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Kulturtickets, Kulturloge

In Ideenwirtschaft, Konsumempfehlung, Politik, wörtlich! on 10. Dezember 2013 at 19:33

Am 11. Dezember 2013 haben wir in der Stadtbürgerschaft eine Große Anfrage der CDU zu den Erfahrungen mit dem „Bremer (Sozial-) Kulturticket“ debattiert:

Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren,

– ich bekenne und gestehe: Ich war immer ein bisschen skeptisch, was dieses Kulturticket als staatliches Angebot angeht. Bremen hat ja eine ganze Reihe etablierter, auch äußerst effektiver inklusiver Kulturangebote, die niedrigschwellig kulturelle Teilhabe ermöglichen: Das fängt erst einmal beim moks-Theater an, dessen Schulvorstellungen nach wir vor kostenlos für die Schülerinnen und Schüler sind – und das hört bei den fürs Publikum kostenlosen Kulturfestivals und Kulturfesten mit oft hochkarätiger Besetzung nicht auf. Auch die Eintrittsprese für Kultur und Unterhaltung in Bremen sind verhältnismäßig moderat – überregionale Veranstaltungs- und Künstleragenturen wissen davon Lieder zu singen.

Das Kulturticket kann bestimmte Veranstaltungsarten zugänglich zu machen für Menschen, die Transferleistungen erhalten. Insofern ist es eine Ergänzung zur Teilhabe und Zugänglichkeit zur Kultur. Aber – weil es ein staatliches Angebot ist, geht das nicht ohne Einschränkungen und vor allem nicht Regeln, nicht ohne Nachweise, auch nicht ohne Werbung. Der Aufwand und die Kosten sind in der Antwort des Senats ja auch offen angesprochen – ihre Grenzen auch. Und wo Regeln nötig sind, ziehen sie neue Regeln nach sich und das macht es dann kompliziert: Wo ein Hürde weggenommen werden soll, steht zack eine neue.

Aber: Dennoch war und ist es richtig, das Kulturticket einzuführen und auszuprobieren – weil das auch die Sinne geschärft und neue, weitere Ideen in Gang gebracht hat, was die kulturelle Teilhabe angeht! – Bei den Einrichtungen, bei den Veranstaltern und Künstlern.

Die Antwort zählt da ja viele Beispiele auf:  Die Hochschule für Künste oder die Kammerphilharmonie, die den bürokratischen Weg umgehen und die Menschen einfach in ihre Konzerte reinlassen. Auch das Bremer Theater und die Schwankhalle haben inzwischen alle ihre Veranstaltungen fürs Kulturticket geöffnet – auch im Vorverkauf, nicht als reines Restkartenangebot. In den Museen oder auch im Lagerhaus gibt es traditionell oft sehr günstige Tickets – und vor allem auch im Bildungsbereich sind viele Veranstaltungen ohnehin eintrittsfrei. Manche Einrichtungen reagieren in der eigenen Preisgestaltung auf die Herausforderung, möglichst unkompliziert für alle Einkommens- und Bevölkerungsgruppen offen zu sein: Das Bremer Theater bietet ganz stark verbilligte Schüler- und Studententickets an und bietet Schulklassen aus wirtschaftlich benachteiligten Stadtteilen über das Projekt „Klassen los!“ einen kostenlosen Vorstellungsbesuch an. In der Schwankhalle können Zuschauer ihren Eintrittspreis inzwischen frei wählen – das kennt man von der taz: Der Solipreis subventioniert das ermäßige Abo. – Das alles sind auch Effekte des Kulturtickets!

Ich kenne aus alten Theaterzeiten noch den Regieassistenten-Code am Einlass für den niedrigschwelligen Besuch: „Die gehören zu mir“ sagte man als Mitarbeiter – und dann war drin, wer rein sollte. Und auch heute wird vielfach und einfach der Zugang ermöglicht, das steht in der Senatsantwort etwas vorsichtiger – über Mitarbeiterkarten zum Beispiel oder ganz einfach über Freikarten. – Das hat übrigens in den Einrichtungen einen ganz einfachen Grund: Einer Veranstaltungsagentur bei der Abrechnung eine Kollegenkarte oder ein paar Freikarten mehr anzugeben ist einfacher und vermittelbarer, als Künstlern oder Agenturen aus München oder Stockholm einen Eintrittspreis von 3 Euro und das System Kulturticket zu erklären.

Eine große, die wichtigste Herausforderung bei der Zugänglichkeit von Veranstaltungen ist für uns Grüne, dass kulturelle Teilhabe auch wirklich Teilhabe am sozialen Leben ist: Und das gilt nicht nur für Transferleistungsempfänger, sondern muss auch für Niedrigverdiener ohne Transfer- und Sozialleistungs-Nachweis gelten! Für uns alle gehört zum kulturellen Leben und Erleben meistens eine Begleitung dazu – wenige gehen ja immer alleine ins Konzert oder ins Theater. Da kann es nicht nur um Restkarten für nicht ausverkaufte Lesungen gehen – Teilhabe ist, wenn jemand auch Werder Bremen mit erleben kann, große Oper, Udo Jürgens und Helene Fischer, aktuelles Kino – oder aktuelle Literatur: Warum sollten wir wirtschaftlich schlechter gestellten Menschen den Mainstream und können wir ihnen wirtschaftlich erfolgreiche Kultur versagen? Teilhabe heißt ja dabei sein, mittendrin, auch mitreden. Deshalb sind nicht zuletzt auch noch die klassischen Freikarten-Verlosungen in den Printmedien und den Radiosendern so beliebt.

Aber, wie gesagt: Ein staatlich organisiertes Kulturticket hat seine organisatorischen Grenzen und kann nicht alle Menschen erreichen und nicht jedes Kulturangebot abdecken. Die private Kultur- und Veranstaltungswirtschaft ist vom Kulturressort nur begrenzt erreichbar und steuerbar.

Wichtig wäre, alle die genannten Beispiele – und es gibt ja viel mehr – gebündelt zu kommunzieren. Das Internetportal „Bremen für lau“ hat das bis vor wenigen Wochen ganz vorbildlich – und ehrenamtlich – gemacht und Tag für Tag kostenlose Termine, Kartenverlosungen und eigens recherchierte und verhandelte Angebote gesammelt und redaktionell aufbereitet. Leider hat der Betreiber das jetzt gerade aufgegeben. Es wäre schön, wenn es sowas wieder und weiter gäbe!

In vielen deutschen Großstädten gibt es die so genannten „Kulturlogen“ – ehrenamtliche Initiativen, den Lebensmittel-Tafeln ähnlich, die kostenlose Tickets sammeln und an ihre Klienten je nach deren Interessensgebieten verteilen – oder ihnen auch mal gezielt Eintrittskarten besorgen: Und zwar immer zwei! Für Geringverdiener, für Transferleistungsempfänger – und für Partner die sie begleiten; damit sie jemanden mitnehmen, auch mal jemanden einladen können!

Eine Kulturloge gibt es in Bremen noch nicht. Vielleicht ist die Debatte hier heute ein Anlass, so etwas anzustoßen – vielleicht auch aus dem Kreis von uns Abgeordneten hier in der Bürgerschaft?  Das würde mich freuen. Damit könnten wir das Kulturticket – neben den vielen anderen Maßnahmen- gemeinsam mit der Kulturszene und Kulturwirtschaft noch weiter sinnvoll ergänzen. – Und auch für diese Idee hat es das „Kulturticket“ gebraucht!
– Vielen Dank.

Kultursoli für Projektförderung?

In Politik, Stadt, wörtlich! on 13. Juni 2013 at 13:06

In der letzten Sitzung der Kulturdeputation wurden die Haushaltsentwürfe des Kultursenators vorgestellt.  Der vom Kultursenator vorgelegte Haushaltsentwurf sieht eine Halbierung der für freie Projekte verfügbaren Projektmittel vor. Wir Grünen werden uns gemeinsam mit der SPD in den weiteren Verhandlungen weiter für eine weiterhin ausreichende Projektmittelförderung und auch für eine Förderung des erfolgreichen Figurentheaters „Mensch, Puppe!“ einsetzen. Gleichzeitig gibt es „Großbaustellen“ vor allem in der Museumslandschaft. Wir stoßen also auch im Kulturhaushalt an die Frage, was sich Bremen leisten kann und muss.

Auf die – finanziell vergleichsweise preiswerten, aber umso vielfältigeren, effektiven und fantasiereichen – Innovationen, Anregungen und Möglichkeiten, die temporäre Kulturprojekte und -kooperationen der Stadt und der Gesellschaft – oft als frei zugängliche, eintrittsfreie Festivals und Angebote im Stadtraum – bieten, wollen wir dabei nicht verzichten. Sie dürfen nicht zur Verfügungsmasse werden. Wir müssen sie im Gegenteil viel selbstverständlicher machen. Deshalb haben wir uns in den vergangenen Jahren für ein neues, transparentes und fachlich vernetztes Projektmittel-Vergabeverfahren eingesetzt.

