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Von der Leidkultur zur Streitkultur: Wie Schließen?

In Politik, Stadt on 4. Februar 2003 at 21:48

von cwerg @ 2003-02-04 – 21:48:43

kulturhauptstadt im kasten:
Die Debatte zur Bremer Bewerbung
– heute: Carsten Werner, Regisseur

Von der Leidkultur zur Streitkultur

Bremen bewirbt sich als Kulturhauptstadt 2010. Aber wie? In unserer Serie beziehen Kulturschaffende, Mäzene und Entscheidungsträger Position. Heute: Carsten Werner, freier Regisseur, Produzent und Kulturmanager

Nun kuscheln sie wieder: Alle finden’s toll, jeder ist dabei, Bremen wird Kulturhauptstadt. Oder auch nicht. Aber sogar das wird dann irgendwie toll gewesen sein, meinen viele. Die Bremer Kultureinrichtungen, gerade die effektiven kleinen, sind strukturell unterfinanziert und müssen jeden überregionalen Vergleich scheuen. Freie Künstler leben hier unter Sozialhilfeniveau. Aber alle wollen sich jetzt irgendwo zwischen Leidkultur und Maximalforderung arrangieren. Harmonie und Dialog sind angesagt – schon wieder, immer noch.

Streitkultur muss Bremen nach x langen Jahren großer Koalition erst wieder lernen. Kunst braucht Streit. Wer den nicht aushält, wird nicht Kulturhauptstadt. Für’s Durchwurschteln gibt’s keinen Preis. Lasst es rumpeln im Staate Bremen: Das hat Kunst so an sich, davon lebt und handelt sie – Zeit für Streit! Die Zeichen stehen gut: Neue Töpfe stehen in Aussicht, um Konzepte muss gerungen werden. Ob das Projekt Kulturhauptstadt zum „Motor der Stadtsanierung“ wird oder ein touristischer Gag bleibt, liegt auch an der Bremer Szene: Ist Kunstschaffen hier mehr als Besitzstandswahrung? Ein ehrlicher künstlerischer Prozess ist ereignisoffen und riskant, birgt aber die Möglichkeit einer überraschenden, zeitgenössischen, kunstvollen Neuerfindung der Stadt und ihrer Kultur. Das funktioniert nicht in Konsensrunden.

Gefragt ist ein Wettstreit um die besten Konzepte, die hellsten Köpfe, die größte Qualität und aufregende Projekte – um die schönste Kunst eben. Kultur ist diesen Streit wert. Initiieren muss ihn ein starker künstlerischer Leiter, der den Prozess sichtend und sortierend begleitet – die Ideen der Bremer Künstler dürfen nicht weiter ins Leere laufen. Aber bei der kunstbeflissen steuernden Staatsrätetruppe wird sich kein kompetenter Star vorstellen und denAntrag auf Erteilung einer Teilnahmeberechtigung an unserem Hauptstadtstadel abgeben – die richtigen Kontakte bringt die Szene in die Partnerschaft ein, das nötige Kleingeld hat die Stadt. Jahrzehntelang geübte Marotten braucht diese Beziehung nicht: Streit oder Kritik, frühestens nach der Wahl, nach dem nächsten Projektchen, nach dem Tarifabschluss, wenn halt mal Ruhe einkehrt… man kam ja zu gar nichts! Obwohl sich alle so bemühen – „Anstoß“ und Behördenmenschen, auch die ehrenwerten Handelskammer-Herren – viel rausgekommen ist noch nicht.

Jetzt wird es kunstvoll hauptstädtisch: Kultur ist wieder einen Streit wert. Und arg naiv ist, wer politische Profilierungsmanöver auf dem weiten Feld der Kultur verteufelt. Schön wär’s doch, wenn sich hier mal jemand nachhaltig profilieren würde! Die Politik hat Kultur zum Wahlkampfschlager gemacht. Sie taugt also wieder zur Profilierung – darin liegt ja wohl,nach politischen Tarifen, eine Wertsteigerung. Wie auch immer: Ohne Kultur geht es jetzt nicht mehr – also auf in den Kampf. Es muss ja nicht gleich eine neue Partei sein – KfB, „Kultur für Bremen“.

