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Kino statt Fließband!

In Politik, Stadt, Welt on 6. März 2007 at 09:36
Baustelle Arbeit: Von der Losigkeit und ihrer Zukunft

Braucht die Welt eigentlich noch Arbeit? Schon. Aber braucht die Arbeit noch Menschen? Schon weniger. Goetz Werner, Besitzer der Drogeriemarktkette „DM“ sieht, polemisch zugespitzt, eine wesentliche Aufgabe der Wirtschaft darin, die Arbeit abzuschaffen – möglichst wenig Menschen möglichst wenig arbeiten zu lassen – und plädiert für ein Grundeinkommen, unabhängig von Arbeit, Ausbildung und Beruf. Reine Konsumsteuern würden die entsprechenden Einnahmen bringen. Eine beeindruckende Idee, die auch unter Wirtschaftswissenschaftlern zunehmend Anhänger gewinnt – zumal das finanzierbar scheint. Natürlich aber macht sich auch Angst breit: Wer das alles und wie man das alles missbrauchen könnte! Wer denn dann die Schrankwand als kleinen Luxus finanziert? Und überhaupt: So einfach alles anders? Steuererklärung auf dem Bierdeckel wäre ja schon schön – aber gar keine mehr?

Wer bin ich und wenn ja wie viele?

Es gibt auch Menschen, die der Gedanke entspannt, beruhigt, erleichtert: Selbständige, die mal ein, zwei Monate (oder Jahre!) durchatmen könnten, sich konzentrieren könnten, Zeit hätten. In Zeiten umfassender „Losigkeit“ wäre das schon eine Frage der Gesundheit, auch eine der Kreativität. „Arbeiten, um zu leben“ scheint nicht mehr dauerhaft notwendig und möglich – und warum soll nicht die Technik allein tun, was sie kann? „Leben, um zu arbeiten“ ist schon länger out, da ist die Freizeitgesellschaft davor. „Lebenslanges Lernen“ ist für manchen noch eine Bedrohung – für andere klingt das fast paradiesisch.

Wie sieht Arbeit in Zukunft aus? Fremdbestimmt oder selbstbestimmt? Abhängig oder unabhängig? Lohnt sie sich noch? Braucht sie überhaupt noch jemand? Braucht mich überhaupt noch jemand. Eher nicht. Aber was „bleibt“ von uns, wenn wir nichts mehr (oder anderes) „schaffen“? Arbeit hat jahrhundertelang unser (!) Leben bestimmt und geprägt. Deshalb lässt sie keiner so leicht und gern hinter sich – was kommt denn danach? Leben und Arbeit hängen zusammen, verdammt vertrackt. Während Politiker noch munter die Lüge von der Vollbeschäftigung verbreiten, überlegen sie schon lange, ob und wie Menschen überhaupt noch auf dem Arbeitsmarkt einsetzbar sind. Und die überlegen schon mal, wer und was sie ohne Arbeit überhaupt noch wären.

Kultur macht Arbeit

Bei diesem Nachdenken hilft und provoziert jetzt eine bundesweite Initiative der „Freunde der Deutschen Kinemathek“ im Rahmen des Programms „Arbeit in Zukunft“ der Kulturstiftung des Bundes: „work in progress“ untersucht in Filmreihen vor allem kulturelle Aspekt der Arbeit – die unerträgliche Realität ebenso wie die utopische Vision. In Bremen haben das Kino 46 und die Arbeitnehmerkammer ein Filmorakel im Angebot und fragen Zukunftsforscher, was sie aus Science-Fiction-Filmen lesen, untersuchen das aktuelle Verhältnis von Reisen und Arbeiten, kontrastieren die „digitale Bohème“ mit dem neuen Armutsbericht. Arbeit ist auch zutiefst privat.

Die Industrialisierung ist heute schon wieder Geschichte, Freizeit ist Wirtschaft geworden, Kultur macht Arbeit: Sich nicht zu verirren zwischen „Ich-AG“, „Biografie-Design“, Urheberrechten und Kleinunternehmersteuerfragen – das sind ganz neue Herausforderungen. (cwe)

Von der Leidkultur zur Streitkultur: Wie Schließen?