Deshalb werden wir im Haushaltsentwurf auch noch einmal genau nach alternativen Einsparmöglichkeiten suchen. Außerdem sollen mögliche Mehreinnahmen bei der CityTax für die Förderung der freien Szene genutzt werden. Und wir können uns vorstellen, dass größere, publikumsträchtige kulturelle Veranstaltungen in Bremen durch einen kleinen Anteil vom Vollzahler-Eintrittspreis, einen „Kultur-Euro“, zu einer verlässlichen Finanzierung der Projektmittel und damit zur Anerkennung der Projekte als Entwicklungsmotor beitragen. Welche Veranstaltungen oder Veranstalter dazu geeignet und bereit wären, welche juristischen Voraussetzungen dafür bestehen, wie eine freiwillige Lösung aussehen könnte – all das wird nun geprüft. Mir scheint das zumindest eine Diuskussion und Prüfung wert – denn die Alternative wäre nur, die Kürzungen hinzunehmen oder an anderer Stelle im Kulturhaushalt zu kürzen.

Projektförderung ist dabei kein Sahnehäubchen – weder für die Kulturpolitik noch für die Akteure. Und Projekte sind nicht bloß das „Salz in der Suppe“ – sondern ein wichtiger Motor von Entwicklung: Ohne die Ideen, Impulse, Versuche,  Kooperationen und Experimente von Künstlern, Kulturinitiativen und Kultureinrichtungen wären Erneuerung und Weiterentwicklung viel schwieriger und theorielastiger. Das gilt für die Künste, für kulturelle Teilhabe, neue Kulturtechniken und letztlich auch für viele weitere Politik- und Gesellschaftsbereiche wie die Stadtentwicklung, das soziale Zusammenleben, für Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft und Medien.

Ein „Kultur-Euro“ oder „Kultur-Soli“ des zahlungsfähigen und -willigen Publikums publikumsträchtiger Veranstaltungen könnte die dem Kulturhaushalt zugutekommende CityTax sinnvoll ergänzen, das Bewusstsein für eine lebendige Projektlandschaft und Kulturszene schärfen – und zudem eine Chance bedeuten, das Kulturmarketing Bremens im gemeinsamen Interesse der geförderten und auch der privaten Veranstalter deutlich auszubauen.

Leviten und Kaffeesatz gelesen: Kultur(politik) braucht Konkurrenz, Konzepte und Kommunikation, Kritik und Kriterien

In Ideenwirtschaft, Kunst, Politik, wörtlich! on 14. Dezember 2012 at 19:00

Liebe Kulturtreibende und KunstgenießerInnen,

„Leviten und Kaffeesatz lesen“ sollten uns Sönke Busch, Jochen Bonz, Christina Vogelsang, Renate Heitmann und Arie Hartog am 5. 12. im Gerhard-Marcks-Haus, Impulse für grüne Kulturpolitik haben wir uns gewünscht und in fünf nachdenklichen, so kritischen wie inspirierenden Reden bekommen.

Nun lässt sich aus 120 Minuten Veranstaltung und individuellen nächtlichen Nachbereitungen schwerlich ein kulturpolitisches Programm ableiten. Wir wollen deshalb weiter arbeiten und die Diskussionen fortsetzen. Dazu werden wir im neuen Jahr ein Blog einrichten, auf dem das geschehen kann – und sicher „viel Kaffee trinken und besprechen“, wie es im Lauf der Debatte hieß.

Zu den drei großen Themenkomplexen Teilhabe und Inklusion, kulturelle Bildung und Kompetenz sowie der gesellschaftlichen Lage vor allem des kulturellen Nachwuchses – die unsere politische Arbeit ja auch jenseits der Kulturpolitik intensiv beschäftigen – haben sich aus meiner Sicht folgende Herausforderungen und Denkansätze aus unserem Treffen herauskristallisiert, die wir weiter diskutieren und entwickeln sollten:

–         Die Nachwuchsförderung beginnt mit der Wahrnehmung und Akzeptanz von Kulturformen und Kulturtechniken auch der nachwachsenden Generationen; das gilt für die kulturelle Bildung, das Leben in Alltags- und Freizeitkulturen sowie für die Märkte der Kulturwirtschaft (wie Kino, TV, Buchmarkt, Spiele und Internet) gleichermaßen.

–         Kultur ist in der Gesellschaft „angekommen“ und ist inzwischen selbstverständlicher Teil auch der Stadtentwicklung, der Bildung, der sozialen Inklusion und des Wirtschaftslebens. Kunst, Kreativität und Kulturpolitik dürfen sich in diesen Bereichen weder verbiegen noch ihre Eigenart verwässern; sie sind nicht die gesellschaftliche Pannenhilfe. Vielmehr müssen sie selbstbewusst um ihre Ansprüche, Identitäts- und Qualitätskriterien ringen, auch für ihren eigenen sozialen Status kämpfen.

–         Lese-, Schreib- und Medienkompetenz sind Voraussetzungen für eine funktionierende Demokratie – kulturelle Bildung ist deshalb ein wesentliches Element zeitgemäßer Bildungspolitik. Künstler und Kreative können dazu ihre Kunstfertigkeiten, ihre Maßstäbe und Ideen beitragen – sie dürfen und können aber nicht Pädagogen ersetzen.

–         Teilhabe bedeutet auch im kulturellen Bereich Anerkennung, Akzeptanz, Kommunikation und Wahrnehmung.

–         Es gilt eine Krise der Kritik, mehr vielleicht noch eine „Krise der Kriterien“ zu überwinden.

Die größte Herausforderung für eine erfolgreiche Kulturentwicklung und Kulturpolitik in diesem umfassenden Sinne scheinen mir die vielfältigen disparaten Scheuklappen- und Tunnelperspektiven, Befindlichkeiten und Interessenslagen (und auch Desinteressenslagen) der einzelnen Sparten- und Institutionen-Ebenen in Kultur und Politik zu sein. Denn Kulturpolitik, Kulturentwicklung zumal, können nicht politische Parteien betreiben: Wir sind angewiesen auf Ideen, Impulse, Forderungen all derer, die sich für Kunst und Kultur interessieren und sie konsumieren – wie und warum auch immer. Kulturverwaltung kann erst verwalten, was ist.

Deshalb brauchen wir neue Diskursfreude und Streitkultur, eine Perspektivendebatte über Kunst und Kultur. Kultur muss sprechfähig sein – wie alle anderen gesellschaftlichen Interessengruppen und –vertretungen auch. Die Frage „Was wollt Ihr denn?“ richtet sich an alle, die Kultur wollen. Zu ihrer Beantwortung braucht es Konkurrenz, Konzepte und Kommunikation, Kritik und Kriterien!

Warum ist aktuelle Kulturpolitik – von der konkreten Förderung künstlerischen Nachwuchses und kultureller Netzwerke über die Erhöhungen und Verbesserungen der Projektförderung oder das Einrichtungs-Contracting bis hin zur Sonntagsöffnung der Bibliotheken oder der Raumsuche für Theaterlabor, Wilde Bühne oder Zuckerwerk, um einige wichtige grüne Anliegen zu benennen – in der Szene so wenig bekannt? Warum wird in Bremens Kunstszene über Bauten und Beraterverträge gestritten – und so wenig über Konzepte? Hat denn wirklich niemand – über die direkt und persönlich Engagierten, Betroffenen und Verantwortlichen hinaus – in Bremen Interesse und Ideen für die Zukunft des Überseemuseums, der Weserburg, der GAK, der Städtischen Galerie oder der Kultur in der Überseestadt? Schon in der Diskussion, allein in einem Wettstreit der Ideen über diese öffentlichen Angelegenheiten liegen unendliche Potentiale der Teilhabe und Erkenntnis, der kreativen Betätigung und Auseinandersetzung, der Kultur- und Stadtentwicklung!

Ist die immer wiederkehrende Klage einzelner Künstler und Kulturschaffender über fehlende Aufmerksamkeit durch die Politik nicht auch eine Klage über fehlende Aufmerksamkeit der Szene selbst, des Publikums und der Medien? Müssen, sollten, können PolitikerInnen dieses Defizit kompensieren? Würde es der Szene, der Kritik, dem Diskurs, den Ideen aufhelfen, wenn sich ein paar PolitikerInnen ein paar mehr Bilder, Konzerte, Inszenierungen ansähen? Ich glaube nicht, dass sie im Kulturpublikum unterrepräsentiert sind – weder KulturpolitikerInnen noch die VertreterInnen der vielen anderen Politikbereiche aller Parteien. Wir müssen und können die Rahmen für Kreativität und Kulturvermittlung verändern – durch verbesserte, transparentere Vergabeverfahren, durch Kommunikation, durch Finanzierungen und die Bereitstellung von Räumen, durch das Erkennen und Stärken von Entwicklungen, natürlich auch durch das Hinterfragen von Etabliertem, das Provozieren von Neuigkeiten, das Stützen von Waghalsigem, Vorsichtigem und Visionärem.

