carsten werners

Posts Tagged ‘Medien’

Katastrophenradio!

In Medien, Werner on 15. März 2011 at 20:53

cwerg war gestern nach 2 Wochen Berlin recht betrübt über den Zustand der norddeutschen Radiotiefebene mit ihren in der aktuellen Weltlage – Umbruch in Arabien, Gau in Japan – besonders abstrusen Infohäppchen, Gesprächlein und Nah-Beim-Menschen-„Ideen“ – und über die Unfähigkeit oder den Unwillen, die Stimmungslage in Tonfall, Inhalt und Musik zu erfassen, was anderes zu „machen“ als die übliche vorgeschützte „Geschäftigkeit“, Standard-Aktualitäts-Floskelei und höchstens Betroffenheits-Getue. Das ist alles so alt und so verbraucht und untauglich.

– Aber allein die drei Deutschlandradios sind in diesen Tagen die GEZ mehr als wert; jedes für sich, on air oder im Internet: Interessierte Experten und Redakteure aller Fächer am Studiotisch, Bezüge herstellend, sich ergänzend und gemeinsam informierend und fragend, einordnend, denkend, fürchtend sogar – sendend eben. Das will ich hören und bezahlen. (Nicht bloß „irgendwie dabei“.)

die alten mit den „neuen“ Medien

In Medien on 12. Februar 2011 at 18:13

„Donnerstagabend in der ARD: Tom Buhrow befragte eine Mitarbeiterin in Köln, die dort „das Internet beobachtet“. Warum sie das von Köln aus machen muss, wurde nicht erklärt. Die Internetbeobachterin beobachtete jedenfalls Dinge im Internet, die man zuvor auch im Fernsehen sah. Und Tom Buhrow bat sie, damit unbedingt weiterzumachen.“

(Matthias Kalle im Tagesspiegel)

sonntags wund

In Medien on 10. Oktober 2010 at 14:12

Und genau an dieser Stelle liegt der Problemhase im Pfeffer“ – puh, da hat sich der Weser-Report aber wieder wund kommentiert: „Verdrießlich ist das Gebahren“ – „Jeder einzelne von uns ist der Staat und auch die Parteien. Aber damit wollen wir dann doch lieber nichts zu tun haben, man will ja nicht zu den Idioten gehören. Kein Wunder, dass bei aller Häme und allem Desinteresse Politiker ihrerseits bürgerverdrossen sind.“ Naja. Na dann. Das erklärt ja fast alles! – „denn einen guten Staat …, den machen wir alle zusammen.“ Wir alle. Von der Schülerzeitung bis in die hohe Politik. Gut, dass es uns sonntags mal einer sagt!

ARD-Journalismus am Dienstag 21.7.2009

In Medien on 21. Juli 2009 at 23:19

ARD-Journalismus am Dienstag 21.7.2009:

1.
Sonnenbaden, Schorletrinken, Entenfüttern am Weserstrand. Vorfahrt eines Radio-Bremen-Kamerateam-Busses im Naherholungsgebiet, 3 Leute filmen matschigen Sand. Dann stört der Redakteur kurz beim Entenfüttern, verjagt die Küken:
– „Sie haben sicher gehört, dass der niedersächsische SPD-Chef das Bundesland Bremen abschaffen will.“
– „Ja.“
– „Könnten Sie uns bitte in die Kamera sagen: ‚Der Herr Duin soll sich mal darum kümmern, dass das Watt bei Cuxhaven nicht so verschlickt!‘ “
– „Nein.“
– „Warum denn nicht?“

2.
Abends die Zusammenhänge verstehen:
– das Bremer Lokalfernsehen hat einen anderen kostenlosen Sprecher gefunden – in irgendeiner Einkaufszonen sagt er: “ ‚Der Herr Duin soll sich mal darum kümmern, dass das Watt bei Cuxhaven nicht so verschlickt!‘ “
– Im www gesucht und gefunden: das Watt ist gerade Weltkulturerbe der Unesco geworden und Cushavener Hoteliers erregen sich drüber, dass man jetzt nichts mehr gegen die zeitweise Verschlickung tun kann.
– auf www.tagesschau.de bloggt Chefredakteur Gniffke: „Wenn wir ehrlich sind, hätte man jedes, ja wirklich jedes unserer heutigen Themen auch lassen können.“
– auf der Homepage des niedersächsischen SPD-Chefs Garrelt Duin steht: „Einen Sitz im NDR-Rundfunkrat habe ich seit Mai 2007 inne.“
Aha. Naja. Na dann.

