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Medien selbstbewusst und selbstbestimmt nutzen

In Medien, Politik on 17. April 2015 at 23:30

Medien selbstbewusst nutzen – über die eigenen Daten selbst bestimmen

Positionen zur Medienkompetenz im digitalen Zeitalter
von Linda Neddermann und Carsten Werner

zum Download als PDF

Digitale Medien spielen in der Gesellschaft heute eine zentrale Rolle, auch für Kinder und Jugendliche. TV, Smartphone, PC und Tablet sind aus dem Alltag nicht mehr weg zu denken. Das Internet ist integraler Bestandteil des täglichen Lebens geworden. Zwischen On- und Offline-Sein wird von den meisten Jugendlichen nicht mehr unterschieden.

Der Konsum und die Nutzung von Massenmedien sind seit jeher wesentliche Elemente gesellschaftlicher und kultureller Teilhabe – über das Internet, die Sozialen Netzwerke und digitale Plattformen sind vielfältige Interaktionsmöglichkeiten, aber auch Differenzierungsnotwendigkeiten hinzugekommen. Medien sind heute „alltagsintegrierte und multifunktionale Bestandteile des sozialen Lebens und für den gesamten Prozess des Aufwachsens bedeutsam“ und „tragender Bestandteil sozialer Handlungsfähigkeit“, wie es das von der Bundesregierung eingesetzte Bundesjugendkuratorium beschreibt.

Die Nutzung von Medien – vom Bilderbuch über Filme bis zum Web 2.0, von der Tageszeitung bis zum Computerspiel, vom Sozialen Netzwerk bis zur Smartphone-App – kann neugierig machen und Berührungsängste abbauen, soziale und kulturelle Toleranz, Inklusion und Selbstvertrauen fördern. Digitale Medien sind Teil des öffentlichen Raumes geworden. Grenzen zwischen ProduzentIn und KonsumentIn, zwischen geistigem Eigentum und digitaler Almende, zwischen Besitzen und Teilen, zwischen SenderIn und EmpfängerIn, zwischen Inhalt und Form definieren sich neu.

Medienkompetenz beginnt mit Sprachkompetenz: Lesen und Schreiben, Verstehen und Einordnen, klare und freie Meinungsäußerung sind wesentliche Fertigkeiten, um Medien zu verstehen und zu nutzen. Ebenso unabdinglich für einen kompetenten Umgang mit Medienangeboten und –produkten sind Empathie und Selbstbewusstsein und nicht zuletzt Informationsfreiheit.

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Auf die Vielzahl von Möglichkeiten, die das Internet und andere digitale Medien bereit halten, sind viele Kinder und Jugendliche, aber auch viele Erwachsene, nur unzureichend vorbereitet. Die Überwachung der Einhaltung von Altersbeschränkungen gelingt im grenzenlosen Raum des Internets kaum. Daher muss im Zentrum der Medienbildung und –kompetenzvermittlung vor allem das Lernen eines souveränen Umgangs mit Medien und Daten stehen.

Soziale Netzwerke können Kinder und Jugendliche auch negativen Einflüssen aussetzen: Cybermobbing und -bullying, Grooming[1] und Sexting, herabsetzende Kommentare, entwürdigende Videos oder intime Fotos machen Kinder und Jugendliche im Internet leicht zu Opfern psychischer oder physischer Gewalt. Technischer und juristischer Kinder- und Jugendmedienschutz kann davor nicht umfassend bewahren. Der kompetente Umgang mit Medien muss daher dazu befähigen, die Folgen zu übersehen und sich dagegen wehren zu können. Medienkompetenz ist der zentrale Baustein für einen wirksamen Kinder- und Jugendmedienschutz.

Für die selbstbestimmte und selbstbewusste Nutzung der digitalen Medien ist Medienkompetenz die Grundvoraussetzung und geht weit über das technische Know-How zur Bedienung der „neuen“ Medien hinaus. Sie beinhaltet unter anderem:

  • die Sprachkompetenz als unabdingbare Fertigkeit, um Medien verstehen und zur freien Meinungsäußerung nutzen zu können: Lesen und Schreiben, Verstehen und Einordnen,
  • die selbstbewusste und empathische Partizipation an Information, Wissen, Politik, Kunst und Kultur auch durch soziale und mediale Interaktion
  • Filterkompetenz zur Einordnung, Interpretation und Wertung, Gewichtung von Informationen, Inhalten und Meinungen,
  • die Fähigkeit zur Differenzierung zwischen AnbieterInnen und NutzerInnen,
  • den bewussten und verantwortungsvollen Umgang mit den eigenen Daten und Bewusstsein über Datensparsamkeit und Datenschutz,
  • die Fähigkeit zur kritischen Auseinandersetzung mit den medialen Inhalten und dem eigenen Medienkonsum und –verhalten,
  • das Verständnis von Medien und Medienaktivitäten (auch) als Branchen und Anliegen der Wirtschaft.

Medienkompetenz muss immer wieder neu definiert und erworben werden – und dies parallel zur Entwicklung der Medienkultur und -technik. Sie ist heute wichtiger Teil des lebenslangen Lernens: weil die Nutzung digitaler Medien immer früher beginnt, muss die Vermittlung von Fertigkeiten für selbstbestimmtes, sachgerechtes, reflektiertes, sozial verantwortliches und kreatives Handeln in der digitalisierten Welt bereits im Kindesalter beginnen.

Weil jüngere Generationen als „digital natives“[2] mit den jeweils aktuellen Techniken vertraut aufwachsen, ist Medienkompetenz ein wichtiges Feld des generationsübergreifenden Lernens: Erwachsene (Eltern, ErzieherInnen, LehrerInnen, ältere Menschen) können auch mit und von jüngeren Menschen lernen, Erfahrungen sammeln und austauschen.

Die Vermittlung von Medienkompetenz ist ein wichtiges Element grüner Kinder- und Jugendpolitik, Bildungs- und Kulturpolitik, VerbraucherInnen- und Konsumpolitik. Sie muss sich regelmäßig den kulturellen, technischen und demographischen Veränderungen anpassen, um dem Grundsatz von Prävention statt Reparatur“ folgen zu können.

Wir Grünen vertreten die Auffassung, dass:

  • jedes Kind, jede Jugendliche, jede BürgerIn ein Recht auf freien Zugang zum öffentlichen Rundfunk und zum Internet.  Dazu brauchen wir in Deutschland und Europa eine echte, gesetzlich geregelte Netzneutralität – und freies WLAN ohne Störerhaftung.
  • jedes Kind, jede Jugendliche, jede BürgerIn ein Recht auf Ausbildung und Entwicklung der persönlichen Medienkompetenz hat.
  • Medienkompetenz die grundlegende Voraussetzung für wirksamen Jugendschutz ist.
  • Kinder und Jugendliche eigene und angeleitete Erfahrungen im Umgang mit Medien machen müssen.
  • Kindermedien grundsätzlich der Entwicklung von Medienkompetenz dienen müssen oder diese zumindest nicht beeinträchtigen dürfen.
  • Medienkompetenz in der Schule durch „Lernen über Medien“ in den musischen und geisteswissenschaftlichen Fächern sowie durch „Lernen mit Medien“ als fachübergreifende Querschnittsaufgabe gelehrt werden muss.
  • Medienbildung sich als roter Faden durch alle staatlichen Bildungsangebote ziehen muss.
  • Schüler- und Bürgermedien ein wichtiger Baustein der Medienbildung und des Medientrainings für den Nachwuchs sowohl der Medienberufe als auch der Medienkonsumenten sind.
  • alle BürgerInnen die Möglichkeit haben müssen, auch als Medienakteur in Erscheinung zu treten und die eigenen Anliegen und Ideen unabhängig von Verwertungsinteressen öffentlich zu machen und zu vertreten: im öffentlichen Raum, im Rahmen von digitalen und analogen Bürgermedien und im Internet.

