carsten werners

Archive for the ‘Radio’ Category

Für Öffentlich-rechtliches (im) Internet!

In Ideenwirtschaft, Kunst, Medien, Politik, Radio on 19. Juli 2012 at 21:30

„Zeitungsverlage und öffentlich-rechtliche Sender müssen Verbündete werden. Sonst werden sie in den Medien von morgen keine Rolle mehr spielen.“ schreiben Cem Özdemir und Oliver Passek in einem Gastbeitrag für die vom 6. Juli 2012: http://www.taz.de/ffentlich-Rechtliche-und-die-Verlage/!96859/

Ich teile dieses wichtige Bekenntnis zu Qualitätsmedien und dualer Rundfunkfinanzierung. Ich würde es aber auch wichtig finden, dass wir uns als Grüne auch damit auseinandersetzen, ob und wie und welche Alternativen für eigenständige öffentlich-rechtliche Internetangebote denkbar wären. Ob alleine ARD und ZDF dafür qualifiziert sind, kann man ja zumindest fragen: Sie sind aufgrund ihrer Historie, ihrer Strukturen, ihres Personals und ihres Auftrags ja derzeit durchaus limitiert, was Internetprojekte oder -strukturen angeht. Und es wäre schade und verkürzt, die Debatte und ihre Begründung auf neue Vertriebskanäle zu reduzieren: Es geht auch um neue, sich verändernde Kulturtechniken und Formate, um neue Produktionsweisen, Netzwerke sowie Publikationsformate und Präsentationsportale. Und es gibt ernstzunehmende gute Ideen, die ich bei den etablierten öffentlich- rechtlichen Playern jedenfalls für heute nicht in den besten Händen sähe. Strategie und Kommunikation etwa von WDR-Intendantin und ARD-Chefin Monika Piel im Hinblick auf Programmentwicklungen, -entscheidungen und medienpolitische Verhandlungspositionen (vom ARD-Talk-Gastspiel von Thomas Gottschalk über die Auseinandersetzungen über einen ARD-Jugendkanal bis zu den Verhandlungen mit den Verlegern u.a. über die Tagesschau-Apps) schaffen dieses Vertrauen nicht – weil sie eben gerade weder auf Augenhöhe laufen noch mit Blick in die medienkulturelle und -technologische Zukunft stattfinden. Die Chancen, die das Internet für Journalismus, Kunst und Kultur bietet, haben weit mehr verdient als solche genre- und generationenbedingten Miss- und Unverständnisse.

Zwei Beispiele, in welche Richtung(en) es im Internet auch öffentlich-rechtlich gehen könnte, sind z.B. der Vorschlag der AG Dokfilm für ein neues öffentlich-rechtliches Internet-Mediumhier erläutert in einem Interview – oder Julia Seeligers Plädoyer für Digitale Salons – und es gibt noch viele mehr, die ein Nachdenken über besonderen öffentlich-rechtlichen Schutz lohnen und verdienen würden. Auch die Auseinandersetzungen zwischen öffentlichen Bibliotheken und Verlegern um eBooks, Zustand und Aufgabe der Bürgermedien und Offenen Kanäle oder Themen der Wissens- und Kultur-Allmende gehören in diesen Kontext.

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KulturKopf Hans Jessen, ARD-Hauptstadtstudio