Nach der Finanzlage könnte es zunächst um den Kulturbegriff gehen: Zu eng gefasst wird der von KunstfunktionärInnen, die darunter einzig das Bildermalen verstehen wollen. Aber ganz „unbekümmert“ auflösen kann man ihn auch nicht – zu welcher Kunstlosigkeit das führt, zeigen die neuen Programme von Radio Bremen.

Andererseits: Zur Kulturhauptstadt gehören zwei: KULTUR und STADT. In Bremen sind beide noch lange kein Traumpaar. Es funktioniert nur, wenn die Stadt zu ihrer Kultur auch steht – und umgekehrt.

Das ist auch eine Frage des Geldes, des Respekts, und ja, von Lust, Macht, Erotik: Ein Ehevertrag muss her. Und Vertrauen in die Leistungsträger der Kultur. Lasst es krachen in der jungen Ehe: Was braucht Bremen an Projekten, Programmen, Produzenten? Und: Welche nicht? Wie schließen? – um Raum, Geld, Aufmerksamkeit zu haben für Neues? Hatten wir nicht mal ein Senatsressort für Stadtentwicklung? Es reicht nicht, Projektchen der Kategorien „wollten wir immer schon mal“ und „war doch nett“ hübsch zusammenzunageln. Zeit zum Kuscheln ist später. Wenn aus dem großen Traum doch nix wurde.

5.2.2003 taz Bremen Nr. 6972 Kultur 151 Zeilen, S. 23
taz-Serie

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2000 Anschläge: „An Ihren Taten woll’n wir Sie erkennen!“

In Politik on 5. Januar 2000 at 09:00

Ein offener Brief an Kulturstaatsrätin Elisabeth Motschmann

„Die Kultur ist in Bremen chronisch unterfinanziert.“ Diese späte Einsicht der Ex-Kultursenatorin Bringfriede Kahrs (SPD) gehört inzwischen auch zum Sprachgebrauch ihrer Nachfolger, dem Senator Bernt Schulte und seiner Staatsrätin Elisabeth Motschmann (beide CDU). Für manche Einrichtungen hat diese chronische Unterfinanzierung spürbare Folgen: Mehrfach hat Motschmann angekündigt, dass einige Einrichtungen geschlossen werden müssen. Dies hat sie in einem Beitrag in der taz bekräftigt (vgl. taz vom 22.12.99). Auch wenn Finanzsenator Hartmut Perschau (CDU) inzwischen sechs Millionen Mark für einen Umbaufonds in Aussicht gestellt hat, klafft noch immer ein Millionenloch im Kulturetat.

Liebe Frau Motschmann, da sind wir uns einig: „Kultur zählt zu den interessantesten und schönsten Feldern.“ Trotz allem. Mit Ihren Ausführungen kann ich mich weitgehend identifizieren: Die Bedeutung der Kultur für den Standort Bremen, der Status von Kultur in Konkurrenz zu anderen Politikfeldern, Ihr Wunsch nach „Dialog“ und auch der nach „Prioritäten“ – das sind seit Jahren von modernen Kulturschaffenden geforderte, ausgiebig kommunizierte und praktizierte Aspekte. Ihre Worte über Kultur und deren undenkbare „Kostendeckung“: Chapeau! Von staatlichen Aufgaben „kultureller Weiterentwicklung“ schließlich wollten noch Ihre senatorischen VorgängerInnen zehn Jahre lang nichts wissen und haben Initiativen wie dem Jungen Theater Bremen bereits von ihrer Gründung Anfang der 90er Jahre abgeraten. Um so erfreulicher, dass Sie Neues und Innovatives in Kunst und Kultur jetzt neu als „Verpflichtung“ auf Ihre Fahnen schreiben!

