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Bremen kann mehr für Genossenschaften tun – und mehr von Genossenschaften haben

In Ideenwirtschaft, Politik, Stadt, Welt on 6. Juli 2012 at 10:22

Bremen kann, Bremen sollte mehr für das Genossenschaftswesen tun: Die Genossenschaften sind eine Wirtschaftsform, die Solidarität und Teilhabe, gemeinsame Verantwortung für Wohlfahrt und Daseinsvorsorge sozial und wirtschaftlich konkret leben.

1000 Neugründungen von Genossenschaften gab es in den letzten Jahren in Deutschland – im Energiesektor boomt diese Wirtschaftsform. Aber auch im Sozialen, in Medien und Kultur, in Landwirtschaft und Einzelhandel ist sie erfolgreich. „Die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise hat gezeigt, wie abrupt nicht nachhaltige Formen des Wirtschaftens uns in existenzielle Krisen stürzen können. Man muss schon sagen, dass die Genossenschaften nicht dadurch aufgefallen sind, dass sie besonders schlecht durch die Krise gekommen sind.“ Wer hats gesagt? Die Bundeskanzlerin. Und sie liegt richtig mit diesem Lob: In einer Zeit des vor allem von den Banken verursachten Misstrauens in Marktwirtschaft und Kapitalismus sollten uns unternehmerisch denkende und verantwortungsvoll handelnde, im Alltag sichtbare, nahbare, erlebbare Unternehmens- und Arbeitsformen wichtig und wertvoll sein.

Dass deren Akteure sich gesellschaftlich und politisch einmischen wollen, innovative Impulse setzen können, neugierig und gestaltungswillig sind, Zukunftsideen verfolgen, kann Genossenschaften auch zu Mutiplikatoren und Motoren gesellschaftlicher Veränderungen machen, an denen auch junge und alte Menschen, Selbständige und Inhaber von Klein- und Kleinstgewerbe beteiligen sein können. Sie könnten sich selbst als Genossen in die Lage versetzen, in gemeinsamer und gegenseitiger Verantwortung ökonomische Projekte zu finanzieren und zu realisieren.

Teilhabe und Finanzierungen im Bereich ökologischer, kultureller, sozialer oder kreativwirtschaftlicher Vorhaben zu ermöglichen, sie für die Energieversorgung, im Wohnungsbau, in der Nahversorgung oder der Gebäudebewirtschaftung zu nutzen, ist eine wichtige politische Aufgabe.

Die Antwort des Bremer Senats auf unsere Kleine Anfrage zum Genossenschaftswesen in Bremen, zeigt leider mehr als deutlich, dass hier in Bremen noch einiges zu tun ist: Sie beschränkt sich weitestgehend auf eine lexikalische Definition des Themas. (siehe http://www.gruene-fraktion-bremen.de/cms/default/dokbin/410/410531.kleine_anfrage_genossenschaftswesen_foer.pdf ) – Die Lektüre der aktuellen Genossenschafts-Serie des Weser Kuriers ist da schon viel aufschlussreicher und inspirierender. Ein weiterer Hör- und Lesetipp zum morgigen Tag der Genossenschaften: „Die Genossenschaften kehren zurück“ – http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/zeitfragen/1800217

Eine Tradition des Genossenschaftswesens gibt es in Bremen kaum – eine Vision offenbar auch nicht. Dabei wäre gerade im Wohnungsbau ein Zusammenführen öffentlicher Interessen und privater, echter Verantwortung dringlich und wichtig. Im Energiebereich sind Genossenschaften oft schon Treiber des Marktes und seiner Entwicklung. Weil Genossenschaftsmitglieder traditionell auf Werte wie Ehrlichkeit, Sozialverantwortlichkeit und gegenseitiges Interesse setzen, kann ihr Wirken besonders nachhaltig sein. Auch das Weitergeben von Erfahrung, der generationenübergreifende Austausch in Genossenschaften wirkt nachhaltig. Ihre spezialisierte lokale Kompetenz, ihr teilhabendes Agieren und Wirken kann eine integrierte, soziale, ganzheitliche Stadtentwicklung vielfältig befördern.

Gründungshilfen, Entbürokratisierung, Qualifizierung und Beratung für Genossenschaften, Wertschätzung und Werbung für dieses Wirtschaftsmodell wären deshalb in Bremen besonders wichtig. Die seit 2008 geltenden Vorteile bei der Gründung von GmbHs könnten auch die Gründung von Genossenschaften attraktiver machen. Im Alltag niedersächsischer und nordrhein-westfälischer Schulen gibt es bereits Schüler-Genossenschaften: Bremen kann mehr für Genossenschaften tun – und mehr von Genossenschaften haben. Schade, dass der Wirtschaftssenator diese Chancen nicht sehen will.

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„Komm mit nach Morgen“ – ab(er) jetzt!

In Ideenwirtschaft, Politik, Stadt on 21. September 2011 at 19:15

Statement zum Leitbild ‚Bremen 2020‘

Die Deputation für Umwelt, Bau, Verkehr, Stadtentwicklung und Energie hat am 15. September 2011 den Stand der Umsetzung des Leitbilds der Stadtentwicklung zur Kenntnis genommen. Die Grünen begrüßen die beispielhafte und umfassende Beteiligung interessierter Bürger an der Aufstellung und der Umsetzung des Leitbildes „Bremen! lebenswert – urban – vernetzt“ unter dem Motto „Komm mit nach Morgen!“, das der Senat im Sommer 2009 beschlossen hatte.

Die Grünen erwarten vom Senat und der Wirtschaftsförderung, dass sich in Zukunft auch die Konzepte des Stadtmarketings, die Kulturpolitik und touristische Angebote am Leitbild für „Bremen 2020“ orientieren, das Bremen als „grüne Stadt am Wasser mit hohen Erholungs- und Umweltqualitäten, als sozial gerechte Stadt und als Zentrum exzellenten Wissens und innovativen Wirtschaftens positioniert, die sich mit viel Bürgersinn und Bürgerkompetenz entwickelt“, zitiert der Sprecher der grünen Bürgerschaftsfraktion für Stadtentwicklung, Kultur und Medien, Carsten Werner, wesentliche Punkte des Leitbildes.

