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Die Kunst des Aufhörens

In Ideenwirtschaft, Kunst, wörtlich! on 10. Mai 2014 at 20:12

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Dieser Artikel ist ein Beitrag zu der Publikation „Brennen ohne Kohle“ der Böll-Stiftung, die hier bestellt oder als E-Book heruntergeladen werden kann. 

 

 

 

Wie schließen?

Mich nerven Leute, die aus Angst stehengeblieben sind,
obwohl sich die Welt um sie herum längst verändert hat.

(Peter Zadek)

Die anmaßende, überhebliche, unsinnliche und oberlehrerhaft arrogante Tonlage der «Kulturinfarkt»-Anstifter hat die Frage für Jahre frisch zum Tabu betoniert: «Wie schließen?» Ein kulturpolitisches No-Go also. Die Debatte wurde gar nicht erst politisch – sondern abgedrängt ins Feuilleton und entsprechend hysterisch, schrill und erratisch verhandelt; so gab es auf eine richtige Fragestellung nur vielzuviele vorlaute, vorschnelle Antworten, Geschrei; Tenor: Wir lassen alles so, wie es ist. Weil, so war es schon immer. Kulturfeinde! Freiheitsfeinde! Und: «Et hätt noch immer jot jejange!» (Wie man in Köln sagt.)

Kurz vorher noch hatten wir uns und der Kultur kühn in den rot-grünen Bremer Koalitionsvertrag geschrieben: «‹Altes› muss sich verändern und ‹Neues› muss in einer sich wandelnden Gesellschaft Räume und Ressourcen erobern können. Gerade auch zeitlich befristete Projekte können erhebliche Impulse für die Kultur- und Stadtentwicklung geben, ohne institutionalisiert werden zu müssen» – durchaus im Bewusstsein, dass solche Ermöglichung, Erneuerung nicht ohne Einschränkung geht. «Wie schließen?» wollten wir schon da lieber nicht fragen. Denn es können Mauern und Ideologien zusammenbrechen, Berufe vergehen und Wirtschaftszweige – in der Kulturförderung ist ein Schluss tabu.

Seit den 1970er Jahren bis heute boomt die Kultur in Deutschland – wo noch vor 40 Jahren pro Stadt 1–2 Theater, 1–2 Museen und 1–2 Bibliotheken die kulturelle Grundversorgung leisteten, sind ganze Industriezweige wie die Kreativwirtschaft mit Pop-, Medien- und Netzkultur hinzugewachsen, kulturelle Aufgaben und Beschäftigungsfelder wie die kulturelle Bildung und die integrierte Stadtentwicklung neu entstanden. Und vor allem ist eine Freie Szene erst entstanden und dann kontinuierlich gewachsen – in (zunächst) außerinstitutioneller Opposition zu den «Einrichtungen», eng verbunden mit der Entwicklung der Grünen und ihrer Themen übrigens: Freie Kultur kümmerte sich um Kindererziehung und sexuelle Aufklärung, um Ökologie und gesunde Ernährung, um Inklusion und Integration schon, als es die Begriffe dafür kaum gab. Freie Theater fanden (meistens) Worte und (nicht immer) Bilder für das, was irgendwie neu, kompliziert oder noch «heikel» war.

Wofür Lehrerinnen und Lehrern Worte oder Unterrichtsmaterial noch fehlten, machten irgendwo zwischen politischer Mission und Ehrenamt künstlerische Autodidakten «vermittelbar». Andererseits ging man auf die Straßen, probierte und provo zierte mit «unsichtbarem Theater». André Heller popularisierte und verknüpfte mit der künstlerischen Avantgarde der 1980er Jahre (und der Illustrierten Neue Revue) in der riesigen Park-Installation «Luna Luna» bildende Kunst und Clownstheater; Comedyfiguren wie Marlene Jaschke und der Biedermann «Herr Holm» erblickten dort das Licht der Welt. Aus diesen beiden Richtungen – institutionelle Opposition und kulturelle Avantgarde – entwickelten sich für die Theaterszene lukrative Märkte: Theater als pädagogische Funktion einerseits, Kleinkunst und Comedy andererseits.

Und so haben sie immer weitergemacht: Die Theaterspieler/innen spielen weiter, auch viele der Lehrer/innen unterrichten heute noch, die entstandenen Unterhaltungstheater sind erfolgreiche Touristenmagneten, ihre Protagonisten Fernseh-Mainstream. Sie haben (bis auf die Lehrer/innen) lange dafür kämpfen müssen: um Anerkennung in der Kulturwelt und ihrer erst entstandenen Berufe, um Gagen überhaupt, dann um Fördergeld und später auch um bauliche Institutionalisierung, zwischendurch immer wieder gegen wirtschaftliche Krisen und Unsicherheiten.

So wurden Lebenswerke daraus. Die gibt man nicht auf.

Dabei könnte das in – jetzt erst? – zeitgemäße eigene Strukturen führen: Genossenschaftsmodelle, Grundeinkommens-Versuche, Sharing nicht nur von Besitz, sondern auch von Ressourcen im Sinne einer Almende: In der Peripherie der «Freien» könnte erprobt werden, was in den Diskursen der regionalen, ökonomischen und intellektuellen Zirkel und Zentren längst wieder gedacht und behauptet wird. Welches Label, welche Formation der Freien Szene kommt eigentlich heute noch aus dem ländlichen Raum – arbeitet dort, kommt dort in Ruhe, mit Muße und Mut zu neuen Ideen? Auch da kam die «Freie Szene» mal her.

«Back to the roots», von den Ahnen lernen: Man müsste dazu die schnelle Aufmerksamkeit der Großstädte aufgeben, den dort so nahen, scheinbar greifbaren Erfolg. Aussteigen, raus ins Offene.

Stattdessen haben sich in der deutschen Theaterlandschaft Parallelwelten in Strukturen verfestigt, die Künstler und Künstlerinnen mit Missionen verdrängen oder erschöpfen. Der Nachwuchs betreibt Nachahmung von Funktionen, Nachbildung von Ästhetik. Die Stadt- und Staatstheater mitsamt ihrer Ausbildungsinstitute, Medienpartner und ihrem Publikumsabonnement verharren neben den «Freien», die auch lange schon nicht mehr so frei sind: Henning Fülle beschrieb beim «Impulse»-Festival 2012 ein «Parallelsystem der freien Theaterproduktion, das neben Künstlern und Künstlergruppen auch die Produktionshäuser, die Landesverbände und den Bundesverband der Freien Theater umfasst; das von kommunalen, Landes- und Bundes-Förderstrukturen getragen wird, dem eigene Festivals gewidmet sind und in denen die künstlerische performative und Theateravantgarde funktionieren kann. Dieses Paralleluniversum ist international orientiert und hat inzwischen auch Anschluss an die internationalen Entwicklungen der zeitgenössischen Theaterkunst gefunden.»