Aber: An Ihren Taten woll’n wir Sie erkennen!

Noch vor Wochen erklärte Kultursenator Bernt Schulte öffentlich, er sähe „keinen Anlass“, auch nur über Kürzungen zu sprechen. Sie selbst aber sprechen seit Wochen von bevorstehenden „Schließungen“, freilich ohne dies zu konkretisieren. Nun schreiben Sie engagiert, intelligent und lustvoll von einer Kulturpolitik, die Ihr Verwal-tungsleiter Reinhard Strömer gerade jammervoll beklagt. Diese Widersprüche stehen vertrauensvollen „Diskussionen“ entgegen.

Dass Sie „dabei“ und „bereit“ sind, der Öffentlichkeit Ihre „Antworten“ zu geben und vorzustellen, könnte hoffen lassen. Dass Sie alle dies seit Monaten zwar ankündigen und punktgenau zum Weihnachtsfest Bremer Kulturschaffenden und Künstlern ganz pauschal mit „Schließungsszenarien“ drohen, ist aber erschreckend.

Teile der Kulturszene bangen – nach Ihren Ausführungen ja zu Recht – um ihre persönliche, soziale, künstlerische Existenz. So lange das so ist, müssen sich gerade neu berufene und im Vergleich recht gut bestallte und abgesicherte Beamte Ihres Ressorts, zumal wenn sie öffentlich ihre Arbeitsbelastung und familiäre Situation beklagen, schon einige polemische Fragen gefallen lassen! Und so lange Ihr Kollege Strömer unwidersprochen der Kulturszene pauschal die Kooperationsbereitschaft ab-spricht und von „fortwesenden Untoten“ und totgeweihten „Patienten“ sprechen darf, so lange können Sie kooperative Gespräche über „Prioritätensetzungen“ solch morbider Art schwerlich erwarten.

Dass und wie Ihre Behörde (auch) kompetent und sachlich an und mit einzelnen Projekten arbeitet, ist mir als Leiter des Jungen Theaters Bremen selbstverständlich aus nächster Anschauung und Erfahrung bekannt, und ich versäume keine Gelegengeit, begeistert zu erwähnen, für wie wichtig und gut ich zum Beispiel die jetzt endlich zu schaffende und von Ihnen geplante Produk-tions- und Spielstätte für Freie professionelle Kunst (Konzept für das Kunstzentrum Buntentor) halte und wie konstruktiv ich die Arbeit dafür erlebe. Aber selbst diese Planungen stehen unter diversen Haushalts- und sonstigen Vorbehalten, lediglich die Seite der Künstler geht in offensive, offensichtlich existenzgefährdende Vorleistung (hier: die Schließung des Jungen Theaters an der Friesenstraße auf reiner Vertrauensbasis, dadurch die radikale Reduzierung der Serviceleistungen dieses Theaters für ein ganzes Jahr).

Diese selbstverständliche Fürsorge Ihres Ressorts erfahren jedoch längst nicht alle Kulturschaffenden und Künstler unserer Stadt, angefangen beim Intendanten des Stadttheaters. Sie glauben aber sicher nicht im Ernst, dass Sie „Schwerpunkte im Kulturleben Bremens … im neuen Jahrtausend“ ergiebig diskutieren können, solange dies unter der Prämisse des von Ihnen leider akzeptierten und in Ihrem Aufsatz immer wieder an erste Stelle gerückten Sparzwangs geschehen soll und also die Abschaffung von Arbeitsplätzen, Lebensentwürfen und Visionen Bremer Kulturschaffender bedeutet und zwingend nach sich ziehen soll. Statt „Schwerpunkten im Kulturleben“ (die ja nichts anderes als „Sparmöglichkeiten“ meinen) wäre für Bremen zum neuen Jahrtausend endlich Kunst und Kultur als (!) Schwerpunkt städtischen Lebens angesagt!