In städtebaulichen Fragen trägt die Arbeit am Leitbild inzwischen Früchte: „Mit dem neuen Zentren- und Nahversorgungskonzept und einer Wohnungsbaukonzeption, die die wohnortnahe Versorgung aller Bürger sicherstellen und unnötigen Verkehr vermeiden sollen, gibt es für die Stadtplanung und -entwicklung jetzt differenzierte politische und rechtliche Rahmen und Instrumente“, lobt Carsten Werner. „Außerdem hat Bremen seit 2010 im Bereich der Zwischennutzungen brachliegener Gelände und Gebäude durch die ZwischenZeitZentrale wichtige und sichtbare Schritte unternommen – neben vielen temporären Projekten etwa durch die langfristige Umnutzung des alten Güterbahnhofs in der City. Jetzt gilt es, Impulse temporärer Zwischennutzungen für die Stadtentwicklung nachhaltig und auch für langfristige Nachnutzungen fruchtbar zu machen. Das gilt für die entsprechenden Verfahren ebenso wie für die konkreten Orte.“

Auch bildungspolitisch hat das Leitbild mit dem Programm „Lernen vor Ort“ mit einem beispielhaften lokalen Management für verbesserte Bildungschancen in Bremen-Gröpelingen bereits wichtige Impulse etwa zu generationenübergreifendem Lernen, kultureller Bildung und gesellschaftlichen „Übergängen“ gegeben, die jetzt systematisch in die Struktur der lokalen Bildungslandschaft zu integrieren sind. „Besonders erfreulich ist, dass Bremerhaven sich dem Modellprojekt mit dem Stadtteil Grünhöfe jetzt anschließt“, sagte Carsten Werner. Auch der Austausch mit anderen Städten in der Metropolregion und Kooperationen im Rahmen der nationalen Stadtentwicklungspolitik „nimmt jetzt richtig Fahrt auf“, freut sich der grüne Bürgerschaftsabgeordnete. An diesem Wochenende treffen sich in Nürnberg Stadtentwickler und Abgeordnete aus Leipzig, Nürnberg und Bremen zu einem Erfahrungsaustausch – „wir können gerade für die Stadtentwicklung viel von anderen Städten lernen – und die von uns“, meint Werner.

Am 16.und 17. September 2011 haben sich in Nürnberg Stadtentwickler und Abgeordnete aus Leipzig, Nürnberg und Bremen zu einem Erfahrungsaustausch im Rahmen des Kooperationsprojektes koopstadt getroffen, das ebenfalls Element der Arbeit am Bremer Leitbild 2020 ist: „Wir können gerade für die Stadtentwicklung viel von anderen Städten lernen – und die von uns“, meint Carsten Werner. In Nürnberg hat den Bremer Grünen-Abgeordneten der ganzheitliche, ressortübergreifende Ansatz der Stadtentwicklung überzeugt. „Besonders beeindruckt hat mich dort etwa Bayerns erste Jugendkirche „LUX“ in Nürnberg Nord-Ost, die gleichermaßen als Kirche, Veranstaltungsort, Café und modernes Jugendzentrum fungiert: Eine coole Location mit wichtigen sozialen, kulturellen und religiösen Funktionen.“ Insgesamt sind im Stadtteil Nürnberg Nord-Ost Projekte mit Städtebauförderungsmitteln und im Rahmen des Programms „Soziale Stadt“ vorbildliche Entwicklungen in Gang gesetzt worden: „Hier wurde eine denkmalgeschützte Arbeitersiedlung aus den Vorkriegsjahren nachhaltig ökologisch, sozial und auch kulturell modernisiert, so dass Wohnen, Bildung, Naherholung, Kultur und Umweltschutzaspekte ineinandergreifen können und für die Wohnungen im Stadtteil wieder zu begeisterter Nachfrage geführt haben – einmal mehr ein Beleg, wie wichtig und sinnvoll diese Programme und Fördermittel für die Zukunft unserer Städte sind“, so Carsten Werner, „und sie schaffen Impulse in viele weitere Bereiche der Stadtentwicklung und des Stadtlebens“. So ist im Nürnberger Süden mit dem „Südpunkt“ in Kooperation mehrerer Träger ein hochmodernes Bürgerhaus für lebenslanges Lernen, berufliche Weiterbildung, Gesundheit und kulturelle Begegnung im ökologischen Passivhausstandard entstanden.

„Den Geist all dieser Entwicklungen auch für die geplante Neuaufstellung des Flächennutzungsplans und des Landschaftsprogramms sowie in der Verkehrspolitik zu nutzen, ist eine spannende und lohnende Aufgabe für alle Senatsressorts und Politikfelder – sie muss aber auch im Erleben und in der Präsentation Bremens noch viel spürbarer werden und soll schließlich identitätsstiftend wirken“, so Carsten Werner.

 

 

grüner Start

In Politik, Werner on 18. Juli 2011 at 16:39

So. Fast neu sortiert: Langgehegte Jobs auf oder unter „standby“ gefahren, in die Bremische Bürgerschaft nachgerückt und „eingezogen“ (wie das klingt). Viel Auflösung also, noch keine Abschiede, alles Zukunft gerade. Jetzt lese, lese, lese und rede, rede, rede ich, guck mich um, hör mir an, plane und denke: „Bremen ist erneuerbar.“ Und das machen wir jetzt mal.

Danke an alle Grünen, Ex-Arbeitgeber, Familienmitglieder und Kollegen, die mich angelernt und eingeführt, arbeiten lassen und ausgehalten, mit mir oder auf mich gewartet, für mich gestimmt und geworben, mit mir diskutiert, gedacht und geschrieben haben: Jetzt machen wir was draus! Demnächst in diesem Theater:

Bündnis 90/Die Grünen – Fraktion in der Bremischen Bürgerschaft – Carsten Werner    (Da steht hinter den Links schon wieder ein wenig Grundsätzliches.)

Für die Politik gewonnen

In Politik, Werner on 28. Mai 2011 at 19:22

Als die Bremer Grünen-Landesvorsitzende Susan Mittrenga im Sommer 2010 den freien Redakteur, Regisseur und Projektentwickler fragte, ob er für die Grünen in der Bremischen Bürgerschaft in den Wahlkampf und dann vielleicht ins Parlament ziehen würde, war nach ein paar Telefonaten und Treffen zügig klar: „Ich mach das.“ Ich kandidiere. Mitten aus der in Medien- und Kulturkreisen alltäglichen „Politikverdrossenheit“ heraus eigentlich eine  komplizierte Frage für einen Freiberufler zwischen Sylter Meerkabarett, Tagesspiegel-Politik- und Lokalredaktion, Bremer Kulturetatkürzungs-Abwehrkampf und Familie.

Aber ich bin politisch, seit ich denken kann, grün sozialisiert und will was bewirken. Und mit Mitte 40 Ideen aus dem Stadtleben, Erfahrungen im (kultur)politischen Nahkampf, gewachsene Überzeugungen in Politik und Stadtentwicklung zu übertragen – eine schöne Perspektive! Sich nach zehn Jahren Pendelei auf einen Ort konzentrieren, täte bestimmt nicht nur dem Kind, sondern auch der eigenen Gesundheit gut. Ich bewerbe mich. Dabei ist das nicht so meine Art: Für mich werben, das wird auch später im Wahlkampf noch mal heikel werden.

