne Stadttheater fehlt den „Freien“ fix jede Basis. Ohne Kindertheater morgen keine Zuschauer, ohne Unterhaltung gibt’s schon mal gar keinen Zaster und ohne Experimente null Entwicklung. Also, Theater: Wir brauchen uns!

Nicht Fusionen und Übernahmen, wie momentan die Gerüchteküche zusammenspinnt, sind jetzt angesagt, sondern geschärfte Profile, erfahrbarer Sinn. Wenn sich auf politischer Ebene Krankenhausbetten mit unseren Zuschauersitzen in finanzieller Konkurrenz befinden, entsteht den Theatern ein Rechtfertigungsdruck, der offensive Qualitäts- und Strukturdebatten nach sich ziehen muß.

Wer jetzt noch wartet und hofft, kulturlose Sparkommissare zu interessierten Theatergängern zu machen(„Die war noch nie bei uns in einer Vorstelllung“), ist ein Träumer.

Und dann? – Wir werden Klarheit und Offenheit gewinnen und Auskunft geben müssen über Profil und Qualität unserer Theater, ausgiebig diskutierte und angekündigte Strukturreformen gehören – nicht nur im Stadttheater – durchgeführt. Hinterfragt werden müssen auch die bisherigen Fördermodelle für private Theater; eine erfolgsabhängige (der Erfolg hat viele Gesichter!) zeitliche Befristung der Subventionen und die entsprechende Planungssicherheit über eine absehbare Zeit sind andernorts üblich: Alles hat (s)ein Ende… – Wenn die Sozialhilfe zur Disposition steht, darf auch das Theater zur Disposition stehen, muß sich beweisen und im besten Sinne wichtig machen!

Antworten auf diese anstrengenden Fragen dürfen nicht ratzfatz zu Mordwaffen der Sparkommissare werden: Eine reale Anhebung des Theateretats ist für die Freien Theater unumgänglich, dem Goethetheater darf nichts genommen werden. Doch auf der inhaltlichen Ebene ist die bloße Erhaltung des Status Quo auf Dauer tödlich. Statt Sparargumentationen zu liefern, müssen wir Rechnungen stellen, die aufgehen.

1.12.1995 taz Bremen Nr. 4788 Kultur 119 Zeilen, S. 23

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