Diese Gegenbewegung holte für den deutschsprachigen Raum nach, was das rein literarische Bildungstheater an ästhetischen Entwicklungen der vorhergehenden Jahrzehnte in England und Amerika, Ost- und Südeuropa verpasst hatte: Mitte der 1980er Jahre fieberten wir auf Kampnagel beim Sommerfestival oder in den ersten Festivals «Politik im Freien Theater» für ein anderes Theater: politisch wirksam und aufklärerisch, ästhetisch innovativ, international. Endlich oben!

Viele «Freie» haben dabei etwas für Kunst Konstitutives ver- oder gar nicht erst gelernt: das Neuanfangen. Dem ja in der Regel ein Ende vorausgehen muss – hat doch jede und jeder von uns Hermann Hesses Ehrentags-Evergreen zur Konfirmation, zum Ende der Kindheit, zum Schulschluss, zur ersten Trauerfeier noch im Ohr – oder als Postkarte hinterm Spiegel klemmen, seine «Stufen»:
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Bloß wie kommt man auf die Höhe so eines erhebenden Endes? Das hatten und haben die etablierten Häuser den «Freien» voraus: das Aufhörenkönnen. Das fällt leichter, wenn man mal raus- und weitergehen kann, ohne dass alles zusammenbricht – und wieder rein, ohne «alles» erst erfinden zu müssen. Den Traditionen, Intendanten-Verträgen und dem Normalvertrag Solo sei Dank! (Sie machen eine urgrüne Idee weiterhin produktiv: die Rotation, den Stellungswechsel, den Rollentausch und Perspektivenwechsel als Voraussetzung für echte, innovative Kreativität.) Wenn von uns Freien doch mal jemand (s)ein «Haus» geschlossen hat, dann aus schierer Not, unter Zwang – oder um damit vergrößert, optimiert und instituionalisiert («professionalisiert»!) Wiederauferstehung zu feiern. Endlich wie die vielgeschmähten «Tanker»: manifest, immobil, unverrückbar da.

Aber immer noch ohne Vertrag, geschweige denn Tarifvertrag. Neben wenigen erfolgreichen Gruppen, Künstlern und «Marken» und einigen wenigen Produktionshäusern haben die Leistungen und Wirkungen der Freien Szenen aber die Aufstellung und Finanzierung der kulturellen Landschaft nur seltsam wenig geprägt. Während in der Bildungspolitik die Reformen kaum noch zählbar sind oder die Bauleitplanung längst von einer sozial bewegten integrierten Stadtentwicklung abgelöst wurde, während ökologisches Leben aus erneuerbaren Energien zum Mainstream wurde, sich weltpolitische Blöcke verschoben und globale Migration in Gang gesetzt haben, während also «Modernisierungsimpulse der Siebziger- und Achtzigerjahre zu ziemlich nachhaltigen Veränderungen der Mainstream- Strukturen geführt haben» (Fülle), während gerade dieser Tage eine SPD(!)-Umwelt(!)-Bundesministerin Public Viewing zur Erleichterung öffentlichen Grölens zum Sport (nicht zu einer Kultur!) erklärt – währenddessen ist die Theaterwelt resistent gegen grundlegende Entwicklung geblieben: Man konnte einfach nicht aufhören. Und ergo nicht neu anfangen.

Erobert und geblieben – wenn man die Ableger und Ausgründungen in Unterhaltungsgeschäft und Medienbetrieb außer Acht lässt, was ein Fehler sein könnte – ist für die Freien Theater ein Nischendasein mit spartanischer Förderung und prekären Arbeits- und Lebensbedingungen – verspartet und eingehegt als das per se «Neue» und/oder «Freie». Was in dieser Parallelwelt aber fehlt, ist eine Erfahrung des Aufhörens, die so wichtig wäre,
denn traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
(auch das sagte schon Hesse ;-) )

Doch für die Politik, zumal für die Grünen, ist «Freies» Theater per se gut (geblieben): Wenn es sich (irgendwie) mit kultureller Bildung verknüpft, wenn es (irgendwie; z.B. volkstheatrig oder comedymäßig) «neue Schichten erschließt», dann kann und darf das nicht falsch sein. Und am «Großen Theater» kann man nichts verändern: Wir haben uns, auch kulturpolitisch, an die Parallelwelten gewöhnt – und freuen uns irre, wenn sie sich mal begegnen, berühren, betasten oder zaghaft befruchten. Wer mehr will, erntet Protest: Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, meint zu Recht, dass heutige und künftige «Autoren des Theaters» die Regisseur/innen und Producer seien – und schafft den traditionellen «Stückemarkt» des Berliner Theatertreffens ab. Genauer: Er ersetzt die Suche nach immer neuen «Dramentexten» durch die Präsentation innovativer, integrierter Theaterforschungsarbeit. Er will etwas Altes aufgeben und etwas Neues machen. Es darf uns künstlerisch und kulturpolitisch nicht reichen, dass vor über dreißig Jahren Roberto Ciulli in Mühlheim mit seinem «Theater an der Ruhr» eine Strukturdebatte angestoßen hat: «Im Kern geht es um die Frage, wie Theaterarbeit künstlerisch und ökonomisch sinnvoll zu strukturieren ist, ob und wie die vorhandenen, tradierten Theaterstrukturen zu verändern sind. […] Die Frage nach der Struktur eines Systems ist aber die Frage nach seinem inneren Wesen, denn jede Struktur begrenzt und beschränkt die Möglichkeiten und die Fähigkeit mit dem System Welt zu kommunizieren.» Eine Idee muss die Struktur bestimmen, nicht immer wieder umgekehrt.

Ciulli hat die Idee des Reisens, die Migration und damit «einen weiterreichenden Dialog der Kulturen» zu seiner strukturbildenden Idee gemacht: «Die Bewegung, das Nichtverharren an einem Ort fordert Flexibilität und die Fähigkeit zur Improvisation und trägt wesentlich zur Finanzierung des Theaters bei», beschreibt er sein Theatermodell knapp auf seiner Homepage. Shermin Langhoffs Neuanfang am Berliner Maxim-Gorki-Theater macht jetzt wieder solche Hoffnung – und die, dass es nicht wieder für 34 Jahre die einzige Individualisierung einer relevanten «großen» Einrichtung bleibt, erwachsen aus einer kleineren, dem Ballhaus Naunynstraße.

Es mag der Fluch der Flüchtigkeit ihrer Kunst sein, der gerade Theatermenschen das Abgeben, Verwerfen und Neustarten ihrer Strukturen und Lieblingsideen so schwer macht, dass gerade im «Freien» Theater kaum ein Leitungswechsel ohne Not, Krise oder Kleinkrieg möglich scheint. Man ist halt wohl nie fertig? Ähnlich ist es in der Soziokultur. Aber es wäre so viel zu probieren und zu gewinnen, wenn mehr Verantwortliche wagen würden, irgendwomit aufzuhören und wirklich Neues zu beginnen: Ideen von einer Zukunft.