Überraschend, wie toll Ende November meine Rede zur Listenaufstellung ankommt. In Kampfkandidaturen ergattere ich Listenplatz 14 – einen „sicheren Platz“ nennt das die Lokalpresse, irgendwas zwischen „aussichtsreich“ und „gar nicht sicher“ finde ich: Bremen hat ein neues Wahlrecht,  Personenstimmen können die Liste kräftig durchschütteln. Ich fahre meine Berufe runter – wie für ein paar Sabbat-Monate; denn den Wahlkampf bezahlt mir niemand und wer weiß, wann ich in die Jobs zurück komme? – und taste mich in die Lokalpolitik.

 

Das Feilen an Konzepten, das Ringen um die richtigsten Worte und besten Argumente ist mir ja vertraut. Aber ich bin beeindruckt, wie viel konzentrierter und genauer das in der politischen Arbeit dieser grünen Fraktion möglich ist, in der ich jetzt Gast bin. Es geht, wie im Journalismus oder im Theater, um Inhalte, für die eine Form gesucht und gestaltet, Wirkung erzielt wird. Also euphorisiert auf in den Wahlkampf:Diskussionen, Ausstellungseröffnungen, Debatten über Kultur- und Stadtentwicklung,  kulturelle Bildung, Medienpolitik. Mich erstaunt, wie offen die politische Welt für einen von „außen“ ist. Und wie verschlossen die Öffentlichkeit plötzlich: „Sie sind ja jetzt Kandidat“. Da müssen gute Ideen zurückstehen. Versteh einer die Medien.

Trotzdem grüßen plötzlich wildfremde Menschen auf der Straße. An Straßenständen und im Online-Wahlkampf erlebe ich eine geballte Ladung Lebenswirklichkeit – und zu allem bitte immer schnell eine Haltung. Festlegung erwünscht. „Prüfen“ ist nicht so gefragt – wird wahlweise als Ausrede oder verkappter Plan gedeutet. Also: Sarrazins Erfolg halte ich für ein kalkuliertes kommerzielles Projekt. Den Bürgerrundfunk sollten wir  aus überholter „Meinungsorgan für alle“-Ideologie zum zeitgemäßen Bürgermedium und Instrument kultureller Bildung machen. Kulturelle Bildung geht nur, wenn Bildungssenatorin und Kulturressort zusammenarbeiten. Von wie vielen AKW ist Bremen umzingelt und kann die Stadt Atomtransporte verbieten? Nazis waren für mich immer nur so eine nervige Randerscheinung, jetzt demonstriere ich gegen sie. An Polizeisperren deeskalieren Polizisten und sind selbst gegen Atomkraft oder Nazis. Müssen Lehrer unbedingt verbeamtet sein? Nein. Berufsverbote der 70er Jahre führen heute noch zu Nachwehen und Verletzungen. Für die Inklusion Behinderter in den Regelunterricht kann man in den USA viel lernen. Wer weniger Lärm in der Stadt will, muss auch die Bürgerparktombola zur Ruhe mahnen, die andererseits aber die Finanzierung der Bremer Innenstadt-Parklandschaft sichert. Ja. Und wie halte ich es eigentlich mit der Frauenquote?  Finde ich gut: Weit über die Hälfte meiner Förderer, Chefs und Freunde waren und sind Frauen. Aber ich habe vorher nie darüber nachgedacht. Zur Vergänglichkeit und Umweltverträglichkeit von Urnen auf Bremer Friedhöfen muss ich passen. Parallel beginnt privat die erniedrigende Suche nach einem Kita-Platz für unsere dreijährige Tochter: „… diese Politiker“-Geschimpfe allerorten: Zu wenig Plätze, zu wenig Betreuungsstunden. Ich verspreche zaghaft, mein Bestes zu tun, demnächst, nach der Wahl … „Sie können mich übrigens auch wählen!“

Die fast unsichtbare, unhörbare Gegenseite im Landtagswahlkampf macht uns immer wieder stutzig: Die FDP verliert durch einen Austritt den Fraktionsstatus und zerlegt sich ein eine Restpartei und eine Wählervereinigung , in der CDU wird um Listenplätze gestritten, rechte Gruppen und Nazis mobilisieren – nicht wirklich erfolgreich. Handelskammer und CDU schimpfen auf drei Fußgängerampeln und schüren Angst vor einer City-Maut – nicht viel mehr, merkwürdig uninspiriert und planlos.

Ob es nicht gerade jetzt „etwas opportunistisch“ sei, für die Grünen in die Politik zu gehen, will die Lokal-taz schon Weihnachten wissen. Aber als Schülervertreter haben wir in den 80ern Norddeutschlands ersten Dosensammelcontainer aufgestellt. Im April 1986 bin ich mit meiner ersten Freundin auf dem Bremer Marktplatz von meiner ersten Anti-Atom-Demo aus dem Tschernobyl-Regen in den nahen Dom geflüchtet. 25 Jahre später stehe ich jetzt wieder da, mit einer Dreijährigen auf den Schultern. Wahlkampf? Auch. Angst vor der Atomkraft? Mehr. Auch fünf Tage vor Fukushima haben wir auf dem Marktplatz demonstriert. Es ist eine Generationen- und Zeitfrage: Wir kommen jetzt in der Gesellschaft an – die Ideen und die Leute. „Politik ist was anderes als das Einwirkenlassen von Gefühlsdünsten. Ich weiß, daß die nicht wegzukriegen sind, aber man sollte ihrer soweit es geht Herr werden.“ – wusste schon 1962 Herbert Wehner. „Ideen zu Taten schrumpfen“ habe ich mir als Wahlspruch aus dem Theater mit in die Politik genommen.

