carsten werners

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Im Nebel Bremens

In Kunst, Politik, Stadt on 21. November 2005 at 22:03
Gespenstische Stille: Die Solidarität ist flöten gegangen, obwohl es alle „gut meinen“

Während Kultur auf „überregionale Wirksamkeit“ getrimmt wird, stolpert Bremen medienwirksam von Pisa-Schock zu Pisa-Schreck. Gleichzeitig sorgt europaweit für Aufmerksamkeit, dass den Angestellten des Staatstheaters das Weihnachtsgeld abgepresst wird (was dem Finanzsenator für den ganzen öffentlichen Dienst misslang). Die Währung, mit der Bremen sich gestaltet, ist „nicht kassenwirksam“: wertloser Kanzlerbrief, nicht vorhandenes Weihnachtsgeld, „Medieneffekte“.

Jetzt fallen der Stadt die vielen schön gerechneten „Effekte“ auf die Füße. Jetzt zeigt sich, wie biegsam und nichts sagend Auslastungszahlen, wirtschaftliche Effekte und spacige Trends sind (das gilt auch für die Kultur!). Das Eigenkapital der HVG: um Millionen aufgestockt und sogleich verbraten, ganz real. Projektmittel für einige Kulturhauptstadt-Folgeprojekte – von Vergabeausschuss und Deputation beschlossen und verkündet, vom Kulturressort nicht vergeben, sondern in Haushaltslöcher gepumpt. Das Theater wird gedemütigt, weil Kultur so schön quietscht, wenn das Verfassungsgericht hören soll, wie hart man spart. Dass so auch Klaus Pierwoß abgestraft wird, der einer heruntergewirtschafteten Bühne künstlerischen Anspruch und Bremen als Kulturstadt Selbstbewusstsein gegeben hat, ist ein schöner Nebeneffekt für Kulturfeinde.

Jetzt soll die dramatisch inszenierte Theaterkrise zu Ende sein. Nach der Demontage der großen Symbole also die Schlachtung der kleinen: Man könnte das Concordia opfern. Hier haben Theaterkünstler geschützt erste Arbeiten realisiert – das ist nicht nur güldene, schmückende Historie (Fassbinder! Kresnik!), das wirkt noch: Das Junge Theater Bremen, „Tanz Bremen“, das steptext dance project, viele Folgeprojekte und längst abgewanderte Künstler gäbe es nicht, wenn die Intendanten hier nicht von Quotendruck und „Effekten“ freie Berufseinstiege ermöglicht hätten – eine Brutstätte mit künstlerisch und kulturwirtschaftlich nachhaltiger Wirksamkeit.

Man muss diskutieren, wo und wie solche Impulsleistungen heute stattfinden müssen. Wie stellt sich Bremen zum boomenden Zukunftsmarkt der „cultural industries“? Eine konstruktive Aufgabe für Kultur, Bildung, Arbeit, Wirtschaft wäre das, aber die Ressorts agieren völlig entkoppelt: Sie „gehören“ widerstrebenden Parteien, ein Kollateralschaden der großen Koalition.

Senator Jörg Kastendiek hat groß eine „Stadtwerkstatt“ angekündigt. Stattdessen wird aufgeregt eine lieblose Beschäftigungsmaßnahme debattiert: Am „Masterplan Kultur“ wurde von allen Seiten mitgenäht und gefummelt. Jetzt weiß keiner, wer der Schneider ist, wer das Ding tragen und wen dieser x-te Prototyp eigentlich becircen soll. Kulturentwicklung findet in aller Öffentlichkeit statt: Auf den Bühnen und in Büchern, in den Medien, Galerien und Stadtteilen, im Internet, im künstlerischen Tun und im politischen Tagesgeschäft – nicht im Konsens auf Papier.

Zur Lösung der Theaterkrise hat Jörg Kastendiek dekretiert: „Auch hierfür sind Maßnahmen und Zugeständnisse tendenzieller Art zu vereinbaren, ohne dass diese zu konkreten Verpflichtungen führen können.“ So steht es auf den Internetseiten des Senats. So rettet man ein Land vor dem Ruin? Konzentrieren wir uns auf die Kunst.

21.11.2005 taz Bremen Nr. 7825 Bremen Aktuell 115 Zeilen, S. 21
Gastkommentar * Lokalspitze

bremen erleben: Kulturstadt im Aus.