In Radio on 28. August 2010 at 00:21

Hans Jessen, geboren 1949 in Barsinghausen, hat in Bremen von 1986 – 99 und von 2006 – 2009 als Reporter, Moderator und Chef vom Dienst des regionalen Fernsehmagazins „ buten un binnen“ gearbeitet. Von 1999 – 2006 und seit Januar 2010 wieder war/ist er von Radio Bremen als Fernsehkorrespondent in die Gemeinschaftsredaktion des ARD – Hauptstadtstudios in Berlin abgeordnet. Er arbeitet als Reporter für die Nachrichtensendungen der ARD und als Chef vom Dienst für den „ Bericht aus Berlin“ .
Seine Arbeitsschwerpunkte in Berlin sind: Außenpolitik, Entwicklungszusammenarbeit, Bildungs- und Umweltpolitik.
Als Mitglied eines Internationalen Trainerteams hat er in den vergangenen Jahren zahlreiche Trainingskurse für Fernsehjournalisten in West- und Osteuropa geleitet, seit 2004 moderiert er vielfältige Veranstaltungen zur Entwicklungszusammenarbeit und Globalisierung.
Hans Jessen lebt in Berlin.

KulturKöpfe HÖREN: Hans Jessen & Carsten Werner

Hörspiel des Monats November 2008: Die Störenfriede

In Radio on 9. Dezember 2008 at 12:23

DIE STÖRENFRIEDE
von Marion Aubert

Regie: Ulrike Brinkmann
Produktion: SR / DLR Kultur

Begründung der Jury:

Während die schlaffe Königin nach einer ewigen Dauer der Misswirtschaft die Staatsgeschäfte schleifen lässt, ist ihr Land ausgetrocknet und ihre Bürger lieben schlecht und sterben viel. Die Autorin Marion Aubert und Regisseurin Ulrike Brinkmann erzählen aus einem prekären Märchenland: Hier hat man Ringe unter den Augen und schlechte Laune, man verwahrlost und verkommt, man ist halbtot oder wenigstens desillusioniert. Die professionellen Schmeichler und Narren haben sich auf der Suche nach Lebenskrümeln, Witzrudimenten und Sehnsuchtsresten ohnehin verselbständigt. Jeder ist auf jeden scharf und jeder jedem egal. Der unvermeidliche Hörspiel-Erzähler-Sprecher ironisiert als „Der Nützliche“ (Leopold von Verschuer) Konventionen und Erwartungen zu sinnverlorenen Regieanweisungen und diese zu spitzen Kommentaren. So navigiert er durch die kläglichen Mühen eines Märchenpersonals, das vor dem Verenden wenigstens brockenweise noch ein bisschen Leben, Liebe oder Tod zu erleben trachtet.

Aubert und Brinkmann setzen der Macht der Selbstherrlichkeit ein skurriles Denkmal. In einer verspielten, pointensicheren Dramaturgie skizzieren sie den larmoyanten und desinteressierten Gehorsam der so gerne Untergebenen mit einem wundervoll infantilen, so angemessen lebensmüden wie versauten Ensemble: Satte Sklaven des Alleshabenkönnens quengeln, jammern, motzen, schimpfen, zetern und morden – wieder und wieder und immer wieder von vorne. Die abgeklärte, toughe „Miss Orleans“ alias Jeanna d’Arc alias „Hanni“ kann da ebenso wenig noch helfen wie Gott persönlich: Die eine taugt gerade einmal als erotische Abwechslung, der andere ist so launisch und dämlich wie sein Personal – hat aber mehr zu sagen.

Dabei treffen Autorin und Schauspieler einen so heutig frustrierten und oft sarkastischen Ton, dass der Hörer sich nicht allzu weit entfernt von ihrem kranken Königreich wähnen kann. Lars Rudolph als kunst- und liebesambitionierter Barde, der Fiedler Reinhard Lippert, eine moderne Märchenmusik von Hans Schüttler und ein minimalistisches Sounddesign tragen amüsant bei zu einer herrlich fatalen, unverschämt lustigen Märchenstunde über Gehorsam und Begierde, „über heute“.