11. März, später Vormittag: In Japan hat gerade die Erde gebebt und einen Tsunami ausgelöst. DieDeutsche Bahn hat Verspätung, ich werde wieder zu spät in die Berliner Redaktion kommen.Noch ins Handy wütend, treffe ich im Ersatz-Nahverkehrszug Reinhard Loske, unseren Senator für Umwelt, Bau, Verkehr und Europa. Aus der grünen Bundestagsfraktion ist er vor vier Jahren nach Bremen gekommen und hat frischen Wind in die Stadtentwicklung gebracht, Innenverdichtung statt Flächenfraß am Stadtrand gepredigt, Kulturschaffende und Bürger in die Stadtplanung einbezogen, Verkehrspolitik auch auf Fußgänger, Radfahrer, Rollatorenschieber bezogen. Gerade Loske hat mir neue Lust gemacht auf meine Heimat und grüne Politik. In seiner Denkschrift „Abschied vom Wachstumszwang“ skizziert er „Konturen einer Politik der Mäßigung“: Ein Werbeverbot im Kinderfernsehen etwa, ein Ende der „Börsennachrichten“ als Dauerwerbung für Aktienspekulanten, Schluss mit Gier,den Handel regionalisieren, weniger konsumieren, auch weniger arbeiten: Eine 20-Stunden-Woche? Bedingungsloses Bürgergeld? Man wird doch wenigstens mal drüber nachdenken müssen, über die Zukunft.Auch inBremen. 2030 führt ein „Weiter so“ zum Kollaps, sagt der „Club of Rome“. Das ist ja nun bald. Wir reden über unsere Kinder, Literatur, Bremen. Und denken kurz an Japan: „Hoffentlich halten die AKW da direkt am Meer.“

Stunden später sitze ich im Tagesspiegel-Newsroom und produziere die Sonntagausgabe. Ein Bremer CDU-Kandidat postet bei facebook, jetzt würden die Ereignisse in Japan zu „widerlichen Kampagnen“ gestrickt und Bundesumweltminister Röttgen hält eine Atomdebatte  für „völlig deplatziert“.  Einige Stunden und Tickermeldungen später stellt er „die Grundfrage der Beherrschbarkeit von Gefahren“ der Atomkraft „mit dem heutigen Tag neu“.Uns Grünen wird so was wie Schadenfreude unterstellt. „Alles muss aus“ haben wir in Bremen plakatiert – die Plakate waren schon fertig, als Japan bebte. Im Wahlkampf sind sie und die „Nein Danke“-Sonnen-Aufkleber der Renner – und Anlass für viel weiter gehende Gespräche.

Am Sonntag wurde gewählt, alle Welt gratuliert . Am Dienstag die ersten Personalstimmen-Ergebnisse: Das wird nicht reichen. Von wegen „Kultur zieht, Du bist doch bekannt“! Also Hoffen auf ausreichend grüne Listenstimmen für meinen 14. Listenplatz. Ein fieses, fiebriges Gefühl – wie „Warten aufs Christkind“, um Tage gedehnt. Mitten in die Hochrechnungen eine SMS: Reinhard Loske zieht sich zurück, will nicht Senator bleiben – auf den und seine Impulse zur fairen, nachhaltigen, ökologischen Stadtentwicklung ich mich so gefreut habe. Irgendwas ist ihm zu viel geworden. Anfeindungen und Polemik? Provinzialität? Fehlende Achtung? „Persönliche Gründe“- eigentlich klar, dass ein Wahlkampf, ein Wahlergebnis einen Menschen beeindrucken, so oder so. Aber schwer zu erklären, zu verstehen – Schock für uns Parteifreunde, rätselhaft für Außenstehende. Immerhin: Er beteiligt sich noch an den Koalitionsverhandlungen.

 

 

Und ich bin aus meinem inneren Wahlkampf gerissen. Mein Listenplatz hat noch ein bisschen gewackelt und ist dann in einem Herzschlagfinale der viertägigen Stimmenauszählung zur Linkspartei gekippt: Die behalten so ihren Fraktionsstatus und ich bin raus. Oder ich rücke nach, wenn eine Kollegin oder ein Kollege in den Senat wechseln. Denn in Bremen muss man sich entscheiden. Meine Zukunft? „Ereignisoffen“, wie der letzte SPD-Kanzler Gerhard Schröder mal sagte. Aber für die Politik bin ich gewonnen – vielleicht um irgendwann mal wie Winfried Kretschmann, der erste deutsche grüne Ministerpräsident in Baden-Württemberg, zu bekennen: „Ich bin wirklich ein absolut leidenschaftlicher Provinzpolitiker.

 

 

 

Neue Fragen erfordern neue Antworten.

In Politik, Welt on 12. März 2011 at 20:40

Die Frage der Beherrschbarkeit der atomaren Gefahren sei „heute neu gestellt worden“, sagt Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) dem WDR-Hörfunk. „Auch Japan ist ja nicht irgendein Land. … Alle KKW waren darauf ausgelegt, was an Erdbeben passieren kann.“ – “ Dieses „Trotzdem“ ist eine gesellschaftspolitische Frage, die nicht abgewehrt werden kann.“

Und die Kanzlerin (CDU): „Unbestritten: Die Geschehnisse in Japan sind ein Einschnitt für die Welt.“ Wenn in einem so hoch wie Japan entwickelten Land mit höchsten Sicherheitsstandards so ein  Unfall passiere, könne „auch Deutschland nicht einfach zur Tagesordnung übergehen“.

Und Außenminister Westerwelle (FDP) will wissen, „ob auch unsere Kühlsysteme solche Anfälligkeiten haben“.

RWE-Technikvorstand  Gerd Jäger dagegen „sieht trotz des Atomunfalls in Japan keinen Grund, die Laufzeitverlängerung für deutsche Meiler bis 2035 zu überdenken. «In Deutschland werden mit gutem Grund höchste Sicherheitsstandards für Kernkraftwerke angesetzt, und sie werden von uns erfüllt», sagte er der «Welt am Sonntag». (…)  Naturkatastrophen in der Größenordnung wie das Erdbeben und der Tsunami in Japan seien in Europa nicht zu erwarten. «Dennoch gibt es natürlich wie in allen Lebensbereichen Restrisiken. Und die gilt es immer weiter zu minimieren.»“

http://www.greenpeace-magazin.de/index.php?id=55&tx_ttnews[tt_news]=102061&tx_ttnews[backPid]=54&cHash=c080a75163

Ansonsten: Brückentechnologie, „für sicher gehalten“ … etc. pp.

Hm.

– Hatte Japan seine Akw NICHT für sicher gehalten, keine Sicherheitsstandards gehabt, sich daran nicht gehalten?

– Alle 20,25 Jahre ein Gau – kann man das aus Technik-Vorstands-Sicht als „Restrisiko“ verstehen?

– Woher weiß der Mann, was „in Europa“ „zu erwarten“ ist an wildem Wetter, irgendwelchen Attacken und all dem … in den nächsten 10 Tagen , Monaten , Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten?

Wär doch gut, wenn sich hier dann doch wieder ein Unterschied herauskristallisierte zwischen Lobby-„Experten“ und Politik.