Darüber lasst uns auch 2013 weiter diskutieren und streiten!

„Kulturinfarkt“ oder „Denkinfarkt“ ? – Ein Streit, der sich lohnt

In Ideenwirtschaft, Kunst, Politik, Stadt on 18. März 2012 at 12:30

Ich verstehe die Aufregung immer noch nicht (ganz): Vier ältere Herren schreiben im Spiegel nicht, dass sie „desubventionieren“ wollen, dass „die Hälfte“ weg soll, sondern regen durch Umwidmung von 2 von 10 Milliarden Euro deutscher Kulturfinanzierung 1. Konzentration und 2. Innovationsförderung an. Kann man da nicht drüber diskutieren, ohne dass es „Freiheitsberaubung“ aus allen Röhren schallert? Ja, ihre Markt-Produkt-Rhetorik klingt hart und für mich auch schon wieder gestrig: Aber ersetzt man diese Instant-Formeln mal durch Aufgabe/Funktion/Wirkung, meinetwegen auch Qualität, eben: „Gestaltungskraft“ und setzt die in einen gesellschaftlichen, politischen Zusammenhang, dann kann daraus doch was werden? „Erfolg“ kann auch gesellschaftlich sein. Kunst muss nicht „nützen“, aber darf sie nicht auch „nützen“?

Eine tiefe Debatte über die (Ent)Institutionalisierung und (Ent)Musealisierung der Kultur(en) und ihrer gesellschaftlichen Funktionen und Aufgaben finde ich ebenso wichtig wie Kritik an ihrer Ökonomisierung – wobei ich in „realpolitischen Aufgaben“ noch kein grundsätzliches Zeichen für Ökonomisierung sehe, sondern auch für die Empathie, Kompetenz, Wirksamkeit, Zuständig- und Widerständigkeit von Kunst und Kultur.

„Weitblick“ als „unternehmerische Tugend“ zu bezeichnen (wie Niklas Maak in der FAZ eine Schule zitiert, die mit der Debatte höchstens auf symptomatischer Ebene zu tun hat), ist eine Frechheit – aber darum Weitblick abzulehnen, ist Blödsinn: „Weitblick“ ist auch eine künstlerische, auch eine politische Tugend. Und was daran eine „Ökonomisierung des Denkens“, wenn man für Kunst in der Schule ist? Weil „marktorientiertes Denken“ die Sprache „verwüstet“ hat (und wie die Diskussion zeit: wohl auch ihr Verstehen), sprechen und diskutieren wir lieber nicht mehr, sondern schreien nach „Freiheit“? Wir? Hier? Unheimlich.

 

Einer der Autoren des „Kulturinfarkt“ im Deutschlandradio-Interview: „Baut den Apparat um!“

 

Ein nüchterner Blick auf die Entwicklung der Kulturetats und der Kultureinrichtungen in den vergangenen 2,3 Jahrzehnten und kritische Fragen nach der Richtigkeit der Institutionalisierung von allem und jedem sind wichtig.
– Kulturentwicklung muss – neben der Förderung von Kreativität – auch eine Schaffung von Strukturen zeitgenössischer Künste und Kulturen sein; und die finden heute zu nicht unerheblichen Teilen auch im Internet statt, in der Popkultur und im Stadtleben. Das bildet sich in der Wirtschafts-, Sozial-, Bildungs- und Medienpolitik ja durchaus auch deutlich ab – ob Kunstpolitik als relativ neue Querschnittsaufgabe sich da mehr einmischen müsste, kann man diskutieren. Dass sie die Entwicklungen – wie Kunst und Künstler selbst – scharf und klar wahrnehmen muss, ist notwendig und selbstverständlich! Die Innovationen und Impulse jedenfalls kommen aus den Kellern, von der Straße, aus der Technik oft – und aus dem Ausland.
– Die Kulturfinanzierung – und die für Kultur verfügbaren Mittel und auch Aufträge, nicht nur im Rahmen der Kulturförderung – sind in den vergangenen Jahrzehnten so deutlich gestiegen, wie sich die Szenen verbreitert haben. Es ist bemerkenswert und gut, dass sich Innovationsförderung, stadtentwicklerische Maßnahmen, Kultur als Inklusions- und Bildungsangelegenheit auch aus anderen Etats speisen, dass Kultur auch als Wirtschaftsbranche wahrgenommen und befördert wird, auch Künstler über ihre Angebote an die Gesellschaft als „Produkte“ nachdenken können. Ideen und ihre Gestaltung und Durchführung selbstbewusst so zu nennen und zu nutzen, ist nicht verwerflich, sondern ein legitimes Interesse, dass für die Musik-, Buch-, Film-, Medien- und Kunstmärkte auch niemand problematisch findet.
– Klassische staatliche Kulturförderung führt viel zu grundsätzlich geradewegs in die Institutionalisierung von Initiativen und Einrichtungen – oder macht sie gar zur Voraussetzung. Das führt insgesamt zu einer Musealisierung der (in Etats und Stein) sichtbaren und gebauten Kulturlandschaft. Wo das kulturelle Gedächtnis gesichert, Schaffen dokumentiert und so Maßstäbe gehalten werden, ist das wichtig. Eine Fokussierung auf den Bestand und sein allzeit dauerhaftes Bestehen, die Verstrickung von Impulsen in institutionalisierte „Sicherheit“ aber koppelt Kulturentwicklung allzuoft von den wirklichen, wesentlichen, gesellschaftlich relevanten kulturellen Veränderungen und Umbrüchen ab.

Kulturentwicklung, Kulturfinanzierung und Kulturförderung sind verschiedene und gleichberechtigte Aufgaben von Kulturpolitik. Den Kultursektor als subventionierten Arbeitsmarkt zu behandeln, greift zu kurz. Wie die dafür zuständigen Kulturressorts in Deutschland zugeschnitten sind, ist aber immer noch sehr zufällig aus politischen, machttaktischen Beweggründen verteilt: Mal gehören sie zum Regierungschef wie in Bremen und Berlin, mal gehören sie mit Wissenschaft oder/und Bildung zusammen, mal mit Wirtschaft, auch Inneres und Sport hatten wir ja schon. Hier gehört die Soziokultur dazu, dort ist die ganz klassisch Teil der Sozialarbeit, dafür rücken Kultur und Kreativwirtschaft oder Kunst und kulturelle Bildung zusammen. Diese Vielfalt muss wieder einen Sinn bekommen, ein Ziel.

Dazu passt nicht zuletzt:
Koalition der Freien Szene – Offener Brief an die Stadt Berlin – Online Petition.

 

„Das Buch verschenkt die Gelegenheit, einen Streit anzuzetteln, der sich lohnt. Die Ruhe und das phrasenreiche Einverständnis im Kulturpolitischen sind ja wirklich ein Grund zur Beunruhigung. So viel Stille und Konsens herrscht nur, wo große Konflikte und Probleme zugedeckt werden. Zu reden wäre endlich über eine Kultur des Aufhörens, des Endes auch von Kultureinrichtungen. Die immer gleichen Argumente gegen Theaterschließungen etwa – bringt wenig, schadet viel, ist banausisch – ändern nichts daran, dass viele Kommunen die Mittel für ihre Theater kaum aufbringen können. Ist der Bestandsschutz immer gerechtfertigt und die beste Lösung für die Bürger der Stadt?“
Jens Bisky in der Süddeutschen: „Der Kulturinfarkt“ – Lieber ein Streit, der sich lohnt

„Niemand wird ernsthaft behaupten, die üppigen Subventionen für Theater, Opern und Museen führten ausnahmslos zu kulturellen Höchstleistungen. (…) Kaum jemand außer Klaus Wowereit, der sie plante, wird begründen können, warum Berlin noch eine neue Kunsthalle braucht, wo man dort schon vier unterfinanzierte Quasi-Kunsthallen betreibt. Natürlich fragt man sich angesichts der uniformisierten großen staatlichen Ausstellungshallen, die die altbekannten Hits der klassischen bis neueren Moderne in immer matteren Aufgüssen servieren, ob es nicht besser wäre, die zahlreichen kleinen, von Künstlern selbstorganisierten lokalen Ausstellungsorte zu fördern, an denen Gegenwartskunst viel besser gezeigt wird. Und niemand wird bestreiten, dass die Subventionsbürokratie viel zu behäbig ist und reformiert werden muss. (…) Aber all das reicht – eben weil es keine neuen Erkenntnisse sind und weil kaum jemand diesen Punkten widersprechen würde – noch nicht, um ein ganzes Buch zu füllen.“
Niklas Maak in der FAZ: „Der Denkinfarkt“

