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Zur sozialen Situation darstellender Künstler

In Politik on 2. Mai 2011 at 12:13

Ich habe in der Schwankhalle auf Einladung des steptext dance project eine Diskussion über die soziale Situation darstellender Künstler moderiert

mit
Günther Jeschonnek, Geschäftsführer des Fonds Darstellende Künste e.V.
Dr. Martin Roeder (Abteilungsleiter Senator für Kultur Bremen)
Silvia Schön (Arbeitsmarkt- und wissenschaftspolitische Sprecherin B90/ Die Grünen)
Christoph Spehr (Landessprecher der LINKEN und Kandidat für die Bürgerschaft)

Ende 2010 ist der „Report Darstellende Künste“ erschienen – ein 600 Seiten starkes Buch zur aktuellen wirtschaftlichen, sozialen und arbeitsrechtlichen Lage der Theater- und Tanzschaffenden in Deutschland im Kontext zu internationalen Entwicklungen: die bisher umfangreichste Untersuchung der Kunstsparte, die bislang durchgeführt wurde.

Der Herausgeber und Co-Autor der Studie Günther Jeschonnek hat die wichtigsten Ergebnisse vorgestellt, anschließend habe ich sie mit den anwesenden Behörden- und Parteienvertretern besprochen.

Die Mitschnitte sind jetzt online zu hören:

Die Diskussion

Die Zusammenfassung der Studie

Links zum „Report Darstellende Künste“

Schlingensief-Hype

In Kunst on 21. Dezember 2010 at 23:55

cwerg hat sich über die Einstapelung von Schlingensiefs letztem Buch unter „Gesundheit | Alternativ Heilen“ im Kulturkaufhaus bei parallel völlig versprengter Einstaubung seiner DVDs unter „Special Interest“, „Doku“ und „Trash“ noch mal sehr geärgert:

Beides zeugt jedenfalls von einem doppelten Unverständnis für diesen Künstler (mindestens bei den Verkäufern).

– Und zeigt das auch, dass für seinen späten „Erfolg“ dann wohl doch vor allem viel melancholische Jahreszeitbefindlichkeit oder einfach Tränendrüsenempfindlichkeit – also eben auch leider eher: DIE KRANKHEIT und UNSERE ANGST davor – entscheidend waren als dass ihm Interesse oder gar Erkenntnis/Verständnis/Empathie gefolgt wären?

Das wäre schade und ist doch wahrscheinlich so …

Hörspiel des Monats Juni 2008

In Kunst, Radio on 4. Juli 2008 at 11:26

Ernst Ludwig Kirchner – Inside Out
von Elke Heinemann
Regie: Martin Zylka
Deutschlandradio Kultur / WDR Feature / Radio Bremen 2008

Begründung der Jury:

Elke Heinemann hat in einer detaillierten und genauen Recherche aus den Tagebüchern, Skizzen und Briefen des deutschen „Brücke“-Malers Ernst Ludwig Kirchner nachgezeichnet und mit Regisseur Martin Zylka eine Collage zu Kirchners Leben und Sterben geschaffen, die sich mit originalen Zeitzeugenaussagen zu einer spannenden und rührenden kunsthistorischen Reportage verdichtet. Mit Kirchner (gesprochen von Falk Rockstroh) und den ihn umgebenden Menschen fragen sie, ob Selbstüberhöhung im Kunstmarkt eine Notwendigkeit ist – und wie nahe ihr zugleich Selbstmissachtung und –zerstörung sein können: „Bin ich nicht Napoleon, bin ich eine Maus.“ Dabei beschränkt sich das Hörspiel nicht auf eine Auseinandersetzung um Kunst und ihre Triebkräfte, sondern setzt die gesellschaftliche und politische Situation Deutschlands und Österreich mit Kirchners Flucht als Produzent so genannter „entarteter Kunst“ ins Nachbarland in ein Verhältnis zu dessen emotionaler und gesundheitlicher Lage, zu seiner, durch Drogenkosum verstärkten, Einsamkeit. Wie falsch und richtig in dieser Situation Freunde sein und sich verhalten können, wie schwierig Verantwortung und Verbundenheit in Einklang zu bringen sein können, das wird an Kirchners Verhältnis zu seinem Arzt Dr. Bauer – zugleich Sammler seiner Bilder, Förderer und engster Vertrauter – detailliert ausgeführt: Der Verehrer versorgte Kirchner auch regelmäßig mit Drogen und konnte seinen Selbstmord nicht verhindern. 70 Jahre nach Kirchners Tod ist Heinemann und Zylka ein fast zeitloses und Dank seiner Realitätsfragmente fast lebendiges Hörbild über das Verhältnis eines Künstlers zur ihn umgebenden Gesellschaft gelungen.