„Ich will nicht nur der Kulturhansel sein“

In Politik, Werner on 29. Dezember 2010 at 14:21

AUSBLICK Mit Carsten Werner zieht ein langjährig Kulturschaffender für die Grünen wohl ins Parlament ein. Ein Gespräch über Kompromisse, Institutionen und kollektive Führung

INTERVIEW JAN ZIER

taz: Ist es Sendungsbewusstsein, dass Sie als erfolgreichen Regisseur, Kurator und Journalisten dazu treibt, in die Politik zu gehen, Herr Werner?

Carsten Werner: Ich kann dem nicht widersprechen. Ich agiere und äußere mich politisch, seit ich denken kann, bin grün sozialisiert und will was bewirken mit dem, was ich tue. Das war auch mein Ansatz für alles, was ich künstlerisch gemacht habe. Und mir ist es wichtig, um Konzepte zu streiten, die besten Argumente zu suchen.

Bisher konnten Sie dabei kritische Distanz wahren, künftig müssen Sie womöglich Koalitionsentscheidungen „mittragen“. Warum geben Sie diese Freiheit auf?

Das ist ein Klischee – wenn man Leiter einer komplexen Einrichtung wie der Schwankhalle war oder für eine große Redaktion Zeitungsseiten produziert. Ich habe mehr Verwaltung mitgemacht als mancher Politiker ertragen muss. Da hab ich keine Angst. „Lasst Ideen zu Taten schrumpfen“, ist ein schöner Theater-Spruch, Theater ist immer ein großer Kompromiss: Du hast eine Vision, aber nur ganz selten erlebst du die eins zu eins auf der Bühne. Nun muss ich Kompromisse auch öffentlich vertreten. Aber ich glaube, ich war immer ein guter Mittler zwischen Kunst, Politik, Verwaltung und Einrichtungen.

Ist es nicht etwas opportunistisch, jetzt für die Grünen in die Politik zu gehen, wo ihre Umfragewerte so hoch sind?

Der Hype wäre aber auch ein schlechter Grund dagegen! Vielleicht ist die Sympathiewelle ja auch eine Generationen- und Zeitfrage. Ich bin jetzt biografisch an einem Punkt, wo ich das, was ich kann und gelernt habe, auf ein anderes Level weitergeben will – ohne nur der Kulturhansel der Grünen zu sein.

Viele werden Sie aber als „Sprachrohr“ der freien Kulturszene wahrnehmen.

Das ist nicht meine Aufgabe. Und wenn wir den „Großen“ Geld wegnehmen und den „Kleinen“ geben, ist keinem geholfen. Aber ich weiß, wie die Szene tickt. Die freie Szene versucht viel zu oft, der Welt der etablierten Kultureinrichtungen nachzueifern. Ich versuche, eher nicht so institutionell zu denken. Inhaltlich kann man viel lernen und erfahren von freien Künstlern. Ich bin ein überzeugter Freiberufler.

Warum sind Sie 2005 zu den Grünen gegangen?

Helga Trüpels Europawahlkampf und -arbeit hat mir gezeigt, was grüne Politik alles sein kann. Auch die Lähmung durch die „große“ Koalition und Bremens Bewerbung als Kulturhauptstadt spielten eine Rolle.

Angesichts Ihrer Bekanntheit könnten Sie beim neuen Wahlrecht darauf setzen, durch Personenstimmen gewählt zu werden. Sie bevorzugen den sicheren Listenplatz 14. Warum?

Das war eine Momententscheidung: Bei den Grünen wird man ja auf den Listenplatz gewählt. Meine Bekanntheit unterschätze ich vielleicht, der Zuspruch hat mich freudig überrascht. Aber wer mir seine Stimmen gibt, gibt die der Partei. Und das will erst mal geschafft sein.

Bei Ihrer Bewerbung auf dem Parteitag haben Sie Sinn für gute Performance bewiesen.

Ja? Aber ich bin kein Schauspieler, hab das nie gelernt und noch nie vorher eine Rede gehalten.

Was verbindet die Politik und das Theater?

Es ist jeweils, wie auch im Journalismus, Inhalt, für den man eine Form gestaltet. Und natürlich geht es immer um Wirkung.

Den Grünen wird vorgeworfen, inhaltlich äußerst flexibel zu sein: Für Kriegseinsätze und dagegen, für Hartz IV und dagegen, für Olympia und dagegen.

Eine gewisse Ambivalenz ist total normal und spannend. Ich will auch die Umwelt schützen – und „muss“ Auto fahren. Die Welt ist nicht schwarz-weiß: Ich will Qualitäten diskutieren und Bewusstsein.

Reizt Sie die Macht?

Nein. Ich gebe eher Macht ab. Aber ich habe Lust auf gute Kompromisse, will Themen voranbringen – stärker, unmittelbarer als ich das als Künstler kann. Kulturpolitik besteht nicht nur darin, permanent Einrichtungen zu retten und dafür Bedarfe anzumelden …

etwa im Bremer Theater.

Um es mit Harry G. Frankfurt zu sagen: Hans-Joachim Frey hat „Bullshit“ geredet, von Anfang an. Das vermochten der damalige CDU-Kultursenator Jörg Kastendiek und seine Staatsrätin Elisabeth Motschmann nicht zu erkennen, die lobten ewig seine „guten Manieren“. Er hat ein paar interessante und richtige Fragen gestellt. Aber an dem, was er gemacht hat, war nichts neu, es gibt kein finanzielles Perpetuum mobile. Und das Kulturimage Bremens, die hiesige Szene wird viel länger und intensiver an Freys Wirken leiden, als wir heute wahrhaben wollen.

Hat die Politik nicht gut genug auf Frey aufgepasst?

Das weiß ich nicht. Aber Politik, auch rot-grün, und die Medien in Bremen sind fast alle zu lange auf Freys Gesabbel hereingefallen. Auch Jens Böhrnsen hat viel zu spät reagiert.

Braucht ein Theater überhaupt einen Intendanten?

Ja. Kollektive Leitungsmodelle funktionieren immer nur phasenweise. Sie sind impulsreich, aber extrem aufwändig und anstrengend. Und am Ende braucht es Entscheidungen – ob alleine gut getroffen oder gut moderiert. So viele Menschen in einem Stadttheater sind nur schwer kollektiv zu führen.

Macht Carmen Emigholz als SPD-Kulturstaatsrätin einen guten Job?

Ja. Sie kommt mit jungen Newcomern genauso gut ins Gespräch wie mit alten Hasen. Aber sie hat es noch nicht geschafft, die Szene wieder miteinander ins Gespräch zu bekommen. Da ist vieles eingeschlafen. Und es fehlt an der Vernetzung von Kultur- und Kreativwirtschaft, von Kultur- und Stadtentwicklung und an einer vernünftigen Aufstellung der kulturellen Bildung.

Dabei ist Kultur „Chefsache“.