Hörspiel des Monats Juni 2008

In Kunst, Radio on 4. Juli 2008 at 11:26

Ernst Ludwig Kirchner – Inside Out
von Elke Heinemann
Regie: Martin Zylka
Deutschlandradio Kultur / WDR Feature / Radio Bremen 2008

Begründung der Jury:

Elke Heinemann hat in einer detaillierten und genauen Recherche aus den Tagebüchern, Skizzen und Briefen des deutschen „Brücke“-Malers Ernst Ludwig Kirchner nachgezeichnet und mit Regisseur Martin Zylka eine Collage zu Kirchners Leben und Sterben geschaffen, die sich mit originalen Zeitzeugenaussagen zu einer spannenden und rührenden kunsthistorischen Reportage verdichtet. Mit Kirchner (gesprochen von Falk Rockstroh) und den ihn umgebenden Menschen fragen sie, ob Selbstüberhöhung im Kunstmarkt eine Notwendigkeit ist – und wie nahe ihr zugleich Selbstmissachtung und –zerstörung sein können: „Bin ich nicht Napoleon, bin ich eine Maus.“ Dabei beschränkt sich das Hörspiel nicht auf eine Auseinandersetzung um Kunst und ihre Triebkräfte, sondern setzt die gesellschaftliche und politische Situation Deutschlands und Österreich mit Kirchners Flucht als Produzent so genannter „entarteter Kunst“ ins Nachbarland in ein Verhältnis zu dessen emotionaler und gesundheitlicher Lage, zu seiner, durch Drogenkosum verstärkten, Einsamkeit. Wie falsch und richtig in dieser Situation Freunde sein und sich verhalten können, wie schwierig Verantwortung und Verbundenheit in Einklang zu bringen sein können, das wird an Kirchners Verhältnis zu seinem Arzt Dr. Bauer – zugleich Sammler seiner Bilder, Förderer und engster Vertrauter – detailliert ausgeführt: Der Verehrer versorgte Kirchner auch regelmäßig mit Drogen und konnte seinen Selbstmord nicht verhindern. 70 Jahre nach Kirchners Tod ist Heinemann und Zylka ein fast zeitloses und Dank seiner Realitätsfragmente fast lebendiges Hörbild über das Verhältnis eines Künstlers zur ihn umgebenden Gesellschaft gelungen.

Hörspiel des Monats September: Séance Vocibus Avium

In Kunst, Radio, Welt on 10. Juni 2008 at 12:11

Séance Vocibus Avium
Von Wolfgang Müller

Hörspiel des Monats August 2008, Begründung der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste:

Wolfgang Müller gibt ausgestorbenen Vogelarten eine Stimme: Er hat Künstler der deutschen Avantgarde-Pop-Szene gebeten, allein auf der Grundlage wissenschaftlicher Aufzeichnungen verstummte, vergangene Vogelstimmen zu rekonstruieren. So wird aus der rein schriftsprachlichen Erinnerung an ausgestorbene Natur wieder lebendige Akustik – und wir werden nie erfahren, ob diese Töne und Stimmen ‚richtig‘ sind oder doch ganz anders als die ihrer tierischen Vorbilder. Mit ihren jeweils ganz eigenen musikalischen und stimmlichen Mitteln und Techniken schaffen die Musiker uns aber die Möglichkeit einer Erinnerung, einer Vorstellung der ausgestorbenen Vögel.

Der Ernst, mit dem Justus Köhnke, Annette Humpe, Frederik Schikowski, Frieder Butzmann, Hartmut Andryczuk, Max Müller, Nicholas Bussmann, Wolfgang Müller, Francoise Cactus, Brezel Göring, Khan und Namosh sich ihrer bio-archäologischen Aufgabe widmen, wird dem Sujet gerecht: Denn die Stimmen ausgestorbener Vogelarten kommen nicht zurück, sind nicht zu archivieren, nicht zu ersetzen – und eben auch bei noch so kunstfertiger Bemühung nicht zu rekonstruieren. Die Künstler verausgaben sich hier uneitel (und letztlich nicht mehr persönlich zu identifizieren) hör- und fühlbar für den Erhalt eines winzigen Moments Natur – und scheitern daran allen Ernstes.

