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„Stadt am Fluss“ weiter entwickeln!

In Politik, Stadt, wörtlich! on 19. Oktober 2012 at 12:10

Die Weser ist die historische Lebensader des Landes Bremen – für die Wirtschaft, für Touristinnen und Touristen, für Bremerinnen und Bremer bis heute. Die Nutzung des Flusses und seiner Ufer hat sich in den vergangenen Jahren deutlich erweitert: Dominierten lange Hafenumschlag, Industrie und Verkehr die Uferregionen, hat sich inzwischen eine Vielfalt weiterer urbaner Nutzungen entwickelt und die Weser wurde auch als Naturraum wiederbelebt. In den vergangenen 25 Jahren fand ein grundlegender Wandel an der Bremer Weser statt: Die Stadt ist näher an den Fluss „herangerückt“, wobei in Bremen neben der Weser noch weitere, die Stadtlandschaft prägenden Flüsse wie beispielsweise die Lesum und die Ochtum als Potenziale im Sinne von „Stadt am Fluss land- und wasserseitig weiterentwickeln“ einbezogen werden können. Wir haben den Senat gebeten, zu erläutern, wie diese Entwicklung gestärkt und fortgesetzt werden kann.

Der Antrag von SPD und Grünen „Stadt am Fluss land- und wasserseitig weiterentwickeln“ aus dem Januar 2012,  dazu die Antwort des Senats vom 4. September 2012 – und hier meine Rede dazu:

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren, werte Kolleginnen und Kollegen!

An der Weser wird gebaut, gelebt, die Freizeit und Natur genossen – und an der Weser entstehen Bilder von Bremen, die dem Image der Stadt zuträglich sind: Wir freuen uns über die eindrucksvolle Vielzahl der Facetten und Projekte entlang der Weser.

An den in den vergangenen fünf Jahren entstandenen Stränden und Renaturierungsmaßnahmen gehen Ökologie und Naherholung Hand in Hand perfekt zusammen: Das Wasser ist für die Menschen sichtbar und auch erreichbar und weitgehend ungestörte Natur wechselt sich am Ufer mit sportlichen und wirtschaftlichen Nutzungen ab. Dazu begrüßen wir auch, dass bei Naturschutz-Kompensationsmaßnahmen in Zukunft noch verstärkt auch auf die Zugänglichkeit und Erlebbarkeit der Natur geachtet werden soll.

Bis nächstes Jahr werden die EU und Bremen für die Entwicklung der „Lebensader Weser“ über 5 Millionen Euro investiert haben – die sich für die Natur, für die Lebensqualität, für das Image Bremens nach unserer Überzeugung mehr als lohnen. – Und wir hoffen, dass das Programm auch ab 2014 weiter fortgesetzt werden kann.

Auch am Segelhafen am Weserstadion und rund um das Weserwehr werden wir dieses Zusammenspiel von Natur und Freizeit wahrscheinlich schon im nächsten Jahr erleben können. Und wir wollen auch, dass das BWK-Gelände sich zur Weser öffnet und dass der Weserradweg zügig vervollständigt wird.

Und zur Mobilität am Wasser gehört dann natürlich auch die auf dem Wasser, übers Wasser: Die Verbindung von Stadtteilen links und rechts der Weser und entlang der Weser per Schiff sollen ausgebaut werden und dass dafür sogar Verknüpfungen mit dem ÖPNV getestet und geprüft werden, finde ich für die Bevölkerung an der Weser wie für Besucher aus dem Umland und Touristen gleichermaßen interessant.

Wenn wir, meine Damen und Herren, diese Entwicklungen alle haben und hier loben – dann finde ich allerdings, dass wir uns zum Marketing noch ein paar weitergehende Gedanken machen müssen: Es ist vieles da, ist ist viel selbst für uns Bremer noch zu entdecken – das listet die Antwort des Senats ganz eindrucksvoll auf. Es fehlt aber, finde ich, noch ein bisschen der rote, oder sagen wir hier: der wasserblaue Faden, an dem wir und vor allem Bremen-Besucher erkennen können, was an und mit der Weser alles zu erleben ist.

Ich finde deshalb, wir sollten uns überlegen, wie sich die Orte und Angebote gebündelt kommunizieren lassen, noch eindrucksvoller zu einem Image verbinden lassen,  statt sie nur einzeln und „zielgruppenorientiert“ zu vermarkten, wie es in der Antwort heißt.

Ließen sich nicht etwa das Festival Maritim und die Breminale und andere Aktivitäten am Wasser zumindest kommunikativ enger verknüpfen? Ließen sich nicht die alten und neuen Zugänge zur Weser, die Erlebnisräume, die Gastro- und Kulturschiffe und Fähren und die Bauten am Fluss gemeinsam darstellen? Schaffen wir vielleicht, mittelfristig alle Aktivitäten – die kulturellen, die ökologischen, die verkehrlichen – zu einem großen, langen, Weser-Festivalsommer zusammenzubinden?

Ich war ein bisschen erstaunt, dass der vom Stadtmarketing kreierte Begriff „Weserwelten“ in der ganzen Senatsantwort nicht einmal vorkommt. Wobei ich auch das jetzt 25 Jahre lang schon entwickelte und gehegte Label „Stadt am Fluss“ vielleicht fast noch eingängiger und sympathischer finde.

Gespannt bin ich auf das „über mehrere Jahre hinweg kontinuierlich stattfindende Kunstprojekt im öffentlichen Raum auf der Schlachte-Verlängerung in die Überseestadt“ – das ist ja jetzt schon in mehreren Vorlagen und Antworten des Senats angekündigt worden. Die Grünen würden es sehr begrüßen, wenn auch die Kulturszene, Bremens Künstler und die Kreativwirtschaft schon an dessen Entwicklung beteiligt würden!

So entstehen ja die nachhaltigsten Ideen im kreativen Bereich und auch lukrative Synergien zwischen den Guten, die wir in der Stadt schon haben und dem Guten, das dazu noch neu entstehen soll!

Und lassen Sie uns dabei bitte auch über die Schlachte hinaus gucken: Der Weser-Kurier ja gerade eine schöne Serie über das „Kulturufer Neustadt“ gemacht, über die vielen Kultureinrichtungen, die da direkt an der Weser und an der Kleinen Weser liegen. Und wir sollten auch die großartigen kreativen Ideen für die Gedenkstätte Bunker Valentin weiter verfolgen – und realisieren.

Die Insel Harriersand eignet sich hervorragend  für Sommerprojekte der Kultur und der Kreativwirtschaft. Gerade in diesem Sommer sind mit der „Golden City“-Stadtrundfahrt, der kreativen und auch sozialpolitisch interessanten Zwischennutzung des BWK-Geländes in Blumenthal durch die ZwischenZeitZentrale und dem Gastspiel des Motorschiff Stubnitz, das aus Rostock kam und dann nach London weiter gefahren ist, sind an der Überseestadt Formate entstanden, die wir Grünen gerne weiter entwickelt sehen wollen und die für Leben und Kultur am und auf dem Wasser stehen.

Und warum sollten gerade die temporären und die mobilen Projekte sich nicht auch einmal entlang der Weser bewegen und wandern?

Ich würde mich freuen, wenn es uns gelingt, die vielen Einzelaspekte der Senatsantwort – dazu gehören auch die Entwicklungen  zum Wohnen am und auf dem Wasser,  und auch alle nicht in der Antwort auftauchenden Ideen und Projekte –  zu einem Bild von der „Stadt am Fluss“ zu verdichten: Das finde ich eine lohnenswerte, zentrale Aufgabe fürs Stadtmarketing.

Und die Weser zugänglich zu machen für alle – bei frei zugänglichen Ufern, aber auch eintrittsfreien Kulturangeboten – das ist selbstverständlich eine soziale Frage, eie Aufgabe sozialer Stadtentwicklung.

Herzlichen Dank.

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Für Öffentlich-rechtliches (im) Internet!