In Medien, Politik, Stadt on 1. Mai 2005 at 15:00

Eine Rede
zum Scheitern der Bremer Kulturhauptstadt-Bewerbung
und dem Umgang der Bremer damit

Bremen erleben: Wir erleben in den letzten Wochen
– auf der einen Seite: die intensive Arbeit an dem Versuch, möglichst viel von der Dynamik der Kulturentwicklung, möglichst viel Substanz der mit großem Aufwand gegründeten Projekte zu bewahren und weiter zu entwickeln, die von Martin Heller und seinem Team motiviert wurden. Vor allem wurden ja auch viele Akteure anderer Bereiche zu einer inspirierenden, kontroversen Auseinandersetzung mit dem Stadtleben motiviert: Stadtplaner, Wissenschaftler, Medienmacher, Freiberufler, Dienstleister, der Handel, die Taxifahrer. Martin Heller & Co. haben geschafft, was dieser kläglich gescheiterten, „großen“ Koalition seit über einem Jahrzehnt nicht gelingt: Positiven Aufbruch zu inszenieren, selbstbewusstes Bremischsein mit einem Blick in die Welt hinaus.

Wir erleben in den letzten Tagen, andererseits: Mediales Raunen über teure Parties und Feste, über Unsummen für Wasserköpfe – „informierte Kreise“, besorgte Anonymas nutzen die Medien als Lautsprecher für Attacken auf die Freiheit und die Entwicklung der Kultur.
KulturpolitikerInnen spielen Verwaltung, jagen durch konzeptionsloses Gefuchtel, durch planloses Vertagen wichtigster Entscheidungen Kulturbetriebe und Selbständige in den Ruin. Ein Kultursenator stammelt in vorauseilendem Gehorsam seine Absage an seine bisherige Lichtgestalt Martin Heller. Gloysteins Partei- und Senatskollegen beharren dagegen, der Senat habe noch gar nichts entschieden! Und nun ist Gloystein also auf der „Suche nach einer neuen Dynamik“!

Hallo? Guten Morgen, alter Senator: Die Dynamik ist schon da, die war schon vor Ihnen erwacht!

Es sei „zum Beispiel auch denkbar, über Projekte neue Dynamik in die Kulturlandschaft zu bekommen“, meint derselbe Politiker, der vor vier Wochen in der Schwankhalle in aufwändigen Wortkaskaden große Versprechen von zu erhaltender (!) Dynamik, „gesicherten“ Etats und dem Bleiben von Martin Heller in und für Bremen gestammelt hat: „Das kommt, das … Dings …!“ – Er meinte den Kulturinvestitionsfonds für das laufende Jahr – und ausdrücklich „einen Großteil“ der für die „Kulturstadt Bremen“ eingeplanten Investitionsmittel für die kommenden fünf Jahre.

Neueste Masche unter Bremer Kulturpolitikern ist die Rede von einer „Umsteuerung der Kulturförderung“ – hin zu einer nicht näher definierten „Projektförderung“ der „Brutstätten und Besessenen“. Und „nachhaltig“ soll das alles sein! Der in weiten Teilen von Martin Heller abgekupferte „Masterplan“ (Nummer drei oder vier) ist dazu noch in der Mache. Die Projekte sind schon da, haben ihre Arbeit begonnen. Doch gleichzeitig fahren jede Woche ein paar dieser gelobten und gepreisten „Projekte“ an die Wand: Die klassische Projektförderung mit Wettmitteln ist seit fünf Monaten vom Finanzsenator gesperrt. Eine zweite Tranche des Kulturinvestitionsfonds – das große, wichtige, neue Förderinstrument der Stadt – ist von SPD und CDU politisch auf Eis gelegt worden. Kulturgelder der Bremen Marketing GmbH wurden erheblich gekürzt. Immense Sponsorengelder liegen auf Eis, so lange die Stadt nicht agiert. „Personalkompensationsmittel“, mit denen weggefallene Stellen ersetzt werden sollen, sind ebenfalls gesperrt. Der zuständige Kultursenator erklärt sich schamlos für „handlungsunfähig“. Damit sind für freie Projekte – und die Menschen, die sie produzieren: Selbständige, Freiberufler, freie Künstler, Kuratoren, Journalisten und Dienstleister – die Bedingungen nicht nur schlechter geworden in Bremen: Sie existieren gar nicht mehr.