Sommerloch schluckt Sommerloch.

Auf Wiederhören

In Medien, Radio, Stadt, Werner on 12. November 2007 at 23:29

„Alles was Radio kann“ beim Deutschlandradio

Die Klischees sind lange schon aufgeschrieben: Die Generation Golf saß im Bademantel vorm Fernseher und durfte vorm Schlafengehen noch „Dalli Dalli“ gucken. Das Deutschlandradio macht jetzt Ernst, nimmt sentimentale oder junggebliebene Quiz-, Radio- und Retrofans beim Wort und schickt Hans Rosenthal zurück ins Wohnzimmer. Zur wahren Bademantelzeit am Sonntagmorgen um 8 Uhr gibt es unten dem neuen Deutschlandradio-Wochenendmotto „Alles was Radio kann!“ eine Folge „Allein gegen alle“ aus dem Archiv. In dieser Radio-Mutter fast aller Fernsehshows stellt eine Person – gerne Oberstudien- räte und Oberlandesgerichtsräte – einer ganzen Stadt fünf Fragen, die in 15 Minuten beantwortet werden müssen. Um das nachzuvollziehen: „Frage 1: Welcher deutsche Musiker komponierte im Jahre 1875 für die 100-Jahr-Feier der Vereinigten Staaten von Amerika einen Marsch? – Frage 2: Die Porträtbüste welches weiblichen Mitgliedes des römischen Kaiserhauses war so gearbeitet, dass der obere Teil des Kopfes wie eine Perrücke abzunehmen ging, um bei etwaigem Wechsel der Mode ausgetauscht werden zu können? – Frage 3: Wie heißt der Schutzpatron der Gepäckträger? – Frage 4: Wo ließ Johann Gottfried Seume auf seinem Spaziergang nach Syrakus zum zweiten Mal seine Stiefel besohlen? – Frage 5: In welchem Bau ließen alle Universitäten der Welt zu Ehren eines großen Mannes eine Marmorplatte legen?“ Klären Sie das mal mit ihren Nachbarn, ohne Google, in einer Viertelstunde! Radio- und Fernsehredakteure von heute trauen Ihnen das jedenfalls nicht zu.

„Die Sonderrunde“ schließlich war die Urmutter aller „Wetten, dass …?“- Außenwetten: Mindestens 100 Bürger bitte zur Gymnastik auf den Marktplatz von Vechta, 25 Erwachsene zum Rennen mit Kinderrollern nach Delmenhorst: Sage und schreibe 100 Mark brachte die gelöste Aufgabe – für die Stadtkasse. Die Gags sind also geblieben – die Rätsel sind ja einfacher geworden, wenn heute in Call-Ins ein „Tier mit A“ mit 1000 Euro belohnt wird.

„Allein gegen alle“ geriet zur – auch kommunikationstechnisch – faszinierenden Rundreise durch die Provinz, wenn Hans Rosenthal zum Marktplatz oder in die Schulaula schaltete und seine Reporter unter zeitlichem Hochdruck die Bürgermeister und Oberstadtdirektoren Lösungen verkünden ließ, die die minutenschnell telefonisch von ihren Einwohnern eingesammelt hatten. Schwetzingen, Vechta, Melle, Kellinghusen und Delmenhorst (drei mal siegreich und gegen den Berliner Postbeamten Siegfried Luckmann nur an der Frage nach dem ersten Heiratsinserat – „im Delmenhorster Kreisblatt war es nicht“ – gescheitert!) mussten sich erst einmal durchsetzen, bevor sie gegen größere Städte und deren gesammeltes Wissen antreten konnten. Nach drei siegreichen Runden durfte eine Stadt sich mit dem Titel „Unschlagbare Rätselstadt“ schmücken – vermutlich eine weitaus integrativere Anstrengung, als weltrekordtaugliches Krähen (oder wars Miauen, Bellen, I-A-en?) auf dem Bremer Bremer Marktplatz anno 2007.