Parallel referiert die Sprecherin Claudia Urbschat-Mingues die wissenschaftlichen Beschreibungen der Vogelstimmen; durch unendlich viele Deutungen und Bedeutungen, Übersetzungen, Synonyme und Interpretationen der Begriffe , mit denen Wissenschaftler die Natur beschreibbar machen woll(t)en, werden auch deren Versuche ad absurdum geführt: Schon nach wenigen Runden des aus Hören, Sagen und Verstehen unweigerlich folgendenden Deutens wird aus der Vogelstimme ein neues ‚Irgendwas‘ aus der Natur oder dem Rest unserer individuellen Erfahrungswelt.

Wolfgang Müller setzt mit seinem Hörspiel der aussterbenden Natur ein akustisches Denkmal – und erzählt dabei viel über die Kraft, aber auch über die klaren Grenzen der Kunst. Für die intellektuelle Auseinandersetzung mit der Natur hinterfragt er die Maßstäbe – und erfindet ein paar neue.

Carsten Werner

Mitwirkende: Claudia Urbschat-Mingues

Musiker: Justus Köhnke, Annette Humpe, Frederik Schikowski, Frieder Butzmann, Hartmut Andryczuk, Max Müller, Nicholas Bussmann, Francoise Cactus, Brezel Göring, Khan, Namosh, Wolfgang Müller

Auf Wiederhören

In Medien, Radio, Stadt, Werner on 12. November 2007 at 23:29

„Alles was Radio kann“ beim Deutschlandradio

Die Klischees sind lange schon aufgeschrieben: Die Generation Golf saß im Bademantel vorm Fernseher und durfte vorm Schlafengehen noch „Dalli Dalli“ gucken. Das Deutschlandradio macht jetzt Ernst, nimmt sentimentale oder junggebliebene Quiz-, Radio- und Retrofans beim Wort und schickt Hans Rosenthal zurück ins Wohnzimmer. Zur wahren Bademantelzeit am Sonntagmorgen um 8 Uhr gibt es unten dem neuen Deutschlandradio-Wochenendmotto „Alles was Radio kann!“ eine Folge „Allein gegen alle“ aus dem Archiv. In dieser Radio-Mutter fast aller Fernsehshows stellt eine Person – gerne Oberstudien- räte und Oberlandesgerichtsräte – einer ganzen Stadt fünf Fragen, die in 15 Minuten beantwortet werden müssen. Um das nachzuvollziehen: „Frage 1: Welcher deutsche Musiker komponierte im Jahre 1875 für die 100-Jahr-Feier der Vereinigten Staaten von Amerika einen Marsch? – Frage 2: Die Porträtbüste welches weiblichen Mitgliedes des römischen Kaiserhauses war so gearbeitet, dass der obere Teil des Kopfes wie eine Perrücke abzunehmen ging, um bei etwaigem Wechsel der Mode ausgetauscht werden zu können? – Frage 3: Wie heißt der Schutzpatron der Gepäckträger? – Frage 4: Wo ließ Johann Gottfried Seume auf seinem Spaziergang nach Syrakus zum zweiten Mal seine Stiefel besohlen? – Frage 5: In welchem Bau ließen alle Universitäten der Welt zu Ehren eines großen Mannes eine Marmorplatte legen?“ Klären Sie das mal mit ihren Nachbarn, ohne Google, in einer Viertelstunde! Radio- und Fernsehredakteure von heute trauen Ihnen das jedenfalls nicht zu.

„Die Sonderrunde“ schließlich war die Urmutter aller „Wetten, dass …?“- Außenwetten: Mindestens 100 Bürger bitte zur Gymnastik auf den Marktplatz von Vechta, 25 Erwachsene zum Rennen mit Kinderrollern nach Delmenhorst: Sage und schreibe 100 Mark brachte die gelöste Aufgabe – für die Stadtkasse. Die Gags sind also geblieben – die Rätsel sind ja einfacher geworden, wenn heute in Call-Ins ein „Tier mit A“ mit 1000 Euro belohnt wird.

