carsten werners

2000 Anschläge: „An Ihren Taten woll’n wir Sie erkennen!“

In Politik on 5. Januar 2000 at 09:00

Ein offener Brief an Kulturstaatsrätin Elisabeth Motschmann

„Die Kultur ist in Bremen chronisch unterfinanziert.“ Diese späte Einsicht der Ex-Kultursenatorin Bringfriede Kahrs (SPD) gehört inzwischen auch zum Sprachgebrauch ihrer Nachfolger, dem Senator Bernt Schulte und seiner Staatsrätin Elisabeth Motschmann (beide CDU). Für manche Einrichtungen hat diese chronische Unterfinanzierung spürbare Folgen: Mehrfach hat Motschmann angekündigt, dass einige Einrichtungen geschlossen werden müssen. Dies hat sie in einem Beitrag in der taz bekräftigt (vgl. taz vom 22.12.99). Auch wenn Finanzsenator Hartmut Perschau (CDU) inzwischen sechs Millionen Mark für einen Umbaufonds in Aussicht gestellt hat, klafft noch immer ein Millionenloch im Kulturetat.

Liebe Frau Motschmann, da sind wir uns einig: „Kultur zählt zu den interessantesten und schönsten Feldern.“ Trotz allem. Mit Ihren Ausführungen kann ich mich weitgehend identifizieren: Die Bedeutung der Kultur für den Standort Bremen, der Status von Kultur in Konkurrenz zu anderen Politikfeldern, Ihr Wunsch nach „Dialog“ und auch der nach „Prioritäten“ – das sind seit Jahren von modernen Kulturschaffenden geforderte, ausgiebig kommunizierte und praktizierte Aspekte. Ihre Worte über Kultur und deren undenkbare „Kostendeckung“: Chapeau! Von staatlichen Aufgaben „kultureller Weiterentwicklung“ schließlich wollten noch Ihre senatorischen VorgängerInnen zehn Jahre lang nichts wissen und haben Initiativen wie dem Jungen Theater Bremen bereits von ihrer Gründung Anfang der 90er Jahre abgeraten. Um so erfreulicher, dass Sie Neues und Innovatives in Kunst und Kultur jetzt neu als „Verpflichtung“ auf Ihre Fahnen schreiben!

Aber: An Ihren Taten woll’n wir Sie erkennen!

Noch vor Wochen erklärte Kultursenator Bernt Schulte öffentlich, er sähe „keinen Anlass“, auch nur über Kürzungen zu sprechen. Sie selbst aber sprechen seit Wochen von bevorstehenden „Schließungen“, freilich ohne dies zu konkretisieren. Nun schreiben Sie engagiert, intelligent und lustvoll von einer Kulturpolitik, die Ihr Verwal-tungsleiter Reinhard Strömer gerade jammervoll beklagt. Diese Widersprüche stehen vertrauensvollen „Diskussionen“ entgegen.

Dass Sie „dabei“ und „bereit“ sind, der Öffentlichkeit Ihre „Antworten“ zu geben und vorzustellen, könnte hoffen lassen. Dass Sie alle dies seit Monaten zwar ankündigen und punktgenau zum Weihnachtsfest Bremer Kulturschaffenden und Künstlern ganz pauschal mit „Schließungsszenarien“ drohen, ist aber erschreckend.

Teile der Kulturszene bangen – nach Ihren Ausführungen ja zu Recht – um ihre persönliche, soziale, künstlerische Existenz. So lange das so ist, müssen sich gerade neu berufene und im Vergleich recht gut bestallte und abgesicherte Beamte Ihres Ressorts, zumal wenn sie öffentlich ihre Arbeitsbelastung und familiäre Situation beklagen, schon einige polemische Fragen gefallen lassen! Und so lange Ihr Kollege Strömer unwidersprochen der Kulturszene pauschal die Kooperationsbereitschaft ab-spricht und von „fortwesenden Untoten“ und totgeweihten „Patienten“ sprechen darf, so lange können Sie kooperative Gespräche über „Prioritätensetzungen“ solch morbider Art schwerlich erwarten.

Dass und wie Ihre Behörde (auch) kompetent und sachlich an und mit einzelnen Projekten arbeitet, ist mir als Leiter des Jungen Theaters Bremen selbstverständlich aus nächster Anschauung und Erfahrung bekannt, und ich versäume keine Gelegengeit, begeistert zu erwähnen, für wie wichtig und gut ich zum Beispiel die jetzt endlich zu schaffende und von Ihnen geplante Produk-tions- und Spielstätte für Freie professionelle Kunst (Konzept für das Kunstzentrum Buntentor) halte und wie konstruktiv ich die Arbeit dafür erlebe. Aber selbst diese Planungen stehen unter diversen Haushalts- und sonstigen Vorbehalten, lediglich die Seite der Künstler geht in offensive, offensichtlich existenzgefährdende Vorleistung (hier: die Schließung des Jungen Theaters an der Friesenstraße auf reiner Vertrauensbasis, dadurch die radikale Reduzierung der Serviceleistungen dieses Theaters für ein ganzes Jahr).