Faszinierend ist beim heutigen Nachhören aber vor allem die technische Perfektion, mit der Hans Rosenthal und seine Reporter blitzschnell, hellwach, präzise und virtuos zig mal zwischen Bürgermeistern, Rollerrennstrecken und nächster Stadt kreuz und quer – „bitte melden, bitte melden!“ – hin und her schalteten, Juryentscheidungen und Publikumsstatements einholten und zwischendurch noch die Creme der deutschen Unterhaltungsmusik spielen ließen, live natürlich und immer wieder nur bis zum „Lichtsignal“ für den nächsten Antwortversuch, dessen Erfolg ein – selbstverständlich ebenfalls live gespielter – Jingle krönte.
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per:form intermedia – 10 Sätze zum Fernsehen

In Medien on 13. Juli 2006 at 16:37
1. Rudi Carrell ist tot.

2. Fernsehen macht müde,

3. Fernsehen ist out,

4. Fernsehen ist langweilig und uninteressant.

5. Irgendwie wollen wir trotzdem alle (ins, ans) Fernsehen und KÖNNTEN ES BESSER:

6. Humor als Ton, Authentizität als Form und Würde würde gut sein.

7. Entinstitutionalisierung bringt Quote. (Aber wohin mit den Institutionen?)

8. Kleine Einheiten (Pop-Splits), immer mit der Ruhe (slow-TV) und der Kraft des Performativen, elitär, banal, jedenfalls individuell: Kiosk-TV wäre dann also mein Vorschlag, wenn wir sollten und dürften, was wir wollen und können – Menschen Geschichte(n) sprechen lassen und ihnen in die Augen schauen dabei,Waren und Wahrheiten zusammenbringen, hässliche Brötchen verknusen und Feinkunst, Unterhaltung aus dem Stand eben. Das könnte gehen.

9. Jung sein heißt: Lernen von alten Säcken – natürlich.

10. Kampf den Programmzeitschriften, die der Tod des Fernsehens sind!

Hörspiel ohne Worte

In Radio, Welt on 25. Mai 2006 at 10:01
Ein gigantisches Kulturprojekt: In Bremen, Berlin und Hamburg, in Florenz, Rom, Barcelona, Lyon, Glasgow, Liverpool, London und Rotterdam haben Millionen Fußballfans dazu beigetragen, eine Kantate für eine Million Stimmen in sechs Sprachen zu produzieren. In 22 Fußballstadien – dort wo sich sonst alles und jeder, alle Mikrofone, alle Kameras und alle Emotionen auf den grünen Rasen in der Mitte der Arena konzentrieren – hat der Regisseur und Autor Alfred Behrens die Fangesänge von Fans aus sechs europäischen Ländern in Mehrkanal-Surround-Technik aufgezeichnet. Behrens ist auf die Jagd gegangen „nach dem Groove des Fußballs“: Vor dem Stadion, in den Pausen und nach dem Spiel blieben seine Mikrofone eingeschaltet – so hat er neben den Gesängen noch viel mehr akustisches Material aus der Fußballfanwelt zusammengetragen. Haben Sie am 13. November 2004 im Weserstadion, Werder gegen Leverkusen, mitgebrüllt? Dann sind Sie vielleicht Teil der Welturaufführung am Samstag im Nordwestradio. Ein ganzes Spiel hat Behrens im März 2005 außerhalb das Stadions verbracht, FC Arsenal London gegen die Bayern – ausverkauft: Da konnte er sich konzentrieren „auf die Menschen, die nicht mehr reingekommen sind. Weil sie keine Karte mehr kriegen konnten, oder weil sie sich keine Karte leisten können. Man könnte einen Film drehen über die Peripherie des Währenddessen-Draußen-Vor-Der-Tür: Match-Food-Verkäufer, Mounted Police, Bierdosensammler, Fan-Schal-Händler.“ Beeindruckend ist die kollektive Kreativität, mit der Fans bekannte Songtexte in Windeseile umdichten und so blitzschnell auf das aktuelle Spielgeschehen reagieren. „You’ll Never Walk Alone“ heißt das fertige Hörspiel, das Behrens aus dem Material komponiert hat – eine 60-minütige Klangkompilation aus treibenden Beats, Schlachtgesängen, Torjubel, Hymnen und Liedern. „Jeder Verein hat seine Musik, seinen Klang“, hat der Autor festgestellt. Um daraus seine „Hörspiel-Kantate“ zu bauen, hat er den gesammelten Stoff nach musikalischen Prinzipien geschnitten und gemischt – Folklore im modernsten Sinne. Weltkultur also mal auf dem Sofa zu Haus: Die Reise geht mit treibenden Beats quer durch Europa. Ohne Worte. Krakeelende Fußballreporter und stammelnde Balltreter kommen nicht vor.

