carsten werners

Medien selbstbewusst und selbstbestimmt nutzen

In Medien, Politik on 17. April 2015 at 23:30

Medien selbstbewusst nutzen – über die eigenen Daten selbst bestimmen

Positionen zur Medienkompetenz im digitalen Zeitalter
von Linda Neddermann und Carsten Werner

zum Download als PDF

Digitale Medien spielen in der Gesellschaft heute eine zentrale Rolle, auch für Kinder und Jugendliche. TV, Smartphone, PC und Tablet sind aus dem Alltag nicht mehr weg zu denken. Das Internet ist integraler Bestandteil des täglichen Lebens geworden. Zwischen On- und Offline-Sein wird von den meisten Jugendlichen nicht mehr unterschieden.

Der Konsum und die Nutzung von Massenmedien sind seit jeher wesentliche Elemente gesellschaftlicher und kultureller Teilhabe – über das Internet, die Sozialen Netzwerke und digitale Plattformen sind vielfältige Interaktionsmöglichkeiten, aber auch Differenzierungsnotwendigkeiten hinzugekommen. Medien sind heute „alltagsintegrierte und multifunktionale Bestandteile des sozialen Lebens und für den gesamten Prozess des Aufwachsens bedeutsam“ und „tragender Bestandteil sozialer Handlungsfähigkeit“, wie es das von der Bundesregierung eingesetzte Bundesjugendkuratorium beschreibt.

Die Nutzung von Medien – vom Bilderbuch über Filme bis zum Web 2.0, von der Tageszeitung bis zum Computerspiel, vom Sozialen Netzwerk bis zur Smartphone-App – kann neugierig machen und Berührungsängste abbauen, soziale und kulturelle Toleranz, Inklusion und Selbstvertrauen fördern. Digitale Medien sind Teil des öffentlichen Raumes geworden. Grenzen zwischen ProduzentIn und KonsumentIn, zwischen geistigem Eigentum und digitaler Almende, zwischen Besitzen und Teilen, zwischen SenderIn und EmpfängerIn, zwischen Inhalt und Form definieren sich neu.

Medienkompetenz beginnt mit Sprachkompetenz: Lesen und Schreiben, Verstehen und Einordnen, klare und freie Meinungsäußerung sind wesentliche Fertigkeiten, um Medien zu verstehen und zu nutzen. Ebenso unabdinglich für einen kompetenten Umgang mit Medienangeboten und –produkten sind Empathie und Selbstbewusstsein und nicht zuletzt Informationsfreiheit.

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Auf die Vielzahl von Möglichkeiten, die das Internet und andere digitale Medien bereit halten, sind viele Kinder und Jugendliche, aber auch viele Erwachsene, nur unzureichend vorbereitet. Die Überwachung der Einhaltung von Altersbeschränkungen gelingt im grenzenlosen Raum des Internets kaum. Daher muss im Zentrum der Medienbildung und –kompetenzvermittlung vor allem das Lernen eines souveränen Umgangs mit Medien und Daten stehen.

Soziale Netzwerke können Kinder und Jugendliche auch negativen Einflüssen aussetzen: Cybermobbing und -bullying, Grooming[1] und Sexting, herabsetzende Kommentare, entwürdigende Videos oder intime Fotos machen Kinder und Jugendliche im Internet leicht zu Opfern psychischer oder physischer Gewalt. Technischer und juristischer Kinder- und Jugendmedienschutz kann davor nicht umfassend bewahren. Der kompetente Umgang mit Medien muss daher dazu befähigen, die Folgen zu übersehen und sich dagegen wehren zu können. Medienkompetenz ist der zentrale Baustein für einen wirksamen Kinder- und Jugendmedienschutz.