Liebesbrief … an den Nacktclown

In Kunst on 24. März 2008 at 22:59

Technische Leiter und Theaterdirektoren erleben Dich immer zwiespältig: Wenn die Bühne brennt, Dosen und Flaschen explodieren oder die Fliehkräfte mit Hilfe von Waschmaschinen und rotierenden Klavieren provoziert werden, zucken das auf Sicherheit oder wenigstens Überleben bedachte Herz und der die Verantwortung dafür tragende Kopf im Takt, einerseits. Andererseits ist bewundernswert, wie virtuos Du Physik und Kraft, Illusion und „Reality“ beherrschst, wie Du sie dehnst, mixt und überlistest.

Das Publikum liebt Deinen Körper, der alles mitmacht, was Du behauptest und zuendebringt, was Du beginnst: Ob im perfekt sitzenden Anzug, bewaffnet mit Gesetzbuch, Kamera, Fahne und Paella im Kampf für das Ansehen der Malloquiner und gegen „Bild“ und dessen Chef Kai Diekmann – oder nackt bis auf ein paar Federn auf dem Bremer Buntentorsteinweg zwischen Straßenbahnen und kläffenden Hunden. Du lässt ihn bluten – für den großen Effekt und ein bisschen Applaus.

Du gehst den Leuten an den Kragen, an die Wäsche, ans Gewissen. In echt und ohne doppelten Boden. Wer die eitelteure Markenklamotten trägt, wird nicht nur verachtet – sondern geheilt. Wenn Du sagst: „Es knallt!“ – dann knallt das. Du hast Thomas Gottschalk und sein ZDF zur Weißglut getrieben, als sie Deine geliebte Insel besetzt haben. Wer könnte das, „Wetten, daß …?“ verhindern, wenn nicht Du, Leo Bassi, großer Clown, nackter, alter, blitzschlauer, gefährlicher Mann! Jetzt hast Du es auf die Religionen abgesehen. Das freut viele nicht: Sie bedrohen und bekämpfen Dich. Denken und Lachen – die explosive Mischung scheint einigen zu gefährlich zu sein. Wie gut.

Leo Bassi: Am 3., 4., 6. 4. in der Stauerei

Mindestlohn für Minderheiten

In Politik on 23. Januar 2008 at 23:16

Wo Arbeitslose arbeiten und Arbeiter Arbeitslosenhilfe brauchen, taugen alte Bilder nicht: Warum mit „gerechten Löhnen“ das Ende der sozialen Fahnenstange längst nicht erreicht ist.

Dass ausgerechnet Hollywood einen Hinweis für die Organisation hiesiger Beschäftigungsverhältnisse liefern würde, war nun wirklich nicht zu erwarten. Mit der streitbaren Glamourunter- wanderung der Golden-Globe-Verleihung zeigten die, die man heute oft „kreative Klasse“ nennt, aber doch, was hierzulande fehlt: Zusammenhalt. Wenn alle draußen mit Streikschildern herumlaufen, findet drinnen eben keine Show statt. Es geht um die Teilhabe an mehrfacher Verwertung der mitersonnenen Produkte. Kurz: Um Lohn. Und das mitten in der Kulturindustrie. Als Hinweis dient der Aufmupf aus der Gag- und Drehbuchabteilung allemal.

Das Drehbuch hiesiger Debatten folgt vor allem klassischer Wahlkampfdramaturgie: Schlagkräftige Gewaltdebatte auf der einen, „Gerechtigkeit“ beim Lohn auf der anderen Seit der politischen Lager – Mindestlohn, 7 Euro und 50 Cent pro Arbeitsstunde stehen zu Gebote. Sogar das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft meint, „ein allgemeiner gesetzlicher Mindest- lohn wäre dem Flickenteppich, den wir jetzt bekommen, eindeutig vorzuziehen.“ Als angemessene „Norm, die aus moralischen Gründen einfach nicht unterschritten wird“ hat IW-Tarifexperte Hagen Lesch allerdings lediglich 5 Euro ausgerechnet. Ob das „Steuerungsinstrument“ Mindestlohn Arbeitsplätze schafft, erhält oder reduziert, darüber streiten Politiker und Experten – selten überraschend.

Die Debatte, pointiert durchexerziert an Briefdienstleistungen, ist dabei keineswegs vom Himmel gefallen. Sich mit Siebenmeilenstiefeln vom Glauben an Vollbeschäftigung entfernend, rennt die Arbeitsgesellschaft von der Arbeit fort (und umgekehrt). Oder zu- mindest von der Vorstellung, Arbeit und ihre Vergütung sei automatisch Lebens- unterhaltssicherung. Einen Ausgangspunkt der Überlegungen zum Mindest- lohn beschreibt Ingo Schierenbeck, Leiter der Rechtsabteilung der Bremer Arbeitnehmerkammer, ganz simpel: „Es hat vermehrt Leute gegeben, die zu uns kamen und fragten: Wie komme ich an mehr Gehalt, denn mit meiner Vergütung komme ich nicht mehr klar. Das sind Fragen, die es früher so fast nie gegeben hat. Klassischer Fall: Der Wachmann, der mit 4,50 Euro in der Stunde nur deswegen auf ein akzeptables Gehalt kommt, weil er 12 Stunden am Tag arbeitet.“