In Ideenwirtschaft, Kunst, Medien, Politik, Radio on 19. Juli 2012 at 21:30

„Zeitungsverlage und öffentlich-rechtliche Sender müssen Verbündete werden. Sonst werden sie in den Medien von morgen keine Rolle mehr spielen.“ schreiben Cem Özdemir und Oliver Passek in einem Gastbeitrag für die vom 6. Juli 2012: http://www.taz.de/ffentlich-Rechtliche-und-die-Verlage/!96859/

Ich teile dieses wichtige Bekenntnis zu Qualitätsmedien und dualer Rundfunkfinanzierung. Ich würde es aber auch wichtig finden, dass wir uns als Grüne auch damit auseinandersetzen, ob und wie und welche Alternativen für eigenständige öffentlich-rechtliche Internetangebote denkbar wären. Ob alleine ARD und ZDF dafür qualifiziert sind, kann man ja zumindest fragen: Sie sind aufgrund ihrer Historie, ihrer Strukturen, ihres Personals und ihres Auftrags ja derzeit durchaus limitiert, was Internetprojekte oder -strukturen angeht. Und es wäre schade und verkürzt, die Debatte und ihre Begründung auf neue Vertriebskanäle zu reduzieren: Es geht auch um neue, sich verändernde Kulturtechniken und Formate, um neue Produktionsweisen, Netzwerke sowie Publikationsformate und Präsentationsportale. Und es gibt ernstzunehmende gute Ideen, die ich bei den etablierten öffentlich- rechtlichen Playern jedenfalls für heute nicht in den besten Händen sähe. Strategie und Kommunikation etwa von WDR-Intendantin und ARD-Chefin Monika Piel im Hinblick auf Programmentwicklungen, -entscheidungen und medienpolitische Verhandlungspositionen (vom ARD-Talk-Gastspiel von Thomas Gottschalk über die Auseinandersetzungen über einen ARD-Jugendkanal bis zu den Verhandlungen mit den Verlegern u.a. über die Tagesschau-Apps) schaffen dieses Vertrauen nicht – weil sie eben gerade weder auf Augenhöhe laufen noch mit Blick in die medienkulturelle und -technologische Zukunft stattfinden. Die Chancen, die das Internet für Journalismus, Kunst und Kultur bietet, haben weit mehr verdient als solche genre- und generationenbedingten Miss- und Unverständnisse.

Zwei Beispiele, in welche Richtung(en) es im Internet auch öffentlich-rechtlich gehen könnte, sind z.B. der Vorschlag der AG Dokfilm für ein neues öffentlich-rechtliches Internet-Mediumhier erläutert in einem Interview – oder Julia Seeligers Plädoyer für Digitale Salons – und es gibt noch viele mehr, die ein Nachdenken über besonderen öffentlich-rechtlichen Schutz lohnen und verdienen würden. Auch die Auseinandersetzungen zwischen öffentlichen Bibliotheken und Verlegern um eBooks, Zustand und Aufgabe der Bürgermedien und Offenen Kanäle oder Themen der Wissens- und Kultur-Allmende gehören in diesen Kontext.

Bremen kann mehr für Genossenschaften tun – und mehr von Genossenschaften haben

In Ideenwirtschaft, Politik, Stadt, Welt on 6. Juli 2012 at 10:22

Bremen kann, Bremen sollte mehr für das Genossenschaftswesen tun: Die Genossenschaften sind eine Wirtschaftsform, die Solidarität und Teilhabe, gemeinsame Verantwortung für Wohlfahrt und Daseinsvorsorge sozial und wirtschaftlich konkret leben.

1000 Neugründungen von Genossenschaften gab es in den letzten Jahren in Deutschland – im Energiesektor boomt diese Wirtschaftsform. Aber auch im Sozialen, in Medien und Kultur, in Landwirtschaft und Einzelhandel ist sie erfolgreich. „Die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise hat gezeigt, wie abrupt nicht nachhaltige Formen des Wirtschaftens uns in existenzielle Krisen stürzen können. Man muss schon sagen, dass die Genossenschaften nicht dadurch aufgefallen sind, dass sie besonders schlecht durch die Krise gekommen sind.“ Wer hats gesagt? Die Bundeskanzlerin. Und sie liegt richtig mit diesem Lob: In einer Zeit des vor allem von den Banken verursachten Misstrauens in Marktwirtschaft und Kapitalismus sollten uns unternehmerisch denkende und verantwortungsvoll handelnde, im Alltag sichtbare, nahbare, erlebbare Unternehmens- und Arbeitsformen wichtig und wertvoll sein.

Dass deren Akteure sich gesellschaftlich und politisch einmischen wollen, innovative Impulse setzen können, neugierig und gestaltungswillig sind, Zukunftsideen verfolgen, kann Genossenschaften auch zu Mutiplikatoren und Motoren gesellschaftlicher Veränderungen machen, an denen auch junge und alte Menschen, Selbständige und Inhaber von Klein- und Kleinstgewerbe beteiligen sein können. Sie könnten sich selbst als Genossen in die Lage versetzen, in gemeinsamer und gegenseitiger Verantwortung ökonomische Projekte zu finanzieren und zu realisieren.

Teilhabe und Finanzierungen im Bereich ökologischer, kultureller, sozialer oder kreativwirtschaftlicher Vorhaben zu ermöglichen, sie für die Energieversorgung, im Wohnungsbau, in der Nahversorgung oder der Gebäudebewirtschaftung zu nutzen, ist eine wichtige politische Aufgabe.

Die Antwort des Bremer Senats auf unsere Kleine Anfrage zum Genossenschaftswesen in Bremen, zeigt leider mehr als deutlich, dass hier in Bremen noch einiges zu tun ist: Sie beschränkt sich weitestgehend auf eine lexikalische Definition des Themas. (siehe http://www.gruene-fraktion-bremen.de/cms/default/dokbin/410/410531.kleine_anfrage_genossenschaftswesen_foer.pdf ) – Die Lektüre der aktuellen Genossenschafts-Serie des Weser Kuriers ist da schon viel aufschlussreicher und inspirierender. Ein weiterer Hör- und Lesetipp zum morgigen Tag der Genossenschaften: „Die Genossenschaften kehren zurück“ – http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/zeitfragen/1800217

Eine Tradition des Genossenschaftswesens gibt es in Bremen kaum – eine Vision offenbar auch nicht. Dabei wäre gerade im Wohnungsbau ein Zusammenführen öffentlicher Interessen und privater, echter Verantwortung dringlich und wichtig. Im Energiebereich sind Genossenschaften oft schon Treiber des Marktes und seiner Entwicklung. Weil Genossenschaftsmitglieder traditionell auf Werte wie Ehrlichkeit, Sozialverantwortlichkeit und gegenseitiges Interesse setzen, kann ihr Wirken besonders nachhaltig sein. Auch das Weitergeben von Erfahrung, der generationenübergreifende Austausch in Genossenschaften wirkt nachhaltig. Ihre spezialisierte lokale Kompetenz, ihr teilhabendes Agieren und Wirken kann eine integrierte, soziale, ganzheitliche Stadtentwicklung vielfältig befördern.

Gründungshilfen, Entbürokratisierung, Qualifizierung und Beratung für Genossenschaften, Wertschätzung und Werbung für dieses Wirtschaftsmodell wären deshalb in Bremen besonders wichtig. Die seit 2008 geltenden Vorteile bei der Gründung von GmbHs könnten auch die Gründung von Genossenschaften attraktiver machen. Im Alltag niedersächsischer und nordrhein-westfälischer Schulen gibt es bereits Schüler-Genossenschaften: Bremen kann mehr für Genossenschaften tun – und mehr von Genossenschaften haben. Schade, dass der Wirtschaftssenator diese Chancen nicht sehen will.