Jens Böhrnsen ist als Kultursenator kaum wahrnehmbar. Er kann unheimlich gut zuhören, setzt aber kaum Impulse. Sicherlich schützt sein Bürgermeisteramt das Kulturressort in einer prekären Phase. Ich finde es besser, wenn Kultur zu einem großen, gestaltenden Ressort gehört.

Welches Projekt würden Sie als Politiker gerne anstoßen?

Kultur als wesentliches Element der Stadtentwicklung positionieren. Im Kleinen: ein Projekt gegen Zwangsbeschallung in der Öffentlichkeit und für Lärmbewusstsein finde ich unheimlich reizvoll, wie Linz es mit der „Hörstadt“ hat. Sogar Supermärkte verzichten dort auf Dudelmusik. In Bremen hat mich der stille autofreie Sonntag darauf gebracht.

Hinweis zum Interviewpartner

29.12.2010 taz Nord Nr. 9381 Bremen Aktuell 223 Zeilen, JAN ZIER S. 24
nur in taz-Teilauflage

Schlingensief-Hype

In Kunst on 21. Dezember 2010 at 23:55

cwerg hat sich über die Einstapelung von Schlingensiefs letztem Buch unter „Gesundheit | Alternativ Heilen“ im Kulturkaufhaus bei parallel völlig versprengter Einstaubung seiner DVDs unter „Special Interest“, „Doku“ und „Trash“ noch mal sehr geärgert:

Beides zeugt jedenfalls von einem doppelten Unverständnis für diesen Künstler (mindestens bei den Verkäufern).

– Und zeigt das auch, dass für seinen späten „Erfolg“ dann wohl doch vor allem viel melancholische Jahreszeitbefindlichkeit oder einfach Tränendrüsenempfindlichkeit – also eben auch leider eher: DIE KRANKHEIT und UNSERE ANGST davor – entscheidend waren als dass ihm Interesse oder gar Erkenntnis/Verständnis/Empathie gefolgt wären?

Das wäre schade und ist doch wahrscheinlich so …

Bewerbung als Grüner, Vollbremer, Politiker

In Politik, Stadt, Werner on 27. November 2010 at 22:03

Liebe Freunde und Kollegen,

nach fast 25 Jahren Spagat und Pendeln zwischen Kunst und Journalismus will ich die dritte Ebene der guten Argumente, der bestmöglichen Ideen und der deutlichen Vermittlung erleben und beleben – und grüne Politik machen. Die Ermutigung durch grüne Freunde und den Landesvorstand, hier quer einzusteigen, freut mich riesig. Und die Intensität und Qualität der Arbeit am grünen Wahlprogramm hat mich überzeugt und inspiriert.

Meine Erfahrungen als überzeugter Freiberufler und Arbeitgeberwechsler, als Künstler, Projekt- und Organisationsentwickler, als Journalist und Öffentlichkeitsarbeiter, als Ausbilder und Vater möchte ich in Bremer Politik übersetzen und dazu vom Teilzeit- wieder zum Voll-Bremer werden. Ob (zuletzt) als freier Politikredakteur beim Berliner „Tagesspiegel“, als Ausbilder und Projektentwickler für die Bremer Schwankhalle, als Theaterregisseur oder als wirtschaftlich handelnder Programmmacher für Breminale und Sylter Meerkabarett: Meinen Tätigkeiten und meiner Bewerbung um einen grünen Listenplatz für die Bremer Bürgerschaftswahl 2011 liegen der feste Glaube an die Kraft des guten, besten Arguments und die Begeisterung für intensives Vermitteln zugrunde – und die Überzeugung und Lust, damit etwas zu bewirken.

In meinem Berufsleben ist der Wechsel von Arbeitsplätzen branchenüblich und sinnvoll. Meine wichtigsten Chefs und Förderer waren Frauen. Als Ausbilder lege ich viel Wert auf einen individuellen Weg der Auszubildenden. Kritik ist mir zum wichtigsten Werkzeug geworden: „Blattkritik“ bei der Zeitung, Kritik als Regisseur oder Redakteur nach einer Probe, Vorstellung oder Sendung, oder die klassische Veranstaltungskritik – in diesem Sinne will ich auch Politik, Gesellschafts-Kritik: nicht dagegen, sondern dafür, im Interesse von und an Menschen, an Inhalten und ihrer Zukunft, in kreativem Streit und Dialog. Ich beherrsche dieses Handwerk ganz gut – wach, sensibel und kreativ in die Welt zu blicken, um sie im Konkreten immer ein bisschen besser zu feilen: „Das Bessere ist der Feind des Guten!“ „Lasst Ideen zu Taten schrumpfen!“ Das ist auch realistische grüne Politik.

Gesellschaftliche Veränderungen – ob im Arbeitsmarkt oder in der Stadtentwicklung – müssen und können kreativ und offen angebahnt werden. Die vielen Parallelgesellschaften, in die unsere Gesellschaft sich splittet und die wenig voneinander wissen, müssen sich öfter treffen und berühren: Solidarität und Chancengleichheit entstehen ja nur gemeinsam. Was in Nachbarschaften, in guten Schulen und in guter Arbeit klappt, funktioniert am effektivsten über Sport, Kultur und – wenn man die nicht sowieso zur Kultur zählt – über Medienangebote. Wichtige Akteure und Partner dabei sind jenseits institutionalisierter Interessenvertretungen sich stetig wandelnde Communities und auch die Freizeitwirtschaft.

Gut vermittelt und inhaltlich gefüllt, schaffen Konsum- und Medienkompetenz, Freizeitfähigkeit und Naturerleben, Stadtleben und Umweltbewusstsein Teilhabe und Bildung, schärfen Sinne und Ziele. Eine „Politisierung“ von „Freizeit“ in diesem Sinne, in Richtung einer Gesellschaft, macht mir großen Spaß. Interdisziplinär, genre- und fachübergreifend interessieren mich dabei vor allem

– Stadtentwicklung

– gesellschaftliche Teilhabe und demokratische Beteiligung

– Kulturentwicklung, Bildungs- und Medienpolitik

– Freiberufler und Mikrowirtschaft

Was trägt konkret zum sozialen Gelingen, zur Lebens- und Beschäftigungsqualität in Bremen bei? An dieser Frage müssen sich nicht nur Schulen, sondern auch die Handelskammer messen lassen. Aber auch Kultureinrichtungen, Medien und Stadtplaner. Wir brauchen eine Verbindung der über die Senatsressorts verteilten kulturellen Themen, Ansprüche und Förderungen – und mehr inhaltliche Kommunikation der Einrichtungen, wo es zu oft nur um Kosten geht.