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Deshalb fordern wir Grünen:


… in den Schulen und Kitas:

  • die Fortschreibung und Weiterentwicklung des Rahmenplans Medien für alle Schulstufen und die Kitas sowie einheitliche Standards und Evaluationen der Angebote zur Vermittlung von Medienkompetenz durch fächerübergreifendes Lernen mit, von und über Medien.
  • eine explizite Verankerung von Medienkompetenzförderung als Querschnittsaufgabe im SGB VIII und Medienkompetenz als Bildungs- und Erziehungsziel für Kindertageseinrichtungen und Schulen.
  • die Aus-, Fort- und Weiterbildung der LehrerInnen, ErzieherInnen, PädagogInnen und sonstigen Fachpersonals im Bereich Medienbildung/-kompetenz sowie die Verwebung von Medienbildung in alle staatlichen Bildungsangebote.
  • eine Verbesserung der technischen Infrastruktur in den Kitas und Schulen.
  • die freie Entscheidung von Schulen über die Einrichtung von WLAN und mobilen Endgeräten im Unterricht anstelle von kabelgebundener, stationärer Hardware sowie die weitere Erprobung von sog. „Tablet-Klassen“.
  • die Sensibilisierung und Unterstützung von Eltern und interessierten BürgerInnen als Multiplikatoren für Medienkompetenz.

… medienpolitisch:

  • eine gesetzlich definierte Netzneutralität und freies W-LAN im öffentlichen Raum.
  • die Einführung eines institutionenübergreifenden „Medienkompetenztages“ nach dem Vorbild anderer Großstädte zur Förderung eines generationsübergreifenden Lernens.
  • Die Einführung eines „Freiwilligen Digitalen Jahres“ für Jugendliche.
  • Den Umbau des Bremer Bürgerrundfunks zu einem zeitgemäßen und zugangsfreien Bürgermedium zur Medienkompetenzvermittlung für ProduzentInnen und KonsumentInnen sowie die zielgerichtete Förderung von Kinder– Schüler-, und Bürgermedien in allen Medienformaten.
  • hohe Sicherheits- und Privatsphäre-Einstellungen in Sozialen Netzwerken und anderen interaktiven Angeboten als vorgeschriebene Standardeinstellung.
  • eine Neuregelung der Werberichtlinien für Kindermedien bis hin zu einer möglichen Werbefreiheit von Kindermedien.

… kulturpolitisch:

  • die regelmäßige Sonn- und Feiertagsöffnung von Bibliotheken als zeitgemäßes, familien- und arbeitnehmergerechtes Bildungs-, Kultur- und Freizeitangebot.
  • eine Verknüpfung von kultureller Bildung und Medienbildung.
  • die selbstverständliche Einbindung auch „älterer“ Medien, wie z.B. Zeitungen und Bücher, Radio und Fernsehen sowie der Künste, in die Medienkompetenzvermittlung.
  • die Weiterentwicklung und Nutzung der Deutschen Digitalen Bibliothek.
  • die Unterstützung von Kooperationen von Kultureinrichtungen mit Bildungsträgern, der Medien- und Kreativwirtschaft und den Hochschulen für Medienkompetenz-Projekte.

unsere „Meinung am Freitag“ zum Thema Medienkompetenz

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[1] Gezieltes Ansprechen von Personen im Internet mit dem Ziel der Anbahnung sexueller Kontakte zu Minderjährigen.

[2] Personen, die mit digitalen Technologien wie z.B. Computern, Internet, Mobiltelefonen und MP3-Playern aufwachsen.

Für zukunftsfähige Medien auf allen Plattformen und ohne Depublikation

In Medien, Politik, wörtlich! on 12. Dezember 2013 at 18:48

Seit Anfang 2013 wird für alle Haushalte die Rundfunk- und Fernsehgebühr erhoben, die Allgemeinheit zahlt also für das Angebot der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, auch für die Verbreitung ihrer Inhalte im Internet. Vor vier Jahren wurde auf Druck von Privatsendern, Verlagen und Medienkonzernen eine sogenannte „Depublikationspflicht“ eingeführt – Online-Angebote der Öffentlich-rechtlichen sollten so nur für begrenzte Zeit verfügbar sein. SPD und Grüne haben in Bremen – mit Unterstützung der CDU – einen Antrag „Für zukunftsfähigke öffentlich-rechtliche Medien“ beschlossen: Der grundgesetzliche Auftrag der Rundfunkanstalten, die Bevölkerung mit Informationen, Bildung, Kultur und Unterhaltung zu versorgen, darf nicht durch private Interessen eingeschränkt werden.

Meine Rede dazu:
Sehr geehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren,

Auf Drängen der Verlage und der Privatsender wurde 2009 die sogenannte „Depublikationspflicht“ – für mich ein kultur- und medienpolitisches Unwort! – für die öffentlich-rechtlichen Anstalten eingeführt, die damit auf Abstand gehalten werden sollten von privaten kommerziellen Anbietern im Internet. Deshalb müssen ARD, ZDF und die Deutschlandradios  ihre online in den Mediatheken abrufbaren Inhalte nach ein paar Tagen oder, je nach Inhalt, maximal einigen Monaten aus den Mediatheken wieder löschen –  und dann verschwinden diese wertvollen, gebührenfinanzierten Inhalte in Archiven, aus denen man sie nur mit Mühe und Aufwand und Kosten auf schriftliche Anfrage beim jeweiligen Sender wieder herausbekommt – etwa wenn man sie für den Unterricht oder die wissenschaftliche oder künstlerische Arbeit damit nutzen will. – Ich habe des mal versucht: Da dort auch fast nur noch digital gearbeitet wird, ist es noch schwieriger als früher inzwischen, sich einfach mal einen Mitschnitt zu bestellen: Es ist ein Aufwand, der technisch völlig unnötig ist und der spätestens für den privaten Zuschauer oder Zuhörer  völlig unangemessen ist!

Wir Grünen finden das – und fanden das vor vier Jahren auch schon – eine problematische, eine kulturell und wirtschaftlich geradezu widersinnige Konstruktion: Da werden Inhalte, gerade weil sie qualitativ gut sind und gerade die, die besonders zeitlos und über den Tag hinaus brauchbar und aussagekräftig sind – die werden bestraft, die dürfen der Öffentlichkeit nicht zur Verfügung stehen. Das ist absurd!

Ich freue mich sehr, dass die Bremer CDU-Fraktion sich diesem Antrag jetzt anschließen möchte – das ist glaube ich bundesweit für die CDU überhaupt nicht selbstverständlich, meine Damen und Herren! Und ich bin sehr gespannt, wie sich die uns nun bevorstehende Bundesregierung und wie sich die Länder mit großen Medienkonzernen wie Hamburg zum Beispiel, Bayern oder Nordrhein-Westfalen, zu dem Thema verhalten werden. Da gibt es noch keine so einheitliche Lage. Liebe Kollegen von der CDU: Wir stimmen also Ihrem Änderungsantrag auch zu. Dass das Kerngeschäft und der Schwerpunkt der öffentlich-Rechtlichen Medien audiovisuelle Medienproduktionen sind und bleiben sollen, steht ja für uns außer Frage.

Wenn wir hier von zukunftsfähigen Medienangeboten  sprechen, dann gibt es da durchaus, in der Bedienbarkeit und im Nutzungskomfort , in der Sortierbarkeit von Filmen und Audiodateien auch für ARD und ZDF noch Einiges zu tun! Vor allem will ich auch ganz klar sagen, dass für uns Grüne die so genannte „Jugend-Mediathek“ der ARD noch lange nicht der Weisheit letzter Schluss ist: Einfach viele Medienangebote mit dem Label „Jugend“ zu verschlagworten und das dann „eins-LIKE“ zu nennen, das  ist glaube ich noch nicht wirklich auf der Höhe der Zeit und nicht so fancy und hip, wie das mancher in der ARD vielleicht wahrnimmt oder glaubt (Stefan Niggemeier: „Ein Jugendfilter für die ARD“). – Dem Medienverhalten von Jugendlichen wird inhaltlich  und technisch so eine Datenbank mit einem vermeintlich jugendlichen Namen nicht gerecht. Und sie ersetzt auch ein jugendspezifisches redaktionelles Angebot nicht – diese redaktionellen Angebot werden immer weniger. Wir fordern ja deshalb einen eigenen Jugendkanal über alle Ausspielwege – auch on demand. Der Musikmanager Tim Renner, einer der Ko-Autoren des SPD-„Kreativpaktes“, hat im Tagesspiegel kürzlich eine Art „öffentlich-rechtliches Youtube“ gefordert als Jugendkanal. Ich finde, an dieser Grundidee ist sehr viel Bedenkenswertes dran!