„Kulturinfarkt“ oder „Denkinfarkt“ ? – Ein Streit, der sich lohnt

In Ideenwirtschaft, Kunst, Politik, Stadt on 18. März 2012 at 12:30

Ich verstehe die Aufregung immer noch nicht (ganz): Vier ältere Herren schreiben im Spiegel nicht, dass sie „desubventionieren“ wollen, dass „die Hälfte“ weg soll, sondern regen durch Umwidmung von 2 von 10 Milliarden Euro deutscher Kulturfinanzierung 1. Konzentration und 2. Innovationsförderung an. Kann man da nicht drüber diskutieren, ohne dass es „Freiheitsberaubung“ aus allen Röhren schallert? Ja, ihre Markt-Produkt-Rhetorik klingt hart und für mich auch schon wieder gestrig: Aber ersetzt man diese Instant-Formeln mal durch Aufgabe/Funktion/Wirkung, meinetwegen auch Qualität, eben: „Gestaltungskraft“ und setzt die in einen gesellschaftlichen, politischen Zusammenhang, dann kann daraus doch was werden? „Erfolg“ kann auch gesellschaftlich sein. Kunst muss nicht „nützen“, aber darf sie nicht auch „nützen“?

Eine tiefe Debatte über die (Ent)Institutionalisierung und (Ent)Musealisierung der Kultur(en) und ihrer gesellschaftlichen Funktionen und Aufgaben finde ich ebenso wichtig wie Kritik an ihrer Ökonomisierung – wobei ich in „realpolitischen Aufgaben“ noch kein grundsätzliches Zeichen für Ökonomisierung sehe, sondern auch für die Empathie, Kompetenz, Wirksamkeit, Zuständig- und Widerständigkeit von Kunst und Kultur.

„Weitblick“ als „unternehmerische Tugend“ zu bezeichnen (wie Niklas Maak in der FAZ eine Schule zitiert, die mit der Debatte höchstens auf symptomatischer Ebene zu tun hat), ist eine Frechheit – aber darum Weitblick abzulehnen, ist Blödsinn: „Weitblick“ ist auch eine künstlerische, auch eine politische Tugend. Und was daran eine „Ökonomisierung des Denkens“, wenn man für Kunst in der Schule ist? Weil „marktorientiertes Denken“ die Sprache „verwüstet“ hat (und wie die Diskussion zeit: wohl auch ihr Verstehen), sprechen und diskutieren wir lieber nicht mehr, sondern schreien nach „Freiheit“? Wir? Hier? Unheimlich.

 

Einer der Autoren des „Kulturinfarkt“ im Deutschlandradio-Interview: „Baut den Apparat um!“

 

Ein nüchterner Blick auf die Entwicklung der Kulturetats und der Kultureinrichtungen in den vergangenen 2,3 Jahrzehnten und kritische Fragen nach der Richtigkeit der Institutionalisierung von allem und jedem sind wichtig.
– Kulturentwicklung muss – neben der Förderung von Kreativität – auch eine Schaffung von Strukturen zeitgenössischer Künste und Kulturen sein; und die finden heute zu nicht unerheblichen Teilen auch im Internet statt, in der Popkultur und im Stadtleben. Das bildet sich in der Wirtschafts-, Sozial-, Bildungs- und Medienpolitik ja durchaus auch deutlich ab – ob Kunstpolitik als relativ neue Querschnittsaufgabe sich da mehr einmischen müsste, kann man diskutieren. Dass sie die Entwicklungen – wie Kunst und Künstler selbst – scharf und klar wahrnehmen muss, ist notwendig und selbstverständlich! Die Innovationen und Impulse jedenfalls kommen aus den Kellern, von der Straße, aus der Technik oft – und aus dem Ausland.
– Die Kulturfinanzierung – und die für Kultur verfügbaren Mittel und auch Aufträge, nicht nur im Rahmen der Kulturförderung – sind in den vergangenen Jahrzehnten so deutlich gestiegen, wie sich die Szenen verbreitert haben. Es ist bemerkenswert und gut, dass sich Innovationsförderung, stadtentwicklerische Maßnahmen, Kultur als Inklusions- und Bildungsangelegenheit auch aus anderen Etats speisen, dass Kultur auch als Wirtschaftsbranche wahrgenommen und befördert wird, auch Künstler über ihre Angebote an die Gesellschaft als „Produkte“ nachdenken können. Ideen und ihre Gestaltung und Durchführung selbstbewusst so zu nennen und zu nutzen, ist nicht verwerflich, sondern ein legitimes Interesse, dass für die Musik-, Buch-, Film-, Medien- und Kunstmärkte auch niemand problematisch findet.
– Klassische staatliche Kulturförderung führt viel zu grundsätzlich geradewegs in die Institutionalisierung von Initiativen und Einrichtungen – oder macht sie gar zur Voraussetzung. Das führt insgesamt zu einer Musealisierung der (in Etats und Stein) sichtbaren und gebauten Kulturlandschaft. Wo das kulturelle Gedächtnis gesichert, Schaffen dokumentiert und so Maßstäbe gehalten werden, ist das wichtig. Eine Fokussierung auf den Bestand und sein allzeit dauerhaftes Bestehen, die Verstrickung von Impulsen in institutionalisierte „Sicherheit“ aber koppelt Kulturentwicklung allzuoft von den wirklichen, wesentlichen, gesellschaftlich relevanten kulturellen Veränderungen und Umbrüchen ab.

Kulturentwicklung, Kulturfinanzierung und Kulturförderung sind verschiedene und gleichberechtigte Aufgaben von Kulturpolitik. Den Kultursektor als subventionierten Arbeitsmarkt zu behandeln, greift zu kurz. Wie die dafür zuständigen Kulturressorts in Deutschland zugeschnitten sind, ist aber immer noch sehr zufällig aus politischen, machttaktischen Beweggründen verteilt: Mal gehören sie zum Regierungschef wie in Bremen und Berlin, mal gehören sie mit Wissenschaft oder/und Bildung zusammen, mal mit Wirtschaft, auch Inneres und Sport hatten wir ja schon. Hier gehört die Soziokultur dazu, dort ist die ganz klassisch Teil der Sozialarbeit, dafür rücken Kultur und Kreativwirtschaft oder Kunst und kulturelle Bildung zusammen. Diese Vielfalt muss wieder einen Sinn bekommen, ein Ziel.

Dazu passt nicht zuletzt:
Koalition der Freien Szene – Offener Brief an die Stadt Berlin – Online Petition.

 

„Das Buch verschenkt die Gelegenheit, einen Streit anzuzetteln, der sich lohnt. Die Ruhe und das phrasenreiche Einverständnis im Kulturpolitischen sind ja wirklich ein Grund zur Beunruhigung. So viel Stille und Konsens herrscht nur, wo große Konflikte und Probleme zugedeckt werden. Zu reden wäre endlich über eine Kultur des Aufhörens, des Endes auch von Kultureinrichtungen. Die immer gleichen Argumente gegen Theaterschließungen etwa – bringt wenig, schadet viel, ist banausisch – ändern nichts daran, dass viele Kommunen die Mittel für ihre Theater kaum aufbringen können. Ist der Bestandsschutz immer gerechtfertigt und die beste Lösung für die Bürger der Stadt?“
Jens Bisky in der Süddeutschen: „Der Kulturinfarkt“ – Lieber ein Streit, der sich lohnt

„Niemand wird ernsthaft behaupten, die üppigen Subventionen für Theater, Opern und Museen führten ausnahmslos zu kulturellen Höchstleistungen. (…) Kaum jemand außer Klaus Wowereit, der sie plante, wird begründen können, warum Berlin noch eine neue Kunsthalle braucht, wo man dort schon vier unterfinanzierte Quasi-Kunsthallen betreibt. Natürlich fragt man sich angesichts der uniformisierten großen staatlichen Ausstellungshallen, die die altbekannten Hits der klassischen bis neueren Moderne in immer matteren Aufgüssen servieren, ob es nicht besser wäre, die zahlreichen kleinen, von Künstlern selbstorganisierten lokalen Ausstellungsorte zu fördern, an denen Gegenwartskunst viel besser gezeigt wird. Und niemand wird bestreiten, dass die Subventionsbürokratie viel zu behäbig ist und reformiert werden muss. (…) Aber all das reicht – eben weil es keine neuen Erkenntnisse sind und weil kaum jemand diesen Punkten widersprechen würde – noch nicht, um ein ganzes Buch zu füllen.“
Niklas Maak in der FAZ: „Der Denkinfarkt“