– Die Überseestadt muss mit einer gesellschaftlichen, kulturellen Vision „gefüllt“ werden.

– Bibliotheken müssen selbstverständlich gerade am Wochenende geöffnet sein.

– Kulturelle Bildung braucht kluge Elternpolitik, klare eigene Förderformate – und bessere Zugänge.

Ich will, dass in Bremen 20-Jährige eine Geschäftsidee, ein Kulturprojekt, eine politische Initiative gründen und starten können, ohne dass Zugangsvoraussetzung in die „boomende“ Kreativwirtschaft die Möglichkeit zu jahrelanger Selbstausbeutung ist.

Die Entwicklung nachhaltiger Ideen, nachhaltiges Handeln sind wichtiger als zunehmende Institutionalisierung.

„Kultur“ also ist für mich nicht nur (aber auch) die Produktion und Präsentation von Kunst. Vor hundert Jahren waren Zeitung und Theater mal fast eins: tagesaktuelles, politisches und populäres Medium. Diese Rolle hat später das Fernsehen übernommen, heute das Internet. Aber Kultur (und Kunst) können Stadt und Gesellschaft prägen:

– Das vor 20 Jahren im Kulturzentrum Lagerhaus erfundene Car-Sharing oder die zeitgenössische private Bildungseinrichtung Universum Science Center sind florierende kommerzielle Unternehmen.

– Nicht zufällig sind der „Klub Dialog“ und die „Zwischen Zeit Zentrale“ als vielleicht wichtigste Innovationen für die Stadtkultur in Obhut der Ressorts für Wirtschaft, Finanzen und für Stadtentwicklung entstanden.

An einer herausfordernden, impulsgebenden „Unternehmenskultur“ Bremens müssen starke, gestaltende Ressorts wie Stadtentwicklung, Bildung oder Wirtschaft, müssen Bürger und Bürgerschaft Anteil nehmen!

Ich freue mich drauf, das auszuprobieren – und über jeden, der mich dabei  unterstützt: Mit Auseinandersetzung, Hinweisen und Fragen, mit Vertrauen, Euren Stimmen und Weitersagen.

Bahntugenden

In Medien, Welt on 25. September 2010 at 02:47

Ich durfte mich heute zwischen Berlin und Bremen sechs Stunden darüber freuen,

 – dass die Deutsche Bahn es schafft, in ihren automatischen Ansagen und Bahnsteiganzeigen für ein und denselben Zug GLEICHZEITIG, im selben Laufband und abwechselnden Durchsagen, 10-20-45-60 Minuten „wegen Bauarbeiten“ und 40-75-80 Minuten „wegen eines Notarzteinsatzes“ Verspätungen zu verkünden; wobei die letzten Scheibchen dieser scheibchenweisen Verkündigung auch noch liefen, als schon 95 Minuten rum waren.

– wie old Helmut Schmidt dem Bahnchef DOKTOR (!) Rüdiger Grube und seinem blonden Beiböötchen DOKTOR  Antje Lüssenhoop, Leiterin PR und Interne Kommunikation der DB, in einem „Interview“ über Moral und Anstand und Tugenden und Werre im DB-Magazin „mobil“ einschenkt: „Ich heiße Schmidt, schon seit über 30 Jahren, da bleiben wir bei.“ – um sodann die servilen Fragen des Vorstandschefs DOKTOR (!) Grube abzuledern: Nach Werten „wie Glaubwürdigkeit, Respekt, Loyalität, Fleiß und Begeisterungsfähigkeit“ („die lernt man auch nicht auf der Harvard Business School, in St. Gallen auch nicht und in Oestrich-Winkel auch nicht“). Nach des DOKTORS (!) Befürchtung, „die Nutzung der neuen Medien könnte dazu führen, dass Kommunikation oberflächlicher wird“ („Ob der Medienkonsum aber auch notwendigerweise einen Verlust an Moralität unterstützen muss, da würde ich zögern mit der Antwort. Denn es hat ja auch im alten Griechenland, im alten Rom, in Mittelitalien, in Venedig, in Gent, in Siena (!) nicht immer nur den ehrbaren Kaufmann gegeben, sondern auch ganz üble Geschäftemacher. Es hat auch immer Mörder, es hat auch immer Diebe, es hat auch immer Betrüger gegeben.“) Nach „Werten wie Respekt, Anständigkeit und Offenheit“ in Freundschaften („es müssen nicht unbedingt Freundschaften sein“) und nach dem Grundgesetz, das inzwischen besagt, dass die Bahn „ein Wirtschaftsunternehmen in privatrechtlicher Form ist“ („Das steht neuerdings im Grundgesetz? Das wusste ich auch nicht.“). Nach famosen Exkursen in die Wirtschaftspolitik gehts dann noch mal um Sekundärtugenden: Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. „Die Eisenbahn möchte bitte pünktlich sein“, schließt Schmidt. Insgesamt ein schönes Beispiel für die Kraft des guten Arguments, echten Lebens und wahren Denkens gegenüber windelweichem PR-Gesäusel!

– dass ich erleben durfte, wie es Dr. (!)  Grubes Bahnpesonal in concreto „mit Werten wie“ Glaubwürdigkeit, Respekt, Anständigkeit und Offenheit und Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit hält. – Sagen wir mal: Loyal mit dem Arbeitgeber;  in Hamburg „gibts Freitagabend um Mitternacht doch keine Hotelzimmer“, Taxifahrten gibts nur zu sechst – auch wenn man dafür noch mal 35 Minuten auf ein Großraumtaxi warten muss. Und das 1 Meter lange Formular für die Erstattung eines überschaubaren Fahrpreisanteils „füllnsedasdochselbstaus!“.

– dass ich dann noch 90 Minuten im Taxi sinnieren durfte: „mit dem Auto über die A1 oder mit der Bahn einfach mal losfahren – was ist denn jetzt wirklich besser?“ Bin noch unentschieden.

– dass man auch mal nachgeben muss, dass man auch mal offline muss: Laptop im Taxi klappt nicht.

Gründen, Spielen, Zeigen, Streiten – neue Aufgaben für eine zeitgemäße Kultur(politik)

In Politik, Stadt on 20. August 2010 at 18:39

Gastbeitrag für den Weser-Kurier im August 2010:

Immer mehr Menschen genießen, nutzen, kaufen und bezahlen Kultur – die Unterhaltungsbranchen von Buch bis Kino boomen, die Bildende Kunst sowieso, die Kreativwirtschaft wächst, die Freizeit wird immer mehr in unserer Gesellschaft. Die Sinnsuche lebt auf. „Die Krise“ hat das nicht geändert. Aber sie hat eine neue Runde der Infragestellung, der Legitimation aller staatlichen Ausgaben und Aufgaben provoziert. Das ist politisch so gewollt und so inszeniert – denn Politik „passiert“ nicht als Naturereignis oder Schicksal. Und darin liegen große Chancen.