Gleichwohl ist glaube ich klar, liebe CDU-Kollegen, dass Internetangebote ohne Texte nicht oder nur sehr schlecht funktionieren – das ist ja eine generelle Erfahrung und Entwicklung, dass im Internet doich sehr viel gelesen und schriftlich publiziert wird: Schrift ist die Kulturtechnik, mit der wir am schnellsten  Ankündigungen, kurze Zusammenfassungen, kommentierende Einordnungen und vertiefende Informationen wahrnehmen können. – Deshalb darf die Begleitung von journalistischen und künstlerischen Angeboten durch Text kein Kriterium sein, um sie wiederum aus dem Internet fernzuhalten! Das schulden wir nicht zuletzt auch der Barrierefreiheit der Angebote.

Dass all dies plattformübergreifend möglich sein muss – also unbeschränkt auf PCs, in digitalen TV-Angeboten, auf Smartphones und Tablets – , das kann und muss man glaube ich heute eigentlich gar nicht mehr diskutieren: Es gibt überhaupt keinen vernünftigen Grund, bestimmte Inhalte an bestimmte Hardware zu koppeln – was ein stolzer Flatscreen-Besitzer sehen kann und an Informationen bekommt, das muss jemand anderes auch auf seinem Smartphone sehen und erfahren können.

Gerade mit dem neuen für alle Bürger verpflichtenden GEZ-Beitrag haben wir das auf der Kostenseite so definiert – jeder Bürger ist ein Nutzer – und dann muss es selbstverständlich auch auf der Leistungsebene für alle die gleiche Gegenleistung geben!
Seit 2009 hat die Technik sich schon wieder rasant weiter enztwickelt – sowohl die Produktionstechniken als auch die digitalen Vertriebs- und Publikationswege. Dem müssen wir politisch vielfältig und zügig Rechnung tragen – und da müssen die öffentlich-rechtlichen Anstalten selbstverständlich mit dabei sein können, die dürfen da nicht hinterherhinken. – Übrigens – auch wenn das über unseren Antrag hier hinaus geht: Ich finde, es ist auch dringend an der Zeit, dass auch die Quoten-Ermittlung für Fernsehen und Rundfunk deren Internet-Angebote mit einbeziehen muss: Die Quoten werden ja immer noch bei Menschen erhoben, die ein Festnetztelefon haben, da zu bestimmten Uhrzeiten rangehen und zu Hause sind, deutsch sprechen … wenn man das nicht ändert und auch den heutigen technischen und kulturellen Gewohnheiten anpasst, dann geben die ermittelten Quoten irgendwann sehr bald nicht mehr die TV-Nutzung gerade der so genannten „werberelevanten“ jüngeren Zielgruppe wieder.

2009 gab es großen Druck von Seiten der Verlage für diese Depublikationspflicht – und einer der Protagonisten, der Springer-Verlag, hat sich inzwischen  entschieden weiter entwickelt: Wie wir  wissen, wird der ehemalige Verlag gerade zu einem „Digitalkonzern“ umgebaut. Auch daran sieht man die  Entwi cklungen: Und ein Digitalkonzern mit integriertem TV-Sender kann ja nun auch nur noch schwer  mit dem Alleinstellungsmerkmal des gedruckten Wortes dagegen argumentieren, dass alle Medien digital arbeiten und Bürger digital konsumieren dürfen.

Ein vorauseilender Sommernachtstraum: Bremen 2022

In Ideenwirtschaft, Politik, Stadt, Welt on 3. Dezember 2012 at 10:00

Für die Bremer Grünen verfassen Mitglieder jeden Freitag einen Meinungsbeitrag. Im Sommer haben wir uns Gedanken gemacht, wie die Zukunft unserer Stadt aussehen könnte, für die wir arbeiten – Grüne Denkanstöße zur Diskussion und Verständigung.

 

Hier mein vorauseilender Sommernachtstraum: Bremen 2022 – kreative, soziale Stadt der Ideen!?

Auch viele grüne Kollegen haben sich sommerliche Gedanken gemacht:

Robert Bücking meint: Der Geist der Bürgerbeteiligung ist aus der Flasche. Den bekommt man da auch nicht wieder rein. BürgerInnen wollen mitreden, machen sich schlau, machen Druck, definieren ihre Ziele und Interessen, an allen Ecken und Enden der Stadt. Wie geht es damit weiter?

Hermann Kuhn fällt auf, dass Wünsche und Träume und gute Absichten ziemlich selten durch Politik machbar und beeinflussbar sind. Deshalb: eine Mahnung zur Bescheidenheit – und Ideen für 2020.

Kirsten Kappert-Gonther: Bremen ist reich, Bremen und Bremerhaven sind reich an der Vielfalt der Menschen, ihrer unterschiedlichsten Vorstellungen, Wünsche und Bedürfnisse, ihrer unterschiedlichen Herkunft, ihres unterschiedlichen Glaubens, ihrer unterschiedlichen Fähigkeiten.

Joachim Lohses grüne Visionen und Fakten für Bremen: Klimaschutz, Wohnungsangebote sowie bessere und nachhaltige Verkehrsbedingungen für alle Verkehrsteilnehmer.

Zahra Mohammadzadeh über den Anfang der Menschwerdung, an dem wir noch stehen – ein Augenblick in Millionen Jahren Evolution.

Michael „Pelle“ Pelster über Gesche und Roland im Jahr 2020 – und was bis dahin zu tun ist.

… und jeden Freitag gibt es eine neue grüne „Meinung am Freitag“.

 

Ein vorauseilender Sommernachtstraum: Bremen 2022 – kreative, soziale Stadt der Ideen!?

Bremen hat sich seiner Eigenheiten besonnen und lockt mit seinem Stadtmarketing Besucher, die sich für die Soziale Stadt, eine Stadt diversifizierter Quartiere und Communities interessieren, die im Austausch und Ideenstreit miteinander den Stadtstaat als Experimentier- und vor allem Erkenntnislabor für die überall wachsenden Städte in Deutschland entwickeln: Bremen ist als erste deutsche Großstadt „European Transition Town“ die unter dem Motto „Stadt der Ideen“ Wert auf regionale und lokale Versorgung, eigenständige und sublokale Entwicklung legt. Bremens tradiertes Image und Selbstverständnis als tolerante, soziale und kreative Stadt mit hoher Lebensqualiät und ökologischem Anspruch war dafür eine ebenso wichtige Voraussetzung wie die Erklärung aller Bundesländer und der Bundesregierung zur Eigenständigkeit und Entschuldung Bremens von 2020.

Dafür hat Bremen schon Jahre zuvor die Weichen gestellt und gute Voraussetzungen geschaffen: In der City wird wieder gewohnt und gelebt. Arbeiten und Wohnen gehören wieder zusammen. Eine kleinteilige, konkrete Stadtentwicklung zur sozialen Durchmischung des Wohnens und Arbeitens, aber auch des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens wirkt sich auf alle sozialen Bereiche, aber auch auf die Inhalte der wissenschaftlichen, kulturellen und medialen Angebote aus. Teilhabe ist kein fernes politisches Ziel und kein weitgehend undefiniertes politisches Projektionsfeld mehr, sondern gelebte Erfahrung und Verantwortung. So gewinnen Visionäre, WissenschaftlerInnen, KünstlerInnen und kreative UnternehmerInnen zunehmend Einfluss auf Politik und die städtische Entwicklung: Sie bilden neue Träger und übernehmen gesellschaftliche Aufgaben. BürgerInnen und IdeeninvestorInnen entwickeln Quartiere, erkennen und planen Veränderungen für ihre Stadtteile, schaffen Öffentlichkeit, entwickeln ihre Räume und Gebäude, ihre sozialen Einrichtungen und ihre Natur. Brachen sind keine Problemzonen, sondern eröffnen neue Möglichkeiten.