In Politik, Stadt on 4. Februar 2003 at 21:48

von cwerg @ 2003-02-04 – 21:48:43

kulturhauptstadt im kasten:
Die Debatte zur Bremer Bewerbung
– heute: Carsten Werner, Regisseur

Von der Leidkultur zur Streitkultur

Bremen bewirbt sich als Kulturhauptstadt 2010. Aber wie? In unserer Serie beziehen Kulturschaffende, Mäzene und Entscheidungsträger Position. Heute: Carsten Werner, freier Regisseur, Produzent und Kulturmanager

Nun kuscheln sie wieder: Alle finden’s toll, jeder ist dabei, Bremen wird Kulturhauptstadt. Oder auch nicht. Aber sogar das wird dann irgendwie toll gewesen sein, meinen viele. Die Bremer Kultureinrichtungen, gerade die effektiven kleinen, sind strukturell unterfinanziert und müssen jeden überregionalen Vergleich scheuen. Freie Künstler leben hier unter Sozialhilfeniveau. Aber alle wollen sich jetzt irgendwo zwischen Leidkultur und Maximalforderung arrangieren. Harmonie und Dialog sind angesagt – schon wieder, immer noch.

Streitkultur muss Bremen nach x langen Jahren großer Koalition erst wieder lernen. Kunst braucht Streit. Wer den nicht aushält, wird nicht Kulturhauptstadt. Für’s Durchwurschteln gibt’s keinen Preis. Lasst es rumpeln im Staate Bremen: Das hat Kunst so an sich, davon lebt und handelt sie – Zeit für Streit! Die Zeichen stehen gut: Neue Töpfe stehen in Aussicht, um Konzepte muss gerungen werden. Ob das Projekt Kulturhauptstadt zum „Motor der Stadtsanierung“ wird oder ein touristischer Gag bleibt, liegt auch an der Bremer Szene: Ist Kunstschaffen hier mehr als Besitzstandswahrung? Ein ehrlicher künstlerischer Prozess ist ereignisoffen und riskant, birgt aber die Möglichkeit einer überraschenden, zeitgenössischen, kunstvollen Neuerfindung der Stadt und ihrer Kultur. Das funktioniert nicht in Konsensrunden.

Gefragt ist ein Wettstreit um die besten Konzepte, die hellsten Köpfe, die größte Qualität und aufregende Projekte – um die schönste Kunst eben. Kultur ist diesen Streit wert. Initiieren muss ihn ein starker künstlerischer Leiter, der den Prozess sichtend und sortierend begleitet – die Ideen der Bremer Künstler dürfen nicht weiter ins Leere laufen. Aber bei der kunstbeflissen steuernden Staatsrätetruppe wird sich kein kompetenter Star vorstellen und denAntrag auf Erteilung einer Teilnahmeberechtigung an unserem Hauptstadtstadel abgeben – die richtigen Kontakte bringt die Szene in die Partnerschaft ein, das nötige Kleingeld hat die Stadt. Jahrzehntelang geübte Marotten braucht diese Beziehung nicht: Streit oder Kritik, frühestens nach der Wahl, nach dem nächsten Projektchen, nach dem Tarifabschluss, wenn halt mal Ruhe einkehrt… man kam ja zu gar nichts! Obwohl sich alle so bemühen – „Anstoß“ und Behördenmenschen, auch die ehrenwerten Handelskammer-Herren – viel rausgekommen ist noch nicht.

Jetzt wird es kunstvoll hauptstädtisch: Kultur ist wieder einen Streit wert. Und arg naiv ist, wer politische Profilierungsmanöver auf dem weiten Feld der Kultur verteufelt. Schön wär’s doch, wenn sich hier mal jemand nachhaltig profilieren würde! Die Politik hat Kultur zum Wahlkampfschlager gemacht. Sie taugt also wieder zur Profilierung – darin liegt ja wohl,nach politischen Tarifen, eine Wertsteigerung. Wie auch immer: Ohne Kultur geht es jetzt nicht mehr – also auf in den Kampf. Es muss ja nicht gleich eine neue Partei sein – KfB, „Kultur für Bremen“.

Nach der Finanzlage könnte es zunächst um den Kulturbegriff gehen: Zu eng gefasst wird der von KunstfunktionärInnen, die darunter einzig das Bildermalen verstehen wollen. Aber ganz „unbekümmert“ auflösen kann man ihn auch nicht – zu welcher Kunstlosigkeit das führt, zeigen die neuen Programme von Radio Bremen.