Für die selbstbestimmte und selbstbewusste Nutzung der digitalen Medien ist Medienkompetenz die Grundvoraussetzung und geht weit über das technische Know-How zur Bedienung der „neuen“ Medien hinaus. Sie beinhaltet unter anderem:

  • die Sprachkompetenz als unabdingbare Fertigkeit, um Medien verstehen und zur freien Meinungsäußerung nutzen zu können: Lesen und Schreiben, Verstehen und Einordnen,
  • die selbstbewusste und empathische Partizipation an Information, Wissen, Politik, Kunst und Kultur auch durch soziale und mediale Interaktion
  • Filterkompetenz zur Einordnung, Interpretation und Wertung, Gewichtung von Informationen, Inhalten und Meinungen,
  • die Fähigkeit zur Differenzierung zwischen AnbieterInnen und NutzerInnen,
  • den bewussten und verantwortungsvollen Umgang mit den eigenen Daten und Bewusstsein über Datensparsamkeit und Datenschutz,
  • die Fähigkeit zur kritischen Auseinandersetzung mit den medialen Inhalten und dem eigenen Medienkonsum und –verhalten,
  • das Verständnis von Medien und Medienaktivitäten (auch) als Branchen und Anliegen der Wirtschaft.

Medienkompetenz muss immer wieder neu definiert und erworben werden – und dies parallel zur Entwicklung der Medienkultur und -technik. Sie ist heute wichtiger Teil des lebenslangen Lernens: weil die Nutzung digitaler Medien immer früher beginnt, muss die Vermittlung von Fertigkeiten für selbstbestimmtes, sachgerechtes, reflektiertes, sozial verantwortliches und kreatives Handeln in der digitalisierten Welt bereits im Kindesalter beginnen.

Weil jüngere Generationen als „digital natives“[2] mit den jeweils aktuellen Techniken vertraut aufwachsen, ist Medienkompetenz ein wichtiges Feld des generationsübergreifenden Lernens: Erwachsene (Eltern, ErzieherInnen, LehrerInnen, ältere Menschen) können auch mit und von jüngeren Menschen lernen, Erfahrungen sammeln und austauschen.

Die Vermittlung von Medienkompetenz ist ein wichtiges Element grüner Kinder- und Jugendpolitik, Bildungs- und Kulturpolitik, VerbraucherInnen- und Konsumpolitik. Sie muss sich regelmäßig den kulturellen, technischen und demographischen Veränderungen anpassen, um dem Grundsatz von Prävention statt Reparatur“ folgen zu können.

Wir Grünen vertreten die Auffassung, dass:

  • jedes Kind, jede Jugendliche, jede BürgerIn ein Recht auf freien Zugang zum öffentlichen Rundfunk und zum Internet.  Dazu brauchen wir in Deutschland und Europa eine echte, gesetzlich geregelte Netzneutralität – und freies WLAN ohne Störerhaftung.
  • jedes Kind, jede Jugendliche, jede BürgerIn ein Recht auf Ausbildung und Entwicklung der persönlichen Medienkompetenz hat.
  • Medienkompetenz die grundlegende Voraussetzung für wirksamen Jugendschutz ist.
  • Kinder und Jugendliche eigene und angeleitete Erfahrungen im Umgang mit Medien machen müssen.
  • Kindermedien grundsätzlich der Entwicklung von Medienkompetenz dienen müssen oder diese zumindest nicht beeinträchtigen dürfen.
  • Medienkompetenz in der Schule durch „Lernen über Medien“ in den musischen und geisteswissenschaftlichen Fächern sowie durch „Lernen mit Medien“ als fachübergreifende Querschnittsaufgabe gelehrt werden muss.
  • Medienbildung sich als roter Faden durch alle staatlichen Bildungsangebote ziehen muss.
  • Schüler- und Bürgermedien ein wichtiger Baustein der Medienbildung und des Medientrainings für den Nachwuchs sowohl der Medienberufe als auch der Medienkonsumenten sind.
  • alle BürgerInnen die Möglichkeit haben müssen, auch als Medienakteur in Erscheinung zu treten und die eigenen Anliegen und Ideen unabhängig von Verwertungsinteressen öffentlich zu machen und zu vertreten: im öffentlichen Raum, im Rahmen von digitalen und analogen Bürgermedien und im Internet.