Dazu kommen alle, die – gewissermaßen im Nachklapp zum sich in der Dienstleistungsgesellschaft verändernden Bild des Arbeiters – zur Gruppe der arbeitenden Arbeitslosen gehören. Nur noch aus nostalgischen Gründen lässt sich die Ikonographie der Arbeits- losigkeit etwa Bertolt Brechts bemühen. Dass Menschen ohne Arbeit arbeitslos sein können obwohl sie arbeiten, damit hatte wohl nicht einmal der politische Liederschreiber gerechnet. Nicht wenige, die heute arbeitslos sind, könne man im Service an der Schlachte treffen, bringt es der Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel auf den Punkt. Ingo Schierenbeck sagt: „Wenn, das ist der klassische Fall eines Sozialstaates, festgestellt wird, dass unterschiedlich starke Akteure aufeinander treffen und der gesellschaftlich stärkere den gesellschaftlich schwächeren unterdrücken kann, dann ist der Staat aufgerufen, gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen, damit diese Unterdrückung nicht stattfindet – oder zumindest nicht ausufert.“ Der Sozialstaat wird aktiv – und der Springerkonzern macht seinen Briefdienstladen, kapitulierend vor der Gefahr, allen Mitarbeitern den „gerechten“ Lohn zahlen zu müssen, gleich ganz dicht. So werden Mindestlohn, Grundsicherung oder Grundeinkommen zur staatspolitischen Aufgabe und Herausforderung.

Denn der Branchen-Flickenteppich der tarifgesteuerten Lebensunterhaltssicherung hat viele blinde Flecken und Löcher: „Die Tarifbindung von Arbeitnehmern geht dramatisch zurück. Sie liegt, wenn überhaupt, noch bei 50 Prozent“, erklärt Schierenbeck. „Wenn keine Tarifverträge das Gehalt festlegen, ist es frei verhandelbar. Und eine Grenze nach unten gibt es nicht.“ Darüber hinaus gibt es große Erwerbszweige, die tarifliche Bindungen nur aus der Tagesschau kennen. So wäre ein (tariflicher) Mindestlohn ein Minderheitenprojekt, Klientelpolitik?

Kultur ist die Branche mit den meisten prekären Jobs. Keine geringe Zahl der freibe- ruflich Tätigen verdient ihr Geld in Kulturarbeit und -wirtschaft. Doch in den
akuten Politdebatten um die Einführung eines Mindestlohns geraten jene nicht so recht ins Blickfeld, die sonst gern angeschaut werden: auf Bühne oder Leinwand, in CD-Booklet oder Buchumschlag. Von all denen, die – im Studio oder vor dem heimischen Bildschirm – backstage arbeiten, ganz zu schweigen.

„Wir sind die Branche, die am meisten wächst – aber mit prekären Beschäftigungsverhältnissen“, meint Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats. Dieser hat unlängst mit der Gewerkschaft Ver.di eine Studie vorgelegt, derzufolge gerade mal ein Viertel der bildenden Künstler von ihrem Beruf leben können. Beim Rest füllt nicht die sprichwörtliche Berufung das Konto – sondern Jobs und Hartz IV müssen hel- fen. Die Künstlersozialkasse errechnete für die aktiv Versicherten 2006 ein durchschnittliches Jahreseinkommen von 11.094 Euro. Laut einem Gutachten der Friederich-Ebert-Stiftung muss ein Viertel der Vollzeitangestellten in Kultur, Sport und Unterhaltung mit weniger als 1700 Euro brutto im Monat auskommen. In der Gastronomie liegen 70 Prozent der Arbeitenden unter dem Durch- schnittseinkommen. So ist der Boom von Kulturwirtschaft, Unterhaltung und Tourismus auch ein Boom des Lohndumpings – oder/und, positiv gewendet, eben Vorreiter eines grundlegenden Wandels des Verhältnisses von Arbeit zu Freizeit zu Staat: Macht ein Mindestlohn für diese Branchen und ihre Freiberufler Sinn – oder schließen nach den Billig- briefdiensthökern dann flugs die (staat- lich nicht stattlich finanzierten) Kultur- läden? Das würde klassische Arbeitslose schaffen – statt neuer Arbeitsformen. Eine Grundsicherung oder ein Grundeinkommen könnten diese Arbeits- und Lebensalternativen dagegen sichern.