Andererseits: Zur Kulturhauptstadt gehören zwei: KULTUR und STADT. In Bremen sind beide noch lange kein Traumpaar. Es funktioniert nur, wenn die Stadt zu ihrer Kultur auch steht – und umgekehrt.

Das ist auch eine Frage des Geldes, des Respekts, und ja, von Lust, Macht, Erotik: Ein Ehevertrag muss her. Und Vertrauen in die Leistungsträger der Kultur. Lasst es krachen in der jungen Ehe: Was braucht Bremen an Projekten, Programmen, Produzenten? Und: Welche nicht? Wie schließen? – um Raum, Geld, Aufmerksamkeit zu haben für Neues? Hatten wir nicht mal ein Senatsressort für Stadtentwicklung? Es reicht nicht, Projektchen der Kategorien „wollten wir immer schon mal“ und „war doch nett“ hübsch zusammenzunageln. Zeit zum Kuscheln ist später. Wenn aus dem großen Traum doch nix wurde.

5.2.2003 taz Bremen Nr. 6972 Kultur 151 Zeilen, S. 23
taz-Serie

Ausgeglichenes Sündenkonto

In Kunst, Radio on 29. November 2002 at 21:00
Ausgeglichenes Sündenkonto

Die Ursendung des Hörspiels „Crazy Gary’s Mobile Disco“ im Nordwestradio

„88.3 – Schicksalsstories von Stage und Backstage, Geschichten über Leidenschaft und Liebe“ – Radio Bremen experimentiert wieder. Heute um 22.05 sendet das Nordwestradio das Hörspiel „Crazy Gary’s Mobile Disco“: Drei Männer erzählen Kerliges und Wehleidiges, stottern Beichten, banal und sprunghaft, absurd allemal. Zum Schreien komisch bis widerlich, wie in den Bekenntnisshows von Bärbel bis Reinhold. Nur: Bei Hörspiel-Regisseur Gottfried von Einem dürfen sie etwas weiter ausholen. Gute 20 Minuten gibt er jeder seiner drei Figuren.

Crazy Gary betreibt eine mobile Disco und macht die Karaoke-Konkurrenz gerne mit der bloßen Faust platt. Doch in einem „wunderschönen Augenblick postmoderner Epiphanie“ verliebt er sich. Mit der „verdammt makellosesten Perle“ könnte jetzt das schönere Leben beginnen.

Pete ist arbeitsloser Künstler, nennt sich „Mathew D. Melody“ und bringt beim Karaoke „mit einem Lied die Liebe zum Leben.“ Aber das Arbeitsamt zwingt ihn an die Supermarktkasse, achtlos wirft er Colaflaschen weg, ermordet ungewollt Kätzchen – oder starrt der Arbeitsvermittlerin auf die Brust. Sein Sündenkonto bringt er mit Blitzgebeten und Erklärungs-Postkarten ins Reine. Ein Lieber, der oft rot sieht.

Russel will seit Jahren cool die Stadt verlassen – und seine Freundin. Doch etwas hält ihn, seine Lady hat leichtes Spiel, den Abschied immer zu verschieben. Eine Geschichte, vor Jahren Stadttratsch, läßt ihn aufhorchen: Zwei Schulfreunde wurden sexuell genötigt… Eine Rechnung ist noch offen.

Unspektakulär schiebt Hörspiel-Autor Gary Owen in seinem Drei-Monologe-Erstlingsstück die Erlebnisse aneinander. Wie im guten Krimi zeigen die letzten Minuten, was drei ausgewachsene Männer – jeder für sich ein Monstrum aus Gefühlen und Gewalt – verbindet. Was sie nötigt, so zu sein, wie sie sind. Der Medienalltag stellt Freaks aus, Owen erzeugt mit sporadischen Andeutungen Background und Tragödie. Angemessen schnoddrig gesprochen, mit heiligem Ernst und spannender Verwirrung, ist das Experiment geglückt: Kino im Kopf, Theater für die Ohren.

