carsten werners

„Kulturinfarkt“ oder „Denkinfarkt“ ? – Ein Streit, der sich lohnt

In Ideenwirtschaft, Kunst, Politik, Stadt on 18. März 2012 at 12:30

Ich verstehe die Aufregung immer noch nicht (ganz): Vier ältere Herren schreiben im Spiegel nicht, dass sie „desubventionieren“ wollen, dass „die Hälfte“ weg soll, sondern regen durch Umwidmung von 2 von 10 Milliarden Euro deutscher Kulturfinanzierung 1. Konzentration und 2. Innovationsförderung an. Kann man da nicht drüber diskutieren, ohne dass es „Freiheitsberaubung“ aus allen Röhren schallert? Ja, ihre Markt-Produkt-Rhetorik klingt hart und für mich auch schon wieder gestrig: Aber ersetzt man diese Instant-Formeln mal durch Aufgabe/Funktion/Wirkung, meinetwegen auch Qualität, eben: „Gestaltungskraft“ und setzt die in einen gesellschaftlichen, politischen Zusammenhang, dann kann daraus doch was werden? „Erfolg“ kann auch gesellschaftlich sein. Kunst muss nicht „nützen“, aber darf sie nicht auch „nützen“?

Eine tiefe Debatte über die (Ent)Institutionalisierung und (Ent)Musealisierung der Kultur(en) und ihrer gesellschaftlichen Funktionen und Aufgaben finde ich ebenso wichtig wie Kritik an ihrer Ökonomisierung – wobei ich in „realpolitischen Aufgaben“ noch kein grundsätzliches Zeichen für Ökonomisierung sehe, sondern auch für die Empathie, Kompetenz, Wirksamkeit, Zuständig- und Widerständigkeit von Kunst und Kultur.

„Weitblick“ als „unternehmerische Tugend“ zu bezeichnen (wie Niklas Maak in der FAZ eine Schule zitiert, die mit der Debatte höchstens auf symptomatischer Ebene zu tun hat), ist eine Frechheit – aber darum Weitblick abzulehnen, ist Blödsinn: „Weitblick“ ist auch eine künstlerische, auch eine politische Tugend. Und was daran eine „Ökonomisierung des Denkens“, wenn man für Kunst in der Schule ist? Weil „marktorientiertes Denken“ die Sprache „verwüstet“ hat (und wie die Diskussion zeit: wohl auch ihr Verstehen), sprechen und diskutieren wir lieber nicht mehr, sondern schreien nach „Freiheit“? Wir? Hier? Unheimlich.

 

Einer der Autoren des „Kulturinfarkt“ im Deutschlandradio-Interview: „Baut den Apparat um!“

 

Ein nüchterner Blick auf die Entwicklung der Kulturetats und der Kultureinrichtungen in den vergangenen 2,3 Jahrzehnten und kritische Fragen nach der Richtigkeit der Institutionalisierung von allem und jedem sind wichtig.
– Kulturentwicklung muss – neben der Förderung von Kreativität – auch eine Schaffung von Strukturen zeitgenössischer Künste und Kulturen sein; und die finden heute zu nicht unerheblichen Teilen auch im Internet statt, in der Popkultur und im Stadtleben. Das bildet sich in der Wirtschafts-, Sozial-, Bildungs- und Medienpolitik ja durchaus auch deutlich ab – ob Kunstpolitik als relativ neue Querschnittsaufgabe sich da mehr einmischen müsste, kann man diskutieren. Dass sie die Entwicklungen – wie Kunst und Künstler selbst – scharf und klar wahrnehmen muss, ist notwendig und selbstverständlich! Die Innovationen und Impulse jedenfalls kommen aus den Kellern, von der Straße, aus der Technik oft – und aus dem Ausland.
– Die Kulturfinanzierung – und die für Kultur verfügbaren Mittel und auch Aufträge, nicht nur im Rahmen der Kulturförderung – sind in den vergangenen Jahrzehnten so deutlich gestiegen, wie sich die Szenen verbreitert haben. Es ist bemerkenswert und gut, dass sich Innovationsförderung, stadtentwicklerische Maßnahmen, Kultur als Inklusions- und Bildungsangelegenheit auch aus anderen Etats speisen, dass Kultur auch als Wirtschaftsbranche wahrgenommen und befördert wird, auch Künstler über ihre Angebote an die Gesellschaft als „Produkte“ nachdenken können. Ideen und ihre Gestaltung und Durchführung selbstbewusst so zu nennen und zu nutzen, ist nicht verwerflich, sondern ein legitimes Interesse, dass für die Musik-, Buch-, Film-, Medien- und Kunstmärkte auch niemand problematisch findet.
– Klassische staatliche Kulturförderung führt viel zu grundsätzlich geradewegs in die Institutionalisierung von Initiativen und Einrichtungen – oder macht sie gar zur Voraussetzung. Das führt insgesamt zu einer Musealisierung der (in Etats und Stein) sichtbaren und gebauten Kulturlandschaft. Wo das kulturelle Gedächtnis gesichert, Schaffen dokumentiert und so Maßstäbe gehalten werden, ist das wichtig. Eine Fokussierung auf den Bestand und sein allzeit dauerhaftes Bestehen, die Verstrickung von Impulsen in institutionalisierte „Sicherheit“ aber koppelt Kulturentwicklung allzuoft von den wirklichen, wesentlichen, gesellschaftlich relevanten kulturellen Veränderungen und Umbrüchen ab.