Warum gibt es immer noch kein/kaum Theater im digitalen Raum? Herbert Fritsch hat hier, mit Hamlet X und Elf Onkels, Pionierarbeiten geleistet. René Pollesch hat vor bald 20 Jahren im «Kleinen Fernsehspiel» des ZDF mit «Ich schneide schneller (soap)» TV-Theater gemacht – ob als ästhetische Form, Stoffentwicklung, zeitgemäße Hybridform oder Koproduktionsweise: Warum hat das niemand als Aufgabe auf (s)ein «Haus» übertragen? Manches Hörspiel ist heute theatralischer, dramatischer, lebendiger, authentischer als viele Bühnenspiele – warum gibt den Macherinnen niemand (s)ein gefördertes Theater? Der Dokumentarfilmer Andres Veiel hat als Autor und Regisseur seines Theaterstückes «Das Himbeerreich» am Deutschen Theater Berlin über deutsche Banker gesagt: «Ich habe die generelle Erfahrung gemacht, dass es immer schwieriger wird, an den Zentren der Macht dokumentarisch zu arbeiten. Durch zwischengeschaltete PR-Agenturen und durch ein gewachsenes Misstrauen gegenüber jeder Art von Transparenz ist das kaum noch möglich. Wenn es über die reine Selbstdarstellung von Erfolgen hinausgehen soll, wenn Entscheidungen hinterfragt oder wenn Machtzentren transparent gemacht werden sollen – dann merke ich, dass ich mit der Kamera dort nicht mehr reinkomme. […] ‹Das Himbeerreich› wäre dokumentarisch undenkbar gewesen. Niemand, der mit mir gesprochen hat, hätte das auch vor einer Kamera erzählt. Daher also ein Hoch auf das Theater – die Bühne ist genau der richtige Ort für diesen wichtigen Stoff.» Allein aus diesem Hinweis ließe sich mindestens ein weiteres Theater-Produktions-Team und -Haus grundsätzlich neu erfinden!

Die Herausforderungen in der Beziehung zwischen Literatur und Bühne liegen ja tatsächlich nicht darin, immer neue, nach jahrhundertealten Maßstäben «bühnentaugliche» Dialoge zu erfinden – sondern Theater als Format-Angebot für Autoren, als Portal für Wichtiges und Intensives zur Verfügung zu stellen, nutzbar zu machen. Für die, die etwas zu berichten, darzustellen, auszudrücken haben: Wissenschaftler/innen, Journalist/innen, Philosoph/innen, Biograf/innen, Aktivist/innen, Spezialist/innen – und Künstler/innen. Wie und wo, wenn nicht wenigstens im und mit Theater, sollen die unendlich vielen regionalen, sozialen, sprachlichen, fachlichen und globalgesellschaftlich ebenso risiko- wie innovationsträchtigen Parallelwelten miteinander verknüpft, verbunden, gedanklich und bildlich erlebt, sozial und psychologisch gelebt, ihre Soziolekte, Ethnolekte, Dialekte, Programmier- und Fachsprachen verständlich und durchlässig gemacht werden – im szenischen Verstehen, im Bilder-Finden, in direkter und immer interaktiver Live-Kommunikation?

Szenisches Verstehen, empathisches Erleben, eine Differenzierung von Glauben und Wissen, von Meinen, Kommentieren und Klicken sind unter die Räder einer rein sprachlichen, manchmal noch gedruckten, zunehmend digitalisierten Informations- und Wissensvermittlung gekommen. Diese Digitalisierung nicht nur als unhandliches Reklametool für Altes Theater zu verstehen, sondern als eigene Form eines Neuen Theaters, wäre ein weiterer lohnender Anfang. Das große neue digitale Gedächtnis hält genug vom Alten fest.

Es könnte jetzt mal wieder jemand aufhören, sein Lebenswerk und seinen Erbhof zu retten, #Regietheater und #Werktreue zu debattieren – und riskieren, (sich) Raum und Zeit und Hirn und Geld für Neues zu geben und zu nehmen.

Carsten Werner, April 2014

 

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Nachtrag, Herbst 2014:

oder so?

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Neues Landesmediengesetz: Mehr Staatsferne, mehr Medienkompetenz

In Medien, Politik, wörtlich! on 13. Juli 2012 at 13:03

Am 12. Juli hat die Bremische Bürgerschaft einstimmig ein neues Landesmediengesetz beschlossen. Das Bremer Landesmediengesetz wird reformiert und an aktuelle gesellschaftliche, rechtliche und technische Entwicklungen angepasst. So wird zum Beispiel die Zusammensetzung des Landesrundfunkausschusses geändert, jetzt „Medienrat“ genannt. Das Transparenzgebot wird durch verschiedene neue Bestimmungen erfüllt. Das Gesetz enthält außerdem Bestimmungen zur Verbesserung der Rechte von Menschen mit Behinderungen, des Jugendschutzes, der Stärkung der Rechte von Migrantinnen und Migranten, der Pflege der niederdeutschen Sprache und der Medienkompetenz.

Der Gesetzentwurf und unser Änderungsantrag zum Gesetz ist hier zu finden:
http://www.gruene-fraktion-bremen.de/cms/default/dok/414/414049.antrag_bremisches_landesmediengesetz.html

Auch unser Zusatzantrag zur Weiterentwicklung der Filmförderung in Bremen – siehe http://www.gruene-fraktion-bremen.de/cms/default/dok/414/414067.antrag_filmfoerderung_im_land_bremen_wei.html – wurde einstimmig beschlossen.

Meine Rede in der Bürgerschaft zum neuen Landesmediengesetz und zur Filmförderung:

Zu einer Aktualisierung von Mediengesetzen gehört für uns Grüne – wie auch zu einer zeitgemäßen Bildungs- und Kulturpolitik – ganz wesentlich auch die Stärkung der Medienkompetenzvermittlung. Das ist ein langes kompliziertes Wort, ich benutze es trotzdem und will die Herausforderung nicht auf die Stärkung der Medienkompetenz verkürzen. Nein, wir müssen gerade auch die VERMITTLUNG der Medienkompetenz stärken und verbessern. Deshalb ist es uns Grünen ein ganz wichtiges Anliegen, dass diese wichtige Arbeit vernünftige Voraussetzungen bekommt: Konzeptionell – das ist eine politische Aufgabe und eine der Verwaltungen, und dann natürlich der Schulen und Kitas, der Medien selbst und der Kulturträger. Und strukturell – da wollen wir die Koordination von Medienkompetenz-Projekten und -Programmen nun bei der Bremischen Landesmedienanstalt bündeln. Denn nicht zuletzt ist sie auch für den Bürgerrundfunk zuständig – und damit für eine ganz wertvolle Infrastruktur , die noch viel, viel intensiver und besser für die Medienkompetenz-Entwicklung und -Vermittlung genutzt werden kann und weiter entwickelt werden muss.Ein weiteres Anliegen ist uns die Staatsferne der Medien. Das Bremische Parlament verzichtet heute darauf, per Ausschuss- und Parlamentsbeschluss Mitglieder in den Medienrat (bisher Landesrundfunkausschuss) zu entsenden. Wir wollen das gesellschaftlich relevanten Gruppen überlassen. Und das das eine anspruchsvolle demokratische, aber auch eine kreative Herausforderung ist, haben die öffentlichen Diskussionen und Stellungnahmen der vergangenen Wochen deutlich gezeigt: Denn wer und was gesellschaftlich relevant ist, darüber kann man lange streiten – und das wird man nach meiner Überzeugung auch immer wieder neu bestimmen müssen.

Deshalb ist mir ganz wichtig, auch hier heute noch einmal deutlich zu machen, dass die 26 Institutionen, Verbänden und Organisationen (plus die hier in der BBÜ vertretenen Parteien), die nun Mitglieder in den Medienrat entsenden, dies bitte tun mögen NICHT nur, um ihre jeweils EIGENEN Interessen dort zu verfolgen und IHRE eigenen Leute dort unterzubringen – sondern dass sie vom Parlament auch die Aufgabe und die demokratische Verantwortung übernehmen, dass dort ein fachkompetenter und aktionsfähiger, impulsgebender Medienrat entsteht, der gesellschaftlich und medienpolitisch relevante Themen identifiziert und befördert. Wir wollen, dass die bremische Gesellschaft sich dort auch nach Alter, Geschlecht, Religionszugehörigkeit , nach ihrer Tätigkeit und ihrer Herkunft der Mitglieder des Medienrats widerspiegeln – und diese Mitglieder sind nicht die entsendenden Einrichtungen, sondern die Menschen, die sie entsenden. Ich bin – gespannt – auf den Findungsprozess, der dazu jetzt einsetzen muss – und ich glaube und hoffe, dass die politische und öffentliche Diskussion darüber hier heute nicht zu Ende ist, sondern in und mit den Verbänden und Organisationen jetzt richtig losgeht.

Uns war und ist wichtig, dass auch mehr junge Leute, mehr Menschen mit Migrationshintergrund, Kultur- und Medienschaffende und auch Vertreter sozialer und ökologischer Themen über die Zukunft unserer Medien mit beraten und entscheiden. Deshalb haben wir die Liste der entsendenden Einrichtungen gegenüber dem Gesetzentwurf des Senats noch einmal deutlich erweitert. Wir verbinden damit die Hoffnung, dass die Diskussionen im Medienrat von breit gestreuter Kompetenz und Relevanz geprägt sind. Und wir bitten, das bei der Bestimmung der Mitglieder zu bedenken.

Meine Damen und Herren, die Digitalisierung der Gesellschaft, die Vera?nderungen der Medienlandschaft und der Kulturtechniken betreffen nicht nur die Rundfunkmedien selbst und deren Konsum – sie betreffen ganz besonders auch die kulturelle Film- und Medienarbeit. Heute kann jeder Künstler sein, meinen manche. – Jedenfalls ist es technisch einfacher geworden, Werke aller Art in die Welt zu bringen. Damit entwickeln sich auch Kunstformen weiter und deshalb muss sich auch die Film- und Medienfo?rderung weiter entwickeln. Neben großen Film- und Fernsehproduktionen verdienen auch Kurzfilme, Dokumentationen, Internetkunst , Hörspiele und Medienkunst, auch die Pflege und der Erhalt schon älterer Kulturtechniken, aber auch die Vernetzung der Filmschaffenden in, aus und um Bremen politische Beachtung und staatliche Förderung. Deshalb verbinden wir mit der Neufassung des Mediengesetzes einen Antrag zur Überprüfung und Weiterentwicklung der Medien- und Filmfo?rderung im Land Bremen. Das betrifft in Bremen neben der Nordmedia vor allem auch das Filmbüro. Die sind uns wichtig und wir bitten den Senat, deren wichtige Funktion in der Medienlandschaft, vor allem aber auch im Kontext unserer Strategien zur Stärkung der Kreativwirtschaft und des Kulturstandortes, zu beachten, zu entwickeln und zu sichern. Deshalb bitte ich Sie um Zustimmung auch zu unserem Antrag zur kulturellen Filmförderung.

Für eine belebte, einladende Bremer City statt Zeltstädten und Wagenburgen

In Politik, Stadt, wörtlich! on 21. Juni 2012 at 20:40

Bürgerschaftspräsident Christian Weber (SPD) und Anrainer des Marktplatzes fordern eine Begrenzung der Nutzung des Marktplatzes für öffentliche Veranstaltungen. Der Sprecher für Stadtentwicklung und Kultur, Carsten Werner, regt an, „über eine Gestaltungssatzung für Veranstaltungen und Werbung in der City nachzudenken. Sie könnte auch in der weiteren Innenstadt, etwa am Liebfrauen- und am Ansgarikirchhof, bei der Genehmigung von Events, Werbung und Beschallung helfen.“ So behinderten übermäßig viele und große Werbemaßnahmen neben dem freien Blick und der zwischenmenschlichen Kommunikation auch immer öfter den wachsenden Fuß- und Radverkehr in der Stadt.

Carsten Werner betont die Bedeutung der Innenstadt und besonders des Marktplatzes für das Image Bremens: „Rathaus und Roland sind Teil des international beworbenen UNESCO-Welterbes – wenn sie von Plastikplanen, Lieferwagen und Veranstaltungstechnik umstellt sind, ist das mehr als irritierend. Deshalb ist es nicht zuletzt eine Aufgabe auch des Stadtmarketings, bei der Gestaltung und Nutzung auf deren Ästhetik, Angemessenheit und Offenheit zu achten. Auch von den City-Geschäftsleuten würde ich mir wünschen, dass sie sich für eine Entrümpelung im Sinne einer lebendigen Aufenthaltsqualität in Bremens Mitte mindestens ebenso engagieren wie gegen zusätzliche Einzelhandelsflächen andernorts. An Beratungen über Kriterien dafür sollte auch der Landesbeirat Kunst im öffentlichen Raum beteiligt werden.“ Carsten Werner kritisiert: „Viele Veranstalter kreisen buchstäblich um sich selbst und sind offenkundig gefangen in subjektiven technischen und organisatorischen Zwängen. Wer aber in die Stadt, auf die Straße, auf prominente Plätze drängt, muss auch mit dem Charakter der Stadt und der Plätze umgehen und darf sich da nicht in Zeltstädten und Wagenburgen einigeln: Mehr Kommunikation, weniger frontale Präsentation. Wenn die City spielerisch belebt wird, mit Unterhaltung lockt und zum Verweilen einlädt, wäre das gut so – wenn es aber um billige Verkaufe, geschlossene Gesellschaften oder Selbstdarstellung geht, gibt es dafür bessere Formate als den öffentlichen Raum.“