29.11.2002 taz Bremen Nr. 6917 Kultur 77 Zeilen, S. 23

Verzweiflungsgequatsche

In Kunst, Radio on 7. Juli 2002 at 10:00

Flimmerkiste aus, Radio an: Big-Brother-Talk auf Radio Bremen. Da läuft Freitagabend Christine Wunnickes Hörspiel „Start me up“

Vier Leute suchen …, ja was denn eigentlich? Einen Job, einen Partner oder vielleicht auch gleich zwei. Auf jeden Fall suchen sie Erfolg. Und Zuhörer. Denn irgendjemand muss ihnen gesagt haben, dass Quasseln lebensnotwendig sei, um weiter zu kommen, erfolgreich zu sein.

Vier Leute, wie Jenny Elvers und ihre Mackermänner Heiner Lauterbach und Alex „big brother“ Jolig oder auch unsere Nachbarn um die Dreißig. Mit ebensolchen Leuten hat die Autorin Christine Wunnicke nun ein Kommunikationsdesaster sondergleichen für Radio Bremen angerichtet. Nach dem Motto: „Ich rede, also bin ich“ ist das tragische Gequatsche am Freitagabend zu hören.

Von Manu zum Beispiel. Sie ist 36, fühlt sich frei, Kinder wären „der Horror“. So erlebt sie die Welt aus Hollywood-Perspektive und vergewissert sich in einem videobegeisterten Redeschwall regelmäßig bei ihrem aktuellen Freund, ob sie irgendwie nerve? „Nö“, findet der und liefert brav alle Filmtitel, Schauspielernamen und Handlungsgerüste, die seiner Dame durcheinander rutschen.

Konflikte reduzieren sich da auf die Frage, ob Michael Douglas nun „in dieser Scheidungs-Schuld-Geschichte“ in die Waschmaschine gekackt oder nur in die Suppe gepinkelt hat. Enthusiastisch emotional wird Manu (wunderbar durchgeknallt: Susanne Schrader), wenn es um „Verzweiflung pur“ geht, um den UPS-Mann! Denn das sei in Hollywood der dazu gehörige und schon klassische Masterplot, „wenn jemand mit dem UPS-Mann vögelt.“

Weil ihr Partner (niedlich einsilbig: Konstantin Graudus) so wenig redet, macht Manu das für ihn mit: „Du findest mich echt krass. Du wärst mich gerne los. Ich muss immer für dich mitdenken! Ob ich Scheiße bin? … Also, wenn ich mit mir leben würde, ich würde mich rausschmeißen.“ Also macht sie Schluss.

Zuhause zum Stichwortgeber aus dem Beziehungs-Off degradiert, betextet ihr Ex in seinem Start Up das Bewerbungsgespräch einer jungen Doktorin der Islamistik fast im Alleingang: „Yep. Wir machen. Wir mastern. Wir motzen auf. … Um fair zu sein: Deinen Doktor brauchst Du hier echt nicht.“ Gesucht wird schließlich eine Assistentin, naja Sekretärin, naja irgendwie sowas wie Julia Roberts, eine, die managen kann und nicht nur schön aussieht.

Was in diesem neuen Mastering-Unternehmen gemastert werden soll? „Verschiedene Projekte. Auftritte. Features. Events. Krimskrams.“ So ein Start Up macht viel Arbeit, kreatives Chaos, ganz ohne moralischen Druck, aber bitte mit Teamgefühl. Der Erfolg gehört dem Team, „davor müssen wir halt alle Abstriche machen“. Und wer kocht jetzt den Kaffee?

Manu startet inzwischen eine neue Partnerschaft – mit dem Kompagnon des Ex (Bernhard Schütz). So sind die Synergien auch privater Art und man bleibt freundschaftlich im Gespräch. „Du musst keine Kinder haben, um was zu beweisen,“ findet Manu. Aber Kinderlosigkeit könnte bedeuten, dass der Eierstock nicht funktioniert. Aus der neuen Verbindung entsteht ein Baby. Jetzt wird das Ultraschallbild diskutiert und auf dem Mousepad verewigt. Und gleich wieder gibt es Neues von der Beziehungsfront: „Ich sollte das jetzt probehalber mal machen. Weil Du nicht der Typ bist, der sich trennt.“ Und prompt macht sie Schluss.