Denn Kunst, Kultur und ihre Akteure können spüren, zeigen und erklären, …

–       dass und wie neue Arbeit und alternative Beschäftigung aussehen könnten.

–       dass und wie Teilhabe und Bürgerbeteiligung mehr sein können als Townhall-Hearings einer- und populistisch partikulare Bürgerinitiativen andererseits.

–       dass und wie sich Stadtleben gesellschaftlich konkret gestalten lässt.

Fragend, lernend, streitend, suchend, entscheidend – und dann auch im Tun und Machen der nahen Zukunft! An diesen Aufgaben – und vielen mehr in Bildung, Wirtschaft und Gesundheitswesen, in der rasanten Entwicklung neuer (und alter!) Medien, in Bildung und Forschung und Entwicklung – kann Kultur sich beweisen. Da darf und muss sie sich gestaltend einbringen und aufdrängen: Mit Ideen und Spaß, Lust und Schrecken, Konzentration und Genussmitteln um Aufmerksamkeit heischen, um Ausdruck ringen, um Applaus und Zustimmung kämpfen. Und all das selbstverständlich leben und lehren. In Bildern, in Worten, in Tönen, in Gedanken und in Bewegung.

Mag sein, dass „die Politik“, wie Renate Heitmann in dieser Zeitung geschrieben hat, die Probleme der Kultureinrichtungen simplifiziert. Aber als Einrichtungsleiter und als Künstler simplifizieren wir uns selbst, wenn wir unsere politische Existenz ausschließlich über (knappe) Finanzen, „gute“ oder „schlechte“ Quoten, über „Auslastung“, über Kennzahlen für Wirkung und Erfolg definieren. Wer sich diesem von Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz kritisierten Controlling- und Zahlenfetischismus hingibt, versinkt darin. Zu Recht, wie Axel Brüggemann im Weser-Kurier geschrieben hat: „Theater die gefallen wollen statt zu provozieren, sind gesellschaftlich irrelevant geworden.“ Unsere Währung sind Impulse.

Zum Provozieren und Entwickeln aber braucht es – neben Geld – auch Zeit und Energie. Wie viel Zeit dafür wäre, wenn wir uns einen Tag pro Woche, eine Woche im Monat, zwei Monate im Jahr NICHT mit „den Problemen der Einrichtungen“ beschäftigen würden! Wie viel Energie für gesellschaftlich relevante Inspirationen und Impulse hätten wir, wenn wir sie nicht in Rechtfertigungsdauerschleifen und Begründungszusammenhängen vergeuden müssten.

Mit Haushalts- und Zuwendungsrecht lässt sich vermutlich jede Kunstform, jede (zumal neue) Idee, jeder Inhalt verhindern, verbieten, angreifen. Gehen wir also mal davon aus, dass unsere Politiker das nicht wollen, so lange sie es nicht tun – und widersetzen uns dem vorauseilenden Gehorsam des inneren Sachbearbeiters. Das könnte uns wichtige Freiheit wiedergeben – Zeit, Kraft und Geld für den Kampf um die besseren Ideen, mehr Qualität, größere Wirkung.

Wir – Kunst und Kultur und ihre Akteure und ihre Förderer – dürften realisieren, dass Institutionalisierung, Besitzstandswahrung und Schematisierung nicht geradewegs ins berufliche und künstlerische Glück führen. Vielleicht sind „Zeiten wie diese“ tatsächlich keine Hochzeiten des Stadttheaters, das sich zwischen Tarifverträgen, Repräsentationsaufgaben und einem „Anspruch auf Unterhaltung“ verheddert hat – also fast überholten Parametern. Der Regisseur Peter Konwitschny zitierte an dieser Stelle Stephen Hawkins: Intelligenz könne nur in einem sich ausdehnenden Kosmos entstehen. Freie Kultur- und Ideenwirtschaft immerhin wachsen ja. Doch sind die „Kraftwerke“ und „Kristallisationspunkte“ der Kulturlandschaft, „kreative Keimzellen“ zur Förderung von Querdenke(r)n (schreibt Brüggemann), nicht mehr die institutionalisierten Kolosse – eher schon das Internet und die analogen Klubs und Netzwerke. Dass das Publikum weniger feste „Einrichtungen“ aufsucht und dafür temporären, nicht weniger ernsthaften und intelligenten, Kunsterlebnissen zuneigt, das ist keine Bedrohung, sondern eine Erkenntnis.

Der Klassenkampf zwischen Ernst und Event, sozial(demokratisch) oder (neo)liberal, Kunst und Kommerz, konservativ oder innovativ ist überholt. Was können Künstler und kulturelle Akteure als sprechfähige und ausdrucksstarke „Avantgarde des Prekariats“, wie es die Kulturwissenschaftlerin Adrienne Goehler nennt, ihrer Gesellschaft mitteilen? Und warum tun sie das so selten? Wie stehen Bremer Kulturschaffende zum Mindestlohn, als dessen Vorkämpfer sich ihr Bürgermeister und Kultursenator gibt? Wie zu einem bedingungslosen Grundeinkommen? Wie zu Temporarität und Teilung (Sharing) – von Räumen, Arbeit, Eigentum – als gesellschaftlichen Prinzipien, zu Entwicklung als Ziel?

Oder kulturpolitisch konkreter: Wie schließen? Was ist überflüssig? Arbeitshypothese: Mehr als eine „Seebühne“. Aber auch: Wie gründen? Wie eröffnen? Was fehlt noch? Mindestens jedes Jahr eine relevante Gründung. Das müssen wieder wesentliche Fragen von Kulturpolitik werden. Kunst darf temporär sein, zu Ende gehen, ein Ende haben. Die Schlusspointe, ein dramatisches Finale oder ein Happy End gehören doch zu einer guten Idee, einer zwingenden Geschichte – und infizieren mit der Sehnsucht nach mehr. Es muss nicht alles in Institutionalisierung, Musealisierung und Lebenswerk enden.

Darüber muss gestritten werden, in kreativer, professioneller Konkurrenz. Es geht auch um Verantwortung, um Motivation. Es geht um Ideenmanagement, Innovationsimpulse, Lust auf morgen – und weiter. Denn Schweigen ist nur Silber, „in Zeiten wie diesen“.

Carsten Werner ist freier Kurator und Redakteur von Breminale übers Sylter Meerkabarett bis zum Tagesspiegel, und Projektentwickler für die Bremer Schwankhalle.

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