Die Bremische Bürgerschaft hatte dazu 2015 ein umfangreiches Genossenschafts-Förderprogramm beschlossen. Im Bremer Parlament sitzt inzwischen auf jedem 5. Platz ein Mensch mit familiären oder frischen, konkreten Erfahrungen, die wir 2012 noch als „Migrationshintergrund“ bezeichnet haben – auf jedem 10. Sitz haben KünstlerInnen, PhilosophInnen und Kreative Platz und Stimme gefunden. Das Senatsressort für Stadtentwicklung ist längst auch für Kultur, für Stadtmarketing und Tourismus zuständig.

Aus dem ehemaligen Bürgerrundfunk und dem ehemaligen Stadtportal „bremen.de“ war 2015 ein öffentlich-rechtliches Stadtmedium geworden, in dem Kinder, Lehrende und Lernende, Kreative und WissenschaftlerInnen, Bürgerredaktionen und Alltagspezialisten aller Quartiere und Disziplinen Bremens sich gegenseitig informieren, beraten und gemeinsam Bremens Ideenreichtum und Bremens Entwicklungskraft darstellen und im Diskurs weiter entwickeln – 2022 bekam „Bremen Live“ dafür den Grimme-Preis und einen Echo. Die offen und jederzeit sichtbaren Ideen der BremerInnen und Bremer haben auch das lokale Tageszeitungsmonopol radikal verändert: Der Weser-Kurier erreicht weiter fast jeden Haushalt – als populäre Wochenzeitung, die sich mit relevanten Ideen beschäftigt, mit viel journalistischer Energie und Neugier tiefer Analyse, Aufklärung, Teilhabe und Zukunftsideen widmet, mit den Bremern und ihren Gästen Haltungen, Gemeinwesen, Heimat und Zugehörigkeit entwickelt. Nachrichten empfängt man per Internet und Digitalrundfunk.

Die Quartiere und die Bremer City können frei von Autos befahren werden – der Autoverkehr ist aber aufgrund der guten Nahversorgung und der hohen Anschaffungs- und Betriebskosten radikal zurückgegangen und wird immer weniger als Bedrohung für andere Verkehrsteilnehmer und das Stadtbild empfunden. Carsharing ist das Mittel der Wahl, die Bremer Straßenbahnen haben Lasten-Abstellflächen und Leih-Lastenfahrräder gibt es wie alle anderen Fahrradtypen an vielen Stellen der Stadt unkompliziert „to go“ … Rollatoren, Skater und Kinderwagen gehören als Verkehrsteilnehmer zum Stadtbild, Fußgänger und Fahrräder werden immer mehr zum Maßstab der Straßengestaltung.

Die Bebauung des Rembertiviertels hat sich aufgrund der vielfältigen Ansprüche der genossenschaftlich organisierten Baugruppen verzögert und soll jetzt im Sommer nächsten Jahres als autofreies Cityquartier eröffnet werden. Die Hochstraße wird nun doch nicht abgerissen, weil eine Bürgerinitiative sich erfolgreich für den Erhalt der seit ihrer Stilllegung entstehenden und durch Guerillagärtnerei intensivierte Vegetation eingesetzt hat: Der Bürgerparkverein hat sich im Rahmen der Bewerbung als „Transition Town“ bereit erklärt, diesen grünen Park-Streifen in der Bahnhofsvorstadt zu pflegen und ökologisch weiter zu entwickeln. Dazu hat er mit interessierten Bürgern ebenfalls eine Genossenschaft gegründet. Verantwortung entsteht in Bremen zunehmend auch aus Teilhabe – am gesellschaftlichen Wirken, aber auch an Eigentum.

Oberneuland hat sich zur angesagten Künstler- und Familienkolonie im Grünen entwickelt, die 2015 aus der „Entwicklungsagentur West“ hervorgegangene Investitionsgesellschaft für den Bremer Westen feiert unter dem Label „Reicher Westen“ den erfolgreichen Abschluss der städtebaulichen Sanierung – neben anderem mit einem „Theater der Kulturen und Religionen“ im ehemaligen Waldau-Theater, mit konfessionell und sprachlich, kreativ und sportlich spezialisierten Ganztagsschul-Profilen. Die Überseestadt ist durch einen Rückbau der Nordstraße an Walle herangerückt. Architektonisch macht Bremen seit einigen Jahren durch eine kleinteilige und flexibel nutzbare, einfache Architektur auf sich aufmerksam, in familiäre Wohneinheiten und Single-Wohnen, generationengerechtes und -übergreifendes Wohnen und Arbeiten miteinander vielfältig und variabel kombiniert werden können – der Senat hatte dazu unter international renommierten Architekten Wettbewerb zur Neuerfindung des Typus „Bremer Haus“ ausgeschrieben und zehn Modelle prämiert sowie Bauinteressenten zur Nachahmung empfohlen und freigegeben.

Die Mobilität des Reisens ist deutlich teurer geworden – insofern gilt es für touristisch geprägte Städte und Regionen, sich für längere, mehrwöchige Aufenthalte interessant und erlebenswert zu machen. Am 1. Januar hat das erste sozialwissenschaftliche Science Center mit Lern-, Spiel- und Experimentierangeboten zu Toleranz, Nachbarschaft und Streitkulturen eröffnet, ebenfalls noch in diesem Jahr soll in einem zweiten Modul ein populärwissenschaftliches Institut Programmangebote zu den Themen Angst und Sorge, Mut und Courage machen. Das Universum widmet sich in einer komplett neuen Sonderausstellung den international ausgerichteten Themenkomplexen Mobilität, Migration und Kulturen des Teilens – in einer Public Private Partnership mit dem aus Übersee- und Fockemuseum fusionierten Historischen Museum Bremen. Dessen Museen werden sukzessive um zahlreiche Außenstellen erweitert: Das Konzept „Erinnerung im Leben“ sieht den Erhalt und die Bespielung oder wirtschaftliche Nutzung von denkmalgeschützten Gebäuden und Inneneinrichtungen vor. Der Bunker Valentin entwickelt als zentrale Gedenk- und Erinnerungsstätte mit einer innovativen multimedialen Bespielung und Stipendienprogrammen für junge AutorInnen und BildkünstlerInnen Kriterien und Formate für Erinnerung und Gedenken der Generationen nach dem Ableben der letzten Zeitzeugen.

2030 soll die 222. Weltmeisterschaft in Bremen stattfinden – nach bis dahin 221 Randsportarten die 1. Weltmeisterschaft der nun boomenden Funsportarten. Ebenfalls für 2030 wird mit Botanica, Bürgerpark, der Wümmeniederung, Hollerland, Hemelinger Marsch und dem neuen Naturschutzgebiet Unisee sowie einigen kleineren, sublokalen Naturerlebnisräumen eine Bundesgartenschau als Großstadt der regionalen und städtischen Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren geplant. Denn gesundes, regionales Essen und gesundes (Stadt)leben sind längst ein touristisch relevanter Faktor geworden.

Die Kreativwirtschaft ist zum wesentlichen Standortmerkmal des produzierenden Gewerbes, Handwerks und auch des Handels geworden: Fahrradwirtschaft, Mode, Souvenirs, Kunsthandwerk sind inzwischen Reiseanlässe für Bremen-Besucher. Die Kreativwirtschaftsförderung hat Bremen mit offenen Werkstätten für alte und neue Produktionstechniken in Kunst und Handwerk – hervorgegangen aus der Neuaufstellung von Fockemuseum, Städtischer Galerie, Designzentrum, Güterbahnhof und Schwankhalle – zu einem Hotspot auch reisender Kreativer im nationalen und internationalen Kulturaustausch gemacht, die als Gäste neben deren technischen Möglichkeiten auch temporäre Ateliers nutzen können. Die ehemalige „Hochschule für Künste“ wird gerade zur „Schule der Improvisation“, hat einen neuen Lehrstuhl für Zeitpolitik und bietet auch Aus-, Fort- und Weiterbildungen außerhalb der Hochschul-Studiengänge für verschiedene Branchen der Kreativwirtschaft an. Das Klaus-Kuhncke-Archiv, das Studienzentrum für Künstlerpublikationen und das Tanzfilminstitut sind unter dem Dach der Hochschule zum Institut für kulturelle Dokumentation fusioniert, das für acht Jahre vom Google-Konzern aus dessen Gewinnen aus der Facebook-Übernahme finanziert wird. Radio Bremen hat von der ARD den Auftrag und die Finanzierung zugesagt bekommen, als Modell- und Referenzprojekt des Senderverbundes gemeinsam mit der Stadtbibliothek sowie Partner aus der Verlags- und der Filmbranche ein öffentlich-rechtliches On-Demand-Portal für Wissen und Kultur zu entwickeln. Open Airs und Festivals bespielen schon seit einigen Jahren die Stadträume nicht nur der City alljährlich von Juli bis September durchgehend mit Kultur „umsonst und draußen“ – der Bremer Kultursommer lockt immer mehr Touristen in die Stadt, die Hotels sind in dieser Zeit oft ausgebucht und temporäres Wohnen im Grünen, auf dem Wasser und in Zwischennutzungen werden auch von Touristen immer stärker nachgefragt. Das ehemalige DDR-Fischfang-Motorschiff „Stubnitz“ pendelt immer noch einmal jährlich zwischen London und Bremen im Dienste des kreativen Ex- und Imports und als Schaufenster der kreativen Branche. Die Bremische Landesvertretung in Berlin veranstaltet schon seit 2015 jährlich im Frühling ein Kulturfestival „made in Bremen“ in der deutschen Hauptstadt.

