carsten werners

Von der Leidkultur zur Streitkultur: Wie Schließen?

In Politik, Stadt on 4. Februar 2003 at 21:48

von cwerg @ 2003-02-04 – 21:48:43

kulturhauptstadt im kasten:
Die Debatte zur Bremer Bewerbung
– heute: Carsten Werner, Regisseur

Von der Leidkultur zur Streitkultur

Bremen bewirbt sich als Kulturhauptstadt 2010. Aber wie? In unserer Serie beziehen Kulturschaffende, Mäzene und Entscheidungsträger Position. Heute: Carsten Werner, freier Regisseur, Produzent und Kulturmanager

Nun kuscheln sie wieder: Alle finden’s toll, jeder ist dabei, Bremen wird Kulturhauptstadt. Oder auch nicht. Aber sogar das wird dann irgendwie toll gewesen sein, meinen viele. Die Bremer Kultureinrichtungen, gerade die effektiven kleinen, sind strukturell unterfinanziert und müssen jeden überregionalen Vergleich scheuen. Freie Künstler leben hier unter Sozialhilfeniveau. Aber alle wollen sich jetzt irgendwo zwischen Leidkultur und Maximalforderung arrangieren. Harmonie und Dialog sind angesagt – schon wieder, immer noch.

Streitkultur muss Bremen nach x langen Jahren großer Koalition erst wieder lernen. Kunst braucht Streit. Wer den nicht aushält, wird nicht Kulturhauptstadt. Für’s Durchwurschteln gibt’s keinen Preis. Lasst es rumpeln im Staate Bremen: Das hat Kunst so an sich, davon lebt und handelt sie – Zeit für Streit! Die Zeichen stehen gut: Neue Töpfe stehen in Aussicht, um Konzepte muss gerungen werden. Ob das Projekt Kulturhauptstadt zum „Motor der Stadtsanierung“ wird oder ein touristischer Gag bleibt, liegt auch an der Bremer Szene: Ist Kunstschaffen hier mehr als Besitzstandswahrung? Ein ehrlicher künstlerischer Prozess ist ereignisoffen und riskant, birgt aber die Möglichkeit einer überraschenden, zeitgenössischen, kunstvollen Neuerfindung der Stadt und ihrer Kultur. Das funktioniert nicht in Konsensrunden.

Gefragt ist ein Wettstreit um die besten Konzepte, die hellsten Köpfe, die größte Qualität und aufregende Projekte – um die schönste Kunst eben. Kultur ist diesen Streit wert. Initiieren muss ihn ein starker künstlerischer Leiter, der den Prozess sichtend und sortierend begleitet – die Ideen der Bremer Künstler dürfen nicht weiter ins Leere laufen. Aber bei der kunstbeflissen steuernden Staatsrätetruppe wird sich kein kompetenter Star vorstellen und denAntrag auf Erteilung einer Teilnahmeberechtigung an unserem Hauptstadtstadel abgeben – die richtigen Kontakte bringt die Szene in die Partnerschaft ein, das nötige Kleingeld hat die Stadt. Jahrzehntelang geübte Marotten braucht diese Beziehung nicht: Streit oder Kritik, frühestens nach der Wahl, nach dem nächsten Projektchen, nach dem Tarifabschluss, wenn halt mal Ruhe einkehrt… man kam ja zu gar nichts! Obwohl sich alle so bemühen – „Anstoß“ und Behördenmenschen, auch die ehrenwerten Handelskammer-Herren – viel rausgekommen ist noch nicht.

Jetzt wird es kunstvoll hauptstädtisch: Kultur ist wieder einen Streit wert. Und arg naiv ist, wer politische Profilierungsmanöver auf dem weiten Feld der Kultur verteufelt. Schön wär’s doch, wenn sich hier mal jemand nachhaltig profilieren würde! Die Politik hat Kultur zum Wahlkampfschlager gemacht. Sie taugt also wieder zur Profilierung – darin liegt ja wohl,nach politischen Tarifen, eine Wertsteigerung. Wie auch immer: Ohne Kultur geht es jetzt nicht mehr – also auf in den Kampf. Es muss ja nicht gleich eine neue Partei sein – KfB, „Kultur für Bremen“.

Nach der Finanzlage könnte es zunächst um den Kulturbegriff gehen: Zu eng gefasst wird der von KunstfunktionärInnen, die darunter einzig das Bildermalen verstehen wollen. Aber ganz „unbekümmert“ auflösen kann man ihn auch nicht – zu welcher Kunstlosigkeit das führt, zeigen die neuen Programme von Radio Bremen.

Andererseits: Zur Kulturhauptstadt gehören zwei: KULTUR und STADT. In Bremen sind beide noch lange kein Traumpaar. Es funktioniert nur, wenn die Stadt zu ihrer Kultur auch steht – und umgekehrt.

Das ist auch eine Frage des Geldes, des Respekts, und ja, von Lust, Macht, Erotik: Ein Ehevertrag muss her. Und Vertrauen in die Leistungsträger der Kultur. Lasst es krachen in der jungen Ehe: Was braucht Bremen an Projekten, Programmen, Produzenten? Und: Welche nicht? Wie schließen? – um Raum, Geld, Aufmerksamkeit zu haben für Neues? Hatten wir nicht mal ein Senatsressort für Stadtentwicklung? Es reicht nicht, Projektchen der Kategorien „wollten wir immer schon mal“ und „war doch nett“ hübsch zusammenzunageln. Zeit zum Kuscheln ist später. Wenn aus dem großen Traum doch nix wurde.

5.2.2003 taz Bremen Nr. 6972 Kultur 151 Zeilen, S. 23
taz-Serie

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