CDU-Staatsrätin Motschmann, SPD-Sprecherin Emigholz und CDU-Sprecher Schrörs haben am vergangenen Freitag in der Schwankhalle einmütig noch einmal erschreckend deutlich gemacht, dass sich an dieser Situation nichts ändern wird: Sie haben kein Konzept, keinen Zeitplan, kein Verständnis, kein Interesse an Kulturentwicklung. Stattdessen haben sie ihr mühsames Geschäft bejammert, das – so Emigholz – „nicht so sexy wie Projekte entwickeln“ sei und ideenlos an die Kulturszene appelliert: „Warten Sie doch, was für die Projekte übrigbleibt“ (Schrörs). Die große Koalition hat fertig.

Aber vorher wird die Kunst Bremen verlassen haben: Diverse Leitungsposten sind ja jetzt schon unbesetzt – von der Glocke übers Musicaltheater und das Museum Weserburg, das Waldau Theater, den gesamten Bremer Norden, bis (demnächst) zum Bremer Theater oder der Schwankhalle. Vielleicht kommen die Genossen Emigholz und Scherf dann ans glückliche Ende ihrer Laufbahnen: Beamtete Generalintendanten der Vereinigten Kleinstädtischen Kulturbetriebe Bremens.

Es liegt in der Natur der Sache, dass auch das Projekt „Kulturstadt Bremen“, seine Kriterien und Verfahren entwicklungsfähig wären. Martin Heller hat die neuen Strukturen als provisorisch bezeichnet. Man kann und muss sie verbessern – das ist für Veranstalter und Produzenten von Kultur Alltagsgeschäft. Eine sinnvolle Kulturentwicklung muss auch nicht unbedingt zum „Festival“ designed werden. Doch Abwarten und immer wieder „Abstimmungsbedarf“ sind keine Motoren kreativer Entwicklungen.

Warum sollten genau die Akteure, die über zehn Jahre nicht einmal die Kultur/verwaltung/ reformiert bekommen, vorliegende Fördermodelle weder bearbeiten noch umsetzen – warum sollten gerade die nun die ganze Kultur/szene/ organisieren können?

Einen seriösen Umgang mit Konzepten haben Bremens Politiker offenbar nie gelernt. Ein seriöser Umgang mit den ihnen anvertrauten oder von ihnen selbst engagierten Menschen ist augenscheinlich auch nicht zu erwarten.

Wenn zu beweisen war, dass Bremen den Titel „Kulturhauptstadt Europas“ nicht verdient – es ist jetzt vollbracht. Künstler und Macher, Existenzgründer, Dienstleister fliehen aus der Stadt mit den niedrigsten Pro-Kopf-Zuschüssen aller Bewerber: Die Menschen suchen sich – im freien Wettbewerb der Ideen und Bedingungen – neue Felder, andere Netzwerke, bessere Städte. Darin sind sie geübt und das müssen sie tun – weil ihre Existenz auf dem Spiel steht. Und bessere Städte als Bremen, das darf man nach dem Bewerbungs-Aus ja wieder sagen: die gibt es. In ganz Europa. Bremen hat daraus nichts gelernt.

Senator Gloystein hat nun eine „Neuorientierung“ angekündigt. Die eigene?

Von der Leidkultur zur Streitkultur: Wie Schließen?

In Politik, Stadt on 4. Februar 2003 at 21:48

von cwerg @ 2003-02-04 – 21:48:43

kulturhauptstadt im kasten:
Die Debatte zur Bremer Bewerbung
– heute: Carsten Werner, Regisseur

Von der Leidkultur zur Streitkultur

Bremen bewirbt sich als Kulturhauptstadt 2010. Aber wie? In unserer Serie beziehen Kulturschaffende, Mäzene und Entscheidungsträger Position. Heute: Carsten Werner, freier Regisseur, Produzent und Kulturmanager

Nun kuscheln sie wieder: Alle finden’s toll, jeder ist dabei, Bremen wird Kulturhauptstadt. Oder auch nicht. Aber sogar das wird dann irgendwie toll gewesen sein, meinen viele. Die Bremer Kultureinrichtungen, gerade die effektiven kleinen, sind strukturell unterfinanziert und müssen jeden überregionalen Vergleich scheuen. Freie Künstler leben hier unter Sozialhilfeniveau. Aber alle wollen sich jetzt irgendwo zwischen Leidkultur und Maximalforderung arrangieren. Harmonie und Dialog sind angesagt – schon wieder, immer noch.