„Der Kulturbetrieb reagiert auf den Text bislang so, wie Throninhaber von je her auf Kritik reagieren: Sie wittern Majestätsbeleidigung! (…) Auf allen Wellen und aus allen Ecken des Kultur-Landes schallt es: “Verrat! Verrat! Verrat!”. Hätte es eines letzten Beweises für die Sprengkraft des Buches bedurft, wurde er heute erbracht: Bereits vier Tage nach dem Aufkommen des sperrigen und für den Boulevard gänzlich unsexyen Themas “Kulturförderung” landet die Debatte in der „Bild“-Zeitung – mit den erwartbaren Folgen für die öffentliche Wirkung wie das intellektuelle Niveau (…). Die vier Autoren schreiben in Buch (zur Erinnerung: einer”Polemik”) und Zeitschrift aber ganz unmissverständlich, dass die zahlenmäßige Halbierung der öffentlichen Kultur-Einrichtungen gar keine Halbierung der Ausgaben bedeute (…): Statt immer mehr Geld für das immer gleiche Kulturangebot auszugeben, solle mit dem gleichen Geld mehr Vielfalt in der Kulturlandschaft entstehen. (…) Dabei ist die Diskussion überfällig: In wohl keinem anderen politischen, ökonomischen oder gesellschaftlichen Sektor der Republik hat es in den letzten vierzig Jahren ein solches Wachstum von Institutionen und Mitteln gegeben.“
Der kulturpolitische Reporter: Die Kaste der Unantastbaren und der Kultur-Infarkt

 

Bild.de über den bayerischen „Kunstminister“ (so heißt er dort!): Wolfgang Heubisch (FDP) warnt vor „Kulturpolitik mit Rasenmäher“ – dann schon lieber mit der Gießkanne: „Welches Theaterensemble und welchen Musikschullehrer wollen sie denn nach Hause schicken?“

Kürzungen schmerzen und da darf man auch schreien – gerne noch viel mehr. Das tun ja andere Lobbyisten und Interessenvertreter und -haber auch.  Über einen Umbau muss man trotzdem immer weiter reden – und der hieße wohl auch nicht einfach nur „den Großen nehmen, den Kleinen geben“; da würden die Kleinen einfach ratzfatz groß und gewonnen an Kunst, Erkenntnis, Erbauung, Impulsen wäre (fast) nix. Denn es geht nicht um „klein“ oder „groß“ – es geht um Mobilität, um Temporarität, um Teilhabe, um Beziehungen.

Letztlich betrifft das Thema nicht nur die Kultur, sondern viele „gewachsene Strukturen“, „Trägerlandschaften“, Institutionen …

„Künstler sollen Stadtleben stärker prägen“

In Ideenwirtschaft, Kunst, Politik, Stadt, Werner on 1. Oktober 2011 at 17:57

Wie (und dass) Stadtentwicklung, kulturelle Bildung, Kreativwirtschaft und Kunst zusammengehören, durfte ich in einem Interview im Bremer Weser-Kurier erklären:

[ An einem konkreten – und gerade dieser Tage wieder aktuell werdenden – Beispiel habe ich sowas vor einiger Zeit schon mal durchgespielt. – Und siehe gerne auch noch mal da: Bürgerbaubeteiligung. ]

„Komm mit nach Morgen“ – ab(er) jetzt!

In Ideenwirtschaft, Politik, Stadt on 21. September 2011 at 19:15

Statement zum Leitbild ‚Bremen 2020‘

Die Deputation für Umwelt, Bau, Verkehr, Stadtentwicklung und Energie hat am 15. September 2011 den Stand der Umsetzung des Leitbilds der Stadtentwicklung zur Kenntnis genommen. Die Grünen begrüßen die beispielhafte und umfassende Beteiligung interessierter Bürger an der Aufstellung und der Umsetzung des Leitbildes „Bremen! lebenswert – urban – vernetzt“ unter dem Motto „Komm mit nach Morgen!“, das der Senat im Sommer 2009 beschlossen hatte.

Die Grünen erwarten vom Senat und der Wirtschaftsförderung, dass sich in Zukunft auch die Konzepte des Stadtmarketings, die Kulturpolitik und touristische Angebote am Leitbild für „Bremen 2020“ orientieren, das Bremen als „grüne Stadt am Wasser mit hohen Erholungs- und Umweltqualitäten, als sozial gerechte Stadt und als Zentrum exzellenten Wissens und innovativen Wirtschaftens positioniert, die sich mit viel Bürgersinn und Bürgerkompetenz entwickelt“, zitiert der Sprecher der grünen Bürgerschaftsfraktion für Stadtentwicklung, Kultur und Medien, Carsten Werner, wesentliche Punkte des Leitbildes.

In städtebaulichen Fragen trägt die Arbeit am Leitbild inzwischen Früchte: „Mit dem neuen Zentren- und Nahversorgungskonzept und einer Wohnungsbaukonzeption, die die wohnortnahe Versorgung aller Bürger sicherstellen und unnötigen Verkehr vermeiden sollen, gibt es für die Stadtplanung und -entwicklung jetzt differenzierte politische und rechtliche Rahmen und Instrumente“, lobt Carsten Werner. „Außerdem hat Bremen seit 2010 im Bereich der Zwischennutzungen brachliegener Gelände und Gebäude durch die ZwischenZeitZentrale wichtige und sichtbare Schritte unternommen – neben vielen temporären Projekten etwa durch die langfristige Umnutzung des alten Güterbahnhofs in der City. Jetzt gilt es, Impulse temporärer Zwischennutzungen für die Stadtentwicklung nachhaltig und auch für langfristige Nachnutzungen fruchtbar zu machen. Das gilt für die entsprechenden Verfahren ebenso wie für die konkreten Orte.“

Auch bildungspolitisch hat das Leitbild mit dem Programm „Lernen vor Ort“ mit einem beispielhaften lokalen Management für verbesserte Bildungschancen in Bremen-Gröpelingen bereits wichtige Impulse etwa zu generationenübergreifendem Lernen, kultureller Bildung und gesellschaftlichen „Übergängen“ gegeben, die jetzt systematisch in die Struktur der lokalen Bildungslandschaft zu integrieren sind. „Besonders erfreulich ist, dass Bremerhaven sich dem Modellprojekt mit dem Stadtteil Grünhöfe jetzt anschließt“, sagte Carsten Werner. Auch der Austausch mit anderen Städten in der Metropolregion und Kooperationen im Rahmen der nationalen Stadtentwicklungspolitik „nimmt jetzt richtig Fahrt auf“, freut sich der grüne Bürgerschaftsabgeordnete. An diesem Wochenende treffen sich in Nürnberg Stadtentwickler und Abgeordnete aus Leipzig, Nürnberg und Bremen zu einem Erfahrungsaustausch – „wir können gerade für die Stadtentwicklung viel von anderen Städten lernen – und die von uns“, meint Werner.

Am 16.und 17. September 2011 haben sich in Nürnberg Stadtentwickler und Abgeordnete aus Leipzig, Nürnberg und Bremen zu einem Erfahrungsaustausch im Rahmen des Kooperationsprojektes koopstadt getroffen, das ebenfalls Element der Arbeit am Bremer Leitbild 2020 ist: „Wir können gerade für die Stadtentwicklung viel von anderen Städten lernen – und die von uns“, meint Carsten Werner. In Nürnberg hat den Bremer Grünen-Abgeordneten der ganzheitliche, ressortübergreifende Ansatz der Stadtentwicklung überzeugt. „Besonders beeindruckt hat mich dort etwa Bayerns erste Jugendkirche „LUX“ in Nürnberg Nord-Ost, die gleichermaßen als Kirche, Veranstaltungsort, Café und modernes Jugendzentrum fungiert: Eine coole Location mit wichtigen sozialen, kulturellen und religiösen Funktionen.“ Insgesamt sind im Stadtteil Nürnberg Nord-Ost Projekte mit Städtebauförderungsmitteln und im Rahmen des Programms „Soziale Stadt“ vorbildliche Entwicklungen in Gang gesetzt worden: „Hier wurde eine denkmalgeschützte Arbeitersiedlung aus den Vorkriegsjahren nachhaltig ökologisch, sozial und auch kulturell modernisiert, so dass Wohnen, Bildung, Naherholung, Kultur und Umweltschutzaspekte ineinandergreifen können und für die Wohnungen im Stadtteil wieder zu begeisterter Nachfrage geführt haben – einmal mehr ein Beleg, wie wichtig und sinnvoll diese Programme und Fördermittel für die Zukunft unserer Städte sind“, so Carsten Werner, „und sie schaffen Impulse in viele weitere Bereiche der Stadtentwicklung und des Stadtlebens“. So ist im Nürnberger Süden mit dem „Südpunkt“ in Kooperation mehrerer Träger ein hochmodernes Bürgerhaus für lebenslanges Lernen, berufliche Weiterbildung, Gesundheit und kulturelle Begegnung im ökologischen Passivhausstandard entstanden.