Zum freitagabendlichen Fernsehtalk gibt es also morgen eine Alternative: „Start me up“. Hörspielregisseur Gottfried von Einem hat das ganze Kommunikationsdesaster zu knackigen, komischen 37 Minuten beschleunigt und verquirlt. Übrigens: Ein paar Frequenzen weiter läuft auf N3 ein Alida-Gundlach-Special, Ähnlichkeiten mit der Big-Brother-Frau nicht ganz ausgeschlossen. Wählen Sie selbst.

„Start me up“ im NordwestRadio

18.7.2002 taz Bremen Nr. 6803 Kultur 135 Zeilen, . 23

Den Dampfwalzen zum Trotz

In Kunst, Radio on 1. Juli 2002 at 23:58

Christiane Ohaus inszeniert Hermann Hesse als Hörspiel im Nordwestradio. Sie selbst hat lieber Marx und Adorno gelesen, weil Hesse meist „zum Schwampf und gedanklichen Höhenflug“ neigt

„Es gibt politische Stoffe, die muss man einfach machen“, findet die Hörspiel-Regisseurin Christiane Ohaus. Die Bücher von Hermann Hesse gehörten für sie allerdings lange nicht dazu. Mit 15 Jahren hat sie – anders als die Hesse verschlingenden KlassenkameradInnen – „nur Marx, Hegel und Adorno“ gelesen und hielt Hesse-Werke für „individualistischen Scheiß“, kitschig, ausufernd und jedenfalls nicht sehr relevant.

Zum 125. Geburtstag des Dichters, der heute noch für ein Drittel des Umsatzes des Suhrkamp-Verlages sorgt, inszeniert die 43-Jährige jetzt für Radio Bremen und den Hessischen Rundfunk den „Steppenwolf“. Der Dreiteiler ist ab Ende Juli im NordwestRadio zu hören, als Audiobook zu haben und ab 21. Juli auch im Internet zu erleben. Gleichzeitig führt sie Regie bei fünf Folgen „Glasperlenspiel“.

Dabei ist Hesse für Christiane Ohaus auch heute noch „kein guter Schriftsteller“. Er neige „zum Schwampf, zum gedanklichen Höhenflug“ und wo er nichts Treffendes finde, da reihe er Adjektive aneinander – ein klassisches Merkmal der Kitsch- und Trivialliteratur.

Aber Hesse war für Ohaus auch „ein unglaublich engagierter, radikaler Schriftsteller, von bedingungsloser Aufopferungsfähigkeit, der mit aller Kraft um eine Position, für politische Haltung und eine demokratische Kultur“ gekämpft habe. Gegen Macht und Nationalismus, gegen den drohenden Zweiten Weltkrieg. „Hesse vermisste politische Vernunft da, wo die politische Macht liegt und forderte daher einen Zustrom von Intelligenz und Intuition aus nichtoffiziellen Kreisen“. Mit diesem Nonkonformisten hat sich Christiane Ohaus dann doch angefreundet, sich immer tiefer in seine „Textgewebe“ versenkt und ist beim Lesen schließlich „in eine Art Trance geraten, in eine völlig andere Welt.“

Die Konstruktionen seiner Romane seien „sehr komplex und modern, befindet Ohaus heute. Der „Steppenwolf“ sei wie die Sätze einer Sonate aufgebaut. Der melancholische Held des „Steppenwolf“ Harry Haller kollidiert mit den absurden Anpassungszwängen einer ausgelaugten Zivilisation, ringt mit sich selber und der bürgerlichen Welt um eine klare Position. Ohaus: „Diesen Dualismus, diese Zerrissenheit treibt Hesse bis an die Grenze, bis zur Persönlichkeitsauflösung.“

Auch in ihrer „Steppenwolf“-Fassung werden Grenzen verschwimmen, wie Hesse will sie „das Gewisse verlassen. Welten erfinden. Keine Frage mehr, was real ist und was Fiktion. Hesse schlägt Rollenwechsel vor.“ Was ihn vor allem für Pubertierende zum Kultautor avancieren ließ.