„Allein gegen alle“ geriet zur – auch kommunikationstechnisch – faszinierenden Rundreise durch die Provinz, wenn Hans Rosenthal zum Marktplatz oder in die Schulaula schaltete und seine Reporter unter zeitlichem Hochdruck die Bürgermeister und Oberstadtdirektoren Lösungen verkünden ließ, die die minutenschnell telefonisch von ihren Einwohnern eingesammelt hatten. Schwetzingen, Vechta, Melle, Kellinghusen und Delmenhorst (drei mal siegreich und gegen den Berliner Postbeamten Siegfried Luckmann nur an der Frage nach dem ersten Heiratsinserat – „im Delmenhorster Kreisblatt war es nicht“ – gescheitert!) mussten sich erst einmal durchsetzen, bevor sie gegen größere Städte und deren gesammeltes Wissen antreten konnten. Nach drei siegreichen Runden durfte eine Stadt sich mit dem Titel „Unschlagbare Rätselstadt“ schmücken – vermutlich eine weitaus integrativere Anstrengung, als weltrekordtaugliches Krähen (oder wars Miauen, Bellen, I-A-en?) auf dem Bremer Bremer Marktplatz anno 2007.

Faszinierend ist beim heutigen Nachhören aber vor allem die technische Perfektion, mit der Hans Rosenthal und seine Reporter blitzschnell, hellwach, präzise und virtuos zig mal zwischen Bürgermeistern, Rollerrennstrecken und nächster Stadt kreuz und quer – „bitte melden, bitte melden!“ – hin und her schalteten, Juryentscheidungen und Publikumsstatements einholten und zwischendurch noch die Creme der deutschen Unterhaltungsmusik spielen ließen, live natürlich und immer wieder nur bis zum „Lichtsignal“ für den nächsten Antwortversuch, dessen Erfolg ein – selbstverständlich ebenfalls live gespielter – Jingle krönte.
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Hörspiel ohne Worte

In Radio, Welt on 25. Mai 2006 at 10:01
Ein gigantisches Kulturprojekt: In Bremen, Berlin und Hamburg, in Florenz, Rom, Barcelona, Lyon, Glasgow, Liverpool, London und Rotterdam haben Millionen Fußballfans dazu beigetragen, eine Kantate für eine Million Stimmen in sechs Sprachen zu produzieren. In 22 Fußballstadien – dort wo sich sonst alles und jeder, alle Mikrofone, alle Kameras und alle Emotionen auf den grünen Rasen in der Mitte der Arena konzentrieren – hat der Regisseur und Autor Alfred Behrens die Fangesänge von Fans aus sechs europäischen Ländern in Mehrkanal-Surround-Technik aufgezeichnet. Behrens ist auf die Jagd gegangen „nach dem Groove des Fußballs“: Vor dem Stadion, in den Pausen und nach dem Spiel blieben seine Mikrofone eingeschaltet – so hat er neben den Gesängen noch viel mehr akustisches Material aus der Fußballfanwelt zusammengetragen. Haben Sie am 13. November 2004 im Weserstadion, Werder gegen Leverkusen, mitgebrüllt? Dann sind Sie vielleicht Teil der Welturaufführung am Samstag im Nordwestradio. Ein ganzes Spiel hat Behrens im März 2005 außerhalb das Stadions verbracht, FC Arsenal London gegen die Bayern – ausverkauft: Da konnte er sich konzentrieren „auf die Menschen, die nicht mehr reingekommen sind. Weil sie keine Karte mehr kriegen konnten, oder weil sie sich keine Karte leisten können. Man könnte einen Film drehen über die Peripherie des Währenddessen-Draußen-Vor-Der-Tür: Match-Food-Verkäufer, Mounted Police, Bierdosensammler, Fan-Schal-Händler.“ Beeindruckend ist die kollektive Kreativität, mit der Fans bekannte Songtexte in Windeseile umdichten und so blitzschnell auf das aktuelle Spielgeschehen reagieren. „You’ll Never Walk Alone“ heißt das fertige Hörspiel, das Behrens aus dem Material komponiert hat – eine 60-minütige Klangkompilation aus treibenden Beats, Schlachtgesängen, Torjubel, Hymnen und Liedern. „Jeder Verein hat seine Musik, seinen Klang“, hat der Autor festgestellt. Um daraus seine „Hörspiel-Kantate“ zu bauen, hat er den gesammelten Stoff nach musikalischen Prinzipien geschnitten und gemischt – Folklore im modernsten Sinne. Weltkultur also mal auf dem Sofa zu Haus: Die Reise geht mit treibenden Beats quer durch Europa. Ohne Worte. Krakeelende Fußballreporter und stammelnde Balltreter kommen nicht vor.