„Den Geist all dieser Entwicklungen auch für die geplante Neuaufstellung des Flächennutzungsplans und des Landschaftsprogramms sowie in der Verkehrspolitik zu nutzen, ist eine spannende und lohnende Aufgabe für alle Senatsressorts und Politikfelder – sie muss aber auch im Erleben und in der Präsentation Bremens noch viel spürbarer werden und soll schließlich identitätsstiftend wirken“, so Carsten Werner.

 

 

Für die Politik gewonnen

In Politik, Werner on 28. Mai 2011 at 19:22

Als die Bremer Grünen-Landesvorsitzende Susan Mittrenga im Sommer 2010 den freien Redakteur, Regisseur und Projektentwickler fragte, ob er für die Grünen in der Bremischen Bürgerschaft in den Wahlkampf und dann vielleicht ins Parlament ziehen würde, war nach ein paar Telefonaten und Treffen zügig klar: „Ich mach das.“ Ich kandidiere. Mitten aus der in Medien- und Kulturkreisen alltäglichen „Politikverdrossenheit“ heraus eigentlich eine  komplizierte Frage für einen Freiberufler zwischen Sylter Meerkabarett, Tagesspiegel-Politik- und Lokalredaktion, Bremer Kulturetatkürzungs-Abwehrkampf und Familie.

Aber ich bin politisch, seit ich denken kann, grün sozialisiert und will was bewirken. Und mit Mitte 40 Ideen aus dem Stadtleben, Erfahrungen im (kultur)politischen Nahkampf, gewachsene Überzeugungen in Politik und Stadtentwicklung zu übertragen – eine schöne Perspektive! Sich nach zehn Jahren Pendelei auf einen Ort konzentrieren, täte bestimmt nicht nur dem Kind, sondern auch der eigenen Gesundheit gut. Ich bewerbe mich. Dabei ist das nicht so meine Art: Für mich werben, das wird auch später im Wahlkampf noch mal heikel werden.

Überraschend, wie toll Ende November meine Rede zur Listenaufstellung ankommt. In Kampfkandidaturen ergattere ich Listenplatz 14 – einen „sicheren Platz“ nennt das die Lokalpresse, irgendwas zwischen „aussichtsreich“ und „gar nicht sicher“ finde ich: Bremen hat ein neues Wahlrecht,  Personenstimmen können die Liste kräftig durchschütteln. Ich fahre meine Berufe runter – wie für ein paar Sabbat-Monate; denn den Wahlkampf bezahlt mir niemand und wer weiß, wann ich in die Jobs zurück komme? – und taste mich in die Lokalpolitik.

 

Das Feilen an Konzepten, das Ringen um die richtigsten Worte und besten Argumente ist mir ja vertraut. Aber ich bin beeindruckt, wie viel konzentrierter und genauer das in der politischen Arbeit dieser grünen Fraktion möglich ist, in der ich jetzt Gast bin. Es geht, wie im Journalismus oder im Theater, um Inhalte, für die eine Form gesucht und gestaltet, Wirkung erzielt wird. Also euphorisiert auf in den Wahlkampf:Diskussionen, Ausstellungseröffnungen, Debatten über Kultur- und Stadtentwicklung,  kulturelle Bildung, Medienpolitik. Mich erstaunt, wie offen die politische Welt für einen von „außen“ ist. Und wie verschlossen die Öffentlichkeit plötzlich: „Sie sind ja jetzt Kandidat“. Da müssen gute Ideen zurückstehen. Versteh einer die Medien.

Trotzdem grüßen plötzlich wildfremde Menschen auf der Straße. An Straßenständen und im Online-Wahlkampf erlebe ich eine geballte Ladung Lebenswirklichkeit – und zu allem bitte immer schnell eine Haltung. Festlegung erwünscht. „Prüfen“ ist nicht so gefragt – wird wahlweise als Ausrede oder verkappter Plan gedeutet. Also: Sarrazins Erfolg halte ich für ein kalkuliertes kommerzielles Projekt. Den Bürgerrundfunk sollten wir  aus überholter „Meinungsorgan für alle“-Ideologie zum zeitgemäßen Bürgermedium und Instrument kultureller Bildung machen. Kulturelle Bildung geht nur, wenn Bildungssenatorin und Kulturressort zusammenarbeiten. Von wie vielen AKW ist Bremen umzingelt und kann die Stadt Atomtransporte verbieten? Nazis waren für mich immer nur so eine nervige Randerscheinung, jetzt demonstriere ich gegen sie. An Polizeisperren deeskalieren Polizisten und sind selbst gegen Atomkraft oder Nazis. Müssen Lehrer unbedingt verbeamtet sein? Nein. Berufsverbote der 70er Jahre führen heute noch zu Nachwehen und Verletzungen. Für die Inklusion Behinderter in den Regelunterricht kann man in den USA viel lernen. Wer weniger Lärm in der Stadt will, muss auch die Bürgerparktombola zur Ruhe mahnen, die andererseits aber die Finanzierung der Bremer Innenstadt-Parklandschaft sichert. Ja. Und wie halte ich es eigentlich mit der Frauenquote?  Finde ich gut: Weit über die Hälfte meiner Förderer, Chefs und Freunde waren und sind Frauen. Aber ich habe vorher nie darüber nachgedacht. Zur Vergänglichkeit und Umweltverträglichkeit von Urnen auf Bremer Friedhöfen muss ich passen. Parallel beginnt privat die erniedrigende Suche nach einem Kita-Platz für unsere dreijährige Tochter: „… diese Politiker“-Geschimpfe allerorten: Zu wenig Plätze, zu wenig Betreuungsstunden. Ich verspreche zaghaft, mein Bestes zu tun, demnächst, nach der Wahl … „Sie können mich übrigens auch wählen!“

Die fast unsichtbare, unhörbare Gegenseite im Landtagswahlkampf macht uns immer wieder stutzig: Die FDP verliert durch einen Austritt den Fraktionsstatus und zerlegt sich ein eine Restpartei und eine Wählervereinigung , in der CDU wird um Listenplätze gestritten, rechte Gruppen und Nazis mobilisieren – nicht wirklich erfolgreich. Handelskammer und CDU schimpfen auf drei Fußgängerampeln und schüren Angst vor einer City-Maut – nicht viel mehr, merkwürdig uninspiriert und planlos.

Ob es nicht gerade jetzt „etwas opportunistisch“ sei, für die Grünen in die Politik zu gehen, will die Lokal-taz schon Weihnachten wissen. Aber als Schülervertreter haben wir in den 80ern Norddeutschlands ersten Dosensammelcontainer aufgestellt. Im April 1986 bin ich mit meiner ersten Freundin auf dem Bremer Marktplatz von meiner ersten Anti-Atom-Demo aus dem Tschernobyl-Regen in den nahen Dom geflüchtet. 25 Jahre später stehe ich jetzt wieder da, mit einer Dreijährigen auf den Schultern. Wahlkampf? Auch. Angst vor der Atomkraft? Mehr. Auch fünf Tage vor Fukushima haben wir auf dem Marktplatz demonstriert. Es ist eine Generationen- und Zeitfrage: Wir kommen jetzt in der Gesellschaft an – die Ideen und die Leute. „Politik ist was anderes als das Einwirkenlassen von Gefühlsdünsten. Ich weiß, daß die nicht wegzukriegen sind, aber man sollte ihrer soweit es geht Herr werden.“ – wusste schon 1962 Herbert Wehner. „Ideen zu Taten schrumpfen“ habe ich mir als Wahlspruch aus dem Theater mit in die Politik genommen.