Der innenpolitische Sprecher Björn Fecker warnt in der Debatte um die Marktplatz- Nutzung davor, übers Ziel hinauszuschießen, und fordert einen verbindlichen Kriterien-Katalog für die Nutzung. Dazu erklärt Björn Fecker: „Der Marktplatz ist kein Friedhof. Die Vielzahl an Veranstaltungen und die Lautstärke zu begrenzen, ist zwar richtig. Aber der Marktplatz muss als zentraler Ort der Stadt belebt bleiben. Für die Nutzung muss es einen klaren und verbindlichen Kriterienkatalog geben. Der kann bei diesem zentralen Platz, der den Menschen dieser Stadt gehört, nur von den zuständigen Gremien verabschiedet werden. Die Kriterien müssen transparent und auf Dauer tragfähig sein. Dazu ist zunächst eine Bewertung der bisherigen Veranstaltungen nötig. Das Stadtamt braucht klare Vorgaben wie z.B. Qualitätsstandards, zulässige Größe der Veranstaltung, Dauer der Proben oder auch Abstand zum Roland. Das Weinfest z.B. wirkt wie eine Wagenburg im Wilden Westen und verstellt den Blick auf das schöne Marktplatz-Ensemble. Das muss sicherlich nicht sein. Aber was ist dann mit der Eröffnung der Matjes-Saison, die auch eine kommerzielle und laute Veranstaltung ist? Was auf dem Marktplatz zulässig ist, darf nicht vom persönlichen Geschmack abhängen. Kulturveranstaltungen wie La Strada oder auch der Bremer Karneval sollten dort weiterhin möglich sein. Solche Attraktionen tragen zum guten Image der Stadt bei. Für uns ist ebenso klar, dass StraßenkünstlerInnen in der Stadt der Stadtmusikanten dazugehören. Die Polizei hat in Bremen wesentlich wichtigere Aufgaben, als Musikanten zu kontrollieren.“

„Kulturinfarkt“ oder „Denkinfarkt“ ? – Ein Streit, der sich lohnt

In Ideenwirtschaft, Kunst, Politik, Stadt on 18. März 2012 at 12:30

Ich verstehe die Aufregung immer noch nicht (ganz): Vier ältere Herren schreiben im Spiegel nicht, dass sie „desubventionieren“ wollen, dass „die Hälfte“ weg soll, sondern regen durch Umwidmung von 2 von 10 Milliarden Euro deutscher Kulturfinanzierung 1. Konzentration und 2. Innovationsförderung an. Kann man da nicht drüber diskutieren, ohne dass es „Freiheitsberaubung“ aus allen Röhren schallert? Ja, ihre Markt-Produkt-Rhetorik klingt hart und für mich auch schon wieder gestrig: Aber ersetzt man diese Instant-Formeln mal durch Aufgabe/Funktion/Wirkung, meinetwegen auch Qualität, eben: „Gestaltungskraft“ und setzt die in einen gesellschaftlichen, politischen Zusammenhang, dann kann daraus doch was werden? „Erfolg“ kann auch gesellschaftlich sein. Kunst muss nicht „nützen“, aber darf sie nicht auch „nützen“?

Eine tiefe Debatte über die (Ent)Institutionalisierung und (Ent)Musealisierung der Kultur(en) und ihrer gesellschaftlichen Funktionen und Aufgaben finde ich ebenso wichtig wie Kritik an ihrer Ökonomisierung – wobei ich in „realpolitischen Aufgaben“ noch kein grundsätzliches Zeichen für Ökonomisierung sehe, sondern auch für die Empathie, Kompetenz, Wirksamkeit, Zuständig- und Widerständigkeit von Kunst und Kultur.

„Weitblick“ als „unternehmerische Tugend“ zu bezeichnen (wie Niklas Maak in der FAZ eine Schule zitiert, die mit der Debatte höchstens auf symptomatischer Ebene zu tun hat), ist eine Frechheit – aber darum Weitblick abzulehnen, ist Blödsinn: „Weitblick“ ist auch eine künstlerische, auch eine politische Tugend. Und was daran eine „Ökonomisierung des Denkens“, wenn man für Kunst in der Schule ist? Weil „marktorientiertes Denken“ die Sprache „verwüstet“ hat (und wie die Diskussion zeit: wohl auch ihr Verstehen), sprechen und diskutieren wir lieber nicht mehr, sondern schreien nach „Freiheit“? Wir? Hier? Unheimlich.

 

Einer der Autoren des „Kulturinfarkt“ im Deutschlandradio-Interview: „Baut den Apparat um!“

 

Ein nüchterner Blick auf die Entwicklung der Kulturetats und der Kultureinrichtungen in den vergangenen 2,3 Jahrzehnten und kritische Fragen nach der Richtigkeit der Institutionalisierung von allem und jedem sind wichtig.
– Kulturentwicklung muss – neben der Förderung von Kreativität – auch eine Schaffung von Strukturen zeitgenössischer Künste und Kulturen sein; und die finden heute zu nicht unerheblichen Teilen auch im Internet statt, in der Popkultur und im Stadtleben. Das bildet sich in der Wirtschafts-, Sozial-, Bildungs- und Medienpolitik ja durchaus auch deutlich ab – ob Kunstpolitik als relativ neue Querschnittsaufgabe sich da mehr einmischen müsste, kann man diskutieren. Dass sie die Entwicklungen – wie Kunst und Künstler selbst – scharf und klar wahrnehmen muss, ist notwendig und selbstverständlich! Die Innovationen und Impulse jedenfalls kommen aus den Kellern, von der Straße, aus der Technik oft – und aus dem Ausland.
– Die Kulturfinanzierung – und die für Kultur verfügbaren Mittel und auch Aufträge, nicht nur im Rahmen der Kulturförderung – sind in den vergangenen Jahrzehnten so deutlich gestiegen, wie sich die Szenen verbreitert haben. Es ist bemerkenswert und gut, dass sich Innovationsförderung, stadtentwicklerische Maßnahmen, Kultur als Inklusions- und Bildungsangelegenheit auch aus anderen Etats speisen, dass Kultur auch als Wirtschaftsbranche wahrgenommen und befördert wird, auch Künstler über ihre Angebote an die Gesellschaft als „Produkte“ nachdenken können. Ideen und ihre Gestaltung und Durchführung selbstbewusst so zu nennen und zu nutzen, ist nicht verwerflich, sondern ein legitimes Interesse, dass für die Musik-, Buch-, Film-, Medien- und Kunstmärkte auch niemand problematisch findet.
– Klassische staatliche Kulturförderung führt viel zu grundsätzlich geradewegs in die Institutionalisierung von Initiativen und Einrichtungen – oder macht sie gar zur Voraussetzung. Das führt insgesamt zu einer Musealisierung der (in Etats und Stein) sichtbaren und gebauten Kulturlandschaft. Wo das kulturelle Gedächtnis gesichert, Schaffen dokumentiert und so Maßstäbe gehalten werden, ist das wichtig. Eine Fokussierung auf den Bestand und sein allzeit dauerhaftes Bestehen, die Verstrickung von Impulsen in institutionalisierte „Sicherheit“ aber koppelt Kulturentwicklung allzuoft von den wirklichen, wesentlichen, gesellschaftlich relevanten kulturellen Veränderungen und Umbrüchen ab.