„Der Kulturbetrieb reagiert auf den Text bislang so, wie Throninhaber von je her auf Kritik reagieren: Sie wittern Majestätsbeleidigung! (…) Auf allen Wellen und aus allen Ecken des Kultur-Landes schallt es: “Verrat! Verrat! Verrat!”. Hätte es eines letzten Beweises für die Sprengkraft des Buches bedurft, wurde er heute erbracht: Bereits vier Tage nach dem Aufkommen des sperrigen und für den Boulevard gänzlich unsexyen Themas “Kulturförderung” landet die Debatte in der „Bild“-Zeitung – mit den erwartbaren Folgen für die öffentliche Wirkung wie das intellektuelle Niveau (…). Die vier Autoren schreiben in Buch (zur Erinnerung: einer”Polemik”) und Zeitschrift aber ganz unmissverständlich, dass die zahlenmäßige Halbierung der öffentlichen Kultur-Einrichtungen gar keine Halbierung der Ausgaben bedeute (…): Statt immer mehr Geld für das immer gleiche Kulturangebot auszugeben, solle mit dem gleichen Geld mehr Vielfalt in der Kulturlandschaft entstehen. (…) Dabei ist die Diskussion überfällig: In wohl keinem anderen politischen, ökonomischen oder gesellschaftlichen Sektor der Republik hat es in den letzten vierzig Jahren ein solches Wachstum von Institutionen und Mitteln gegeben.“
Der kulturpolitische Reporter: Die Kaste der Unantastbaren und der Kultur-Infarkt

 

Bild.de über den bayerischen „Kunstminister“ (so heißt er dort!): Wolfgang Heubisch (FDP) warnt vor „Kulturpolitik mit Rasenmäher“ – dann schon lieber mit der Gießkanne: „Welches Theaterensemble und welchen Musikschullehrer wollen sie denn nach Hause schicken?“

Kürzungen schmerzen und da darf man auch schreien – gerne noch viel mehr. Das tun ja andere Lobbyisten und Interessenvertreter und -haber auch.  Über einen Umbau muss man trotzdem immer weiter reden – und der hieße wohl auch nicht einfach nur „den Großen nehmen, den Kleinen geben“; da würden die Kleinen einfach ratzfatz groß und gewonnen an Kunst, Erkenntnis, Erbauung, Impulsen wäre (fast) nix. Denn es geht nicht um „klein“ oder „groß“ – es geht um Mobilität, um Temporarität, um Teilhabe, um Beziehungen.

Letztlich betrifft das Thema nicht nur die Kultur, sondern viele „gewachsene Strukturen“, „Trägerlandschaften“, Institutionen …

kulturpolitische Bilanz 2007-11

In Politik on 23. Oktober 2010 at 22:01

Mein Beitrag für den Weser-Kurier v.23.10.2010
zu einer Sammlung von Bilanzen der Kulturpolitik von Jens Böhrnsen und Carmen Emigholz 2007-2011

(Die gefetteten Passagen wurden für die Zeitung redaktionell gekürzt.)

Die Sammlung aller Beiträge online:
http://www.weser-kurier.de/Artikel/Bremen/Kultur/251874/Bestandsaufnahme+fuer+Jens+Boehrnsen.html

Kultursenator Jens Böhrnsen tritt jenseits repräsentativer Auftritte (erstaunlich treu etwa zu Seebühnenevents und Stadtmusikantenpreisen) so selten selbst in Erscheinung, dass der Anteil seiner Staatsrätin Carmen Emigholz an der kulturellen Entwicklung in Bremen weit größer scheint. Die hat die brachen Baustellen des vorhergehenden Kultursenators Jörg Kastendiek (CDU) immerhin wieder belebt: Filmbüro, Gerhard Marcks Haus, Shakespeare Company, Schwankhalle, Bremer Theater, Kammerphilharmonie, Breminale und wohl auch die Weserburg konnten so Vorstellungen für ihre Zukunft und Selbstbewusstsein entwickeln – das ist von unschätzbarem Wert!

Das ewig durch die Stadt unkende Drama der Theaterintendanz Frey wurde vom Bürgermeister aber viel zu zögerlich angegangen, lähmte das kulturpolitische Geschehen auf Jahre und schmälerte Image und finanziellen Spielräume für Kultur dramatisch.

Im Schatten des Bürgermeisteramts wurden Schließungen verhindert – aber kaum Neuerungen realisiert. Das Kino 46 dümpelt weiter in Walle, Waldautheater und Schnürschuh und Theaterlabor werden irgendwie geduldet und wohl auch ein bisschen alimentiert. Aber die Bibliotheken bleiben absurderweise am Wochenende geschlossen, für die Überseestadt gibt es kein schlüssiges Kulturkonzept, die Arbeit der viel gelobten und erfolgreichen ressorteigenen Jugend-Kunst-Nachwuchs-Stiftung START endete laut eigener Homepage sang- und klanglos wohl irgendwann 2008, viele Potentiale haben quasi Wachstumsverbot. Die Förderung der Kreativwirtschaft beschränkt sich oft auf deren – offenbar mühsame – Selbstkenntlichmachung, und die übernehmen private Initiativen, die WFB oder das Medienreferat der Senatskanzlei. Kultur als Imagefaktor verschwimmt und versandet zusehends in den Händen der fusionierten WFB und der Bremer Touristik-Zentrale.

Eine Abstimmung und Vernetzung der verschiedenen Kulturförderungen (durch Wirtschaftsressort und WFB, über Bildung und Stadtentwicklung, für Film und Medien oder WIN-Projekte) findet jenseits undurchsichtiger technischer Finanzverteilungen von Seiten der Stadt inhaltlich kaum statt. Nichtstaatliche und nicht geförderte Bildungs- und Kultureinrichtungen werden am Diskurs kaum beteiligt. Relevante Neuerungen oder gar Gründungen macht das schwierig. Der „Klub Dialog“ und die „Zwischen Zeit Zentrale“ als vielleicht wichtigste Innovationen für die Kulturlandschaft sind dann auch in Obhaut des Wirtschafts- bzw. Stadtentwicklungsressorts entstanden.

Also: Es ist viel los in Bremen und viel im Gespräch, manches in Frage zu stellen und viel Neues zu wagen. Der Diskurs über echte Kulturentwicklung findet eher im Weser-Kurier als in der Kulturverwaltung oder zwischen den Kultureinrichtungen statt. Es wäre schön, wenn Carmen Emigholz’ neuer Umgang mit Künstlern (!) und Kulturakteuren in den nächsten Jahren frische Früchte trüge – dann vielleicht auch wieder verbunden mit einem starken gestaltenden Ressort wie Stadtentwicklung, Bildung oder Wirtschaft?!

Nach den Clowns

In Politik, Stadt on 27. Mai 2007 at 01:27
Was nach sechs kabarettreifen Kultursenatoren von Kahrs bis Kastendiek kommen kann – und warum auch Szene und Einrichtungen für eine neue Politik verantwortlich sind

Ein neuer Senat macht noch keine neue Kulturlandschaft. Es gibt in Bremen eine Kulturverwaltung, die vor langer Zeit mal eine richtig gute Zeit hatte – mit damals neuen Ideen einer Kultur für alle – und die sich einer Neusortierung beharrlich entgegenstemmt. Es gibt Einrichtungen, die große Probleme – aus Not – mit kleinen Finanzspritzen angehen, die „Projektförderung“ genannt werden. Und Bremen bildet zwar Tausende Studenten in den Kulturwissenschaften, junge Menschen als Kulturmanager, Veranstaltungskaufleute, Designer, IT-Spezialisten und Künstler aus – aber alle verlassen die Stadt spätestens nach den ersten beruflichen Schritten, zuletzt fliehen sie geradezu panisch.

Dass mit einigen Ideen, verhältnismäßig wenig Geld und klaren Formen zur Ausschreibung, Jurierung und Realisation von Projekten die „digitale Boheme“, junge Künstler und eine innovative „Ideenwirtschaft“ recht schnell an die Weser zu locken oder ein paar Jahre zu halten sind, hat Bremens Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas gezeigt. Sie sind aber auch schnell wieder weg, wenn sie sich verarscht fühlen.

Förderung ist nicht alles

Deshalb braucht Bremen vor allem Möglichkeiten der Projektentwicklung – nachhaltig und verbindlich. Da Arbeitsbiografien nicht stringent verlaufen, lebenslanges Lernen zum Muss geworden ist und moderne Stadtentwicklung ohne kulturellen Motor nicht auskommt, muss eine den Lebens- und Arbeitswelten entsprechende Projektarbeit institutionalisiert werden – nicht im Sinne des Bewahrens von Erbhöfen, Lebensträumen und Subventionsansprüchen, sondern im Sinn einer so zuverlässigen wie durchlässigen Betreuung und Finanzierung durch den Staat, im transparenten Wettbewerb zeitgemäßer Ideen, Aufgaben und Anliegen.