11. März, später Vormittag: In Japan hat gerade die Erde gebebt und einen Tsunami ausgelöst. DieDeutsche Bahn hat Verspätung, ich werde wieder zu spät in die Berliner Redaktion kommen.Noch ins Handy wütend, treffe ich im Ersatz-Nahverkehrszug Reinhard Loske, unseren Senator für Umwelt, Bau, Verkehr und Europa. Aus der grünen Bundestagsfraktion ist er vor vier Jahren nach Bremen gekommen und hat frischen Wind in die Stadtentwicklung gebracht, Innenverdichtung statt Flächenfraß am Stadtrand gepredigt, Kulturschaffende und Bürger in die Stadtplanung einbezogen, Verkehrspolitik auch auf Fußgänger, Radfahrer, Rollatorenschieber bezogen. Gerade Loske hat mir neue Lust gemacht auf meine Heimat und grüne Politik. In seiner Denkschrift „Abschied vom Wachstumszwang“ skizziert er „Konturen einer Politik der Mäßigung“: Ein Werbeverbot im Kinderfernsehen etwa, ein Ende der „Börsennachrichten“ als Dauerwerbung für Aktienspekulanten, Schluss mit Gier,den Handel regionalisieren, weniger konsumieren, auch weniger arbeiten: Eine 20-Stunden-Woche? Bedingungsloses Bürgergeld? Man wird doch wenigstens mal drüber nachdenken müssen, über die Zukunft.Auch inBremen. 2030 führt ein „Weiter so“ zum Kollaps, sagt der „Club of Rome“. Das ist ja nun bald. Wir reden über unsere Kinder, Literatur, Bremen. Und denken kurz an Japan: „Hoffentlich halten die AKW da direkt am Meer.“

Stunden später sitze ich im Tagesspiegel-Newsroom und produziere die Sonntagausgabe. Ein Bremer CDU-Kandidat postet bei facebook, jetzt würden die Ereignisse in Japan zu „widerlichen Kampagnen“ gestrickt und Bundesumweltminister Röttgen hält eine Atomdebatte  für „völlig deplatziert“.  Einige Stunden und Tickermeldungen später stellt er „die Grundfrage der Beherrschbarkeit von Gefahren“ der Atomkraft „mit dem heutigen Tag neu“.Uns Grünen wird so was wie Schadenfreude unterstellt. „Alles muss aus“ haben wir in Bremen plakatiert – die Plakate waren schon fertig, als Japan bebte. Im Wahlkampf sind sie und die „Nein Danke“-Sonnen-Aufkleber der Renner – und Anlass für viel weiter gehende Gespräche.

Am Sonntag wurde gewählt, alle Welt gratuliert . Am Dienstag die ersten Personalstimmen-Ergebnisse: Das wird nicht reichen. Von wegen „Kultur zieht, Du bist doch bekannt“! Also Hoffen auf ausreichend grüne Listenstimmen für meinen 14. Listenplatz. Ein fieses, fiebriges Gefühl – wie „Warten aufs Christkind“, um Tage gedehnt. Mitten in die Hochrechnungen eine SMS: Reinhard Loske zieht sich zurück, will nicht Senator bleiben – auf den und seine Impulse zur fairen, nachhaltigen, ökologischen Stadtentwicklung ich mich so gefreut habe. Irgendwas ist ihm zu viel geworden. Anfeindungen und Polemik? Provinzialität? Fehlende Achtung? „Persönliche Gründe“- eigentlich klar, dass ein Wahlkampf, ein Wahlergebnis einen Menschen beeindrucken, so oder so. Aber schwer zu erklären, zu verstehen – Schock für uns Parteifreunde, rätselhaft für Außenstehende. Immerhin: Er beteiligt sich noch an den Koalitionsverhandlungen.

 

 

Und ich bin aus meinem inneren Wahlkampf gerissen. Mein Listenplatz hat noch ein bisschen gewackelt und ist dann in einem Herzschlagfinale der viertägigen Stimmenauszählung zur Linkspartei gekippt: Die behalten so ihren Fraktionsstatus und ich bin raus. Oder ich rücke nach, wenn eine Kollegin oder ein Kollege in den Senat wechseln. Denn in Bremen muss man sich entscheiden. Meine Zukunft? „Ereignisoffen“, wie der letzte SPD-Kanzler Gerhard Schröder mal sagte. Aber für die Politik bin ich gewonnen – vielleicht um irgendwann mal wie Winfried Kretschmann, der erste deutsche grüne Ministerpräsident in Baden-Württemberg, zu bekennen: „Ich bin wirklich ein absolut leidenschaftlicher Provinzpolitiker.

 

 

 

Vorbei. Verpasst.

In Ideenwirtschaft, Konsumempfehlung, Kunst, Medien, Werner on 8. Mai 2011 at 09:08

Nachwort zum Verschwinden einer Homepage.
Vorwort zu Schnipseln und einem Buch, die sie retten.
(ungekürzte Fassung)

Vorbei. Verpasst. Das kann man sich ja kaum noch vorstellen. Haben wir zu viele Worte oder Bilder geschrieben, mögen wir uns im schönen Materialwust nicht entscheiden, gibt’s „den ganzen Text“, „alle Bilder, alle Infos“ oder „das Projekt komplett“ eben „online“. Da steht es dann rum – man kann sich noch mal wehmütig erinnern, wie schön das alles beim Machen war, wie lebendig beim ersten Zeigen, wie wichtig für diese geschäftliche Entscheidung neulich oder jenen persönlichen Schritt damals.
Aus dem eben noch wild visionierenden, utopisierenden und streitenden Blog wird mit drei Klicks ein „Archiv“.

Kommen unsere Eltern mit Tüten voll Zeitungsartikeln, Flyern, Fahr- und Eintrittskarten, schmunzeln wir leicht genervt.
Beim Kind lächle ich gerührt, dass die Werbekarte mit Lenis Mama drauf, die Muschel aus Rantum, zwei mal 5 Cent und ein kaputtes Blümchenportemonnaie auf ewig zusammengehören und bleiben.

Früher haben wir Postkarten gesammelt und Aufkleber und Buttons und Fotos und Artikel und Flyer, erst in Kisten, dann in Schränken, dann in Räumen und dann alles dem Staatsarchiv in verantwortungsvolle Hände übergeben. Heute speichern wirs ab in einem merkwürdigen Zwiespalt: Wo „alles“ gesichert ist, soll „nichts“ vergessen werden. Aber wo nichts vergessen wird, bleibt wenig Raum für Erinnerung.

Im Datenraum rutscht nichts nach unten oder hinten, vergilbt oder verstaubt nichts. Aber es wird/bleibt auch nichts wichtiger als das andere. Neulich war meine erste Homepage noch da, dann entfernte sie sich aus dem HTML-Leben und war nur noch Code – immerhin. Eben gerade habe ich nachgeguckt: weg, ganz. Glaube ich.

Während das Festhalten, persönliches Markieren und intuitives Sortieren schon schwierig sind, geht die Verknüpfung mit Gefühlen gleich ganz schief. Datenträgerarchive sind ja noch noch viel toter, unsichtbarer und unwirtlicher als muffige-kühle, abgelegene und mies beleuchtete Staats- und Unternehmensarchive oder private Lager.
Meine Projekte-CD-Sammlung sieht nur scheiße aus, schrabbelig, und ob die Daten noch lesbar sind, will ich lieber gar nicht so genau wissen, da sitzt man sonst wieder tagelang frustriert und übernächtigt am Rechner und ärgert sich.
Meine kindliche Postkartensammlung riecht heute noch nach burti-Waschmittel, wegen eines dämlichen Experiments. Aber sitze ich mit Rückenschmerzen da mittendrin, spüre ich die Wichtigkeit, den Anlass, die Aufregung zu jeder einzelnen Karte – von Opa im Skiurlaub bis zu meiner ersten Freundin, auf dem anderen Kontinent. Das Pixi-Entenbuch hilft mit dem Zoo-Ticket zusammen der Erinnerung auf die Sprünge – auch an meine blöde Schwester, die die vorletzte Seite zerfetzt hat, worauf ich sie auf den Balkon … und so weiter. Alles noch da und verknüpft in Hirn und Herz. Aber Vieles ist und bleibt weg und das ist auch gut so.