Samstag, 27.5., 20.05 Uhr,
Nordwestradio

27.5.2006 taz Nord Nr. 7981 Bremen Aktuell 83 Zeilen, S. 31

Vision im Ohr

In Kunst, Radio on 13. Juli 2003 at 16:39

Gibsons „Neuromancer“ als Cyber-Oper ohne Sci-Fi-Kitsch

Nicht nur seine Fans sehen in ihm einen Visionär: William Gibson hat vor 20 Jahren in seinem Roman „Neuromancer“ nicht nur das Wort Cyberspace erfunden – er hatte zugleich auch schon eine Ahnung von dem verführerischen Wahn, immer vollinformiert zu sein, sich alles hochladen, updaten, „aus dem Netz saugen“ zu können.

Am Freitag lief der erste Teil von Radio Bremens großem „Neuromancer“-Hörspielprojekt: Es übt keine Zivilisationskritik, umschifft aber auch Sci-Fi-Kitsch und coole Action-Attitüde. Die Cyber-Oper, die Alfred Behrens konzipiert und mit hochspezialisierten Technikern, Musikern und Sprechern realisiert hat, spielt aufs Verwirrendste mit Gibsons visionärem Blick. Sie gibt dem Cyberspace irdischen Raum. Dafür mixt Behrens Alltagssplitter, reportagehaft urbane Töne mit ins Synthetische rutschendem Slang, sodass man hörend immer glaubt, zu verstehen – vor den nächsten Drehungen der absurden Story um Datencowboy Case dann aber doch kapituliert und sich dem Rausch an Sounds hingibt. Case, der Informatiker kann sein Nervensystem per Schnittstelle mit dem World Wide Web verbinden, bis böse Mächte es lahm legen. So irrt er zwischen Hightech und Gosse der Heilung entgegen. Irgendwie alles schon mal gehört. Nur noch nicht so. Der rote Faden ist nicht leicht zu schnappen, aber einmal ins Hörstück reingeraten, macht soviel Ohrsinn richtig Spaß.

Nordwestradio, 88,3 MHz

14.7.2003 taz Bremen Nr. 7103 Kultur 50 Zeilen, S. 23

Panorama für die Nerven

In Kunst, Radio, Welt on 4. Juli 2003 at 23:47

Radio Bremen hat eine Cyberoper produziert. „Neu-Romancer“ ist die ehrgeizigste Produktion des Jahres und erzählt von Nerven-Träumen und virtuellem Wahnsinn

Vor 20 Jahren, im Juli 1983, hat William Gibson auf einer klapprigen Schreibmaschine seinen Roman „Neuromancer“ beendet. Den Erfinder des Wortes „Cyberspace“ – bis vor kurzem erklärter Verweigerer des Internets – katapultierte das Buch zum Kultautor der Science-Fiction-Fans. Das Medium hat ihn eingeholt, unter www.williamgibsonbooks.com schreibt er ein Tagebuch.