Wenn die Grünen jetzt die „kreative Stadt“ proklamieren und die kulturpolitische Sprecherin der SPD, Carmen Emigholz, „endlich wieder über Ideen sprechen“ will „und dann über Umsetzungsmöglichkeiten“ – das klingt nach neuen Chancen für eine Kulturpolitik auf Augenhöhe mit Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung. „Der Pudding aber erweist sich beim Essen“, wie Klaus Pierwoß so schöne Versprechungen regelmäßig schön kommentiert. Dazu braucht es neben frischen Zutaten, liebevoller und kompetenter Zubereitung ja auch noch Appetit. Und Geschmack.

Kompetenz liegt brach

Konkret ist immer stressig: Braucht die Welt die teure (und ohnehin nur temporäre) Musealisierung von Gebrauchskunst und ihren Nebenprodukten, wie sie etwa das Designzentrum und die Günter-Grass-Stiftung betreiben? Muss jede Off-Truppe auf immerdar ihr eigenes „Haus“ bekommen und bestellen, muss jede Idee konserviert und also auf Jahrzehnte „durchgerechnet“ werden? Glaubt wirklich noch jemand mit politischem Sinn und künstlerischem Verstand, das Kulturchaos in Bremen-Nord würde durch technokratisch oktruierte „Strukturen“ beherrschbar? Warum da nicht mit zeitgenössischen Ideen, Forschung und Recherche vor Ort ganz neu starten – gerade weil das neue Kräfte statt der vielfältig gescheiterten fordert? Die Bremer Investitions Gesellschaft (BIG) kann das ganze Gelände des Güterbahnhofs zwischen Hauptbahnhof und Walle für eine kulturelle Nutzung anbieten – Raum auf Jahre oder Jahrzehnte für temporäre Architektur, künstlerische Existenzgründungen und manches Event. Vielleicht auch für die Breminale oder ein Nachfolgeformat. Kann die ewige Baustelle Schwankhalle nicht konsequent zur Dauerbaustelle „Stadtwerkstatt“ werden und mit immer neuen Ideen der Sorge begegnen, sie „gehöre“ wem?

Die Kulturverwaltung braucht interdisziplinär aktionsfähige Mitarbeiter und Referate. Dazu Kompetenz endlich auch für immer noch so genannte „neue Medien“ und für die Kulturvermittlung in allen Schichten der Gesellschaft. Apropos: Muss sich (Kultur-)Politik nicht endlich auch wieder der Medien der Stadt annehmen?

Die Kulturstadt braucht Institutionen zur Bewahrung des kulturellen Erbes wie zur Bildung des künstlerischen Nachwuchses. Fehlendes Geld führt zur Insolvenz und auch Konten von Freiberuflern sind hinterm Dispokredit zu Ende. Soviel ist klar. Aber Kultur ist nicht beherrschbar. Sie lebt von Ideen, immer neuen. Nur darum kann sie Stadtentwicklung leisten. Wenn Politik den Spagat leisten will, muss Kultur ihn mitmachen: Die Förderung von Ideen darf nicht zur Institutionalisierung oder zum Löcherstopfen missbraucht werden. „Sich ehrlich machen“ hat sowas mal der Chef des rot-grünen „Projektes“ im Bund genannt.

Carsten Werner

„Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißt der neue Wein die Schläuche und wird verschüttet, und die Schläuche verderben.“
Lukas 5, 37

Frey? Bullshit!

In Kunst, Politik on 15. Mai 2006 at 22:35

Substanzlose Stichwortsammlung

Senator Kastendiek lobt seinen „Blick für Management und Sponsoring“, die Staatsrätin die feinen Manieren. Auf der künstlerischen Seite läuft es noch nicht so rund: Er habe sich bei der Suche nach einer Schauspieldirektorin nur „Körbe geholt“, gesteht Hans-Joachim Frey freimütig. Fürs Tanztheater sucht er was „in der Mitte“ zwischen Choreografischem Theater und „Nussknacker“. Seit einem Jahr als Pierwoß-Nachfolger im Gespräch, hat Frey sich bis heute nicht mit beeindruckenden Namen oder Themen verbinden können. Agiert so ein PR-Profi?

Jetzt hat er ein „neues Theatermodell“ entwickelt. Doch schon einmal sollte das Theater per Star-gestütztem Semi-Stagione-Koproduktions-Betrieb saniert werden: Hansgünther Heyme startete vor 15 Jahren als Bremer Intendant mit Gudrun Landgrebe als „Tochter der Lüfte“, halbierte ratzfatz die Auslastung und wurde als „Herr der Windmaschinen“ verspottet und dozierte, „das Teure am Theater ist das Spielen“. Nach zwei Jahren war das Geschichte.

Im März vor Spielzeitbeginn den Spielplan zu veröffentlichen – das ist Usus aller Theater seit anno dunnemals. Frey will damit zur Internationalen Tourismus-Börse, doch die Bus- und Reiseunternehmer interessieren sich nur für die übernächste Spielzeit. Ein „Education-Schwerpunkt“ klingt super für eine Stadt, in der Schüler, Lehrer und Politiker nicht einmal „Bildung“ richtig schreiben oder gar mit Kultur verbinden können.

„Die Selbstverständlichkeit, mit der bis vor einigen Jahren Kultur und Theater rezipiert worden sind, nimmt ab“, behauptet Frey. Volkswirtschaftler und Arbeitsmarktexperten sind sich einig, dass es genau anders herum ist; die Bundesregierung spricht vom „Kulturbetrieb als Wachstumsbranche“.

Frey will es – abgekoppelt von Finanzdebatten, Inhalten, Personalien – jedem Recht machen. So sampelt er „das Beste der 80er und 90er“ aus simplen Kulturmanagement-Workshops. Mit einer so substanzlosen Stichwortsammlung wäre beim Bremer Kultursenator nicht mal eine Projektförderung zu erhaschen. Im Suhrkamp-Verlag ist zu diesem Phänomen gerade ein lesenswertes Büchlein des Philosophen Harry G. Frankfurt erschienen: Es hat 72 kleine Seiten, kostet 8 Euro und heißt „Bullshit“.

Carsten Werner (freier Produzent, Kulturmanager und Regisseur)

15.5.2006 taz Nord Nr. 7971 Bremen Aktuell 78 Zeilen, S. 24

bremen erleben: Kulturstadt im Aus.

In Medien, Politik, Stadt on 1. Mai 2005 at 15:00

Eine Rede
zum Scheitern der Bremer Kulturhauptstadt-Bewerbung
und dem Umgang der Bremer damit

Bremen erleben: Wir erleben in den letzten Wochen
– auf der einen Seite: die intensive Arbeit an dem Versuch, möglichst viel von der Dynamik der Kulturentwicklung, möglichst viel Substanz der mit großem Aufwand gegründeten Projekte zu bewahren und weiter zu entwickeln, die von Martin Heller und seinem Team motiviert wurden. Vor allem wurden ja auch viele Akteure anderer Bereiche zu einer inspirierenden, kontroversen Auseinandersetzung mit dem Stadtleben motiviert: Stadtplaner, Wissenschaftler, Medienmacher, Freiberufler, Dienstleister, der Handel, die Taxifahrer. Martin Heller & Co. haben geschafft, was dieser kläglich gescheiterten, „großen“ Koalition seit über einem Jahrzehnt nicht gelingt: Positiven Aufbruch zu inszenieren, selbstbewusstes Bremischsein mit einem Blick in die Welt hinaus.

Wir erleben in den letzten Tagen, andererseits: Mediales Raunen über teure Parties und Feste, über Unsummen für Wasserköpfe – „informierte Kreise“, besorgte Anonymas nutzen die Medien als Lautsprecher für Attacken auf die Freiheit und die Entwicklung der Kultur.
KulturpolitikerInnen spielen Verwaltung, jagen durch konzeptionsloses Gefuchtel, durch planloses Vertagen wichtigster Entscheidungen Kulturbetriebe und Selbständige in den Ruin. Ein Kultursenator stammelt in vorauseilendem Gehorsam seine Absage an seine bisherige Lichtgestalt Martin Heller. Gloysteins Partei- und Senatskollegen beharren dagegen, der Senat habe noch gar nichts entschieden! Und nun ist Gloystein also auf der „Suche nach einer neuen Dynamik“!

Hallo? Guten Morgen, alter Senator: Die Dynamik ist schon da, die war schon vor Ihnen erwacht!