Wer bündelt Anliegen, wo jeder die eigenen vertritt? Die so genannte kreative Klasse ist zu vielfältig, als dass sie ein einheitliches Selbst-Bewusstsein und dazu- gehörige Forderungen nach politik-kompatibler „Gerechtigkeit“ entwickeln könnte. Die Einkommenssituation in kulturelen Kleinbetrieben, von Künstlern, Handwerkern, Dienstleistern und Freiberuflern wird nicht über Tarifverträge geregelt, sondern richtet sich nach dem, was der Einzelne gegenüber seinem Auftraggeber durchsetzen kann. Der Konkurrenzdruck wirkt als Lohndrücker. Die Zahl der bei der Künstlersozialkasse gemeldeten freischaffenden Künstler hat sich in nicht einmal 20 Jahren verdreifacht. Wenig Platz für eine weiträumige Interessenvertretung.

Kulturrats-Geschäftsführer Zimmermann sagt mit Blick auf die angemessene Bezahlung von Geisteswissen- schaftlern: „Es gibt natürlich wenig Angebote im Bereich des Volontariats und es gibt eine riesige Nachfrage. Das drückt den Preis. Aber das ist genau dieselbe Situation wie im Bau oder bei der Briefzustellung. Irgendwann haben Sie eine Situation erreicht, wo die Menschen ganz objektiv davon nicht mehr leben können.“ Ließe sich die angemessene Entlohnung von Volontären noch tariflich auf ein lebbares Maß bringen, ist bei vielen Kulturanbietern und -produzenten schlicht beim schmalen Budget Endstation. In ihrer neuen Kulturheimatstadt, klagt die neue Intendantin der Hamburger Kampnagelfabrik, Amelie Deuflhard, „ist so wenig Geld für Kultur da, dass man das Gefühl haben kann, dass die frei produzierenden Künstler nicht mehr als einem Hobby nachgehen.“ Und den Stundenlohn lieber gar nicht
erst hochrechnen.

Gerade weil ein Mindestlohn im diversifizierten Kultur- und Kreativ- Segment nicht qua Branchentarifvertrag einzuführen ist, gehören die Erwerbsbedingungen vieler dort Arbeitender auf die Agenda. Es geht hier um einen jener Bereiche mit „weißen Flecken“ auf der Lohn-Landkarte, die das Arbeitsministerium mit einem neuen Mindestarbeitsbedingungengesetz schließen will. „Der Mindestlohn kann hier als wichtiges Signal wirken“, meint Ingo Schierenbeck von der Arbeitnehmerkammer: „Wenn es gelungen ist, erst mal zu sagen: Für eine Stunde Arbeit – egal welcher Art – muss es in Deutschland mindestens 7,50 Euro geben, und das ist schon wenig genug, dann ist das eine klare Aussage, die für andere Branchen auch gelten muss.“

Oder die Show muss doch mal ausfallen – weil das Fehlen angemessener Vergütung der dort zu erbringenden Leistungen einfach nicht vertreten kann.

< Tim Schomacker

Mindestens mehr wert

In Politik, Stadt on 15. November 2007 at 01:19
Bremen verwirrt:
GERINGE TOLERANZ

Es war schon etwas später geworden, der Tag der versammelten Kulturszene ein langer gewesen. Die Energie ging zur Neige nach der ersten Verkündigung kulturhaushaltspolitischer Linien und Wege durch Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz. Viel war vom Sparen die Rede gewesen. Da hatte einer der knapp 150 Kulturmenschen aber doch noch eine wichtige Frage:Nach „Citi-post“ und „Mindestlohn“ klangen Wortfetzen, die von Reihe sechs oder sieben bis hinten in den Saal drangen und auch in der Antwort der Staatsrätin mehrfach vorkamen. Die lustige Frage machte die Runde, ob der Kultursenator sich bald auch um (zu?) günstige Handytarife der bremischen Künstlerschaft kümmern werde – oder dies gar im Gegenzug von kompetenten Vieltelefonierern und Technikfreaks der Szene erwarte?
Aber Vater Staat und Mutter Stadt sorgen sich nur, dass Kulturbetriebe zu Lasten von Niedriglöhnern sparen könnten. Das wäre nicht sozial, nach aktuellen Parteitagsbeschlüssen jedenfalls nicht sozialdemokratisch. Pragmatisch dagegen ist, jetzt nicht zu genau nachzurechnen, welchen Stundenlohn 1000 Euro im Monat bei Siebentagewochen und, sagen wir, 15-Stunden-Tagen ergäben. Das sind 2,22 Euro – Spaß am Kulturmachen nicht eingerechnet. Der ist der Mehrwert. Sowas gibts. Aber nicht weitersagen! Am Ende verbietet sich sonst plötzlich der Kulturgenuss.
Das wär ja was.

Maßstab über Bord!

In Kunst, Stadt on 2. Juli 2007 at 00:01

Die Ära Pierwoß geht zu Ende, eine neue ist noch nicht in Sicht: Was bleibt?

Am Anfang war die Ära: Gleich zu seiner Vorstellung wollte Kultursenatorin Helga Trüpel die „Ära Pierwoß“ starten – ein bisschen voreilig, fand ich. Aber nun ist es ohne Frage eine geworden: Klaus Pierwoß hat in 13 Jahren Bremen verändert – das Theater, die Kulturlandschaft, die Streitkultur. Und jetzt wird er hier also fehlen.