Alle Zuwendungsempfänger Bremens sind aufgefordert, Bildungs- und Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche in ihren Betrieb zu integrieren – jede Grünanlage, jede Kultureinrichtung, jeder Sozialträger bieten Beschäftigung und Bildung für junge Menschen. Denn die Übergänge zwischen Kindergarten, Schulen und weiterer Ausbildung werden fließender. Die demografischen Veränderungen prägen die Bildungslandschaft transkulturell und generationenübergreifend: Gruppenstärken schrumpfen, Betreuungsquoten steigen, Alte und Junge lernen und arbeiten zunehmend voneinander und gemeinsam. Berufliche Bildung wird sich im Schnitt alle 10-12 Jahre grundsätzlich erneuern müssen. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit sinkt deutlich unter 30 Stunden. Grüne Bundesministerinnen fordern vehement die inführung eines bedingungslosen Grundeinkommens.

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Zur Orientierung: Ein Blick zurück von vorn, 2012:

In den vergangenen 5 Jahren
– ist Radio Bremen in die City gezogen und hat sich als trimediales Funkhaus neu erfunden.
– ist Bremen nicht Kulturhauptstadt Europas geworden, sich aber seiner Kraft als Kulturstadt bewusst geworden.
– ist Bremen bei jungen Menschen eines der beliebtesten deutschen Reiseziele geworden.
– ist Osterholz-Tenever vom prekärsten Stadtteil Bremens zu einer sehr gefragten, lebenswerten Hochhaussiedlung mit einer der besten Schulen Deutschlands geworden.

In den vergangenen 10 Jahren
– ist die neue Überseestadt entstanden
– der Spacepark entstanden, gescheitert und von der „Waterfront“ beerbt worden.
– hat Radio Bremen einen Großteil seiner bis Ende der 90er zur Verfügung stehenden Mittel verloren.
– hatte Bremen das erste deutsche Science-Center
In den vergangenen 20 Jahren
– hat Bremen die Werftenpleiten erlebt.
– hat sich Bremen als „Stadt am Fluss“ entwickelt, die Schlachte etabliert und das Stadtleben wieder dem Fluss zugewandt.
– sind in Bremen ca. 20 Kultureinrichtungen und alle Kulturfestivals entstanden.
– haben Computer und Internet Einzug ins alltägliche und kulturelle Leben gehalten.
– war Radio Bremen die wichtigste deutsche Ideen- und Talentschmiede der Fernsehunterhaltung und des Lokalfernsehens.
– ist Bremen zum wichtigen Ziel des klassischen Städtetourismus v.a. für ältere Menschen geworden.

Ein bisschen was geht immer!

Was wir dazu brauchen?
– Eine gerechte Steuerverteilung und einen guten Länderfinanzausgleich.
– klare soziale Ansprüche.
– Partner ohne Angst vor Veränderungen, Ideen und auch mal Experimenten.
– Vertrauen in die nachwachsenden Generationen und ihr Innovationspotential – auch als Träger gesellschaftlicher Aufgaben.
– Vertrauen in Wissenschaft und Kunst.
– Verständnis für Veränderungsängste, Respekt, Akzeptanz und Realismus: Zeitgenossenschaft.
– Neugier.
– Glück.

Bremen ist erneuerbar.

Pressegrosso für Medienvielfalt und Netzneutralität gesetzlich absichern

In Medien, Politik, wörtlich! on 19. Oktober 2012 at 10:00

Das „Presse-Grosso“, das Vertriebssystem für die Belieferung von rund120.000 Verkaufsstellen von Zeitungen und Zeitschriften, besteht seit über 50 Jahren. Damit wird die flächendeckende Belieferung zu einheitlichen Preisen gewährleistet, kleinere Verlage werden mit großen gleichgestellt und deren größere Vertriebsmarktmacht verhindert. Der Bauer-Verlag hatte wegen Wettbewerbsbeschränkung dagegen geklagt und Recht bekommen. Befürchtet wird nun eine Einschränkung der Pressevielfalt und dass aufgrund geringerer Einnahmen die 68 Presse-Grossisten nicht mehr alle Regionen beliefern könnten. Gegen das Urteil wurde Berufung eingelegt.

Mit einem rot-grünen, einstimmig beschlossenen Antrag wird der Senat jetzt aufgefordert, mit den anderen Bundesländern gesetzliche Regelungen zum Erhalt des Presse-Grossos erarbeiten. Meine Rede in der Bremischen Bürgerschaft dazu:

 

Sehr geehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

Die 68 Presse-Grossisten in Deutschland sichern die „Überallerhältlichkeit“ und die Vielfalt des Presseangebots in Deutschland. Das ist sozusagen die analoge Form der Netzneztralität – die uns in der Daseinsvorsorge und als Teil davon im Medienbereich sehr wichtig ist. Das Bundesverfassungsgericht hat ihre Tätigkeit 1988 gemeinsam mit der Preisbindung für Presseerzeugnisse zu einem wesentlichen und also schützenswerten Baustein der Pressefreiheit nach Art. 5 GG erklärt.

Dadurch, dass die Grossisten Presseprodukte zentral bei allen großen und allen kleinen Verlagen einkaufen und gleichberechtigt an ihre 120.000 Verkaufsstellen vertreiben, haben auch kleine, nicht so finanzsstarke und haben auch vielleicht auch in der Zielgruppe minderheitenorientierte Presseunternehmen für ihre Produkte die Sicherheit, dass sie überall angeboten werden. Und Zeitungsleser haben auch an Verkaufsstellen im ländlichen Raum, auch in kleinen Kiosken , Tankstellen oder Supermärkten die Chance, alle Presseerzeugnisse zu erhalten.

Dieses System hat sich bewährt und wir finden das erhaltenswert – im Interesse der Meinungsvielfalt, der Qualität der Presse und ihrer Zugänglichkeit.

Das sehen auch die Verlagsverbände und alle Parteien im Deutschen Bundestag so.
Dieses System ist aber bisher nicht gesetzlich verankert, sondern basiert auf freiwilligen Vereinbarungen der Verleger und der Grossisten.

Aus deren Umsetzung hat sich allerdings der große Bauer-Verlag verabschiedet – er hat einen eigenen Pressevertrieb ausschließlich für die eigenen Produkte gegründet und lehnt  zentrale Preisverhandlungen auf Verbandsebene ab. Und er hat gegen die Grosso-Regelungen erfolgreich geklagt, u.a. da seine 100%ige Tochterfirma nicht  an Vereinbarungen der Verbände gebunden sei.

Nun hat die Bundesregierung – unser Antrag hier ist ja ehrlich gesagt schon ein halbes Jahr lang unterwegs –  ganz frisch in den letzten Tagen gerade ein Gesetz zur Pressevielfalt vorgelegt. Und wir freuen uns und begrüßen es, dass sie eine gesetzliche Regelung beim Presse-Grosso einführen will. Das entspricht unserer Forderung. Große Verlage sollen die Medienlandschaft nicht einseitig dominieren. Allerdings ist die juristische Ausgestaltung gewagt und wir hoffen sehr, in Deutschland und auch in der EU rechtlich Bestand.