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Deshalb fordern wir Grünen:


… in den Schulen und Kitas:

  • die Fortschreibung und Weiterentwicklung des Rahmenplans Medien für alle Schulstufen und die Kitas sowie einheitliche Standards und Evaluationen der Angebote zur Vermittlung von Medienkompetenz durch fächerübergreifendes Lernen mit, von und über Medien.
  • eine explizite Verankerung von Medienkompetenzförderung als Querschnittsaufgabe im SGB VIII und Medienkompetenz als Bildungs- und Erziehungsziel für Kindertageseinrichtungen und Schulen.
  • die Aus-, Fort- und Weiterbildung der LehrerInnen, ErzieherInnen, PädagogInnen und sonstigen Fachpersonals im Bereich Medienbildung/-kompetenz sowie die Verwebung von Medienbildung in alle staatlichen Bildungsangebote.
  • eine Verbesserung der technischen Infrastruktur in den Kitas und Schulen.
  • die freie Entscheidung von Schulen über die Einrichtung von WLAN und mobilen Endgeräten im Unterricht anstelle von kabelgebundener, stationärer Hardware sowie die weitere Erprobung von sog. „Tablet-Klassen“.
  • die Sensibilisierung und Unterstützung von Eltern und interessierten BürgerInnen als Multiplikatoren für Medienkompetenz.

… medienpolitisch:

  • eine gesetzlich definierte Netzneutralität und freies W-LAN im öffentlichen Raum.
  • die Einführung eines institutionenübergreifenden „Medienkompetenztages“ nach dem Vorbild anderer Großstädte zur Förderung eines generationsübergreifenden Lernens.
  • Die Einführung eines „Freiwilligen Digitalen Jahres“ für Jugendliche.
  • Den Umbau des Bremer Bürgerrundfunks zu einem zeitgemäßen und zugangsfreien Bürgermedium zur Medienkompetenzvermittlung für ProduzentInnen und KonsumentInnen sowie die zielgerichtete Förderung von Kinder– Schüler-, und Bürgermedien in allen Medienformaten.
  • hohe Sicherheits- und Privatsphäre-Einstellungen in Sozialen Netzwerken und anderen interaktiven Angeboten als vorgeschriebene Standardeinstellung.
  • eine Neuregelung der Werberichtlinien für Kindermedien bis hin zu einer möglichen Werbefreiheit von Kindermedien.

… kulturpolitisch:

  • die regelmäßige Sonn- und Feiertagsöffnung von Bibliotheken als zeitgemäßes, familien- und arbeitnehmergerechtes Bildungs-, Kultur- und Freizeitangebot.
  • eine Verknüpfung von kultureller Bildung und Medienbildung.
  • die selbstverständliche Einbindung auch „älterer“ Medien, wie z.B. Zeitungen und Bücher, Radio und Fernsehen sowie der Künste, in die Medienkompetenzvermittlung.
  • die Weiterentwicklung und Nutzung der Deutschen Digitalen Bibliothek.
  • die Unterstützung von Kooperationen von Kultureinrichtungen mit Bildungsträgern, der Medien- und Kreativwirtschaft und den Hochschulen für Medienkompetenz-Projekte.

unsere „Meinung am Freitag“ zum Thema Medienkompetenz

———-
[1] Gezieltes Ansprechen von Personen im Internet mit dem Ziel der Anbahnung sexueller Kontakte zu Minderjährigen.

[2] Personen, die mit digitalen Technologien wie z.B. Computern, Internet, Mobiltelefonen und MP3-Playern aufwachsen.

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  1. […] Digitalisierung ist. Globalisierung und Digitalisierung prägen Mobilität und Migration, Kultur und Handel, Wissen, Medien und Politik. Das müssen wir wissen, bedenken und politisch steuern: die digitale Revolution. Nicht, um virtuell zu leben – sondern um wach ihre Chancen zu ergreifen. […]

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