Klaus Pierwoß hat – das unterscheidet ihn schon einmal von seinem jetzt antretenden Nachfolger Hans-Joachim Frey – allzu große Vorankündigungen und Zukunftsprognosen meistens vermieden. Stattdessen wurden, jedenfalls hält sich das Gerücht hartnäckig, auf dem Fußboden des Intendantenbüros Spielpläne geklebt – grafisch einfach, inhaltlich überbordend, dispositorisch hochkomplex. Theaterstars und Auslastungszahlen wurden erst gefeiert, wenn sie denn da waren. Und weil Klaus Pierwoß mindestens so gerne feiert wie streitet, wurden Erfolge zu Partys – und auch die Partys zu Erfolgen: Dass die Lust am gemeinsamen Fest zur Kultur der Stadt gehört, dass auch Feste eine besondere Qualität haben müssen, dass nach mühsamen Verhandlungen und Auseinandersetzungen auch im kleineren Kreis gefeiert werden soll, hat der Theatermann uns Bremern wieder klargemacht.

Künstler in die Politik!

Weil die Politik keine ernsthafte Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur mehr bot, machten Klaus Pierwoß und Katrin Rabus mit ihrer verdienstreichen Initiative „Anstoß“ selbst Kulturpolitik: Die beiden setzten Themen, spannen Netzwerke, stießen an in allen Sinnen dieses Wortes. Dass diese Arbeit irgendwann ein überraschendes, fast abruptes Ende fand, mag an einem Generationswechsel liegen – sicher aber auch an Entsolidarisierung und dem Einzug von Unehrlichkeit, Politik und übermäßigem so genanntem „Controlling“ in die Szene; bis heute haben viele dazu kein eigenes Verhältnis gefunden.

Wenn Pierwoß – für sein Theater, für die ganze Szene, für einzelne kleine Einrichtungen – in die kulturpolitische Schlacht zog, bekam das manchmal rituelle Züge. Woran die immer und immer wiederkehrenden Attacken und Schwierigkeiten immer und immer wieder neu dahergelaufener Kultursenatoren ihren Anteil hatten – aber auch der sichere Instinkt und die Kunst der Inszenierung, die der im Theater selbst nicht regieführende Intendant perfekt beherrscht. Wenn Pierwoß Unehrlichkeit im kulturpolitischen Geschäft nur witterte, Verlässlichkeit vermisste, war er auf den Barrikaden. Für uns alle. Wenn sich dagegen in Anstoß-Debatten gelegentlich Unklarheit und politsprecherische Rhetorik breit machten, Interessen undeutlich oder gar Anflüge von Opportunismus ahnbar wurden – dann konnte Pierwoß bemerkenswert schnell und sichtbar ab- und auf Durchzug schalten.

Als sich im Sommer 2004 die Hansekogge von Bremen auf den schifffahrtstechnisch abenteuerlichen Weg bis zum Berliner Dom machte, um dorthin Bremens vergebliche Bewerbung um den Titel einer Kulturhauptstadt zu überbringen, hatte das Segelschiff zwei Kapitäne: Dieter Stratmann, der die Wasserstraßen kannte und beherrschte – und Klaus Pierwoß, der den Überblick übers große Ganze hatte. Er organisierte mit dem Handy Mitreisende, Radio- und Fernsehsendungen von Bord, besten Wein zur Nacht, Hotelzimmer in der ostdeutschen Pampa, Fußballübertragungen an frischer Luft im Gewittersturm – und managte ganz nebenbei per SMS noch Griechenlands Europameisterschaftssieg mit Otto Rehhagel. So skeptisch er das Projekt „Kulturhauptstadt“ beäugte, so fanatisch und liebevoll betreute Pierwoß die Kogge und ihre aus Seeleuten und Künstlern, Jungen und Alten bunt gemixte Mannschaft.

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Kapitän mit Weitblick und Feierlaune

Wie der Kapitän stundenlang allein vorn auf dem Schiff in die Landschaft guckte, sondierte und dachte – das war für mich das eindrucksvollste, schönste Bild dieser Ära. Jenseits allen Zaubers und Gebrüll.

Ob jetzt in Bremeneine neue „Ära“ beginnt, steht in den Sternen: Helga Trüpel ist schon lange nicht mehr Kultursenatorin und ihr Nachfolger Jens Böhrnsen wird so eine gewagte Prognose noch nicht wagen. Aber fürs Theater, für die Streitkultur und gute Feste haben wir jetzt, das war vor 13 Jahren anders, einen Maßstab.

Danke, Klaus Pierwoß!
Alles Gute, ciao, bis bald!