Samstag, 27.5., 20.05 Uhr,
Nordwestradio

27.5.2006 taz Nord Nr. 7981 Bremen Aktuell 83 Zeilen, S. 31

Loyaler Abweichler

In Medien on 7. Februar 2003 at 01:08

Radio Bremen legt die Sendung „Wintergäste“ neu auf. Die Moderation übernimmt wieder Häppchenjournalismus-Skeptiker Otmar Willi Weber

Sie nennen ihn Owi. Mit Owi haben viele Bremer im legendären „Popkarton“ erste Radioluft geschnuppert. Owi ist für „Art & Weise“ im Ü-Wagen durch die Stadtteile getourt und hat live aus der Wohngemeinschaft moderiert, als es „big brother“ noch lange nicht gab. Jetzt moderiert Otmar Willi Weber im „Funkhaus Europa“ und im Nordwestradio. Immer wieder sonntags geht er da „Nordwest vor Ort“, sendet live von Events und Fixpunkten des Lebens in der norddeutschen Tiefeben. Seine Fans und Freunde intelligenten Radios haben dennoch was vermisst und fragten den Radiomacher immer wieder nach der Sendung „Wintergäste“ – die es jetzt „endlich wieder!“ gibt.

Jahrelang hatten sich die „Wintergäste“ Sommers und Winters samstags in der Schauburg getroffen: Schon früh am Morgen stand der Ü-Wagen vorm Kino, drinnen wurden Cafétischchen zusammengerückt und es gab ein gutes, üppiges Frühstück. Gesendet wurde live. Zu einem weit gereisten Gast und zwei Stunden Gesprächskultur gehörten auch ein intelligentes Hörerrätsel (das heute im Internet auf der Seite www.hoersturz.org der Hörer-Bürgerinitiative „Hörsturz“ weiterlebt), ein wenig Live-Kultur und bisschen Musik – Perlen der Radiokultur.

2001 war unverständlicherweise Schluss mit dieser schönen Tradition. Weber motzte zum Ende der Live-Übertragung mit dem letzten Sommergast Dietmar Schönherr in den Äther, er finde, dass man nicht allen Menschenschicksalen „mit Fünf-Minuten-Häppchen gerecht werden kann – da braucht es ein Wort mehr.“ Und überhaupt: „Ein Formatradio gewinnt an Format, wenn es sich Abweichungen vom Format leistet.“

Das hat ihm im Sender nicht nur freundlichen Beifall eingebracht. Weber aber ist wichtig, „loyal meinem Sender gegenüber zu sein – und ich möchte es auch den Hörern gegenüber sein.“ Deshalb ist er jetzt auch wieder dabei, wenn sich das Nordwestradio eine kleine Abweichung von seinem strikten Format leistet und die „Wintergäste“ wiederbelebt.

Im Wechsel mit Silke Behl moderiert er zunächst sechs Gäste-Sendungen: Vergangenen Samstag war Michael Naumann da, morgen kommt Dagmar Berghoff, dann folgen ZDF-„Mona Lisa“ Maria von Welser, Spiegel-Herausgeber Stefan Aust, der Sprecher Christian Brückner und Anke Engelke. Von der Schauburg zieht man in die Sparkassenhalle am Brill ins neue „Bremen4u“-Studio-Café. Die Sendung ist nicht mehr live, sondern wird aufgezeichnet, geschnitten und ins Format der Welle eingepasst. Immerhin: Für die Musikauswahl sorgen die Promis selbst. Wer will, kann das Live-Erlebnis also eine Woche später mit der Schnittfassung im Nordwestradio vergleichen.

Otmar Willi Weber will genau so talken, wie in den vergangenen Jahren: „Das Haupterlebnis ist vor Ort. Und ich wünsch mir, dass der Zusammenschnitt die Dynamik des Gesprächs wiedergibt.“ Sonst könnte Intensität verloren gehen, „die Entwicklung, der Schreck, eine Unsicherheit, die Verstörung“, die eine Unterhaltung spannend machen. Margarethe von Trotta hat ihm nach ausufernder Alberei mal urplötzlich klargemacht: „Das ist jetzt nichts für ein Spiel!“ Eiskalt sei die Stimmung sofort gewesen, Filmemacherin und Moderator „mussten erstmal vorsichtig wieder warm werden“. Er liebt am Radio „das Schnelle, Direkte“.