Es sei „zum Beispiel auch denkbar, über Projekte neue Dynamik in die Kulturlandschaft zu bekommen“, meint derselbe Politiker, der vor vier Wochen in der Schwankhalle in aufwändigen Wortkaskaden große Versprechen von zu erhaltender (!) Dynamik, „gesicherten“ Etats und dem Bleiben von Martin Heller in und für Bremen gestammelt hat: „Das kommt, das … Dings …!“ – Er meinte den Kulturinvestitionsfonds für das laufende Jahr – und ausdrücklich „einen Großteil“ der für die „Kulturstadt Bremen“ eingeplanten Investitionsmittel für die kommenden fünf Jahre.

Neueste Masche unter Bremer Kulturpolitikern ist die Rede von einer „Umsteuerung der Kulturförderung“ – hin zu einer nicht näher definierten „Projektförderung“ der „Brutstätten und Besessenen“. Und „nachhaltig“ soll das alles sein! Der in weiten Teilen von Martin Heller abgekupferte „Masterplan“ (Nummer drei oder vier) ist dazu noch in der Mache. Die Projekte sind schon da, haben ihre Arbeit begonnen. Doch gleichzeitig fahren jede Woche ein paar dieser gelobten und gepreisten „Projekte“ an die Wand: Die klassische Projektförderung mit Wettmitteln ist seit fünf Monaten vom Finanzsenator gesperrt. Eine zweite Tranche des Kulturinvestitionsfonds – das große, wichtige, neue Förderinstrument der Stadt – ist von SPD und CDU politisch auf Eis gelegt worden. Kulturgelder der Bremen Marketing GmbH wurden erheblich gekürzt. Immense Sponsorengelder liegen auf Eis, so lange die Stadt nicht agiert. „Personalkompensationsmittel“, mit denen weggefallene Stellen ersetzt werden sollen, sind ebenfalls gesperrt. Der zuständige Kultursenator erklärt sich schamlos für „handlungsunfähig“. Damit sind für freie Projekte – und die Menschen, die sie produzieren: Selbständige, Freiberufler, freie Künstler, Kuratoren, Journalisten und Dienstleister – die Bedingungen nicht nur schlechter geworden in Bremen: Sie existieren gar nicht mehr.

CDU-Staatsrätin Motschmann, SPD-Sprecherin Emigholz und CDU-Sprecher Schrörs haben am vergangenen Freitag in der Schwankhalle einmütig noch einmal erschreckend deutlich gemacht, dass sich an dieser Situation nichts ändern wird: Sie haben kein Konzept, keinen Zeitplan, kein Verständnis, kein Interesse an Kulturentwicklung. Stattdessen haben sie ihr mühsames Geschäft bejammert, das – so Emigholz – „nicht so sexy wie Projekte entwickeln“ sei und ideenlos an die Kulturszene appelliert: „Warten Sie doch, was für die Projekte übrigbleibt“ (Schrörs). Die große Koalition hat fertig.

Aber vorher wird die Kunst Bremen verlassen haben: Diverse Leitungsposten sind ja jetzt schon unbesetzt – von der Glocke übers Musicaltheater und das Museum Weserburg, das Waldau Theater, den gesamten Bremer Norden, bis (demnächst) zum Bremer Theater oder der Schwankhalle. Vielleicht kommen die Genossen Emigholz und Scherf dann ans glückliche Ende ihrer Laufbahnen: Beamtete Generalintendanten der Vereinigten Kleinstädtischen Kulturbetriebe Bremens.

Es liegt in der Natur der Sache, dass auch das Projekt „Kulturstadt Bremen“, seine Kriterien und Verfahren entwicklungsfähig wären. Martin Heller hat die neuen Strukturen als provisorisch bezeichnet. Man kann und muss sie verbessern – das ist für Veranstalter und Produzenten von Kultur Alltagsgeschäft. Eine sinnvolle Kulturentwicklung muss auch nicht unbedingt zum „Festival“ designed werden. Doch Abwarten und immer wieder „Abstimmungsbedarf“ sind keine Motoren kreativer Entwicklungen.

Warum sollten genau die Akteure, die über zehn Jahre nicht einmal die Kultur/verwaltung/ reformiert bekommen, vorliegende Fördermodelle weder bearbeiten noch umsetzen – warum sollten gerade die nun die ganze Kultur/szene/ organisieren können?

Einen seriösen Umgang mit Konzepten haben Bremens Politiker offenbar nie gelernt. Ein seriöser Umgang mit den ihnen anvertrauten oder von ihnen selbst engagierten Menschen ist augenscheinlich auch nicht zu erwarten.

Wenn zu beweisen war, dass Bremen den Titel „Kulturhauptstadt Europas“ nicht verdient – es ist jetzt vollbracht. Künstler und Macher, Existenzgründer, Dienstleister fliehen aus der Stadt mit den niedrigsten Pro-Kopf-Zuschüssen aller Bewerber: Die Menschen suchen sich – im freien Wettbewerb der Ideen und Bedingungen – neue Felder, andere Netzwerke, bessere Städte. Darin sind sie geübt und das müssen sie tun – weil ihre Existenz auf dem Spiel steht. Und bessere Städte als Bremen, das darf man nach dem Bewerbungs-Aus ja wieder sagen: die gibt es. In ganz Europa. Bremen hat daraus nichts gelernt.

Senator Gloystein hat nun eine „Neuorientierung“ angekündigt. Die eigene?

2000 Anschläge: „An Ihren Taten woll’n wir Sie erkennen!“

In Politik on 5. Januar 2000 at 09:00

Ein offener Brief an Kulturstaatsrätin Elisabeth Motschmann

„Die Kultur ist in Bremen chronisch unterfinanziert.“ Diese späte Einsicht der Ex-Kultursenatorin Bringfriede Kahrs (SPD) gehört inzwischen auch zum Sprachgebrauch ihrer Nachfolger, dem Senator Bernt Schulte und seiner Staatsrätin Elisabeth Motschmann (beide CDU). Für manche Einrichtungen hat diese chronische Unterfinanzierung spürbare Folgen: Mehrfach hat Motschmann angekündigt, dass einige Einrichtungen geschlossen werden müssen. Dies hat sie in einem Beitrag in der taz bekräftigt (vgl. taz vom 22.12.99). Auch wenn Finanzsenator Hartmut Perschau (CDU) inzwischen sechs Millionen Mark für einen Umbaufonds in Aussicht gestellt hat, klafft noch immer ein Millionenloch im Kulturetat.

Liebe Frau Motschmann, da sind wir uns einig: „Kultur zählt zu den interessantesten und schönsten Feldern.“ Trotz allem. Mit Ihren Ausführungen kann ich mich weitgehend identifizieren: Die Bedeutung der Kultur für den Standort Bremen, der Status von Kultur in Konkurrenz zu anderen Politikfeldern, Ihr Wunsch nach „Dialog“ und auch der nach „Prioritäten“ – das sind seit Jahren von modernen Kulturschaffenden geforderte, ausgiebig kommunizierte und praktizierte Aspekte. Ihre Worte über Kultur und deren undenkbare „Kostendeckung“: Chapeau! Von staatlichen Aufgaben „kultureller Weiterentwicklung“ schließlich wollten noch Ihre senatorischen VorgängerInnen zehn Jahre lang nichts wissen und haben Initiativen wie dem Jungen Theater Bremen bereits von ihrer Gründung Anfang der 90er Jahre abgeraten. Um so erfreulicher, dass Sie Neues und Innovatives in Kunst und Kultur jetzt neu als „Verpflichtung“ auf Ihre Fahnen schreiben!

Aber: An Ihren Taten woll’n wir Sie erkennen!

Noch vor Wochen erklärte Kultursenator Bernt Schulte öffentlich, er sähe „keinen Anlass“, auch nur über Kürzungen zu sprechen. Sie selbst aber sprechen seit Wochen von bevorstehenden „Schließungen“, freilich ohne dies zu konkretisieren. Nun schreiben Sie engagiert, intelligent und lustvoll von einer Kulturpolitik, die Ihr Verwal-tungsleiter Reinhard Strömer gerade jammervoll beklagt. Diese Widersprüche stehen vertrauensvollen „Diskussionen“ entgegen.

Dass Sie „dabei“ und „bereit“ sind, der Öffentlichkeit Ihre „Antworten“ zu geben und vorzustellen, könnte hoffen lassen. Dass Sie alle dies seit Monaten zwar ankündigen und punktgenau zum Weihnachtsfest Bremer Kulturschaffenden und Künstlern ganz pauschal mit „Schließungsszenarien“ drohen, ist aber erschreckend.

Teile der Kulturszene bangen – nach Ihren Ausführungen ja zu Recht – um ihre persönliche, soziale, künstlerische Existenz. So lange das so ist, müssen sich gerade neu berufene und im Vergleich recht gut bestallte und abgesicherte Beamte Ihres Ressorts, zumal wenn sie öffentlich ihre Arbeitsbelastung und familiäre Situation beklagen, schon einige polemische Fragen gefallen lassen! Und so lange Ihr Kollege Strömer unwidersprochen der Kulturszene pauschal die Kooperationsbereitschaft ab-spricht und von „fortwesenden Untoten“ und totgeweihten „Patienten“ sprechen darf, so lange können Sie kooperative Gespräche über „Prioritätensetzungen“ solch morbider Art schwerlich erwarten.