Nach den Clowns

In Politik, Stadt on 27. Mai 2007 at 01:27
Was nach sechs kabarettreifen Kultursenatoren von Kahrs bis Kastendiek kommen kann – und warum auch Szene und Einrichtungen für eine neue Politik verantwortlich sind

Ein neuer Senat macht noch keine neue Kulturlandschaft. Es gibt in Bremen eine Kulturverwaltung, die vor langer Zeit mal eine richtig gute Zeit hatte – mit damals neuen Ideen einer Kultur für alle – und die sich einer Neusortierung beharrlich entgegenstemmt. Es gibt Einrichtungen, die große Probleme – aus Not – mit kleinen Finanzspritzen angehen, die „Projektförderung“ genannt werden. Und Bremen bildet zwar Tausende Studenten in den Kulturwissenschaften, junge Menschen als Kulturmanager, Veranstaltungskaufleute, Designer, IT-Spezialisten und Künstler aus – aber alle verlassen die Stadt spätestens nach den ersten beruflichen Schritten, zuletzt fliehen sie geradezu panisch.

Dass mit einigen Ideen, verhältnismäßig wenig Geld und klaren Formen zur Ausschreibung, Jurierung und Realisation von Projekten die „digitale Boheme“, junge Künstler und eine innovative „Ideenwirtschaft“ recht schnell an die Weser zu locken oder ein paar Jahre zu halten sind, hat Bremens Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas gezeigt. Sie sind aber auch schnell wieder weg, wenn sie sich verarscht fühlen.

Förderung ist nicht alles

Deshalb braucht Bremen vor allem Möglichkeiten der Projektentwicklung – nachhaltig und verbindlich. Da Arbeitsbiografien nicht stringent verlaufen, lebenslanges Lernen zum Muss geworden ist und moderne Stadtentwicklung ohne kulturellen Motor nicht auskommt, muss eine den Lebens- und Arbeitswelten entsprechende Projektarbeit institutionalisiert werden – nicht im Sinne des Bewahrens von Erbhöfen, Lebensträumen und Subventionsansprüchen, sondern im Sinn einer so zuverlässigen wie durchlässigen Betreuung und Finanzierung durch den Staat, im transparenten Wettbewerb zeitgemäßer Ideen, Aufgaben und Anliegen.

Wenn die Grünen jetzt die „kreative Stadt“ proklamieren und die kulturpolitische Sprecherin der SPD, Carmen Emigholz, „endlich wieder über Ideen sprechen“ will „und dann über Umsetzungsmöglichkeiten“ – das klingt nach neuen Chancen für eine Kulturpolitik auf Augenhöhe mit Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung. „Der Pudding aber erweist sich beim Essen“, wie Klaus Pierwoß so schöne Versprechungen regelmäßig schön kommentiert. Dazu braucht es neben frischen Zutaten, liebevoller und kompetenter Zubereitung ja auch noch Appetit. Und Geschmack.

Kompetenz liegt brach

Konkret ist immer stressig: Braucht die Welt die teure (und ohnehin nur temporäre) Musealisierung von Gebrauchskunst und ihren Nebenprodukten, wie sie etwa das Designzentrum und die Günter-Grass-Stiftung betreiben? Muss jede Off-Truppe auf immerdar ihr eigenes „Haus“ bekommen und bestellen, muss jede Idee konserviert und also auf Jahrzehnte „durchgerechnet“ werden? Glaubt wirklich noch jemand mit politischem Sinn und künstlerischem Verstand, das Kulturchaos in Bremen-Nord würde durch technokratisch oktruierte „Strukturen“ beherrschbar? Warum da nicht mit zeitgenössischen Ideen, Forschung und Recherche vor Ort ganz neu starten – gerade weil das neue Kräfte statt der vielfältig gescheiterten fordert? Die Bremer Investitions Gesellschaft (BIG) kann das ganze Gelände des Güterbahnhofs zwischen Hauptbahnhof und Walle für eine kulturelle Nutzung anbieten – Raum auf Jahre oder Jahrzehnte für temporäre Architektur, künstlerische Existenzgründungen und manches Event. Vielleicht auch für die Breminale oder ein Nachfolgeformat. Kann die ewige Baustelle Schwankhalle nicht konsequent zur Dauerbaustelle „Stadtwerkstatt“ werden und mit immer neuen Ideen der Sorge begegnen, sie „gehöre“ wem?

Die Kulturverwaltung braucht interdisziplinär aktionsfähige Mitarbeiter und Referate. Dazu Kompetenz endlich auch für immer noch so genannte „neue Medien“ und für die Kulturvermittlung in allen Schichten der Gesellschaft. Apropos: Muss sich (Kultur-)Politik nicht endlich auch wieder der Medien der Stadt annehmen?

Die Kulturstadt braucht Institutionen zur Bewahrung des kulturellen Erbes wie zur Bildung des künstlerischen Nachwuchses. Fehlendes Geld führt zur Insolvenz und auch Konten von Freiberuflern sind hinterm Dispokredit zu Ende. Soviel ist klar. Aber Kultur ist nicht beherrschbar. Sie lebt von Ideen, immer neuen. Nur darum kann sie Stadtentwicklung leisten. Wenn Politik den Spagat leisten will, muss Kultur ihn mitmachen: Die Förderung von Ideen darf nicht zur Institutionalisierung oder zum Löcherstopfen missbraucht werden. „Sich ehrlich machen“ hat sowas mal der Chef des rot-grünen „Projektes“ im Bund genannt.