Die Bundesregierung will mit ihrem Gesetz jetzt allerdings auch Pressefusionen erleichtern und ein neues Leistungsschutzrecht für Presseverlage etablieren. Diese Aktivitäten sind aus unserer Sicht dann leider doch wieder eine ganz einseitige Hilfe für die großen Verlage: Für das Leistungsschutzrecht, das aus unserer Sicht vor allem handwerklich schlecht ist – weil es weder genauer definiert, welche und wessen Leistungen geschützt werden, noch genauer gesagt wird, wen es genau treffen soll – für dieses neue Leistungsschutzrecht hat sich ja vor allem und fast allein der Springer-Verlag intensiv engagiert und Lobbying betrieben.
(- interessante Einordnungen und Informationen dazu in diesem Link zum Blog von Sascha Lobo …)

Und durch die Lockerung der Fusionskontrolle wird die Medienvielfalt ja auch eher nicht zunehmen: Es gibt ja schon ein ganze Reihe Regionen mit nur einer einzigen Lokalzeitung und auch das Kartellamt und die Monopolkommission sehen dadurch Pressevielfalt und PresseWettbewerb eingeschränkt. In dieser Situation setzt die Bundesregierung die Aufgreifschwelle herauf, führt eine neue Bagatellklausel ein und will Sanierungsfusionen einfacher zulassen. Das alles dient am Ende wahrscheinlich gerade nicht der Pressevielfalt. Und das hat alles auch leider keine nachvollziehbare Datengrundlage: Um wirklich zu Neuregelungen zu kommen, die wirklich den Journalisten und Journalistinnen und der Meinungsvielfalt dienen, braucht es eine zeitgemäße und ausführliche Medienstatistik als nachvollziehbare Datengrundlage – und nicht bloß Schätzungen und Gesetzentwürfe, die vom Hörensagen „über dieses Internet“ mit dem Springer Verlag ausgetüftelt werden.

Es bleibt also genug zu streiten und vor allem zu tun in Sachen Pressevielfalt , Qualitätsjournalismus und Medienreformen.

Nichtsdestotrotz: Beim Thema Pressegrosso sind wir uns mit der Bundesregierung, allen Parteien im Deutschen Bundestag und übrigens neben fast allen anderen Verlagen auch mit dem Springer Verlag einig – und deshalb bitten wir Sie um Zustimmung zu unserem Antrag hier, zu dem nicht zuletzt auch gehört, dass die Länder für eine Umsetzbarkeit und eine Umsetzung des Pressegrosso-Systems sorgen müssen.

Lokal(wahl)berichterstattung

In Ideenwirtschaft, Medien, Politik, Stadt on 22. Mai 2011 at 13:11

Überraschend und ein bisschen enttäuschend, wie wenig sich der Heimatsender Radio Bremen mit den vielen, vielen KANDIDATEN UND KANDIDATINNEN der Parteien beschäftigt hat – stattdessen am laufenden Meter Interviewstunden mit Kompetenzen für Bremer Politik wie Hannelore Kraft, Hermann Gröhe, Angela Merkel, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Philipp Rösler usw. und deren Grundsatzerklärungen – rätselhaft. Ausschließlich Spitzenkandidaten – und ein schnöder Link zum Abgeordnetenwatch. Ob hab ich on air Großartiges verpasst, was es online nicht gab? Aber schimpfen über „langweiligen Wahlkampf“!

Da liegt der WK weit, weit, weit vorne mit seiner Berichterstattung z.B. über Migranten, Wirtschaftsvertreter, hintere Listenplätze Junge und Alte, Beiräte, lokale Themen , Erwartungen von Bürgern und Wahlprüfsteinen der Interessengruppen – plus ALLE Kandidatenporträts mit Statement im SMS-Format.

Meinen persönlichen Sonderpreis für feine Blogs würden aber die beiden RB-Blogger Teja Adams und Jochen Grabler kriegen: Jeder einen!

kulturpolitische Bilanz 2007-11

In Politik on 23. Oktober 2010 at 22:01

Mein Beitrag für den Weser-Kurier v.23.10.2010
zu einer Sammlung von Bilanzen der Kulturpolitik von Jens Böhrnsen und Carmen Emigholz 2007-2011

(Die gefetteten Passagen wurden für die Zeitung redaktionell gekürzt.)

Die Sammlung aller Beiträge online:
http://www.weser-kurier.de/Artikel/Bremen/Kultur/251874/Bestandsaufnahme+fuer+Jens+Boehrnsen.html

Kultursenator Jens Böhrnsen tritt jenseits repräsentativer Auftritte (erstaunlich treu etwa zu Seebühnenevents und Stadtmusikantenpreisen) so selten selbst in Erscheinung, dass der Anteil seiner Staatsrätin Carmen Emigholz an der kulturellen Entwicklung in Bremen weit größer scheint. Die hat die brachen Baustellen des vorhergehenden Kultursenators Jörg Kastendiek (CDU) immerhin wieder belebt: Filmbüro, Gerhard Marcks Haus, Shakespeare Company, Schwankhalle, Bremer Theater, Kammerphilharmonie, Breminale und wohl auch die Weserburg konnten so Vorstellungen für ihre Zukunft und Selbstbewusstsein entwickeln – das ist von unschätzbarem Wert!

Das ewig durch die Stadt unkende Drama der Theaterintendanz Frey wurde vom Bürgermeister aber viel zu zögerlich angegangen, lähmte das kulturpolitische Geschehen auf Jahre und schmälerte Image und finanziellen Spielräume für Kultur dramatisch.

Im Schatten des Bürgermeisteramts wurden Schließungen verhindert – aber kaum Neuerungen realisiert. Das Kino 46 dümpelt weiter in Walle, Waldautheater und Schnürschuh und Theaterlabor werden irgendwie geduldet und wohl auch ein bisschen alimentiert. Aber die Bibliotheken bleiben absurderweise am Wochenende geschlossen, für die Überseestadt gibt es kein schlüssiges Kulturkonzept, die Arbeit der viel gelobten und erfolgreichen ressorteigenen Jugend-Kunst-Nachwuchs-Stiftung START endete laut eigener Homepage sang- und klanglos wohl irgendwann 2008, viele Potentiale haben quasi Wachstumsverbot. Die Förderung der Kreativwirtschaft beschränkt sich oft auf deren – offenbar mühsame – Selbstkenntlichmachung, und die übernehmen private Initiativen, die WFB oder das Medienreferat der Senatskanzlei. Kultur als Imagefaktor verschwimmt und versandet zusehends in den Händen der fusionierten WFB und der Bremer Touristik-Zentrale.

Eine Abstimmung und Vernetzung der verschiedenen Kulturförderungen (durch Wirtschaftsressort und WFB, über Bildung und Stadtentwicklung, für Film und Medien oder WIN-Projekte) findet jenseits undurchsichtiger technischer Finanzverteilungen von Seiten der Stadt inhaltlich kaum statt. Nichtstaatliche und nicht geförderte Bildungs- und Kultureinrichtungen werden am Diskurs kaum beteiligt. Relevante Neuerungen oder gar Gründungen macht das schwierig. Der „Klub Dialog“ und die „Zwischen Zeit Zentrale“ als vielleicht wichtigste Innovationen für die Kulturlandschaft sind dann auch in Obhaut des Wirtschafts- bzw. Stadtentwicklungsressorts entstanden.

Also: Es ist viel los in Bremen und viel im Gespräch, manches in Frage zu stellen und viel Neues zu wagen. Der Diskurs über echte Kulturentwicklung findet eher im Weser-Kurier als in der Kulturverwaltung oder zwischen den Kultureinrichtungen statt. Es wäre schön, wenn Carmen Emigholz’ neuer Umgang mit Künstlern (!) und Kulturakteuren in den nächsten Jahren frische Früchte trüge – dann vielleicht auch wieder verbunden mit einem starken gestaltenden Ressort wie Stadtentwicklung, Bildung oder Wirtschaft?!

sonntags wund

In Medien on 10. Oktober 2010 at 14:12

Und genau an dieser Stelle liegt der Problemhase im Pfeffer“ – puh, da hat sich der Weser-Report aber wieder wund kommentiert: „Verdrießlich ist das Gebahren“ – „Jeder einzelne von uns ist der Staat und auch die Parteien. Aber damit wollen wir dann doch lieber nichts zu tun haben, man will ja nicht zu den Idioten gehören. Kein Wunder, dass bei aller Häme und allem Desinteresse Politiker ihrerseits bürgerverdrossen sind.“ Naja. Na dann. Das erklärt ja fast alles! – „denn einen guten Staat …, den machen wir alle zusammen.“ Wir alle. Von der Schülerzeitung bis in die hohe Politik. Gut, dass es uns sonntags mal einer sagt!