Kulturentwicklung, Kulturfinanzierung und Kulturförderung sind verschiedene und gleichberechtigte Aufgaben von Kulturpolitik. Den Kultursektor als subventionierten Arbeitsmarkt zu behandeln, greift zu kurz. Wie die dafür zuständigen Kulturressorts in Deutschland zugeschnitten sind, ist aber immer noch sehr zufällig aus politischen, machttaktischen Beweggründen verteilt: Mal gehören sie zum Regierungschef wie in Bremen und Berlin, mal gehören sie mit Wissenschaft oder/und Bildung zusammen, mal mit Wirtschaft, auch Inneres und Sport hatten wir ja schon. Hier gehört die Soziokultur dazu, dort ist die ganz klassisch Teil der Sozialarbeit, dafür rücken Kultur und Kreativwirtschaft oder Kunst und kulturelle Bildung zusammen. Diese Vielfalt muss wieder einen Sinn bekommen, ein Ziel.

Dazu passt nicht zuletzt:
Koalition der Freien Szene – Offener Brief an die Stadt Berlin – Online Petition.

 

„Das Buch verschenkt die Gelegenheit, einen Streit anzuzetteln, der sich lohnt. Die Ruhe und das phrasenreiche Einverständnis im Kulturpolitischen sind ja wirklich ein Grund zur Beunruhigung. So viel Stille und Konsens herrscht nur, wo große Konflikte und Probleme zugedeckt werden. Zu reden wäre endlich über eine Kultur des Aufhörens, des Endes auch von Kultureinrichtungen. Die immer gleichen Argumente gegen Theaterschließungen etwa – bringt wenig, schadet viel, ist banausisch – ändern nichts daran, dass viele Kommunen die Mittel für ihre Theater kaum aufbringen können. Ist der Bestandsschutz immer gerechtfertigt und die beste Lösung für die Bürger der Stadt?“
Jens Bisky in der Süddeutschen: „Der Kulturinfarkt“ – Lieber ein Streit, der sich lohnt

„Niemand wird ernsthaft behaupten, die üppigen Subventionen für Theater, Opern und Museen führten ausnahmslos zu kulturellen Höchstleistungen. (…) Kaum jemand außer Klaus Wowereit, der sie plante, wird begründen können, warum Berlin noch eine neue Kunsthalle braucht, wo man dort schon vier unterfinanzierte Quasi-Kunsthallen betreibt. Natürlich fragt man sich angesichts der uniformisierten großen staatlichen Ausstellungshallen, die die altbekannten Hits der klassischen bis neueren Moderne in immer matteren Aufgüssen servieren, ob es nicht besser wäre, die zahlreichen kleinen, von Künstlern selbstorganisierten lokalen Ausstellungsorte zu fördern, an denen Gegenwartskunst viel besser gezeigt wird. Und niemand wird bestreiten, dass die Subventionsbürokratie viel zu behäbig ist und reformiert werden muss. (…) Aber all das reicht – eben weil es keine neuen Erkenntnisse sind und weil kaum jemand diesen Punkten widersprechen würde – noch nicht, um ein ganzes Buch zu füllen.“
Niklas Maak in der FAZ: „Der Denkinfarkt“

„Der Kulturbetrieb reagiert auf den Text bislang so, wie Throninhaber von je her auf Kritik reagieren: Sie wittern Majestätsbeleidigung! (…) Auf allen Wellen und aus allen Ecken des Kultur-Landes schallt es: “Verrat! Verrat! Verrat!”. Hätte es eines letzten Beweises für die Sprengkraft des Buches bedurft, wurde er heute erbracht: Bereits vier Tage nach dem Aufkommen des sperrigen und für den Boulevard gänzlich unsexyen Themas “Kulturförderung” landet die Debatte in der „Bild“-Zeitung – mit den erwartbaren Folgen für die öffentliche Wirkung wie das intellektuelle Niveau (…). Die vier Autoren schreiben in Buch (zur Erinnerung: einer”Polemik”) und Zeitschrift aber ganz unmissverständlich, dass die zahlenmäßige Halbierung der öffentlichen Kultur-Einrichtungen gar keine Halbierung der Ausgaben bedeute (…): Statt immer mehr Geld für das immer gleiche Kulturangebot auszugeben, solle mit dem gleichen Geld mehr Vielfalt in der Kulturlandschaft entstehen. (…) Dabei ist die Diskussion überfällig: In wohl keinem anderen politischen, ökonomischen oder gesellschaftlichen Sektor der Republik hat es in den letzten vierzig Jahren ein solches Wachstum von Institutionen und Mitteln gegeben.“
Der kulturpolitische Reporter: Die Kaste der Unantastbaren und der Kultur-Infarkt

 

Bild.de über den bayerischen „Kunstminister“ (so heißt er dort!): Wolfgang Heubisch (FDP) warnt vor „Kulturpolitik mit Rasenmäher“ – dann schon lieber mit der Gießkanne: „Welches Theaterensemble und welchen Musikschullehrer wollen sie denn nach Hause schicken?“

Kürzungen schmerzen und da darf man auch schreien – gerne noch viel mehr. Das tun ja andere Lobbyisten und Interessenvertreter und -haber auch.  Über einen Umbau muss man trotzdem immer weiter reden – und der hieße wohl auch nicht einfach nur „den Großen nehmen, den Kleinen geben“; da würden die Kleinen einfach ratzfatz groß und gewonnen an Kunst, Erkenntnis, Erbauung, Impulsen wäre (fast) nix. Denn es geht nicht um „klein“ oder „groß“ – es geht um Mobilität, um Temporarität, um Teilhabe, um Beziehungen.

Letztlich betrifft das Thema nicht nur die Kultur, sondern viele „gewachsene Strukturen“, „Trägerlandschaften“, Institutionen …

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  1. […] anmaßende, überhebliche, unsinnliche und oberlehrerhaft arrogante Tonlage der «Kulturinfarkt»-Anstifter hat die Frage für Jahre frisch zum Tabu betoniert: «Wie schließen?» Ein kulturpolitisches No-Go […]

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