Carsten Werner

„Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißt der neue Wein die Schläuche und wird verschüttet, und die Schläuche verderben.“
Lukas 5, 37

Panorama für die Nerven

In Kunst, Radio, Welt on 4. Juli 2003 at 23:47

Radio Bremen hat eine Cyberoper produziert. „Neu-Romancer“ ist die ehrgeizigste Produktion des Jahres und erzählt von Nerven-Träumen und virtuellem Wahnsinn

Vor 20 Jahren, im Juli 1983, hat William Gibson auf einer klapprigen Schreibmaschine seinen Roman „Neuromancer“ beendet. Den Erfinder des Wortes „Cyberspace“ – bis vor kurzem erklärter Verweigerer des Internets – katapultierte das Buch zum Kultautor der Science-Fiction-Fans. Das Medium hat ihn eingeholt, unter www.williamgibsonbooks.com schreibt er ein Tagebuch.

Radio Bremens Hörspielabteilung setzt ihm jetzt ein akustisches Denkmal: Der „Neuromancer“ geht nach sechs Jahren Konzeption und Produktion ab 11. Juli als Dreiteiler auf Sendung und erscheint gleichzeitig als Hörbuch. Mit Hörspielchef Holger Rink präsentierte Regisseur Alfred Behrens jetzt seine „bisher größte akustische Herausforderung“ und deren ungewöhnliche Produktionsgeschichte – für Radio Bremen die ehrgeizigste und aufwändigste Produktion des Jahres.

Die Geschichte: Der Datencowboy Case ist am Ende, das Nervensystem von seinen Auftraggebern zerstört. Er erreicht die Matrix des Cyberspace nicht mehr und hält sich mit irdischer Kleinkriminalität und Drogenkonsum im korrupten Tokio über Wasser. Ein Deal verspricht ihm Heilung gegen Datenbeschaffung. Case gerät zwischen konkurrierende künstliche Intelligenzen und driftet in den virtuellen Wahnsinn … – wörtlich bedeutet der unübersetzbare Titel „Neuromancer“ vielleicht Nerven-Träumer.

„Was von Gibsons 20 Jahre alten Visionen hat sich realisiert, was ist Science Fiction geblieben?“, fragt sich Rink. „Wir haben ja heute emotional verarmte Leute mit bedenklich begrenzten Beziehungsmöglichkeiten.“ Und Behrens hat für diesen Übergriff der Technik auf die Nerven ein akustisches Panorama geschaffen: Ständig verpasst man was, will einer Stimme nachgehen, mehr hören – und verliert den Faden, stolpert über Soundbrocken, wird durch Piepser, Töne, Klingeleien irritiert.

Eine „ganz realistische akustische Verortung“ ermöglichten Alfred Behrens eigens eingesammelte O-Töne: Aus Istanbul besorgte ARD-Korrespondent Jörg Pfuhl Reality, den „Notting Hill Carneval“ lieferte die BBC und Malte Jaspersen schickte Tokio-Sounds. In der „Zeit“ las Behrens über Data Pop und Electronica – bald hatte Rink mit den auf solche Töne und ihre Erfinder spezialisierten Labels „morr-music“ in Berlin und „echobeach“ in Hamburg „Label-Deals“ ausgeheckt. Der „Neuromancer“-Soundtrack stammt komplett von ihnen.

In nur zehn Tagen wurden in den alten Studios des Rundfunks der DDR in der Berliner Nalepastraße über 30 Stimmen aufgenommen. Das sparte Fahrtkosten der Schauspieler und ermöglichte Behrens „die umgekehrte Reise mit einer Zeitmaschine, mit diesem Science-Fiction-Stoff zurück in die 60er Jahre“.

Im Bremer Studio spielten sich Behrens, Klaus Schumann (Ton), Claudia Jira (Schnitt) und Wolfgang Seesko (Assistenz) „in einer Art Kollektivimprovisation, mit Wiederholung und Variation“ akustische Bälle zu, spielten und experimentierten mit Sounds, Musik und Stimmen „wie eine kleine Jazzbesetzung“.

Die unvermeidliche Lohnt-sich-denn-all-der-Aufwand-Frage nach der vermeintlich so „kleinen Liebhabergruppe“ der Hörspielfans pariert Holger Rink mit einem kleinen Exkurs zur Verwertungskette der neuen Cyberoper: Am 8. August gibt’s für das „Neuromancer“-Hörbuch eine Record-Release-Party in der Berliner Volksbühne. Die WDR-Popwelle „Eins Live“ sendet das Stück auf ihrem Hörspiel-Sendeplatz, der nachts regelmäßig an die 100.000 Hörer lockt. Andere ARD-Anstalten wollen das Stück übernehmen – macht „mindestens eine halbe Million HörerInnen“, rechnet Rink.