Dass und wie Ihre Behörde (auch) kompetent und sachlich an und mit einzelnen Projekten arbeitet, ist mir als Leiter des Jungen Theaters Bremen selbstverständlich aus nächster Anschauung und Erfahrung bekannt, und ich versäume keine Gelegengeit, begeistert zu erwähnen, für wie wichtig und gut ich zum Beispiel die jetzt endlich zu schaffende und von Ihnen geplante Produk-tions- und Spielstätte für Freie professionelle Kunst (Konzept für das Kunstzentrum Buntentor) halte und wie konstruktiv ich die Arbeit dafür erlebe. Aber selbst diese Planungen stehen unter diversen Haushalts- und sonstigen Vorbehalten, lediglich die Seite der Künstler geht in offensive, offensichtlich existenzgefährdende Vorleistung (hier: die Schließung des Jungen Theaters an der Friesenstraße auf reiner Vertrauensbasis, dadurch die radikale Reduzierung der Serviceleistungen dieses Theaters für ein ganzes Jahr).

Diese selbstverständliche Fürsorge Ihres Ressorts erfahren jedoch längst nicht alle Kulturschaffenden und Künstler unserer Stadt, angefangen beim Intendanten des Stadttheaters. Sie glauben aber sicher nicht im Ernst, dass Sie „Schwerpunkte im Kulturleben Bremens … im neuen Jahrtausend“ ergiebig diskutieren können, solange dies unter der Prämisse des von Ihnen leider akzeptierten und in Ihrem Aufsatz immer wieder an erste Stelle gerückten Sparzwangs geschehen soll und also die Abschaffung von Arbeitsplätzen, Lebensentwürfen und Visionen Bremer Kulturschaffender bedeutet und zwingend nach sich ziehen soll. Statt „Schwerpunkten im Kulturleben“ (die ja nichts anderes als „Sparmöglichkeiten“ meinen) wäre für Bremen zum neuen Jahrtausend endlich Kunst und Kultur als (!) Schwerpunkt städtischen Lebens angesagt!

Ihr von der „kultur.management.bremen“ (KMB) entworfenes „Entscheidungsbäumchen“, das nun alles richten soll, lässt leider ganz wichtige Aspekte außen vor, die der Kunstproduktion inhärent sind (und die Sie in Ihrem Text sympathischerweise zum Teil selbst mit Kunst und Kultur assoziieren): Unabdingbare künstlerische und kulturelle Funktionen und Voraussetzungen wie Freude, Freiheit, Spiel und Unterhaltungswert, Spaß und Lust, Irritationspotential und Rätselhaftigkeit, Ausstrahlung und Sympathie/Antipathie, Wille, Kraft und Phantasie, Kreativität, Sinn, Sinnlichkeit und Besinnung, Ruhe, Muße, Neugier und Erfahrung, Obsession und Kommunikation, Frage und Suche … – All diese wichtigen Ingredenzien und Maßstäbe haben dort als Kriterien keinen Platz, stattdessen dominieren Bedarf und Produktion, Effekt und Optimierung, Repräsentanz und Kernkompetenz – Perspektiven und Begrifflichkeiten der Ökonomie. Im günstigsten Falle überlebt der „Patient“ den Ausgang dieses Baum gewordenen Fleischwolfes mit einem „weiter so?“ – Eine Weiterentwicklung, Verbesserung gar, ist in diesem Konzept offenbar nicht mehr vorgesehen.

So lange von Politik und Verwaltung „der Qualitätsgedanke im Vordergrund“ immer und immer wieder wirtschaftlichen Paradigmen – ökonomisch wie inhaltlich – nur untergeordnet wird, so lange wird es keine Verständigung über einen an sich diskutierenswerten und selbstverständlich wichtigen „Qualitätsgedanken“ geben können, so lange werden Sie und Ihre Kollegen erbitterten Widerstand gegen Ihre grundsätzlichen Sparansinnen erfahren. Bei keinem anderen in seiner sozialen Existenz bedrohten Arbeiter würde Sie das wundern oder würden Sie das kritisieren.

Ihre Hoffnungen in Ehren, aber gerade der blinde Glaube an private Geldgeber und sponsernde Glücksbringer (und einige waghalsige Rechenkunststücke dazu, die Senator Schulte gerade heftig kritisiert hat) hat unter der Leitung Ihrer SPD-Vorgänger zu den fatalen Fehlentwicklungen geführt. Zudem können und wollen Sponsoren und andere private Geldgeber in aller Regel nur kurzfristig aushelfen und haben auch berechtigte ökonomische oder repräsentative Interessen, die mit Kunst und Kultur (s.o.) eben nur begrenzt kompatibel sind.

Was „Qualität“ und „Optimierung“ von Kultur sowie der angeblich „allgemeine“ Sparzwang in bremischer Lesart bedeuten, hat Katrin Rabus an Zahlen dargelegt, der Senat hat es gerade bestätigt – und Landesvater Scherf führt es in diesen Tagen grinsend vor: Wenn der kurz vor seiner lang angekündigten Pensionierung stehende Landespapa sich ein Denkmal in der Innenstadt leisten will – die Rede ist von einer kühnen Kombination von Amerikahaus und Günter-Grass-Archiv – dann leistet es sich sein Senat von genau dem Geld, das Ihrem Kulturetat fehlt. Um Sparen geht es dem Senat offenkundig nicht, er hat es nicht nötig, und der zuständige Senator hat einen Bedarf offensichtlich nicht anzumelden.

Es ist widerlich unangenehm, kränkend und beängstigend, der Kulturpolitik eines so diametral entgegengesetzt quatschenden und handelnden Senats hilf- und diskussionslos ausgesetzt zu sein. Im Grunde können es nur alle Künstler und Kulturschaffenden dieser Stadt Klaus Pierwoß nachtun: Diesen sich selbst schließenden und ad absurdum führenden „Stadtstaat“ fliehen – ob der schlechten Behandlung, ob der schlechten Bedingungen. Denn allzu viele gute Gründe, in dieser Stadt weiter leben zu wollen, gibt es für kreative Menschen nicht.

Unkonventionelle Kultur wird verdrängt, wo es nur geht. Die Bunker-Probenräume werden aus Sicherheitsgründen geschlossen, der Theaterintendant geht, weil er keinen Vertrag bekommt, die Freie Szene ist bereits weitgehend erledigt – erkennen Sie die Richtung?

Nicht Diskussion und moderater Ton prägen die kulturpolitische Auseinandersetzung, sondern Geschrei, Drohungen, Lobbyinteressen und mediale Kämpfe.

Auf die Diskussionen, Auseinandersetzungen, Prioritätensetzungen und Antworten Ihres Ressorts auf drängende Fragen im neuen Jahr bin ich dennoch sehr gespannt.

Auf ein erquickliches neues Jahr!

5.1.2000 taz Bremen Nr. 6033 Kultur 310 Zeilen, S. 23

2.000 Anschläge: Hier jammert und winselt der Chefkulturverweser

In Politik, Stadt on 15. Dezember 1995 at 09:18

„Familie? Freizeit? Gesundheit? Da fragt sich der wahre Bremer Hungerkünstler: Was’n das’n?“ Der Kulturmanager und Regisseur Carsten Werner nimmt Stellung zum taz-Interview mit dem Leiter der Kulturabteilung, Reinhard Strömer

„Das Kunststück zu sparen, ohne dass es wehtut, gelingt in Bremen genauso wenig wie andernorts.“ Mit dieser Zustandsbeschreibung hat sich der neue Leiter der Kulturabteilung, Reinhard Strömer, vor wenigen Tagen öffentlich zum Reform- und Sparalltag in seiner Behörde geäußert (vgl. taz vom 4. Dezember). Und er fuhr fort: Das habe zur Folge, „dass zu viele Einrichtungen zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel bekommen“. In unserer gestrigen Ausgabe hat die Galeristin Katrin Rabus auf Strömer geantwortet und ihn aufgefordert, als Partner der Kulturschaffenden aufzutreten. Heute nimmt der Regisseur und Kulturmanager Carsten Werner Stellung und empört sich vor allem über Strömers Formulierung, dass in der Kulturszene viele „Untote fortwesen“.