Kann eine Gesellschaft Individualität ermöglichen? Mit Hermann Hesse will Christiane Ohaus „menschliche Lebenswege betrachten, nachdenken darüber: Wie könnte ein glückseliges Leben aussehen? Wie kann der Einzelne sich unmittelbar verwirklichen?“ Hesse träume „von einer Welt frei von unmittelbarem Zweck. Kultur als Produkt, als Ware verkaufen zu müssen, das wäre für ihn grauenhaft gewesen“. O-Ton Hesse: „Wir Geistigen haben, allen Dampfwalzen und Normierungen zum Trotz, das Differenzieren zu üben und nicht das Verallgemeinern.“ Schön, dass so was im Radio nochmal gesagt wird.

„Der Steppenwolf“ läuft im NordwestRadio auf 88,3 MHz am 26.7., 2. und 9. 8. um 22.05 Uhr. Das „Glasperlenspiel“ wird vom 23. bis 27.12. gesendet. Das Feature „Kinderspiel und Greisenglück“ sowie weitere Termine und Informationen zu Hesse sind zu finden unter www.radiobremen.de/online/hesse

2.7.2002 taz Bremen Nr. 6789 Kultur 125 Zeilen, S. 19

Weltwut & Körperflüssigkeit

In Kunst, Werner on 18. Dezember 2001 at 23:55

von cwerg @ 2001-12-18 – 23:55:20

Ben Becker mit Klaus Kinski on Tour

Schon Klaus Kinskis jugendlicher lyrischer Auswurf voll Weltschmerz, Weltwut und wahrer Körperflüssigkeitenflut kündet von einem intensiven, scheinbar egomanen Maniac: „Die Menschen sind bis tief ins Herz verhurt! / was wollten sie von mir! ich hatte nichts getan!! / ich hatte nur mein Leben durchgerissen, / weil sie mir Eiter in die Seele pissen!! / ich krümmte mich unter der Nachgeburt, / die mir im Wirbel flattert wie ein irrer Hahn“ – heißt es im Gedicht „Irrenhaus“.

Der Jungschauspieler Kinski, mit 26 Jahren noch still, prüde, sanftmütig, „reißendes Lamm unter Wölfen“, kümmerte sich 1952 rührend um eine todkranke, sechzehnjährige Geliebte. In diesen wenigen Wochen soll er vehemente und metaphernreiche Wortkaskaden rauschhaft niedergeschrieben haben, die erst jetzt unter dem Titel „Fieber – Tagebuch eines Aussätzigen“ erschienen: Seit 1953 waren Geliebte und Gedichtetes verschwunden, nie erwähnt.

Zum Gedicht-Bildband gibt es ein Hörbuch: Der Schauspieler Ben Becker und Alexander Hacke, Kopf der „Einstürzenden Neubauten“, haben sich Kinskis „Weltirrsinn“ und weiterer Texte angenommen. Hacke hat aus Alltagsgeräusch und Allerweltsrauschen, aufgenommen im und ums Krankenkaus, sinnige Klangteppiche gesponnen. Becker horcht, spürt und schmeckt den genialischen Ergüssen Kinskis ironiefrei nach. Die Performance zum Hörbuch gab es jetzt live im Theater am Goetheplatz: die Musiker Ulrik Spies (Percussion) und Jacki Engelken (Elektronisches) erweitern oder verstärken Hackes Klangkunst mit einigen Live-Zutaten, Ben Becker gibt vor jugendlich gefülltem Haus den Kinski.

Oft unsensibel laut und basslastig verstärkt, wühlt er sich durch Wortmassen und Bildungetüme – mit argem Druck: So beeindruckend die errungenen Höhepunkte sind, wenn er schreiend und zugleich staunend zu Kinski-Becker verschmilzt, so anstrengend ist live dieser Weg entlang der Grenze zur Parodie. Das wird dann auch mal unfreiwillig komisch geknödelt: „Ich bin ein Mutterkuchen!“ – Naja. Bisscken dicke!

Das ist schade, weil Ben Becker – nicht nur im Hörbuch – auch ganz anders kann: Wenn er nicht wie Kinski klingen muss, sondern bei sich und seiner Musikalität bleibt, gelingen wunderschöne Hörkunststücke:

Ganz klar feiert er dann den „Jazz!! / Unsterblichkeit der Nerven!!“ – oder musiziert den „Orient: Komm! amoktoller Mohn! / Komm! Lustbesautes Bett! / … / Ich seh auf Deinen scharfgeschliffnen Brüsten / den blutgeflammten Schaum des Himmels winken! / Komm! laß und schnell zusammenrasen / Blut in Blut!!“. In manchen Momenten reichen ein Paar Gummihandschuhe an Musikerhänden, ein paar stille Tanzschritte oder fahles Neonlicht, um Kinskis wilden Worten Bilder zu geben, einfach und gut. Dann ist Ben Becker vielleicht bei Kinski, bei dessen großem Porträt auf der Bühne er sich immer wieder rückversichert.