Kulturentwicklung, Kulturfinanzierung und Kulturförderung sind verschiedene und gleichberechtigte Aufgaben von Kulturpolitik. Den Kultursektor als subventionierten Arbeitsmarkt zu behandeln, greift zu kurz. Wie die dafür zuständigen Kulturressorts in Deutschland zugeschnitten sind, ist aber immer noch sehr zufällig aus politischen, machttaktischen Beweggründen verteilt: Mal gehören sie zum Regierungschef wie in Bremen und Berlin, mal gehören sie mit Wissenschaft oder/und Bildung zusammen, mal mit Wirtschaft, auch Inneres und Sport hatten wir ja schon. Hier gehört die Soziokultur dazu, dort ist die ganz klassisch Teil der Sozialarbeit, dafür rücken Kultur und Kreativwirtschaft oder Kunst und kulturelle Bildung zusammen. Diese Vielfalt muss wieder einen Sinn bekommen, ein Ziel.

Dazu passt nicht zuletzt:
Koalition der Freien Szene – Offener Brief an die Stadt Berlin – Online Petition.

 

„Das Buch verschenkt die Gelegenheit, einen Streit anzuzetteln, der sich lohnt. Die Ruhe und das phrasenreiche Einverständnis im Kulturpolitischen sind ja wirklich ein Grund zur Beunruhigung. So viel Stille und Konsens herrscht nur, wo große Konflikte und Probleme zugedeckt werden. Zu reden wäre endlich über eine Kultur des Aufhörens, des Endes auch von Kultureinrichtungen. Die immer gleichen Argumente gegen Theaterschließungen etwa – bringt wenig, schadet viel, ist banausisch – ändern nichts daran, dass viele Kommunen die Mittel für ihre Theater kaum aufbringen können. Ist der Bestandsschutz immer gerechtfertigt und die beste Lösung für die Bürger der Stadt?“
Jens Bisky in der Süddeutschen: „Der Kulturinfarkt“ – Lieber ein Streit, der sich lohnt

„Niemand wird ernsthaft behaupten, die üppigen Subventionen für Theater, Opern und Museen führten ausnahmslos zu kulturellen Höchstleistungen. (…) Kaum jemand außer Klaus Wowereit, der sie plante, wird begründen können, warum Berlin noch eine neue Kunsthalle braucht, wo man dort schon vier unterfinanzierte Quasi-Kunsthallen betreibt. Natürlich fragt man sich angesichts der uniformisierten großen staatlichen Ausstellungshallen, die die altbekannten Hits der klassischen bis neueren Moderne in immer matteren Aufgüssen servieren, ob es nicht besser wäre, die zahlreichen kleinen, von Künstlern selbstorganisierten lokalen Ausstellungsorte zu fördern, an denen Gegenwartskunst viel besser gezeigt wird. Und niemand wird bestreiten, dass die Subventionsbürokratie viel zu behäbig ist und reformiert werden muss. (…) Aber all das reicht – eben weil es keine neuen Erkenntnisse sind und weil kaum jemand diesen Punkten widersprechen würde – noch nicht, um ein ganzes Buch zu füllen.“
Niklas Maak in der FAZ: „Der Denkinfarkt“

„Der Kulturbetrieb reagiert auf den Text bislang so, wie Throninhaber von je her auf Kritik reagieren: Sie wittern Majestätsbeleidigung! (…) Auf allen Wellen und aus allen Ecken des Kultur-Landes schallt es: “Verrat! Verrat! Verrat!”. Hätte es eines letzten Beweises für die Sprengkraft des Buches bedurft, wurde er heute erbracht: Bereits vier Tage nach dem Aufkommen des sperrigen und für den Boulevard gänzlich unsexyen Themas “Kulturförderung” landet die Debatte in der „Bild“-Zeitung – mit den erwartbaren Folgen für die öffentliche Wirkung wie das intellektuelle Niveau (…). Die vier Autoren schreiben in Buch (zur Erinnerung: einer”Polemik”) und Zeitschrift aber ganz unmissverständlich, dass die zahlenmäßige Halbierung der öffentlichen Kultur-Einrichtungen gar keine Halbierung der Ausgaben bedeute (…): Statt immer mehr Geld für das immer gleiche Kulturangebot auszugeben, solle mit dem gleichen Geld mehr Vielfalt in der Kulturlandschaft entstehen. (…) Dabei ist die Diskussion überfällig: In wohl keinem anderen politischen, ökonomischen oder gesellschaftlichen Sektor der Republik hat es in den letzten vierzig Jahren ein solches Wachstum von Institutionen und Mitteln gegeben.“
Der kulturpolitische Reporter: Die Kaste der Unantastbaren und der Kultur-Infarkt

 

Bild.de über den bayerischen „Kunstminister“ (so heißt er dort!): Wolfgang Heubisch (FDP) warnt vor „Kulturpolitik mit Rasenmäher“ – dann schon lieber mit der Gießkanne: „Welches Theaterensemble und welchen Musikschullehrer wollen sie denn nach Hause schicken?“

Kürzungen schmerzen und da darf man auch schreien – gerne noch viel mehr. Das tun ja andere Lobbyisten und Interessenvertreter und -haber auch.  Über einen Umbau muss man trotzdem immer weiter reden – und der hieße wohl auch nicht einfach nur „den Großen nehmen, den Kleinen geben“; da würden die Kleinen einfach ratzfatz groß und gewonnen an Kunst, Erkenntnis, Erbauung, Impulsen wäre (fast) nix. Denn es geht nicht um „klein“ oder „groß“ – es geht um Mobilität, um Temporarität, um Teilhabe, um Beziehungen.

Letztlich betrifft das Thema nicht nur die Kultur, sondern viele „gewachsene Strukturen“, „Trägerlandschaften“, Institutionen …

Planwirtschaftliche Kürzungsideen für Kultur sind nicht so hilfreich

In Medien, Politik on 29. September 2011 at 00:20

Schön, wenn Menschen ihre Irrtümer bemerken und korrigieren:
(Update 29.9.2011 – siehe unten.)