„Anderswo“, weiß Herr Strömer, setzt man „das Notwendige durch.“ Oder man sagt es wenigstens. Im Neuen Bremen flattern einem aus der Kulturbehörde via taz Krankenberichte ins Haus. „Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden, aber es macht zusätzliche Arbeit.“

Nun denn: Ohgottogottogott! Das hab‘ ich nicht geahnt, wie schlecht es einem Bremer Kulturbeamten schon gehen kann, nach nur einem halben Jahr „Bremen neu erleben“. Der Kulturabteilungschef auf der Retourkutsche – genau da hat er uns gefehlt! Einer, der die vielen so positiven Seiten und Ecken unserer schönen, freien Hansestadt am Wasser gar nicht mehr wahrnimmt vor lauter, lauter Feinden und viel, viel zu viel Arbeit.

„Familie, Freizeit, Gesundheit, alles muss zurückstehen“, das kenn‘ ich doch! Aber der wahre Bremer Lebens- und Hunger-Künstler fragt sich natürlich: „Familie, Freizeit, Gesundheit? – Was’n das’n?“ Denn dem geht die Arbeit auch auf die Knochen – und zwar nicht „zunehmend“, sondern seit 10, 15, 20 Jahren ganz kontinuierlich (in denen noch nie ein Kulturverwalter nach meiner Familie gefragt hat, sowasaberauch).

Für unser Dilemma und für unsere Blödheit, in unserer schönen Heimatstadt immer wieder „zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel“ anzunehmen (Geld ist gemeint, wofür man zum Leben zu viel und zum Sterben zu wenig arbeitet), nur um der Stadtkasse die meist höhere Sozialhilfe zu ersparen, um am Glanz des Aufschwungs wenigstens ein wenig teilzuhaben, den Gevatter Henning und seine tollen „besten Köpfe“ ja in den nächsten zwei, drei Jahren förmlich nicht nur verkörpern, sondern bestimmt auch irgendwie total positiv performen werden, bevor sie in Rente gehen, um dann nochmal „total spannend“ an der tollen neuen Privatuni zu studieren … – für diesen blinden, blöden, tumben Glauben an das Gute in der Welt im Allgemeinen und den Sinn der Schönheit und der Kunst in unserem ganz besonderen Bremen, für diese törichte Schwärmerei unsererseits kann der Herr Strömer aus Wiesbaden natürlich nichts.

Und wo hier angeblich schon alle dabei sind beim pauschalen Dreckschleudern, „muss man“, muss der Kulturverwaltungschef Strömer auch mal ganz pauschal retournieren. – „Muss man?“ Wenn Herr Strömer sich und seine Arbeit über eine halbe taz-Seite darstellen darf, hält er es offenbar nicht für nötig, mal eine Vision rüberwachsen zu lassen, wenigstens mal „genau zu zielen“, eine kleine Idee zu offenbaren, gar zu „spezifizieren“, wie er das so gerne hätte. Könnte man ja mal zu müssen glauben, als Kulturamtsleiter mal zu sagen, wie man sich’s wünscht, was man machen will und wird in dieser schönen Stadt. Könnte man auch mal verraten, welche Amputationen und Transplantationen in seinem Kulturlazarett vorbereitet werden, welchem seiner „Patienten“ denn nun Schmerzen zuzufügen wären, auf dass es den anderen Insassen, Halb- und Untoten dieser Krankenwelt viel besser ginge. Ein bisschen mehr als „Hoffnung“ dürfte schon sein beim kühnen, unerschrockenen Chefarzt. – Aber nein, er jammert, greint und winselt wie der Patient Kultur selbst; leidet, dass einem die Tränen kommen! Weil diese fiesen Untoten einfach „fortwesen“ (!), ihn genau wie die blöden Politiker (auf die zu schimpfen ist auch nicht so unpopulär, Herr Strömer!) nicht mal rasten lassen im rauhen Alltag der Kulturbürokratie, -verwaltung und -verwesung. – Statt dass diese untoten Kulturzombies, Beamtenblutegel, diese vor sich hin modernden Wiedergänger der Kunst die ziellose Aussichtslosigkeit ihres Treibens endlich einsehen und zielgenau freiwillig ins Gras beißen und bitteschön endlich endgültig verwesen!

Wir hatten ja sogar eine kurze Zeit geglaubt, gehofft, gebetet und gebangt, Herr Strömer möge ein kraftvoll zubeißender Vorbote des ganz bald allumfassenden Bremer Dauer-Power-Strahle-Frühlings werden. Dann haben wir ganz realitätsnah eingesehen, dass man sich auch als Vorbote natürlich erstmal einleben und umsehen, einarbeiten und reinfühlen muss in Bremens ganz speziellen Charme – und gerade, wer ganz aus Wiesbaden kommt, auch die Reise war ja weit und sicher sehr beschwerlich! So haben wir ihm auch seinen ersten Schwächeanfall im ansonsten allgemeinen Aufwärtstrend verziehen, in dem er irgendwas von kranken Patienten und aussichtslosen Todeskämpfen in unserer großen Kulturfamilie faselte.

Wenn er aber mittlerweile (ganz „pauschal“ übrigens!) von „Untoten“ stammelt, dann muss man sich jetzt aber ernsthafte Sorgen und Gedanken machen:

1. natürlich um den Herrn Kulturverwaltungsleiter, Chefkulturverweser Strömer, der schon so schlottert vor den vielen blutsaugenden Geistern und spukenden Gespenstern um ihn rum, dass seine messerscharfen Gedanken gar nicht mehr so zielgenau und spezifisch treffen, sondern ganz pauschal rumscharmützeln und rufschädigen in unserer kleinen Kulturhauptstadt des Nordens.

2. um das schicke neue Bremen-Image – oder sollen wir’s ganz ohne „Space“ und „Ocean“ jetzt als wassernahe „Moorleichen- und Vampir-City“ an-gehen?

Und 3. und ganz ernsthaft um uns selbst, die Bremer Kunst-Ratten: Bevor wir immerhin gerade noch Untoten (!) jetzt hier zu Tode gejammert werden oder uns gar selbst zu Tode jammern, sollten wir nicht lieber die sinkende Stadt auf dem schnellsten Weg verlassen? Irgendwohin, wo natürlich auch wieder „Abendstunden und Wochenenden selbstverständlich zur unbezahlten Arbeitszeit rechnen“, wo natürlich auch wieder „alles zurückstehen muss, um die Kultur, der man sich verbunden fühlt, zu erhalten“, – wo wir trottelige „Wiedergänger der Kulturszene“ aber wenigstens geliebt, gehegt und gepflegt werden und nicht immer neu in windschiefen Wackelbildchen als „fortwesende Untote“ und ähnliches tituliert werden und nicht alljährlich mit gröbsten Horrorszenarien zu Tode erschreckt werden.

Bremen könnte dann immerhin endlich in Frieden werden, was es verdient und gerne wär‘: „Die ganze Stadt ein Weihnachtsmarkt“, so will’s ja die Bremen-Werbung. Und hoch auf dem strahlend gelben Jahrmarkts-Wagen (oder notfalls auf Scherfs Gepäckträger): Retourkutscher Strömer als Chefjammerer an der Spitze der verbliebenen halbverblichenen Kulturjammerbeutel, im unerschrockenen und zielgenauen Nahkampf gegen die Plagegeister der Untoten.

Genau gezielt, Strömer: Ich hab‘ Ihnen bis heute nichts vorgeworfen. Jetzt werfe ich Ihnen Jammerei vor, aber o.k.: Patienten sind wir ja alle irgendwie. Doch für den „wesenden Untoten“, für den entschuldigen Sie sich bitte. Ganz zielgenau und spezifisch. Bei jedem, der sich in dieser Stadt um Kommunikation und Kooperation, um Solidarität und Streitkultur, um „Synergie“ und „Image“, um Dialog und guten Rat bemüht, sich um Geld, das Sie nicht ranschaffen, sorgt und um Argumente ringt, die Sie wohl nicht brauchen. – Sie kennen die gar nicht alle? Da helfen die einschlägigen Kulturinstitutionen sicher gerne mit ihren spezifischen Adressbüchern aus.

Und wenn das erst abgearbeitet ist, verraten Sie uns mal, wohin die Reise gehen soll in Bremens Kultur- und Kunstszene. Und danach reden wir dann mal zielgenau, spezifisch und namentlich Tacheles über Vollidioten und Faulpelze in Ihren und Untote, Halbgare und Hoffnungslose in unseren Reihen – wenn da mal nicht das Personalvertretungsgesetz und wieder so Pauschal-Ritter und Rächer der missverstandenen Kulturverwalter und -verweser vor sind! Und danach geh’n wir einen trinken und Sie könnten uns dann von Angesicht zu Angesicht sagen, wie beschissen es ist heutzutage als Kulturbeamter. Aber erst dann.

„Wo sind wir hier eigentlich?“, fragt meine Kollegin.

„Bremen hat die Kulturverwaltung, die Bremen verdient“, sagt Herr Strömer aus Wiesbaden. Tja. Bremen macht blau.

15.12.1999 taz Bremen Nr. 6017 Kultur 282 Zeilen, S. 23

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