In der Schauburg hängen zwischen lauter Filmstars noch Fotos der prominenten Gäste vorm RB-Mikrofon an den Wänden. Dass die über Jahre gewachsene Redaktion der Sendung komplett ausgewechselt wurde, schmerzt Weber ein wenig. Andererseits: „Das gute, familiär entwickelte Produkt kommt in ein neues Regal. Es ist ein Neuanfang.“

Weber ist gespannt, „ob man vielleicht diese 5-Minuten-Dramaturgie verinnerlicht, ob die Zusammenschnitte die Dichte und Direktheit des Gesprächs haben“. Die Augen des Radiomachers blitzen dann voll Neugier und Lust auf neue Formen: „Ich freue mich riesig auf meine Gäste, die Gespräche – und darauf, wieder dem Publikum zu begegnen!“ Fehlt nur noch Adrenalin: „Aufzeichnungen verleiten zu Unkonzentriertheit“, fürchtet er. Aber Owi will sich nicht ärgern. Das Live-Publikum wird ihm den Kick schon geben. Und hoffentlich gibt es gutes Frühstück.

Carsten Werner

Die Aufzeichnungen sind immer samstags 11-13 Uhr im bremen4u-Café, Sparkassen-Foyer Am Brill. Die nächsten Gäste: Dagmar Berghoff (8.2.), Maria von Welser (15.2.), Stefan Aust / Christian Brückner (22.2.). Der Eintritt ist frei. Sendung im Nordwestradio 88,3 MHz jeweils am darauffolgenden Samstag von 9.30 – 11 Uhr. Die nächste Sendung am 8. Februar ist mit Michael Naumann

7.2.2003 taz Bremen Nr. 6974 Kultur 157 Zeilen, Carsten Werner S. 23

Die Kunst des Nervensägens

In Kunst, Medien on 11. Dezember 1993 at 21:14

Zum Zuschauen, Entspannen, Nachdenken: Ein vernichtender Leserbrief, eine gebührende Antwort

Wieso muß, wieso kann, warum will die taz sich einen Kulturredakteur leisten, der nichts auf der Pfanne hat, als die Sprache der Künstler und Kulturveranstalter seines journalistischen Provinzreviers mehr oder weniger witzig auseinanderzupflücken und so ihre Ideen und Inhalte zu verarschen und für dämliche Wortspielchen zu verramschen – offensichtlich ohne jedes Interesse und ohne den Anflug einer Kenntnis der Materie?

Manfred Dworschaks halbgare Sprüche und Artikel durchzieht immerhin ein Gedanke konsequent: Kunst ist meistens uninteressant, wenn nicht gar unverständlich und also langweilig und albern. Daß Künstler ihre Kunst auch noch mit Worten beschreiben oder betiteln (weil man Kulturschreibern oft genug die Worte in den Kuli pusten muß, damit sie sich überhaupt zur Wahrnehmung durchringen), ist nicht ihre Aufgabe und also bester Witz-Stoff. Das kann der witzige Manfred Dworschak viel besser: „Kultur ist Scheiße!“ möchte man schreien mit ihm, fast täglich, statt seitenweise Stammtisch- Gestammel runterzuwürgen, über seinen gestörten Redaktionsfrieden, über seine irre Sorge um zuviel Kunst auf seinem kleinen Schreibtisch und über seine persönlichen Probleme mit Zahnbürsten-Verpackung. Kultur-Politik erledigt er fast nebenbei: Heyme hochjubeln und Heyme kaltstellen, das schafft er rasant wendend geradezu in einem Rutsch. Die u.a. von seinem taz-Kollegen Thomas Wolff in Schwung gebrachte Concordia-Initiative der freien Theater kanzelt er mit zwei launigen Sprüchen ab. – Das Muster ist für diese politischen Stellungnahmen wie für die Volksstimme-Kritiken dasselbe: Hauptsache, die Sprüche peppen und die Überschrift zischt ordentlich. Kritisiert werden auf einer ganz vordergründigen äußerlichen Ebene (fehlende) Formen und Ansprüche, die die taz bei ihren eigenen Mitarbeitern übrigens nur zu oft und gerne akzeptiert.

In der ersten Reihe der taz- Kultur kläfft und blubbert jemand selbstvergnügt und wortbesoffen (und verhältnismäßig gut und sicher bezahlt) gegen die, die er nicht ernstnehmen kann oder will, die in Kunst und Kultur als Versuch, als Streitobjekt, als Lustgewinn immerhin und immer wieder einen Sinn sehen oder suchen.