Radio Bremens Hörspielabteilung setzt ihm jetzt ein akustisches Denkmal: Der „Neuromancer“ geht nach sechs Jahren Konzeption und Produktion ab 11. Juli als Dreiteiler auf Sendung und erscheint gleichzeitig als Hörbuch. Mit Hörspielchef Holger Rink präsentierte Regisseur Alfred Behrens jetzt seine „bisher größte akustische Herausforderung“ und deren ungewöhnliche Produktionsgeschichte – für Radio Bremen die ehrgeizigste und aufwändigste Produktion des Jahres.

Die Geschichte: Der Datencowboy Case ist am Ende, das Nervensystem von seinen Auftraggebern zerstört. Er erreicht die Matrix des Cyberspace nicht mehr und hält sich mit irdischer Kleinkriminalität und Drogenkonsum im korrupten Tokio über Wasser. Ein Deal verspricht ihm Heilung gegen Datenbeschaffung. Case gerät zwischen konkurrierende künstliche Intelligenzen und driftet in den virtuellen Wahnsinn … – wörtlich bedeutet der unübersetzbare Titel „Neuromancer“ vielleicht Nerven-Träumer.

„Was von Gibsons 20 Jahre alten Visionen hat sich realisiert, was ist Science Fiction geblieben?“, fragt sich Rink. „Wir haben ja heute emotional verarmte Leute mit bedenklich begrenzten Beziehungsmöglichkeiten.“ Und Behrens hat für diesen Übergriff der Technik auf die Nerven ein akustisches Panorama geschaffen: Ständig verpasst man was, will einer Stimme nachgehen, mehr hören – und verliert den Faden, stolpert über Soundbrocken, wird durch Piepser, Töne, Klingeleien irritiert.

Eine „ganz realistische akustische Verortung“ ermöglichten Alfred Behrens eigens eingesammelte O-Töne: Aus Istanbul besorgte ARD-Korrespondent Jörg Pfuhl Reality, den „Notting Hill Carneval“ lieferte die BBC und Malte Jaspersen schickte Tokio-Sounds. In der „Zeit“ las Behrens über Data Pop und Electronica – bald hatte Rink mit den auf solche Töne und ihre Erfinder spezialisierten Labels „morr-music“ in Berlin und „echobeach“ in Hamburg „Label-Deals“ ausgeheckt. Der „Neuromancer“-Soundtrack stammt komplett von ihnen.

In nur zehn Tagen wurden in den alten Studios des Rundfunks der DDR in der Berliner Nalepastraße über 30 Stimmen aufgenommen. Das sparte Fahrtkosten der Schauspieler und ermöglichte Behrens „die umgekehrte Reise mit einer Zeitmaschine, mit diesem Science-Fiction-Stoff zurück in die 60er Jahre“.

Im Bremer Studio spielten sich Behrens, Klaus Schumann (Ton), Claudia Jira (Schnitt) und Wolfgang Seesko (Assistenz) „in einer Art Kollektivimprovisation, mit Wiederholung und Variation“ akustische Bälle zu, spielten und experimentierten mit Sounds, Musik und Stimmen „wie eine kleine Jazzbesetzung“.

Die unvermeidliche Lohnt-sich-denn-all-der-Aufwand-Frage nach der vermeintlich so „kleinen Liebhabergruppe“ der Hörspielfans pariert Holger Rink mit einem kleinen Exkurs zur Verwertungskette der neuen Cyberoper: Am 8. August gibt’s für das „Neuromancer“-Hörbuch eine Record-Release-Party in der Berliner Volksbühne. Die WDR-Popwelle „Eins Live“ sendet das Stück auf ihrem Hörspiel-Sendeplatz, der nachts regelmäßig an die 100.000 Hörer lockt. Andere ARD-Anstalten wollen das Stück übernehmen – macht „mindestens eine halbe Million HörerInnen“, rechnet Rink.