Gestern noch hieß es bei Radio Bremen „Wirtschaft gegen Kultur: Handelskammer sieht Sparpotential bei Kultur“ – heute wurde daraus flugs „Vorschlag der Handelskammer: Mehr Kooperationen in der Kultur“
… und dann weiter im neuen Text: „Die Bremer Handelskammer fordert die Kultur-Einrichtungen auf, nach Möglichkeiten zu suchen, wo sie enger zusammenarbeiten können. Das dadurch eingesparte Geld sollte im Kultur-Etat bleiben und für Aufführungen und Ausstellungen genutzt werden.“ Oder auch, kürzer gefasst: Wer am einen Ende spart, kann am andern etwas mehr ausgeben – und natürlich ist die Theorie schön, mehr für die Kunst und weniger fürs Werben auszugeben. Man muss nur das richtige Verhältnis finden, um diese Binsenweisheiten wirtschaftlich zu nutzen – eine wichtige, unbestrittene Aufgabe aller Geschäftsführer, Produzenten, Öffentlichkeitsarbeiter, Veranstalter, Produzenten.

Was die Handelskammer zu solchen Ratschlägen qualifiziert und motiviert, bleibt aber auch am „Tag danach“ so rätselhaft irrlichternd wie ihre konkreten „Sparvorschläge“ selbst: „So könnten zum Beispiel die Buchführung und die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit gemeinsam abgewickelt werden“. Mit solchen Vorschlägen werden Erwartungen in punkto Einsparpotenzialen geweckt, die in der Realität erfahrungsgemäß kaum messbar sind. Gleichzeitig lösen sie Existenzängste in der Szene aus. Das erschwert gemeinsame Lösungen – durchaus mit echter Sparbereitschaft und echten Einsparpotentialen -, die die Kulturverwaltung mit Einrichtungen laufend verhandelt. Dass ausgerechnet die Handelskammer als oberste Interessenvertretung der Wirtschaft die Zusammenlegung der Öffentlichkeitsarbeit vorschlägt, erstaunt mich: Zwei völlig Unternehmen – sagen wir: Beck’s und Kraft, oder: Tütensuppenhersteller und Tierfutterfabrikant, oder: Autohersteller A und Autohersteller B – würden nie auf die Idee kommen, Werbung und Marketing zu fusionieren. Gerade bei Kultureinrichtungen und -projekten sind zudem ja ihre öffentlichen Veranstaltungen und deren (Be)Werbung besonders eng verknüpft.

Die meisten Kultureinrichtungen und Unternehmen der Kulturwirtschaft sind (Zwangs-)Mitglieder der Handelskammer. Dem sollte die Kammer durch substanzielle Unterstützung und Beratung bei ihrer Entwicklung gerecht werden, statt öffentlich planwirtschaftliche Kürzungsideen für den Kulturbereich zu diskutieren und unausgegorene pseudowirtschaftliche Ratschläge zu erteilen.

Wo das sachlich möglich, betrieblich machbar und künstlerisch sinnvoll oder/und wirtschaftlich vielversprechend ist, spricht nichts gegen Kooperationen von Kultureinrichtungen oder sogar deren Zusammenschluss – personell, räumlich, strukturell oder sogar konzeptionell. Das geht aber nur im Dialog – und mit gemeinsamen Zielen, von denen alle Beteiligten profitieren. Kaum irgendwo wird schon in und aus den Einrichtungen heraus so viel kommuniziert, geplant und verhandelt wie im Kulturbereich – um Verbesserungsbedarfe zu erkennen, Aufgaben und Förderkriterien zu überprüfen und zeitgemäß anzupassen (oder auch mal etwas zu beenden). Dazu ist der Dialog zwischen Kulturverwaltung und Einrichtungen wichtig – und zwischen Kreativen, ihren Beratern und Verwaltern, Kulturpolitik und -verwaltung lang geübte Praxis und auf einem guten Weg. Die Handelskammer sollte überlegen, ihre kommunikativen Angebote – die sich wesentlich in Willensbekundungen, Pressemitteilungen und Talkveranstaltungen zu CSR, Stadtimage, Kreativwirtschaft und Eventmanagement niederschlagen – besser konkreten Angeboten realer Beratung und Fortbildung zu verbinden und mit ihren davon betroffenen Mitgliedern abzustimmen.

>> Nachtrag am 29.9.2011:
Morgen darf sich dann die kulturpolitische Sprecherin der  CDU, Dr. Rita Mohr-Lüllmann korrigieren, die heute anlässlich des vom Senat vorgeschlagenen Kontraktes mit dem Bremer Theater behauptete, dass „andere Kultureinrichtungen oder freie Träger nicht auch Planungssicherheit durch vergleichbare Vereinbarungen erhalten“ und dass die Zuschüsse „nur gewährt werden, wenn sie auch an Verpflichtungen geknüpft sind. Dies ist derzeit nicht der Fall“. Beides ist Quatsch: Natürlich sind mit mehrjährigen Förderverträgen Verpflichtungen verbunden – auch zu nicht unerheblichen Einsparungen. Mein Fraktionskollege Hermann Kuhn, finanzpolitischer Sprecher der Grünen, bestätigt: „Der Kontrakt fürs Theater führt die Konsolidierung der letzten Jahre fort und bettet sie realistisch in den Sanierungspfad der Stadt ein. Die Zusicherungen sind verbunden mit der vertraglichen Verpflichtung zu Eigenanstrengungen.“ Im Gegenzug schaffen die Kontrakte für die Einrichtungen mehrjährige Planungssicherheit, damit sie sich auf ihre künstlerische Arbeit konzentrieren können, statt sich in Insolvenz(be)drohungen aufzureiben. Ähnliche Kontrakte wurden bereits mit der Kammerphilharmonie Bremen und den Bremer Philharmonikern geschlossen, die demnächst verlängert werden sollen. Und auch für das Gerhard-Marcks-Haus, das Paula Modersohn-Becker Museum und die Schwankhalle sind bereits Kontrakte vorbereitet, die hoffentlich bald abgeschlossen werden. Sie sind wegweisend für die verlässliche Förderung und Planungssicherheit auch anderer Kultureinrichtungen.

[ … und diese um sich greifende unjournalistische Unart, möglicherweise verunglückte Formulierungen, Formate, Zitate oder Behauptungen online nach ein paar Stunden einfach kommentarlos zu ändern oder zu tilgen, ohne diese Änderungen kenntlich zu machen, könnte man AUCH mal gesondert thematisieren …!? ]

faire und soziale Stadt :: kreatives Bremen

In Politik, Stadt, Werner on 9. Mai 2011 at 22:00

Eine Flugschrift.

faire und soziale Stadt :: kreatives Bremen

mein Flyer zur Bremer Bürgerschaftswahl 2011

Nehmt und tragt sie in die Stadt.
Leiht mir Auge, Ohr und vor allem: Eure Stimmen!