Die Kunst des Nervensägens

In Kunst, Medien on 11. Dezember 1993 at 21:14

Zum Zuschauen, Entspannen, Nachdenken: Ein vernichtender Leserbrief, eine gebührende Antwort

Wieso muß, wieso kann, warum will die taz sich einen Kulturredakteur leisten, der nichts auf der Pfanne hat, als die Sprache der Künstler und Kulturveranstalter seines journalistischen Provinzreviers mehr oder weniger witzig auseinanderzupflücken und so ihre Ideen und Inhalte zu verarschen und für dämliche Wortspielchen zu verramschen – offensichtlich ohne jedes Interesse und ohne den Anflug einer Kenntnis der Materie?

Manfred Dworschaks halbgare Sprüche und Artikel durchzieht immerhin ein Gedanke konsequent: Kunst ist meistens uninteressant, wenn nicht gar unverständlich und also langweilig und albern. Daß Künstler ihre Kunst auch noch mit Worten beschreiben oder betiteln (weil man Kulturschreibern oft genug die Worte in den Kuli pusten muß, damit sie sich überhaupt zur Wahrnehmung durchringen), ist nicht ihre Aufgabe und also bester Witz-Stoff. Das kann der witzige Manfred Dworschak viel besser: „Kultur ist Scheiße!“ möchte man schreien mit ihm, fast täglich, statt seitenweise Stammtisch- Gestammel runterzuwürgen, über seinen gestörten Redaktionsfrieden, über seine irre Sorge um zuviel Kunst auf seinem kleinen Schreibtisch und über seine persönlichen Probleme mit Zahnbürsten-Verpackung. Kultur-Politik erledigt er fast nebenbei: Heyme hochjubeln und Heyme kaltstellen, das schafft er rasant wendend geradezu in einem Rutsch. Die u.a. von seinem taz-Kollegen Thomas Wolff in Schwung gebrachte Concordia-Initiative der freien Theater kanzelt er mit zwei launigen Sprüchen ab. – Das Muster ist für diese politischen Stellungnahmen wie für die Volksstimme-Kritiken dasselbe: Hauptsache, die Sprüche peppen und die Überschrift zischt ordentlich. Kritisiert werden auf einer ganz vordergründigen äußerlichen Ebene (fehlende) Formen und Ansprüche, die die taz bei ihren eigenen Mitarbeitern übrigens nur zu oft und gerne akzeptiert.

In der ersten Reihe der taz- Kultur kläfft und blubbert jemand selbstvergnügt und wortbesoffen (und verhältnismäßig gut und sicher bezahlt) gegen die, die er nicht ernstnehmen kann oder will, die in Kunst und Kultur als Versuch, als Streitobjekt, als Lustgewinn immerhin und immer wieder einen Sinn sehen oder suchen.

Lieber Manfred, trag doch Deine pseudoliterarischen (oder pseudojournalistischen?) Wortketten in den Copyshop, bastle ein hübsches Bändchen im Selbstverlag, vertreib‘ es in der Heimat und hoff‘, daß nicht irgendein blöder Kultur-Reporter Dich fragt, warum Du das tust, was Du damit meinst und wen das interessieren soll. Bei der taz mach‘ Platz für eine mit Lust auf kulturelle Auseinandersetzung, auf Streit und Kritik auch und auf künstlerische Prozesse – und zur großen Lust ein bißchen Ahnung und Interesse. Dann wollen wir Dir Dein Generv und die Beleidigungen gerne verzeihen und uns ewig freuen an Deiner schönen Wortschöpfung vom „Quargel“

Carsten Werner

Lieber Carsten Werner,

das Lustigste ist, daß du ja wirklich glaubst, ich hätte Heyme „hochgejubelt“ bzw. im nächsten Augenblick „kaltgestellt“. Das ist aber nicht die Wahrheit, sondern es ist deine Phantasie, die sich naturgemäß an der Vorstellung des Hochgejubeltwerdens entzündet, um vor der dann leider drohenden Kaltstellung umso heftiger zu erschaudern. Die Wahrheit ist, daß dein „Junges Theater“ auch weiterhin weder das eine zu erhoffen noch das andere zu befürchten hat, und wenn du mir noch so viele Kulis mit Worten vollpustest. Auch Heyme mußte schließlich alles selber machen, und ich hatte genug zu tun, es aufzuschreiben.

Oft kommt’s ja auch noch soweit, daß ich mit Kunstwerken zu schaffen habe, denen gerecht zu werden mir immer viel Müh und Plag und Skrupelei bereitet. Im Grunde finde ich schon kaum mehr die Muße, „Kultur ist Scheiße!“ zu schreien, denn unverhofft kommt dann wieder einer dieser Deppen daher, mit denen ich viel Freude habe, und schreibt beispielsweise mit meterhohen Lettern „ICH BIN GOTT“ an die Wand des Forums Langenstraße. Ich aber lächle ganz selbstvergnügt und schreibe: „O Leute, schaut, da kommt schon wieder ein Depp daher! Laßt uns ein Spielchen treiben mit ihm!“

Das ist dir zu böse? Soll ich den Kerl lieber ernstnehmen mitsamt seinem Versuch und Streitobjekt und Lustgewinn immerhin und immer wieder? Du weißt nicht, was du verlangst. Ich aber weiß wenigstens, was du stattdessen gern hättest, und weiß Gott nicht nur du: eine Kulturkritik, die einen jeden, der sich Künstlervisitenkarten druckt, mit den Würmern des Wohlwollens päppelt, bis der Kuckuck vollends fett und doof ist.

Das Schöne ist jetzt natürlich, daß gerade so die hergebrachte Kulturkritik vonstatten geht. Selbst einem, der mir nichts, dir nichts durch die Welt schlendert und für Geld mal blaue und mal gelbe Stangen aufstellt, schluffeln noch zehn Rezensenten hinterdrein und wackeln berufsmäßig mit den Köpfen dazu. Ja wir dürfen von einem ganzen vielreflektierten Kunstgenre sprechen, welches aus nichts besteht als aus einem alten Trick: Man nehme ein Ding und schleppe es getrost einmal ganz woanders hin; gerne auch den Granitklops auf die Straßenkreuzung, die Alpenkiesel auf den Rembertikreisel, die Discolasershow aufs Kongreßzentrumsdach. Gottchen, selbst ich, der ich meine Probleme noch lieber mit Zahnbürstenverpackungen habe, käme in einer halben Stunde auf Stücker dreißig solcher Einfälle und bin jederzeit bereit, das unter Aufsicht eines Notars zu beweisen. Immer aber werden sich Menschen finden, die ihre Kinder lieben und Mozart hören und dann aber hingehen und von der „Irritation eingefahrener Sichtweisen“, von „neuartigen Raumzeitbezügen“ und sowieso von „Denkanstößen“ skrupellos umeinanderschnattern.

Ich finde, es übt auf ein solches Geistesleben noch die erfrischendste Wirkung aus, wenn ich zu einem Deppen einfach „Depp!“ sage, auch ohne daß ich vorher die Salzwüsten seines Verstandes durchgrübelt habe. Oder soll ich nochmals und abermals analysieren und entlarven, was als Affigkeit allen Augen offenbar ist, und es sagt nur keiner? Nein, der Kulturkritik mit Herz ist schon auch die Arbeit des Sortierens und zur Not des Wegpfefferns aufgetragen; hinterher kann’s dann ja wieder jeder bestreiten. Aber daß ich einen, der für ein paar Mark in der Gegend herumirritiert, mit ausgesuchter Ernsthaftigkeit behandeln soll, das möchte ich nun meinerseits ablehnen wie jede andere Komplizenschaft auch.