Lieber Manfred, trag doch Deine pseudoliterarischen (oder pseudojournalistischen?) Wortketten in den Copyshop, bastle ein hübsches Bändchen im Selbstverlag, vertreib‘ es in der Heimat und hoff‘, daß nicht irgendein blöder Kultur-Reporter Dich fragt, warum Du das tust, was Du damit meinst und wen das interessieren soll. Bei der taz mach‘ Platz für eine mit Lust auf kulturelle Auseinandersetzung, auf Streit und Kritik auch und auf künstlerische Prozesse – und zur großen Lust ein bißchen Ahnung und Interesse. Dann wollen wir Dir Dein Generv und die Beleidigungen gerne verzeihen und uns ewig freuen an Deiner schönen Wortschöpfung vom „Quargel“

Carsten Werner

Lieber Carsten Werner,

das Lustigste ist, daß du ja wirklich glaubst, ich hätte Heyme „hochgejubelt“ bzw. im nächsten Augenblick „kaltgestellt“. Das ist aber nicht die Wahrheit, sondern es ist deine Phantasie, die sich naturgemäß an der Vorstellung des Hochgejubeltwerdens entzündet, um vor der dann leider drohenden Kaltstellung umso heftiger zu erschaudern. Die Wahrheit ist, daß dein „Junges Theater“ auch weiterhin weder das eine zu erhoffen noch das andere zu befürchten hat, und wenn du mir noch so viele Kulis mit Worten vollpustest. Auch Heyme mußte schließlich alles selber machen, und ich hatte genug zu tun, es aufzuschreiben.

Oft kommt’s ja auch noch soweit, daß ich mit Kunstwerken zu schaffen habe, denen gerecht zu werden mir immer viel Müh und Plag und Skrupelei bereitet. Im Grunde finde ich schon kaum mehr die Muße, „Kultur ist Scheiße!“ zu schreien, denn unverhofft kommt dann wieder einer dieser Deppen daher, mit denen ich viel Freude habe, und schreibt beispielsweise mit meterhohen Lettern „ICH BIN GOTT“ an die Wand des Forums Langenstraße. Ich aber lächle ganz selbstvergnügt und schreibe: „O Leute, schaut, da kommt schon wieder ein Depp daher! Laßt uns ein Spielchen treiben mit ihm!“

Das ist dir zu böse? Soll ich den Kerl lieber ernstnehmen mitsamt seinem Versuch und Streitobjekt und Lustgewinn immerhin und immer wieder? Du weißt nicht, was du verlangst. Ich aber weiß wenigstens, was du stattdessen gern hättest, und weiß Gott nicht nur du: eine Kulturkritik, die einen jeden, der sich Künstlervisitenkarten druckt, mit den Würmern des Wohlwollens päppelt, bis der Kuckuck vollends fett und doof ist.

Das Schöne ist jetzt natürlich, daß gerade so die hergebrachte Kulturkritik vonstatten geht. Selbst einem, der mir nichts, dir nichts durch die Welt schlendert und für Geld mal blaue und mal gelbe Stangen aufstellt, schluffeln noch zehn Rezensenten hinterdrein und wackeln berufsmäßig mit den Köpfen dazu. Ja wir dürfen von einem ganzen vielreflektierten Kunstgenre sprechen, welches aus nichts besteht als aus einem alten Trick: Man nehme ein Ding und schleppe es getrost einmal ganz woanders hin; gerne auch den Granitklops auf die Straßenkreuzung, die Alpenkiesel auf den Rembertikreisel, die Discolasershow aufs Kongreßzentrumsdach. Gottchen, selbst ich, der ich meine Probleme noch lieber mit Zahnbürstenverpackungen habe, käme in einer halben Stunde auf Stücker dreißig solcher Einfälle und bin jederzeit bereit, das unter Aufsicht eines Notars zu beweisen. Immer aber werden sich Menschen finden, die ihre Kinder lieben und Mozart hören und dann aber hingehen und von der „Irritation eingefahrener Sichtweisen“, von „neuartigen Raumzeitbezügen“ und sowieso von „Denkanstößen“ skrupellos umeinanderschnattern.