Streitkultur muss Bremen nach x langen Jahren großer Koalition erst wieder lernen. Kunst braucht Streit. Wer den nicht aushält, wird nicht Kulturhauptstadt. Für’s Durchwurschteln gibt’s keinen Preis. Lasst es rumpeln im Staate Bremen: Das hat Kunst so an sich, davon lebt und handelt sie – Zeit für Streit! Die Zeichen stehen gut: Neue Töpfe stehen in Aussicht, um Konzepte muss gerungen werden. Ob das Projekt Kulturhauptstadt zum „Motor der Stadtsanierung“ wird oder ein touristischer Gag bleibt, liegt auch an der Bremer Szene: Ist Kunstschaffen hier mehr als Besitzstandswahrung? Ein ehrlicher künstlerischer Prozess ist ereignisoffen und riskant, birgt aber die Möglichkeit einer überraschenden, zeitgenössischen, kunstvollen Neuerfindung der Stadt und ihrer Kultur. Das funktioniert nicht in Konsensrunden.

Gefragt ist ein Wettstreit um die besten Konzepte, die hellsten Köpfe, die größte Qualität und aufregende Projekte – um die schönste Kunst eben. Kultur ist diesen Streit wert. Initiieren muss ihn ein starker künstlerischer Leiter, der den Prozess sichtend und sortierend begleitet – die Ideen der Bremer Künstler dürfen nicht weiter ins Leere laufen. Aber bei der kunstbeflissen steuernden Staatsrätetruppe wird sich kein kompetenter Star vorstellen und denAntrag auf Erteilung einer Teilnahmeberechtigung an unserem Hauptstadtstadel abgeben – die richtigen Kontakte bringt die Szene in die Partnerschaft ein, das nötige Kleingeld hat die Stadt. Jahrzehntelang geübte Marotten braucht diese Beziehung nicht: Streit oder Kritik, frühestens nach der Wahl, nach dem nächsten Projektchen, nach dem Tarifabschluss, wenn halt mal Ruhe einkehrt… man kam ja zu gar nichts! Obwohl sich alle so bemühen – „Anstoß“ und Behördenmenschen, auch die ehrenwerten Handelskammer-Herren – viel rausgekommen ist noch nicht.

Jetzt wird es kunstvoll hauptstädtisch: Kultur ist wieder einen Streit wert. Und arg naiv ist, wer politische Profilierungsmanöver auf dem weiten Feld der Kultur verteufelt. Schön wär’s doch, wenn sich hier mal jemand nachhaltig profilieren würde! Die Politik hat Kultur zum Wahlkampfschlager gemacht. Sie taugt also wieder zur Profilierung – darin liegt ja wohl,nach politischen Tarifen, eine Wertsteigerung. Wie auch immer: Ohne Kultur geht es jetzt nicht mehr – also auf in den Kampf. Es muss ja nicht gleich eine neue Partei sein – KfB, „Kultur für Bremen“.

Nach der Finanzlage könnte es zunächst um den Kulturbegriff gehen: Zu eng gefasst wird der von KunstfunktionärInnen, die darunter einzig das Bildermalen verstehen wollen. Aber ganz „unbekümmert“ auflösen kann man ihn auch nicht – zu welcher Kunstlosigkeit das führt, zeigen die neuen Programme von Radio Bremen.

Andererseits: Zur Kulturhauptstadt gehören zwei: KULTUR und STADT. In Bremen sind beide noch lange kein Traumpaar. Es funktioniert nur, wenn die Stadt zu ihrer Kultur auch steht – und umgekehrt.

Das ist auch eine Frage des Geldes, des Respekts, und ja, von Lust, Macht, Erotik: Ein Ehevertrag muss her. Und Vertrauen in die Leistungsträger der Kultur. Lasst es krachen in der jungen Ehe: Was braucht Bremen an Projekten, Programmen, Produzenten? Und: Welche nicht? Wie schließen? – um Raum, Geld, Aufmerksamkeit zu haben für Neues? Hatten wir nicht mal ein Senatsressort für Stadtentwicklung? Es reicht nicht, Projektchen der Kategorien „wollten wir immer schon mal“ und „war doch nett“ hübsch zusammenzunageln. Zeit zum Kuscheln ist später. Wenn aus dem großen Traum doch nix wurde.

5.2.2003 taz Bremen Nr. 6972 Kultur 151 Zeilen, S. 23
taz-Serie

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