Ihr von der „kultur.management.bremen“ (KMB) entworfenes „Entscheidungsbäumchen“, das nun alles richten soll, lässt leider ganz wichtige Aspekte außen vor, die der Kunstproduktion inhärent sind (und die Sie in Ihrem Text sympathischerweise zum Teil selbst mit Kunst und Kultur assoziieren): Unabdingbare künstlerische und kulturelle Funktionen und Voraussetzungen wie Freude, Freiheit, Spiel und Unterhaltungswert, Spaß und Lust, Irritationspotential und Rätselhaftigkeit, Ausstrahlung und Sympathie/Antipathie, Wille, Kraft und Phantasie, Kreativität, Sinn, Sinnlichkeit und Besinnung, Ruhe, Muße, Neugier und Erfahrung, Obsession und Kommunikation, Frage und Suche … – All diese wichtigen Ingredenzien und Maßstäbe haben dort als Kriterien keinen Platz, stattdessen dominieren Bedarf und Produktion, Effekt und Optimierung, Repräsentanz und Kernkompetenz – Perspektiven und Begrifflichkeiten der Ökonomie. Im günstigsten Falle überlebt der „Patient“ den Ausgang dieses Baum gewordenen Fleischwolfes mit einem „weiter so?“ – Eine Weiterentwicklung, Verbesserung gar, ist in diesem Konzept offenbar nicht mehr vorgesehen.

So lange von Politik und Verwaltung „der Qualitätsgedanke im Vordergrund“ immer und immer wieder wirtschaftlichen Paradigmen – ökonomisch wie inhaltlich – nur untergeordnet wird, so lange wird es keine Verständigung über einen an sich diskutierenswerten und selbstverständlich wichtigen „Qualitätsgedanken“ geben können, so lange werden Sie und Ihre Kollegen erbitterten Widerstand gegen Ihre grundsätzlichen Sparansinnen erfahren. Bei keinem anderen in seiner sozialen Existenz bedrohten Arbeiter würde Sie das wundern oder würden Sie das kritisieren.

Ihre Hoffnungen in Ehren, aber gerade der blinde Glaube an private Geldgeber und sponsernde Glücksbringer (und einige waghalsige Rechenkunststücke dazu, die Senator Schulte gerade heftig kritisiert hat) hat unter der Leitung Ihrer SPD-Vorgänger zu den fatalen Fehlentwicklungen geführt. Zudem können und wollen Sponsoren und andere private Geldgeber in aller Regel nur kurzfristig aushelfen und haben auch berechtigte ökonomische oder repräsentative Interessen, die mit Kunst und Kultur (s.o.) eben nur begrenzt kompatibel sind.

Was „Qualität“ und „Optimierung“ von Kultur sowie der angeblich „allgemeine“ Sparzwang in bremischer Lesart bedeuten, hat Katrin Rabus an Zahlen dargelegt, der Senat hat es gerade bestätigt – und Landesvater Scherf führt es in diesen Tagen grinsend vor: Wenn der kurz vor seiner lang angekündigten Pensionierung stehende Landespapa sich ein Denkmal in der Innenstadt leisten will – die Rede ist von einer kühnen Kombination von Amerikahaus und Günter-Grass-Archiv – dann leistet es sich sein Senat von genau dem Geld, das Ihrem Kulturetat fehlt. Um Sparen geht es dem Senat offenkundig nicht, er hat es nicht nötig, und der zuständige Senator hat einen Bedarf offensichtlich nicht anzumelden.

Es ist widerlich unangenehm, kränkend und beängstigend, der Kulturpolitik eines so diametral entgegengesetzt quatschenden und handelnden Senats hilf- und diskussionslos ausgesetzt zu sein. Im Grunde können es nur alle Künstler und Kulturschaffenden dieser Stadt Klaus Pierwoß nachtun: Diesen sich selbst schließenden und ad absurdum führenden „Stadtstaat“ fliehen – ob der schlechten Behandlung, ob der schlechten Bedingungen. Denn allzu viele gute Gründe, in dieser Stadt weiter leben zu wollen, gibt es für kreative Menschen nicht.

