carsten werners

2000 Anschäge: Wir brauchen uns!

In Kunst, Politik on 1. Dezember 1995 at 21:17

Anmerkungen zu möglichem Theatertod und Sparkommissaren

Plötzlich sitzen Goethetheater und Junges Theater, Shakespeares und Solo-Actrice Müller da, wo sie hingehören: alle in einem einzigen Boot. Laien-Theatergängerin und Kultursenatorin Kahrs hat mit dem aus freien Stücken sich beendenden Jungen Theater konsequent gleich Oper und/oder Schauspiel beigesetzt. Der Theatertod ist da und fragt nicht mehr: Frei? Privat? Oder wollen Sie nochmal mit einer Strukturreform davonkommen? – Wo ein dilettierendes Theaterreferat in jahrelangem Wurschteln schon kein Konzept für eine Theaterlandschaft fand, wird jetzt mit Rasenmäher und Sense gegen alle reduziert, geköpft, getötet.

Wer jetzt noch einmal den eigenen Arsch retten will, könnte unseriöse Fragen stellen: Könnte man nicht doch Herrn Pierwoß dann eben nur eine Million oder wenigstens ganz bißchen Tanztheater sparen lassen und dafür ganz viel Freies Theater retten? Braucht’s denn wirklich Moks und Schnürschuhe und noch Junges Theater – ist doch alles irgendwie jung (oder war’s wenigstens mal). – Dumme Fragen, denn einem nackten Mann kann man nicht… und ohne Stadttheater fehlt den „Freien“ fix jede Basis. Ohne Kindertheater morgen keine Zuschauer, ohne Unterhaltung gibt’s schon mal gar keinen Zaster und ohne Experimente null Entwicklung. Also, Theater: Wir brauchen uns!

Nicht Fusionen und Übernahmen, wie momentan die Gerüchteküche zusammenspinnt, sind jetzt angesagt, sondern geschärfte Profile, erfahrbarer Sinn. Wenn sich auf politischer Ebene Krankenhausbetten mit unseren Zuschauersitzen in finanzieller Konkurrenz befinden, entsteht den Theatern ein Rechtfertigungsdruck, der offensive Qualitäts- und Strukturdebatten nach sich ziehen muß.

Wer jetzt noch wartet und hofft, kulturlose Sparkommissare zu interessierten Theatergängern zu machen(„Die war noch nie bei uns in einer Vorstelllung“), ist ein Träumer.

Und dann? – Wir werden Klarheit und Offenheit gewinnen und Auskunft geben müssen über Profil und Qualität unserer Theater, ausgiebig diskutierte und angekündigte Strukturreformen gehören – nicht nur im Stadttheater – durchgeführt. Hinterfragt werden müssen auch die bisherigen Fördermodelle für private Theater; eine erfolgsabhängige (der Erfolg hat viele Gesichter!) zeitliche Befristung der Subventionen und die entsprechende Planungssicherheit über eine absehbare Zeit sind andernorts üblich: Alles hat (s)ein Ende… – Wenn die Sozialhilfe zur Disposition steht, darf auch das Theater zur Disposition stehen, muß sich beweisen und im besten Sinne wichtig machen!

Antworten auf diese anstrengenden Fragen dürfen nicht ratzfatz zu Mordwaffen der Sparkommissare werden: Eine reale Anhebung des Theateretats ist für die Freien Theater unumgänglich, dem Goethetheater darf nichts genommen werden. Doch auf der inhaltlichen Ebene ist die bloße Erhaltung des Status Quo auf Dauer tödlich. Statt Sparargumentationen zu liefern, müssen wir Rechnungen stellen, die aufgehen.

1.12.1995 taz Bremen Nr. 4788 Kultur 119 Zeilen, S. 23

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