Für so was braucht man die richtigen Stoffe – und Regisseure wie Alfred Behrens, der „etwas ganz anderes als den ARD-typischen Hörspiel-Kammerton“ suchte und fand.

Sendetermine: 11., 18. und 25. Juli, jeweils zwichen 22.05 und 23.30 Uhr im Nordwest-Radio

5.7.2003 taz Bremen Nr. 7096 Kultur 138 Zeilen, S. 27

Kurt Hübner: Der Möglichmacher

In Kunst, Werner on 27. Oktober 2001 at 10:00

Der ehemalige, im „Kultursenatorium“ nicht gelittene Generalintendant des Bremer Theaters wird 85 Jahre

Am 30. Oktober wird Kurt Hübner 85 Jahre alt. Von 1962 bis 1973 war er Generalintendant am Bremer Theater. Er wird seinen Geburtstag mit vielen seiner Weggefährten im Bremer Theater am Goetheplatz feiern. In gewissem Sinn beehrt er so noch einmal die Stadt, aus der im Jahr 1973 ohne offiziellen Abschied und Dank gejagt wurde: beleidigt, beschimpft und entlassen vom „Kultursenatorium“, wie er die Institution einmal bitter-ironisch nannte.

Mit der Entlassung Hübners endete Bremens, vielleicht sogar Deutschlands bedeutendste Theater-Ära. Für den damaligen Kultursenator Moritz Thape allerdings ein „völlig legaler Vorgang“, hatte Thape, der Hübner und dessen Arbeit nie sonderlich schätzte, doch nur den Vertrag des Intendanten nicht verlängert.

Hübners Verdienste indes sind so vielgestaltig wie seine Talente: Er holte die drei großen Antipoden des deutschen Theaters, Stein, Grüber und Zadek nach Bremen und konfrontierte sie mit Kresnik und Fassbinder, damals noch kreative Nachwuchskräfte. Im „offenen Vorsprechen“ entdeckte er in blutigen Anfängern schon große Schauspieler, etwa Bruno Ganz. Hübner brachte „Antitheater“ und „Living Theatre“, „Off“ und „Off Off“ ins deutsche Stadttheater und schaffte Verbindungen zu Musik, Bildender Kunst und Choreographischem Theater.

Gemeinsam mit Zadek produzierte er hierzulande das erste amerikanische Musical und unterlief, noch in Ulm, den westdeutschen Brecht-Boykott und damit alle Erwartungen und Konventionen der deutschen Bildungsbürger an „ihr“ Theater. Von nun an gehörten ein Offenlegen von Machtstrukturen sowie politisches Opponieren zum Alltag der Bühnen des Bremer Theaters.

„…von der Freiheit eines Theatermenschen“ heißt ein Film über Hübner von Marcus Behrens (heute um 14 Uhr auf N 3). Bremens ehemaliger Bürgermeister Koschnik begeistert sich darin über „Hübners Theater“, ein Theater, das der Gesellschaft einst eine Reihe neuer Anstöße gegeben hat. Zadek schwärmt von einer permanenten Theater-Party. Er kam sich vor wie „fünf Jahre lang auf einem Trip“.

Ästhetisch deutlich vom Bühnenbildner Wilfried Minks geprägt, entstand so unter der Ägide Hübners der berühmte Bremer Stil, in dem sich die Hansestadt bis heute allzugerne sonnt. Geprägt wurde der Begriff von der Zeitschrift „Theater Heute“, die sich am Bremer Geschehen derart interessiert zeigte, dass sie sich dafür flux den Spitznamen „Bremen Heute“ einhandelte. Hübner allerdings spricht lieber von der „Bremer Schule“, „weil da jeder in eine andere Richtung rannte und Zadek sogar in 17 verschiedene“.

Bis heute ist Hübner neugierig, im positiven Sinne „naiv“, immer unterwegs auf der Suche nach Neuem, Abseitigem und Aufregendem. Er unterrichtet Schauspielschüler, regt an, sammelt und sichtet die Szene. Beharrlich hält er Ausschau nach förderungswürdigen Kandidaten und jungen Talenten. Allerdings, die Messlatte liegt hoch: „Wenn ich nicht das Gefühl habe, der ist viel interessanter als ich selber, dann interessiert er mich nicht. Und das war vielleicht das ganze Geheimnis, immer“. Wahrscheinlich.

Der ehemalige Intendant feiert seinen 85. Geburtstag in Bremen. Tags darauf trägt er sich ins Goldene Buch der Hansestadt ein. Sein Lebensmotto nannte er einmal: „Trotzdem!“ Herzlichen Glüchwunsch!

27.10.2001 taz Bremen Nr. 6585 Kultur 48 Zeilen, S. 27

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