Wenn Giraffentoast seine Homepage – das öffentliche digitale Gedächtnis der Firma – jetzt zurück in die Wirklichkeit rettet, ist das konsequent und steht für Eure Liebe in den Produkten, soziale Haltung zu den Projekten. Für das Primat der Inhalte und Gedanken und Gefühle, aus denen sie gemacht sind. Jetzt leben sie weiter an Pinnwänden und in Schubladen, in Mappen und Schachteln, hinter den Spiegeln in den Hinterhöfen, Hinterzimmern und Hinterköpfen – haben Platz und Raum geschaffen für Neues und Nachfolger auf www.giraffentoast.de. Und sie sind als Geschenke unterwegs zurück ins wirklich wahre Leben: Als Ideendünger und Impulsgeber, als Bastelelemente und Erinnerungen an schöne Momente, gute Arbeit. Welcome back!
Es lebe die Wiederverwertung! Und es lebe die Unvollständigkeit!

Hoffentlich scheitert dieses Buch also auch ein bisschen: Weil man nicht alles festhalten kann, weil das auch nicht gut wäre. Es soll mindestens so viel Anstöße. Wie es festhält im Hier und Jetzt. Wir brauchen ja viel mehr Platz und Zeit und Hirn für Neues!

Zum deconstruct–Buchprojekt von Giraffentoast

Jagdszenen in der Bremer Kulturlandschaft

In Politik, Stadt on 3. Mai 2011 at 00:44

ein Artikel aus dem Sommer 2005 – eigentlich immer noch interessant und gültig:

Jagdszenen in der Bremer Kulturlandschaft
Martin Heller und seine Stadtwerkstatt als Bedrohung für politische und institutionelle Bürokraten
von Arnulf Marzluf
im Weser-Kurier v. 6.8.2005

BREMEN. „Bremens größtes Problem ist gewiss nicht die Stadtwerkstatt. Im Grunde sind es auch nicht die Finanzen, obschon die derzeitige Haushaltslage harte Sachzwänge schafft. Das wirkliche Problem liegt darin, dass dem kulturpolitischen Handeln der Stadt keine schlüssige, zukunftsweisende Strategie zugrunde liegt.“ Dies ist ein Satz aus einem Strategiepapier der Stadtwerkstatt, von der sich der Kultursenator erhofft, dass eben dieser darin benannte Mangel durch die Stadtwerkstatt konkreter benannt und bald behoben werden kann. An der Spitze der Stadtwerkstatt: Martin Heller. Während der Kulturhauptstadt-Bewerbung Spielführer oder Coach auf dem Feld der Neuorientierung der Bremer Kultur, danach einer, der in dieser Stadt der guten Beziehungen und kurzen Wege öffentlich als Fremder betrachtet wird. Es wäre zu kurz gegriffen, wollte man den Zentralfiguren der Bremer Kultur und -politik narzisstische Kränkung vorwerfen, die sie erleiden mussten und ansatzweise noch müssen, weil ihre Weltsicht Konkurrenz bekommen hat und die Netzwerke, in denen sie sich bewegen, neu geknüpft weden könnten. Sie kämpfen eben auch um die Verteilung der knapp gewordenen Mittel und fürchten nun, was offenbar viel schlimmer ist: eine Neuinterpretation der Spielregeln, wie diese Mittel zu verteilen sind. Knapp oder nicht – so rasend viel hat sich hinsichtlich der Mittel in Bremen nicht verändert, sie reichten nie, und der Kulturetat ist über Jahre hinweg nicht gesenkt worden wie in anderen Städten. Martin Heller ist jedoch zu einer symbolischen Figur dieser Neuinterpretation geworden, deren Folgen freilich nicht nur symbolisch sein würden. Systembedinger Konflikt Der Konflikt scheint also eher systematisch oder gar systembedingt, was sich darin zeigt, dass Vertreter klassischer Institutionen, wie jüngst der Bremer Museen (andere wie der Intendant des Bremer Theaters äußerten früher schon offen oder verdeckt ihren Unmut über die Intendanz), mehr oder weniger verblümt artikulierten: Raus mit ihm, den brauchen wir nicht, wir können die anstehenden Aufgaben alleine bewältigen; zurück in die Ordnung der Institutionen und Ende des Spiels, bei dem nur überflüssig Geld ausgegeben wird. Nicht zufällig sympathisieren hier Institutionen, deren Organisationsstruktur mehr oder minder Erbe der Bürokratien des 19. Jahrhunderts ist, mit einem Geist der Behördensprache. In ihr muss der Begriff der Grundständigkeit mit seinem assoziativ moralisierenden „grundanständig“ erfunden worden sein. Was nicht dazugehört, sitzt auf der anderen Seite der Nicht-Anständigen und Frivolen, die die funktionierende Ordnung bloß kaputt machen wollen. Man beobachtet an dem Schulterschluss der Etablierten mit einer bestimmten Art von Politik, wie sich Systeme der klassischen Institutionalisierung nicht nur gut verstehen, sondern auch aneinander Schutz innerhalb der allgemeinen Verflüssigung von bislang fest gefügten Strukturen in Politik und Gesellschaft suchen. Ein Parlamentarier wie der SPD-Abgeordnete Björn Tschöpe attackiert die Absichten von Martin Heller als außerparlamentarisch anmaßend, bewegt sich hingegen in einer kulturpolitischen Kulisse jenes Zuschnitts, vor dem es „uns in Bremen derzeit graust“, wie ein Museumsdirektor es unlängst sagte. Die beschworenen demokratischen Institutionen sind es schließlich, die sich selber in einem nicht unwesentlichen Bereich über mehrere Jahre hinweg haben herunterkommen lassen. Vermutlich läuft die Chose auch ohne sie oder manchmal sogar besser. Unter Obhut demokratischer Verhältnisse wurde versucht, eine Stelle in der Bremer Kulturbehörde mit einer Person aus dem Bekanntenkreis des Stellenauschreibers zu besetzen, und unter dieser Obhut werden Personen aus privaten Gründen geschützt, die in kaum einem freien Unternehmen eine Chance für eine verantwortliche Beschäftigung hätten. Das Missverhältnis zwischen der Leistung derer, die die Kulturszene kontrollieren, und derer, die sie beleben, ist oft auffällig. Zu beobachten ist jedoch generell eine breite Verlagerung bislang institutionell abgesicherter Lebensprozesse in die freie Wildbahn. Die Existenz des modernen Bürgers nimmt zwangsläufig Formen ehemaligen Künstlertums an. Es gibt Ähnlichkeiten zwischen denen, die ein neuartiges Bild malen, um ihr Leben zu führen, und Menschen, die in den Institutionen – privaten, öffentlichen, koporatistischen oder wie auch immer – trotz ihrer Klugheit künftig keinen Platz finden werden und alternative Wege in freier Wildbahn gehen müssen. Wer den Systemwechsel Kapitalismus nennt, darf ein parteipolitisch nützliches Weltbild anbieten. Auch die Kultur ist längst kein geschützter Bereich mehr. Viele, die sich trotz der Schwierigkeiten auf den Kulturbereich einlassen, haben ihre Lebensplanung umgestellt und eine Philosophie der improvisierten Existenz und des Innovationsdruckes für sich entdeckt. Die „freie Szene“ wächst nicht nur notgedrungen, sondern, glaubt man ihren Protagonisten, aus dem Selbstbewusstsein heraus, auf diese Weise die eigenen Ideen besser verfolgen und zukunftsgemäßer leben zu können. Carsten Werner, Schauspieler, Regisseur, Gründer des Jungen Theaters und ehemaliger Geschäftsführer der Schwankhalle, beobachtet neue Entfaltungsmöglichkeiten in der freien Szene: „Man kann nicht nur in Deutschland, sondern auch in Bremen wieder verstärkt frei arbeiten und an die internationale Szene auf den Gebieten von Theater, Musik, Literatur und so weiter Anschluss finden.“ Was Heller immer vorgeworfen wurde – er habe seine Konzepte nicht bis ins Detail ausgepinselt -, entspricht einer Organisationstheorie, nach der wir Innovationen nicht klugen Absichten zu verdanken haben, sondern der Entdeckung interessanter Gelegenheiten und der Konfiguration von Situationen, in denen Ideen entstehen. Diese Form von Innovation setzt in beinahe amerikanischem Sinne self-reliance voraus, die „Fähigkeit der Entdeckung und Ausbeutung im Vorhinein nicht bekannter Gegebenheiten. Der ’self-reliant entrepreneur‘ mit der Fähigkeit, sich selbst auf sich zu verlassen, bewegt sich im empirisch dichtesten Gestrüpp einer Wirklichkeit, in der alles aus dem Gewebe einer mimetischen Rivalität im Kontext sozialer Systeme besteht“ (Dirk Baecker). Das ist etwas anderes, als eine Weile Außenseiter zu spielen, um dann zu den Etablierten zu gehören, der „Clique von Leuten, denen es nur auf ihre geplante Innovationen ankommt“.