Katastrophenradio!

In Medien, Werner on 15. März 2011 at 20:53

cwerg war gestern nach 2 Wochen Berlin recht betrübt über den Zustand der norddeutschen Radiotiefebene mit ihren in der aktuellen Weltlage – Umbruch in Arabien, Gau in Japan – besonders abstrusen Infohäppchen, Gesprächlein und Nah-Beim-Menschen-„Ideen“ – und über die Unfähigkeit oder den Unwillen, die Stimmungslage in Tonfall, Inhalt und Musik zu erfassen, was anderes zu „machen“ als die übliche vorgeschützte „Geschäftigkeit“, Standard-Aktualitäts-Floskelei und höchstens Betroffenheits-Getue. Das ist alles so alt und so verbraucht und untauglich.

– Aber allein die drei Deutschlandradios sind in diesen Tagen die GEZ mehr als wert; jedes für sich, on air oder im Internet: Interessierte Experten und Redakteure aller Fächer am Studiotisch, Bezüge herstellend, sich ergänzend und gemeinsam informierend und fragend, einordnend, denkend, fürchtend sogar – sendend eben. Das will ich hören und bezahlen. (Nicht bloß „irgendwie dabei“.)

ARD-Journalismus am Dienstag 21.7.2009

In Medien on 21. Juli 2009 at 23:19

ARD-Journalismus am Dienstag 21.7.2009:

1.
Sonnenbaden, Schorletrinken, Entenfüttern am Weserstrand. Vorfahrt eines Radio-Bremen-Kamerateam-Busses im Naherholungsgebiet, 3 Leute filmen matschigen Sand. Dann stört der Redakteur kurz beim Entenfüttern, verjagt die Küken:
– „Sie haben sicher gehört, dass der niedersächsische SPD-Chef das Bundesland Bremen abschaffen will.“
– „Ja.“
– „Könnten Sie uns bitte in die Kamera sagen: ‚Der Herr Duin soll sich mal darum kümmern, dass das Watt bei Cuxhaven nicht so verschlickt!‘ “
– „Nein.“
– „Warum denn nicht?“

2.
Abends die Zusammenhänge verstehen:
– das Bremer Lokalfernsehen hat einen anderen kostenlosen Sprecher gefunden – in irgendeiner Einkaufszonen sagt er: “ ‚Der Herr Duin soll sich mal darum kümmern, dass das Watt bei Cuxhaven nicht so verschlickt!‘ “
– Im www gesucht und gefunden: das Watt ist gerade Weltkulturerbe der Unesco geworden und Cushavener Hoteliers erregen sich drüber, dass man jetzt nichts mehr gegen die zeitweise Verschlickung tun kann.
– auf www.tagesschau.de bloggt Chefredakteur Gniffke: „Wenn wir ehrlich sind, hätte man jedes, ja wirklich jedes unserer heutigen Themen auch lassen können.“
– auf der Homepage des niedersächsischen SPD-Chefs Garrelt Duin steht: „Einen Sitz im NDR-Rundfunkrat habe ich seit Mai 2007 inne.“
Aha. Naja. Na dann.

Sommerloch schluckt Sommerloch.

Liebesbrief … an den Nacktclown

In Kunst on 24. März 2008 at 22:59

Technische Leiter und Theaterdirektoren erleben Dich immer zwiespältig: Wenn die Bühne brennt, Dosen und Flaschen explodieren oder die Fliehkräfte mit Hilfe von Waschmaschinen und rotierenden Klavieren provoziert werden, zucken das auf Sicherheit oder wenigstens Überleben bedachte Herz und der die Verantwortung dafür tragende Kopf im Takt, einerseits. Andererseits ist bewundernswert, wie virtuos Du Physik und Kraft, Illusion und „Reality“ beherrschst, wie Du sie dehnst, mixt und überlistest.

Das Publikum liebt Deinen Körper, der alles mitmacht, was Du behauptest und zuendebringt, was Du beginnst: Ob im perfekt sitzenden Anzug, bewaffnet mit Gesetzbuch, Kamera, Fahne und Paella im Kampf für das Ansehen der Malloquiner und gegen „Bild“ und dessen Chef Kai Diekmann – oder nackt bis auf ein paar Federn auf dem Bremer Buntentorsteinweg zwischen Straßenbahnen und kläffenden Hunden. Du lässt ihn bluten – für den großen Effekt und ein bisschen Applaus.

Du gehst den Leuten an den Kragen, an die Wäsche, ans Gewissen. In echt und ohne doppelten Boden. Wer die eitelteure Markenklamotten trägt, wird nicht nur verachtet – sondern geheilt. Wenn Du sagst: „Es knallt!“ – dann knallt das. Du hast Thomas Gottschalk und sein ZDF zur Weißglut getrieben, als sie Deine geliebte Insel besetzt haben. Wer könnte das, „Wetten, daß …?“ verhindern, wenn nicht Du, Leo Bassi, großer Clown, nackter, alter, blitzschlauer, gefährlicher Mann! Jetzt hast Du es auf die Religionen abgesehen. Das freut viele nicht: Sie bedrohen und bekämpfen Dich. Denken und Lachen – die explosive Mischung scheint einigen zu gefährlich zu sein. Wie gut.

Leo Bassi: Am 3., 4., 6. 4. in der Stauerei

per:form intermedia – 10 Sätze zum Fernsehen

In Medien on 13. Juli 2006 at 16:37
1. Rudi Carrell ist tot.

2. Fernsehen macht müde,

3. Fernsehen ist out,

4. Fernsehen ist langweilig und uninteressant.

5. Irgendwie wollen wir trotzdem alle (ins, ans) Fernsehen und KÖNNTEN ES BESSER:

6. Humor als Ton, Authentizität als Form und Würde würde gut sein.

7. Entinstitutionalisierung bringt Quote. (Aber wohin mit den Institutionen?)

8. Kleine Einheiten (Pop-Splits), immer mit der Ruhe (slow-TV) und der Kraft des Performativen, elitär, banal, jedenfalls individuell: Kiosk-TV wäre dann also mein Vorschlag, wenn wir sollten und dürften, was wir wollen und können – Menschen Geschichte(n) sprechen lassen und ihnen in die Augen schauen dabei,Waren und Wahrheiten zusammenbringen, hässliche Brötchen verknusen und Feinkunst, Unterhaltung aus dem Stand eben. Das könnte gehen.

9. Jung sein heißt: Lernen von alten Säcken – natürlich.

10. Kampf den Programmzeitschriften, die der Tod des Fernsehens sind!

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