Für so was braucht man die richtigen Stoffe – und Regisseure wie Alfred Behrens, der „etwas ganz anderes als den ARD-typischen Hörspiel-Kammerton“ suchte und fand.

Sendetermine: 11., 18. und 25. Juli, jeweils zwichen 22.05 und 23.30 Uhr im Nordwest-Radio

5.7.2003 taz Bremen Nr. 7096 Kultur 138 Zeilen, S. 27

Ansteckender Wahnsinn

In Kunst, Radio on 16. Mai 2003 at 11:47

Ansteckend: Wahnsinn im Radio
Akustischer Jasmin auf Nordwest

„Jemand durchquert mich auf seiner Reise in mir. Der Mann im Jasmin. Ich bin seine Wohnung.“ Eine faszinierend wirre, schwirrend schwebende Kompilation von phantasierenden Gedankensprüngen, irren Ideen und autobiografischen Fakten hat Regisseurin Christiane Ohaus aus Texten von Unica Zürn gewonnen. „Spiele zu zweit, letztes Spiel“ heißt das Hörstück nach deren Buch „Der Mann im Jasmin – Eindrücke aus einer Geisteskrankheit“: Die Ursendung ist heute um 22 Uhr auf Nordwestradio.

Zürn war hin- und hergerissen zwischen dem Versuch, das Leben trotz und mit ihrer von Zeit zu Zeit ausbrechenden Schizophrenie zu genießen, und dem Bemühen, sich ihre Situation bewusst zu machen. Sie hat das in phantasievollen Sprachgemälden, oft auch in kühl distanziertem Beobachterton aufgeschrieben. 1916 in Berlin geboren, begann sie nach Studium, Heirat und Scheidung Kurzgeschichten zu schreiben und als Dramaturgin zu arbeiten. Seit den 50er Jahren lebte sie in Paris, zum engsten Freundeskreis gehörten die Surrealisten Breton, Arp, Duchamps, Ray und Ernst. 1970 setzte sie ihrem Leben durch einen Sprung aus dem Fenster ihrer Pariser Wohnung ein Ende.

Ohaus und ihre Sprecherin Michaela Caspar zerren den Hörer ständig auf den Boden der Tatsachen, starten ihr Hörkunststück immer wieder neu, mit trocken berichteten biografischen Stationen ihrer Protagonistin – um sie dann in Gedanken und Sphären zu entlassen, in denen sie in rasender Phantasie aus Naturtönen, heranschwebenden Formen und Gedanken immer neue Sprachbilder spinnt: Ein schier „unerschöpfliches Vergnügen: das Suchen nach einem Satz in einem anderen Satz“, findet Zürn.

Das Material entstammt ihrer Phantasie, ihrer Krankheit. Vielleicht ist aber auch im Bett ein Mikrofon eingebaut, das die Töne erzeugt, die dann Worte bilden und Formen heranschweben lassen, denen man so lange lauschen muss, bis – nachts – alles seinen wunderschönen Sinn hat: „Die schönsten Gedanken beginnen zu blühen – wie der Jasmin.“ Es könnte vielleicht sehr schön sein, verrückt zu sein. Und irgendwann konstatiert die Protagonistin schrecklich-schön: „Nach 43 Jahren ist mein Leben noch nicht mein Leben geworden.“

„Spiele zu zweit, letztes Spiel“ gibt den Zuständen und Worten, der Angst und der Kunst Unica Zürns Klänge und Raum – und dem Hörer das verstörende, spannende Gefühl, dass die Sprache ein unzureichendes Medium sein könnte. Man will mehr wissen von dieser Person. Denn diese „Eindrücke aus einer Geisteskrankheit“ sind unvollendet, offen. Für Fortsetzungen, nachts, träumend, im Jasmin vielleicht. Die Krisen von Unica Zürn begannen immer im Sommer.

Ursendung: Nordwestradio

16.5.2003 taz Bremen Nr. 7055 Schlagseite 105 Zeilen, S. 24

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