Ich denke vielmehr, daß man die ganze friedsam schnarchende Kunstdebatte erfreulich befördern könnte, indem man endlich die Kategorien des Absahnerischen, des Selbstmörderischen und des komplett Bescheuerten einführte. Wie viele Seelchen könnte man noch früh genug abschrecken, und wie herrlich schwer hätten’s die Abgebrühten, denen die Kunst derzeit immer leichter von der Hand geht.

Fast möchte man meinen, der Kunst selber wäre wohler, wenn es ihren ehemals guten Namen nicht länger geschenkt gäbe. Manch einem, der ihn sich verdienen möchte, würde einfallen, wieviel der Wert eines Werks hat ja doch mit der Arbeit zu tun hat, die sich in ihm vergegenständlicht. Die Betrachter jedenfalls hoffen inständig, sie zu entdecken, weil sie zu Recht nicht ertragen, daß sich einer etwas erschleicht. Da sind sie eigen. Unbeirrt finden sie den Wert des Kunstwerks darin erfüllt, daß da eine schwere Arbeit zu großer Leichtigkeit geführt hat.

Umso schwieriger wird es aber für unsereinen, wenn die schwere Arbeit in schwerer Ödnis endigt, wenn das ganze verdienstreiche Schwitzen nichts geholfen hat. Das ist es vermutlich, was du, lieber Carsten, zu den Problemen einer „ganz vordergründigen, äußerlichen Ebene“ rechnest, die ich doch zugunsten der Inhalte, des Bestrebens und des unveräußerlich guten Willens nicht gar so wichtig nehmen möge. Bedenke aber bitte, daß mit der selben Leier von den „Ideen und Inhalten“ die Dummheit persönlich in aller Majestät vor sich hin zu lärmen pflegt, sobald sie sich zur Bewältigung der Formen und anderer Äußerlichkeiten nicht mehr imstande fühlt; ja man kann sie geradezu daran erkennen.

Nun hat natürlich ein jedes Menschenskind ein gewisses Recht auf „künstlerische Prozesse“, wo’s nicht so drauf ankommen soll, und wir berichten redlich und in voller Breite über all das Gewusel. Sobald es aber als Kunst vor die Leute tritt, sobald es an die Beurteilung geht, ist es aus mit den Prozessen; da zählt nicht mehr das Sinnen, Trachten und Schwitzen, sondern das Werk, dem man’s nicht mehr ansieht. Der Sinn der Kunst ist es, sehr, sehr gut zu sein. Einen anderen hat sie nicht.

Wenn es uns nur gelänge, in die Debatte, was Kunst sei und was Quargel, ein bißchen Geist und Bosheit zu rühren, so daß sie endlich richtig anhöbe, das wär schon was. Die Förderung des Leichtsinns bzw. Größenwahns unter Dilettanten rechne ich nicht zu unseren Aufgaben. Gegen diese Unerfreulichkeiten wird weiterhin dann und wann ein gut gespitzter Witz in Anschlag gebracht, zumal man Leute, die eben gelacht haben, schon gar nicht mehr so leicht verblöden kann. Nein, unterschätze mir die Lacher nicht, Carsten Werner. Ihresgleichen habe ich noch lieber als dich auf meiner Seite, es sei denn, sie wären nach deine spaßigen Brief etwa übergelaufen. Manfred Dworschak

8.12.1993 taz Bremen Nr. 4183 305 Zeilen, Manfred Dworschak S. 19


Lieber Manfred Dworschak,

als Lacher hast Du mich seit Jahren oft und gerne auf Deiner Seite. Und was alles so als Kunst und Künstler herumsteht und -rennt, ist wirklich nicht immer der Hit und bedarf sicher oft der von Dir zu Recht vehement verteidigten Kulturkritik, inhaltlich bin ich da gar nicht so selten Deiner Ansicht. Aber in meinem Brief an Dich ging es ja in erster Linie auch nicht um die Kunst im öffentlichen Raum, die Du bei dieser Gelegenheit gleich wieder seitenbreit betrauerst, sondern um Deinen Stil und Umgang mit allen möglichen Kunstrichtungen und Kulturschaffenden. Ich meine, daß die taz, die oft genug blauäugig und unwissend einfach (oder sogar mehrfach) drauflosberichtet oder – interviewt (Beispiele: das „Sturm“- Schauspielstudio im Schlachthof oder Dein „Event-Marketing“-Interview), an anderer Stelle wiederum ein bißchen blind und unverhältnismäßig hart dreinschlägt: Deine Beiträge zum grassierenden Festival-Phänomen sind ja voll berechtigt. Dein Umgang mit den Problemen „alkoholkranker Komantschen“ oder mit „polnischer Seefahrerlyrik“, mit denen Du da Deine Scherzchen treibst, werden aber jedenfalls der von Dir beanspruchten „Kulturkritik mit Herz“ oder einem (kultur-)politischen Anspruch Deiner taz genausowenig gerecht wie das Auflisten der 20 blödesten Sätze eines mehr oder weniger begnadeten Schriftstellers anstelle einer Rezension. Am DAB gäbe es vielleicht eine Menge zu kritisieren, wenn man mal genau nachguckt. Aber die Leute und ihre Veranstaltungsreihe und deren Künstler auf Kosten Deiner heißgeliebten Lacher im „Leck‘ mich!“- Sound als idiotisch abzufeiern, finde ich mindestens unangemessen. Daß die „Inhalte und Ideen“ in der Kulturkritik und in der Finanzierung von Kultur allzuoft eine bestimmendere Rolle spielen als das endliche „Werk“, ist bestimmt eines Nachdenkens und harter Kritik wert – fragt sich nur, ob die sich nicht vor den Künstlern erst einmal an die vielen schlauen Feuilletonisten und Politiker und Kulturbeamten richten müßte. Du setzt Dich aber für die zitierten und viele andere Deiner Beiträge eben gerade nicht einem fertigen „Werk“ zur Beurteilung und Verriß aus, sondern erklärst aufgrund eines Titels, einer Pressemitteilung (oder auch mal einer Laune oder einem höheren kulturpolitischen Ziel folgend) die Leute zu Idioten, Trotteln, Deppen, die lallen, schwanken, „plempeln“, herumposaunen bzw. -irritieren und was sonst noch alles. Für ein Theaterstück, ein Buch oder eine Musikveranstaltung bräuchte man natürlich ein bißchen mehr Zeit und Lust als für ein paar „blaue und gelbe Stangen“, die sich schon in wenigen Minuten Deiner kostbaren Kulturredakteurs-Zeit herzlich schwachsinnig finden lassen. Daß Du aber auch noch glaubst, ich würde meine Fantasie ausleben, indem ich mich mit Hansgünther Heyme (dem ich bekanntlich in inniger Liebe zutiefst verbunden bin) identifiziere und ihn nun gegen die taz verteidige, das nenne nun wieder ich eine ziemlich idiotische Fantasie. -91 hast Du Heyme als den quasi heiligen „Theaterberserker“ sonderseitenfreudig gefeiert, der den Bremern schon zeigen wird, wie Theater geht. Guck mal im Archiv nach! Daß Deine Theaterkritiken zu seinen Inszenierungen geprägt waren von der kulturpolitischen Quengelei um ihn, daß Du -92 bestimmte „Nachrichten“ in bestimmten Zusammenhängen erfahren und sie zu bestimmten Terminen passend in Deiner taz veröffentlicht hast, das schien mir vielleicht nur so. Ich habe Dir einen Brief geschrieben, weil ich hoffte und dachte, Ihr Journalisten möchtet ab und zu mal ein Feedback zu Eurer Arbeit, und weil ich diese Auseinandersetzung manchmal ganz spannend finde. Du möchtest „zu einem Deppen einfach Depp!“ sagen. Na ja. Bloß wenn einer Dich einen Deppen nennt, ist das gleich „vernichtend“, wird eine „Debatte“ draus und er kriegt -ne volle Breitseite Feuilleton. Mir scheint das leicht übertrieben.

Carsten Werner

10.12.1993 taz Bremen Nr. 4185 121 Zeilen, S. 27

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