Unkonventionelle Kultur wird verdrängt, wo es nur geht. Die Bunker-Probenräume werden aus Sicherheitsgründen geschlossen, der Theaterintendant geht, weil er keinen Vertrag bekommt, die Freie Szene ist bereits weitgehend erledigt – erkennen Sie die Richtung?

Nicht Diskussion und moderater Ton prägen die kulturpolitische Auseinandersetzung, sondern Geschrei, Drohungen, Lobbyinteressen und mediale Kämpfe.

Auf die Diskussionen, Auseinandersetzungen, Prioritätensetzungen und Antworten Ihres Ressorts auf drängende Fragen im neuen Jahr bin ich dennoch sehr gespannt.

Auf ein erquickliches neues Jahr!

5.1.2000 taz Bremen Nr. 6033 Kultur 310 Zeilen, S. 23

2.000 Anschläge: Hier jammert und winselt der Chefkulturverweser

In Politik, Stadt on 15. Dezember 1995 at 09:18

„Familie? Freizeit? Gesundheit? Da fragt sich der wahre Bremer Hungerkünstler: Was’n das’n?“ Der Kulturmanager und Regisseur Carsten Werner nimmt Stellung zum taz-Interview mit dem Leiter der Kulturabteilung, Reinhard Strömer

„Das Kunststück zu sparen, ohne dass es wehtut, gelingt in Bremen genauso wenig wie andernorts.“ Mit dieser Zustandsbeschreibung hat sich der neue Leiter der Kulturabteilung, Reinhard Strömer, vor wenigen Tagen öffentlich zum Reform- und Sparalltag in seiner Behörde geäußert (vgl. taz vom 4. Dezember). Und er fuhr fort: Das habe zur Folge, „dass zu viele Einrichtungen zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel bekommen“. In unserer gestrigen Ausgabe hat die Galeristin Katrin Rabus auf Strömer geantwortet und ihn aufgefordert, als Partner der Kulturschaffenden aufzutreten. Heute nimmt der Regisseur und Kulturmanager Carsten Werner Stellung und empört sich vor allem über Strömers Formulierung, dass in der Kulturszene viele „Untote fortwesen“.

„Anderswo“, weiß Herr Strömer, setzt man „das Notwendige durch.“ Oder man sagt es wenigstens. Im Neuen Bremen flattern einem aus der Kulturbehörde via taz Krankenberichte ins Haus. „Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden, aber es macht zusätzliche Arbeit.“

Nun denn: Ohgottogottogott! Das hab‘ ich nicht geahnt, wie schlecht es einem Bremer Kulturbeamten schon gehen kann, nach nur einem halben Jahr „Bremen neu erleben“. Der Kulturabteilungschef auf der Retourkutsche – genau da hat er uns gefehlt! Einer, der die vielen so positiven Seiten und Ecken unserer schönen, freien Hansestadt am Wasser gar nicht mehr wahrnimmt vor lauter, lauter Feinden und viel, viel zu viel Arbeit.

„Familie, Freizeit, Gesundheit, alles muss zurückstehen“, das kenn‘ ich doch! Aber der wahre Bremer Lebens- und Hunger-Künstler fragt sich natürlich: „Familie, Freizeit, Gesundheit? – Was’n das’n?“ Denn dem geht die Arbeit auch auf die Knochen – und zwar nicht „zunehmend“, sondern seit 10, 15, 20 Jahren ganz kontinuierlich (in denen noch nie ein Kulturverwalter nach meiner Familie gefragt hat, sowasaberauch).