Diese selbstverständliche Fürsorge Ihres Ressorts erfahren jedoch längst nicht alle Kulturschaffenden und Künstler unserer Stadt, angefangen beim Intendanten des Stadttheaters. Sie glauben aber sicher nicht im Ernst, dass Sie „Schwerpunkte im Kulturleben Bremens … im neuen Jahrtausend“ ergiebig diskutieren können, solange dies unter der Prämisse des von Ihnen leider akzeptierten und in Ihrem Aufsatz immer wieder an erste Stelle gerückten Sparzwangs geschehen soll und also die Abschaffung von Arbeitsplätzen, Lebensentwürfen und Visionen Bremer Kulturschaffender bedeutet und zwingend nach sich ziehen soll. Statt „Schwerpunkten im Kulturleben“ (die ja nichts anderes als „Sparmöglichkeiten“ meinen) wäre für Bremen zum neuen Jahrtausend endlich Kunst und Kultur als (!) Schwerpunkt städtischen Lebens angesagt!

Ihr von der „kultur.management.bremen“ (KMB) entworfenes „Entscheidungsbäumchen“, das nun alles richten soll, lässt leider ganz wichtige Aspekte außen vor, die der Kunstproduktion inhärent sind (und die Sie in Ihrem Text sympathischerweise zum Teil selbst mit Kunst und Kultur assoziieren): Unabdingbare künstlerische und kulturelle Funktionen und Voraussetzungen wie Freude, Freiheit, Spiel und Unterhaltungswert, Spaß und Lust, Irritationspotential und Rätselhaftigkeit, Ausstrahlung und Sympathie/Antipathie, Wille, Kraft und Phantasie, Kreativität, Sinn, Sinnlichkeit und Besinnung, Ruhe, Muße, Neugier und Erfahrung, Obsession und Kommunikation, Frage und Suche … – All diese wichtigen Ingredenzien und Maßstäbe haben dort als Kriterien keinen Platz, stattdessen dominieren Bedarf und Produktion, Effekt und Optimierung, Repräsentanz und Kernkompetenz – Perspektiven und Begrifflichkeiten der Ökonomie. Im günstigsten Falle überlebt der „Patient“ den Ausgang dieses Baum gewordenen Fleischwolfes mit einem „weiter so?“ – Eine Weiterentwicklung, Verbesserung gar, ist in diesem Konzept offenbar nicht mehr vorgesehen.

So lange von Politik und Verwaltung „der Qualitätsgedanke im Vordergrund“ immer und immer wieder wirtschaftlichen Paradigmen – ökonomisch wie inhaltlich – nur untergeordnet wird, so lange wird es keine Verständigung über einen an sich diskutierenswerten und selbstverständlich wichtigen „Qualitätsgedanken“ geben können, so lange werden Sie und Ihre Kollegen erbitterten Widerstand gegen Ihre grundsätzlichen Sparansinnen erfahren. Bei keinem anderen in seiner sozialen Existenz bedrohten Arbeiter würde Sie das wundern oder würden Sie das kritisieren.

Ihre Hoffnungen in Ehren, aber gerade der blinde Glaube an private Geldgeber und sponsernde Glücksbringer (und einige waghalsige Rechenkunststücke dazu, die Senator Schulte gerade heftig kritisiert hat) hat unter der Leitung Ihrer SPD-Vorgänger zu den fatalen Fehlentwicklungen geführt. Zudem können und wollen Sponsoren und andere private Geldgeber in aller Regel nur kurzfristig aushelfen und haben auch berechtigte ökonomische oder repräsentative Interessen, die mit Kunst und Kultur (s.o.) eben nur begrenzt kompatibel sind.

Was „Qualität“ und „Optimierung“ von Kultur sowie der angeblich „allgemeine“ Sparzwang in bremischer Lesart bedeuten, hat Katrin Rabus an Zahlen dargelegt, der Senat hat es gerade bestätigt – und Landesvater Scherf führt es in diesen Tagen grinsend vor: Wenn der kurz vor seiner lang angekündigten Pensionierung stehende Landespapa sich ein Denkmal in der Innenstadt leisten will – die Rede ist von einer kühnen Kombination von Amerikahaus und Günter-Grass-Archiv – dann leistet es sich sein Senat von genau dem Geld, das Ihrem Kulturetat fehlt. Um Sparen geht es dem Senat offenkundig nicht, er hat es nicht nötig, und der zuständige Senator hat einen Bedarf offensichtlich nicht anzumelden.

Es ist widerlich unangenehm, kränkend und beängstigend, der Kulturpolitik eines so diametral entgegengesetzt quatschenden und handelnden Senats hilf- und diskussionslos ausgesetzt zu sein. Im Grunde können es nur alle Künstler und Kulturschaffenden dieser Stadt Klaus Pierwoß nachtun: Diesen sich selbst schließenden und ad absurdum führenden „Stadtstaat“ fliehen – ob der schlechten Behandlung, ob der schlechten Bedingungen. Denn allzu viele gute Gründe, in dieser Stadt weiter leben zu wollen, gibt es für kreative Menschen nicht.

Unkonventionelle Kultur wird verdrängt, wo es nur geht. Die Bunker-Probenräume werden aus Sicherheitsgründen geschlossen, der Theaterintendant geht, weil er keinen Vertrag bekommt, die Freie Szene ist bereits weitgehend erledigt – erkennen Sie die Richtung?

Nicht Diskussion und moderater Ton prägen die kulturpolitische Auseinandersetzung, sondern Geschrei, Drohungen, Lobbyinteressen und mediale Kämpfe.

Auf die Diskussionen, Auseinandersetzungen, Prioritätensetzungen und Antworten Ihres Ressorts auf drängende Fragen im neuen Jahr bin ich dennoch sehr gespannt.

Auf ein erquickliches neues Jahr!

5.1.2000 taz Bremen Nr. 6033 Kultur 310 Zeilen, S. 23

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