Ich finde, es übt auf ein solches Geistesleben noch die erfrischendste Wirkung aus, wenn ich zu einem Deppen einfach „Depp!“ sage, auch ohne daß ich vorher die Salzwüsten seines Verstandes durchgrübelt habe. Oder soll ich nochmals und abermals analysieren und entlarven, was als Affigkeit allen Augen offenbar ist, und es sagt nur keiner? Nein, der Kulturkritik mit Herz ist schon auch die Arbeit des Sortierens und zur Not des Wegpfefferns aufgetragen; hinterher kann’s dann ja wieder jeder bestreiten. Aber daß ich einen, der für ein paar Mark in der Gegend herumirritiert, mit ausgesuchter Ernsthaftigkeit behandeln soll, das möchte ich nun meinerseits ablehnen wie jede andere Komplizenschaft auch.

Ich denke vielmehr, daß man die ganze friedsam schnarchende Kunstdebatte erfreulich befördern könnte, indem man endlich die Kategorien des Absahnerischen, des Selbstmörderischen und des komplett Bescheuerten einführte. Wie viele Seelchen könnte man noch früh genug abschrecken, und wie herrlich schwer hätten’s die Abgebrühten, denen die Kunst derzeit immer leichter von der Hand geht.

Fast möchte man meinen, der Kunst selber wäre wohler, wenn es ihren ehemals guten Namen nicht länger geschenkt gäbe. Manch einem, der ihn sich verdienen möchte, würde einfallen, wieviel der Wert eines Werks hat ja doch mit der Arbeit zu tun hat, die sich in ihm vergegenständlicht. Die Betrachter jedenfalls hoffen inständig, sie zu entdecken, weil sie zu Recht nicht ertragen, daß sich einer etwas erschleicht. Da sind sie eigen. Unbeirrt finden sie den Wert des Kunstwerks darin erfüllt, daß da eine schwere Arbeit zu großer Leichtigkeit geführt hat.

Umso schwieriger wird es aber für unsereinen, wenn die schwere Arbeit in schwerer Ödnis endigt, wenn das ganze verdienstreiche Schwitzen nichts geholfen hat. Das ist es vermutlich, was du, lieber Carsten, zu den Problemen einer „ganz vordergründigen, äußerlichen Ebene“ rechnest, die ich doch zugunsten der Inhalte, des Bestrebens und des unveräußerlich guten Willens nicht gar so wichtig nehmen möge. Bedenke aber bitte, daß mit der selben Leier von den „Ideen und Inhalten“ die Dummheit persönlich in aller Majestät vor sich hin zu lärmen pflegt, sobald sie sich zur Bewältigung der Formen und anderer Äußerlichkeiten nicht mehr imstande fühlt; ja man kann sie geradezu daran erkennen.

Nun hat natürlich ein jedes Menschenskind ein gewisses Recht auf „künstlerische Prozesse“, wo’s nicht so drauf ankommen soll, und wir berichten redlich und in voller Breite über all das Gewusel. Sobald es aber als Kunst vor die Leute tritt, sobald es an die Beurteilung geht, ist es aus mit den Prozessen; da zählt nicht mehr das Sinnen, Trachten und Schwitzen, sondern das Werk, dem man’s nicht mehr ansieht. Der Sinn der Kunst ist es, sehr, sehr gut zu sein. Einen anderen hat sie nicht.

Wenn es uns nur gelänge, in die Debatte, was Kunst sei und was Quargel, ein bißchen Geist und Bosheit zu rühren, so daß sie endlich richtig anhöbe, das wär schon was. Die Förderung des Leichtsinns bzw. Größenwahns unter Dilettanten rechne ich nicht zu unseren Aufgaben. Gegen diese Unerfreulichkeiten wird weiterhin dann und wann ein gut gespitzter Witz in Anschlag gebracht, zumal man Leute, die eben gelacht haben, schon gar nicht mehr so leicht verblöden kann. Nein, unterschätze mir die Lacher nicht, Carsten Werner. Ihresgleichen habe ich noch lieber als dich auf meiner Seite, es sei denn, sie wären nach deine spaßigen Brief etwa übergelaufen. Manfred Dworschak