Bewerbung als Grüner, Vollbremer, Politiker

In Politik, Stadt, Werner on 27. November 2010 at 22:03

Liebe Freunde und Kollegen,

nach fast 25 Jahren Spagat und Pendeln zwischen Kunst und Journalismus will ich die dritte Ebene der guten Argumente, der bestmöglichen Ideen und der deutlichen Vermittlung erleben und beleben – und grüne Politik machen. Die Ermutigung durch grüne Freunde und den Landesvorstand, hier quer einzusteigen, freut mich riesig. Und die Intensität und Qualität der Arbeit am grünen Wahlprogramm hat mich überzeugt und inspiriert.

Meine Erfahrungen als überzeugter Freiberufler und Arbeitgeberwechsler, als Künstler, Projekt- und Organisationsentwickler, als Journalist und Öffentlichkeitsarbeiter, als Ausbilder und Vater möchte ich in Bremer Politik übersetzen und dazu vom Teilzeit- wieder zum Voll-Bremer werden. Ob (zuletzt) als freier Politikredakteur beim Berliner „Tagesspiegel“, als Ausbilder und Projektentwickler für die Bremer Schwankhalle, als Theaterregisseur oder als wirtschaftlich handelnder Programmmacher für Breminale und Sylter Meerkabarett: Meinen Tätigkeiten und meiner Bewerbung um einen grünen Listenplatz für die Bremer Bürgerschaftswahl 2011 liegen der feste Glaube an die Kraft des guten, besten Arguments und die Begeisterung für intensives Vermitteln zugrunde – und die Überzeugung und Lust, damit etwas zu bewirken.

In meinem Berufsleben ist der Wechsel von Arbeitsplätzen branchenüblich und sinnvoll. Meine wichtigsten Chefs und Förderer waren Frauen. Als Ausbilder lege ich viel Wert auf einen individuellen Weg der Auszubildenden. Kritik ist mir zum wichtigsten Werkzeug geworden: „Blattkritik“ bei der Zeitung, Kritik als Regisseur oder Redakteur nach einer Probe, Vorstellung oder Sendung, oder die klassische Veranstaltungskritik – in diesem Sinne will ich auch Politik, Gesellschafts-Kritik: nicht dagegen, sondern dafür, im Interesse von und an Menschen, an Inhalten und ihrer Zukunft, in kreativem Streit und Dialog. Ich beherrsche dieses Handwerk ganz gut – wach, sensibel und kreativ in die Welt zu blicken, um sie im Konkreten immer ein bisschen besser zu feilen: „Das Bessere ist der Feind des Guten!“ „Lasst Ideen zu Taten schrumpfen!“ Das ist auch realistische grüne Politik.

Gesellschaftliche Veränderungen – ob im Arbeitsmarkt oder in der Stadtentwicklung – müssen und können kreativ und offen angebahnt werden. Die vielen Parallelgesellschaften, in die unsere Gesellschaft sich splittet und die wenig voneinander wissen, müssen sich öfter treffen und berühren: Solidarität und Chancengleichheit entstehen ja nur gemeinsam. Was in Nachbarschaften, in guten Schulen und in guter Arbeit klappt, funktioniert am effektivsten über Sport, Kultur und – wenn man die nicht sowieso zur Kultur zählt – über Medienangebote. Wichtige Akteure und Partner dabei sind jenseits institutionalisierter Interessenvertretungen sich stetig wandelnde Communities und auch die Freizeitwirtschaft.

Gut vermittelt und inhaltlich gefüllt, schaffen Konsum- und Medienkompetenz, Freizeitfähigkeit und Naturerleben, Stadtleben und Umweltbewusstsein Teilhabe und Bildung, schärfen Sinne und Ziele. Eine „Politisierung“ von „Freizeit“ in diesem Sinne, in Richtung einer Gesellschaft, macht mir großen Spaß. Interdisziplinär, genre- und fachübergreifend interessieren mich dabei vor allem

– Stadtentwicklung

– gesellschaftliche Teilhabe und demokratische Beteiligung

– Kulturentwicklung, Bildungs- und Medienpolitik

– Freiberufler und Mikrowirtschaft

Was trägt konkret zum sozialen Gelingen, zur Lebens- und Beschäftigungsqualität in Bremen bei? An dieser Frage müssen sich nicht nur Schulen, sondern auch die Handelskammer messen lassen. Aber auch Kultureinrichtungen, Medien und Stadtplaner. Wir brauchen eine Verbindung der über die Senatsressorts verteilten kulturellen Themen, Ansprüche und Förderungen – und mehr inhaltliche Kommunikation der Einrichtungen, wo es zu oft nur um Kosten geht.

– Die Überseestadt muss mit einer gesellschaftlichen, kulturellen Vision „gefüllt“ werden.

– Bibliotheken müssen selbstverständlich gerade am Wochenende geöffnet sein.

– Kulturelle Bildung braucht kluge Elternpolitik, klare eigene Förderformate – und bessere Zugänge.

Ich will, dass in Bremen 20-Jährige eine Geschäftsidee, ein Kulturprojekt, eine politische Initiative gründen und starten können, ohne dass Zugangsvoraussetzung in die „boomende“ Kreativwirtschaft die Möglichkeit zu jahrelanger Selbstausbeutung ist.

Die Entwicklung nachhaltiger Ideen, nachhaltiges Handeln sind wichtiger als zunehmende Institutionalisierung.

„Kultur“ also ist für mich nicht nur (aber auch) die Produktion und Präsentation von Kunst. Vor hundert Jahren waren Zeitung und Theater mal fast eins: tagesaktuelles, politisches und populäres Medium. Diese Rolle hat später das Fernsehen übernommen, heute das Internet. Aber Kultur (und Kunst) können Stadt und Gesellschaft prägen:

– Das vor 20 Jahren im Kulturzentrum Lagerhaus erfundene Car-Sharing oder die zeitgenössische private Bildungseinrichtung Universum Science Center sind florierende kommerzielle Unternehmen.

– Nicht zufällig sind der „Klub Dialog“ und die „Zwischen Zeit Zentrale“ als vielleicht wichtigste Innovationen für die Stadtkultur in Obhut der Ressorts für Wirtschaft, Finanzen und für Stadtentwicklung entstanden.

An einer herausfordernden, impulsgebenden „Unternehmenskultur“ Bremens müssen starke, gestaltende Ressorts wie Stadtentwicklung, Bildung oder Wirtschaft, müssen Bürger und Bürgerschaft Anteil nehmen!

Ich freue mich drauf, das auszuprobieren – und über jeden, der mich dabei  unterstützt: Mit Auseinandersetzung, Hinweisen und Fragen, mit Vertrauen, Euren Stimmen und Weitersagen.

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