Für unser Dilemma und für unsere Blödheit, in unserer schönen Heimatstadt immer wieder „zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel“ anzunehmen (Geld ist gemeint, wofür man zum Leben zu viel und zum Sterben zu wenig arbeitet), nur um der Stadtkasse die meist höhere Sozialhilfe zu ersparen, um am Glanz des Aufschwungs wenigstens ein wenig teilzuhaben, den Gevatter Henning und seine tollen „besten Köpfe“ ja in den nächsten zwei, drei Jahren förmlich nicht nur verkörpern, sondern bestimmt auch irgendwie total positiv performen werden, bevor sie in Rente gehen, um dann nochmal „total spannend“ an der tollen neuen Privatuni zu studieren … – für diesen blinden, blöden, tumben Glauben an das Gute in der Welt im Allgemeinen und den Sinn der Schönheit und der Kunst in unserem ganz besonderen Bremen, für diese törichte Schwärmerei unsererseits kann der Herr Strömer aus Wiesbaden natürlich nichts.

Und wo hier angeblich schon alle dabei sind beim pauschalen Dreckschleudern, „muss man“, muss der Kulturverwaltungschef Strömer auch mal ganz pauschal retournieren. – „Muss man?“ Wenn Herr Strömer sich und seine Arbeit über eine halbe taz-Seite darstellen darf, hält er es offenbar nicht für nötig, mal eine Vision rüberwachsen zu lassen, wenigstens mal „genau zu zielen“, eine kleine Idee zu offenbaren, gar zu „spezifizieren“, wie er das so gerne hätte. Könnte man ja mal zu müssen glauben, als Kulturamtsleiter mal zu sagen, wie man sich’s wünscht, was man machen will und wird in dieser schönen Stadt. Könnte man auch mal verraten, welche Amputationen und Transplantationen in seinem Kulturlazarett vorbereitet werden, welchem seiner „Patienten“ denn nun Schmerzen zuzufügen wären, auf dass es den anderen Insassen, Halb- und Untoten dieser Krankenwelt viel besser ginge. Ein bisschen mehr als „Hoffnung“ dürfte schon sein beim kühnen, unerschrockenen Chefarzt. – Aber nein, er jammert, greint und winselt wie der Patient Kultur selbst; leidet, dass einem die Tränen kommen! Weil diese fiesen Untoten einfach „fortwesen“ (!), ihn genau wie die blöden Politiker (auf die zu schimpfen ist auch nicht so unpopulär, Herr Strömer!) nicht mal rasten lassen im rauhen Alltag der Kulturbürokratie, -verwaltung und -verwesung. – Statt dass diese untoten Kulturzombies, Beamtenblutegel, diese vor sich hin modernden Wiedergänger der Kunst die ziellose Aussichtslosigkeit ihres Treibens endlich einsehen und zielgenau freiwillig ins Gras beißen und bitteschön endlich endgültig verwesen!

Wir hatten ja sogar eine kurze Zeit geglaubt, gehofft, gebetet und gebangt, Herr Strömer möge ein kraftvoll zubeißender Vorbote des ganz bald allumfassenden Bremer Dauer-Power-Strahle-Frühlings werden. Dann haben wir ganz realitätsnah eingesehen, dass man sich auch als Vorbote natürlich erstmal einleben und umsehen, einarbeiten und reinfühlen muss in Bremens ganz speziellen Charme – und gerade, wer ganz aus Wiesbaden kommt, auch die Reise war ja weit und sicher sehr beschwerlich! So haben wir ihm auch seinen ersten Schwächeanfall im ansonsten allgemeinen Aufwärtstrend verziehen, in dem er irgendwas von kranken Patienten und aussichtslosen Todeskämpfen in unserer großen Kulturfamilie faselte.