8.12.1993 taz Bremen Nr. 4183 305 Zeilen, Manfred Dworschak S. 19


Lieber Manfred Dworschak,

als Lacher hast Du mich seit Jahren oft und gerne auf Deiner Seite. Und was alles so als Kunst und Künstler herumsteht und -rennt, ist wirklich nicht immer der Hit und bedarf sicher oft der von Dir zu Recht vehement verteidigten Kulturkritik, inhaltlich bin ich da gar nicht so selten Deiner Ansicht. Aber in meinem Brief an Dich ging es ja in erster Linie auch nicht um die Kunst im öffentlichen Raum, die Du bei dieser Gelegenheit gleich wieder seitenbreit betrauerst, sondern um Deinen Stil und Umgang mit allen möglichen Kunstrichtungen und Kulturschaffenden. Ich meine, daß die taz, die oft genug blauäugig und unwissend einfach (oder sogar mehrfach) drauflosberichtet oder – interviewt (Beispiele: das „Sturm“- Schauspielstudio im Schlachthof oder Dein „Event-Marketing“-Interview), an anderer Stelle wiederum ein bißchen blind und unverhältnismäßig hart dreinschlägt: Deine Beiträge zum grassierenden Festival-Phänomen sind ja voll berechtigt. Dein Umgang mit den Problemen „alkoholkranker Komantschen“ oder mit „polnischer Seefahrerlyrik“, mit denen Du da Deine Scherzchen treibst, werden aber jedenfalls der von Dir beanspruchten „Kulturkritik mit Herz“ oder einem (kultur-)politischen Anspruch Deiner taz genausowenig gerecht wie das Auflisten der 20 blödesten Sätze eines mehr oder weniger begnadeten Schriftstellers anstelle einer Rezension. Am DAB gäbe es vielleicht eine Menge zu kritisieren, wenn man mal genau nachguckt. Aber die Leute und ihre Veranstaltungsreihe und deren Künstler auf Kosten Deiner heißgeliebten Lacher im „Leck‘ mich!“- Sound als idiotisch abzufeiern, finde ich mindestens unangemessen. Daß die „Inhalte und Ideen“ in der Kulturkritik und in der Finanzierung von Kultur allzuoft eine bestimmendere Rolle spielen als das endliche „Werk“, ist bestimmt eines Nachdenkens und harter Kritik wert – fragt sich nur, ob die sich nicht vor den Künstlern erst einmal an die vielen schlauen Feuilletonisten und Politiker und Kulturbeamten richten müßte. Du setzt Dich aber für die zitierten und viele andere Deiner Beiträge eben gerade nicht einem fertigen „Werk“ zur Beurteilung und Verriß aus, sondern erklärst aufgrund eines Titels, einer Pressemitteilung (oder auch mal einer Laune oder einem höheren kulturpolitischen Ziel folgend) die Leute zu Idioten, Trotteln, Deppen, die lallen, schwanken, „plempeln“, herumposaunen bzw. -irritieren und was sonst noch alles. Für ein Theaterstück, ein Buch oder eine Musikveranstaltung bräuchte man natürlich ein bißchen mehr Zeit und Lust als für ein paar „blaue und gelbe Stangen“, die sich schon in wenigen Minuten Deiner kostbaren Kulturredakteurs-Zeit herzlich schwachsinnig finden lassen. Daß Du aber auch noch glaubst, ich würde meine Fantasie ausleben, indem ich mich mit Hansgünther Heyme (dem ich bekanntlich in inniger Liebe zutiefst verbunden bin) identifiziere und ihn nun gegen die taz verteidige, das nenne nun wieder ich eine ziemlich idiotische Fantasie. -91 hast Du Heyme als den quasi heiligen „Theaterberserker“ sonderseitenfreudig gefeiert, der den Bremern schon zeigen wird, wie Theater geht. Guck mal im Archiv nach! Daß Deine Theaterkritiken zu seinen Inszenierungen geprägt waren von der kulturpolitischen Quengelei um ihn, daß Du -92 bestimmte „Nachrichten“ in bestimmten Zusammenhängen erfahren und sie zu bestimmten Terminen passend in Deiner taz veröffentlicht hast, das schien mir vielleicht nur so. Ich habe Dir einen Brief geschrieben, weil ich hoffte und dachte, Ihr Journalisten möchtet ab und zu mal ein Feedback zu Eurer Arbeit, und weil ich diese Auseinandersetzung manchmal ganz spannend finde. Du möchtest „zu einem Deppen einfach Depp!“ sagen. Na ja. Bloß wenn einer Dich einen Deppen nennt, ist das gleich „vernichtend“, wird eine „Debatte“ draus und er kriegt -ne volle Breitseite Feuilleton. Mir scheint das leicht übertrieben.

Carsten Werner

10.12.1993 taz Bremen Nr. 4185 121 Zeilen, S. 27

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