Wenn er aber mittlerweile (ganz „pauschal“ übrigens!) von „Untoten“ stammelt, dann muss man sich jetzt aber ernsthafte Sorgen und Gedanken machen:

1. natürlich um den Herrn Kulturverwaltungsleiter, Chefkulturverweser Strömer, der schon so schlottert vor den vielen blutsaugenden Geistern und spukenden Gespenstern um ihn rum, dass seine messerscharfen Gedanken gar nicht mehr so zielgenau und spezifisch treffen, sondern ganz pauschal rumscharmützeln und rufschädigen in unserer kleinen Kulturhauptstadt des Nordens.

2. um das schicke neue Bremen-Image – oder sollen wir’s ganz ohne „Space“ und „Ocean“ jetzt als wassernahe „Moorleichen- und Vampir-City“ an-gehen?

Und 3. und ganz ernsthaft um uns selbst, die Bremer Kunst-Ratten: Bevor wir immerhin gerade noch Untoten (!) jetzt hier zu Tode gejammert werden oder uns gar selbst zu Tode jammern, sollten wir nicht lieber die sinkende Stadt auf dem schnellsten Weg verlassen? Irgendwohin, wo natürlich auch wieder „Abendstunden und Wochenenden selbstverständlich zur unbezahlten Arbeitszeit rechnen“, wo natürlich auch wieder „alles zurückstehen muss, um die Kultur, der man sich verbunden fühlt, zu erhalten“, – wo wir trottelige „Wiedergänger der Kulturszene“ aber wenigstens geliebt, gehegt und gepflegt werden und nicht immer neu in windschiefen Wackelbildchen als „fortwesende Untote“ und ähnliches tituliert werden und nicht alljährlich mit gröbsten Horrorszenarien zu Tode erschreckt werden.

Bremen könnte dann immerhin endlich in Frieden werden, was es verdient und gerne wär‘: „Die ganze Stadt ein Weihnachtsmarkt“, so will’s ja die Bremen-Werbung. Und hoch auf dem strahlend gelben Jahrmarkts-Wagen (oder notfalls auf Scherfs Gepäckträger): Retourkutscher Strömer als Chefjammerer an der Spitze der verbliebenen halbverblichenen Kulturjammerbeutel, im unerschrockenen und zielgenauen Nahkampf gegen die Plagegeister der Untoten.

Genau gezielt, Strömer: Ich hab‘ Ihnen bis heute nichts vorgeworfen. Jetzt werfe ich Ihnen Jammerei vor, aber o.k.: Patienten sind wir ja alle irgendwie. Doch für den „wesenden Untoten“, für den entschuldigen Sie sich bitte. Ganz zielgenau und spezifisch. Bei jedem, der sich in dieser Stadt um Kommunikation und Kooperation, um Solidarität und Streitkultur, um „Synergie“ und „Image“, um Dialog und guten Rat bemüht, sich um Geld, das Sie nicht ranschaffen, sorgt und um Argumente ringt, die Sie wohl nicht brauchen. – Sie kennen die gar nicht alle? Da helfen die einschlägigen Kulturinstitutionen sicher gerne mit ihren spezifischen Adressbüchern aus.

Und wenn das erst abgearbeitet ist, verraten Sie uns mal, wohin die Reise gehen soll in Bremens Kultur- und Kunstszene. Und danach reden wir dann mal zielgenau, spezifisch und namentlich Tacheles über Vollidioten und Faulpelze in Ihren und Untote, Halbgare und Hoffnungslose in unseren Reihen – wenn da mal nicht das Personalvertretungsgesetz und wieder so Pauschal-Ritter und Rächer der missverstandenen Kulturverwalter und -verweser vor sind! Und danach geh’n wir einen trinken und Sie könnten uns dann von Angesicht zu Angesicht sagen, wie beschissen es ist heutzutage als Kulturbeamter. Aber erst dann.

„Wo sind wir hier eigentlich?“, fragt meine Kollegin.

„Bremen hat die Kulturverwaltung, die Bremen verdient“, sagt Herr Strömer aus Wiesbaden. Tja. Bremen macht blau.

15.12.1999 taz Bremen Nr. 6017 Kultur 282 Zeilen, S. 23

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