Abschied: „Ich richte mich auf – ganz steil – wie es Baeume tun, wenn sie wissen, daß es Zeit zum Sterben ist – – – ich muß weg von hier!!“ – und Becker/Kinski geht.

19.12.2001 taz Bremen Nr. 6630 Kultur 45 Zeilen, S. 23

Bei arte ist Bremen Tanzhaupstadt

In Kunst, Medien on 12. Dezember 2001 at 19:30

Die „Bewegten Spuren“ von Marcus Behrens

Bremens Mann bei arte ist Marcus Behrens: Der 33jährige Bremer Filmemacher arbeitet seit 1987 als Journalist, Hörfunk-Moderator und Nachrichtenchef bei Radio Bremen. Er hat für arte das Musikmagazin „Tracks“ erfunden – und ist jetzt so etwas wie der Tanz-Beauftragte des Kulturkanals. arte nämlich hat für den Tanz sonntags um 20.15 Uhr einen prominenten Sendeplatz eingerichtet, für den Behrens innerhalb der ARD „die“ Anlaufstelle ist. Für ihn, der schon mit zwölf Jahren fasziniert von Reinhild Hoffmanns Bremer Tanztheater war, schließt sich damit ein Kreis.

Heute (20 Uhr) wird im Maler-saal des Bremer Theaters sein Film „Bewegte Spuren“ uraufgeführt. Behrens verbindet darin die Beobachtung der Arbeit von Urs Dietrichs international besetzter Tanzcompagnie an der Produktion „Appetit mit einer Spurensuche in der Geschichte des Tanz-Theaters. Die Spielarten und Protagonisten des jungen Genres waren (außer Pina Bausch) allesamt eng mit Bremen verbunden. Mitte der 60er Jahre erfand Johann Kresnik sein Choreographisches Theater, „eine Geschichte erzählen“ sollte es, und politisch Stellung beziehen. Das war bis dahin im klassischen Ballett undenkbar. Ihm folgten Gerhard Bohner und Reinhild Hoffmann, die den Begriff Tanztheater prägten, sein Publikum entwickelten – und Bremen endgültig zum Mittelpunkt der Tanzwelt machten. Daran knüpften Heidrun Vielhauer und Rotraud de Neve, in den 90ern ein zweites Mal Hans Kresnik, und schließlich Susanne Linke und Urs Dietrich an.

Behrens zeigt zuweilen bizarr anmutende Bilder aus 30 Jahren Tanzgeschichte, während ihre Erfinder aufeinander bezugnehmend von ihrer Arbeit erzählen. Mitglieder des heutigen Ensembles berichten aus ihrem Bremer Alltag – und vom bremischen Tanztheater-Mythos, der sie aus Korea oder Brasilien an die Weser lockte … Ein Zentrum der Entwicklung zur Tanzmetropole war immer das Concordia als lange Zeit einmalige Raumbühne, in der Produktionen entwickelt, probiert und gespielt werden können – „bei der Übertragung von einer Probebühne auf die große Bühne verliert eine Inszenierung immer“, sagt Reinhild Hoffmann. „Hübner hat mit Kresnik hier etwas möglich gemacht, was es bis dahin nicht gab.“

Die Sparte Tanztheater wie die Spielstätte Concordia waren immer wieder Ziel von Angriffen der Kultursparkommissare. Klaus Pierwoß weist in Behrens Film darauf hin, wie wichtig es sei, für die Tanzkünstler gelegentlich das Wort zu erheben und sie gegen Sparkommissare und andere Banausen zu verteidigen. Schließlich sind die Tänzer und Choreographen nicht immer (wie Hans Kresnik) Leute der großen und lauten Worte, sondern drücken sich eben in erster Linie körperlich aus. Marcus Behrens Film kaschiert das nicht.

Im Herbst hat Behrens mit dem Choreographen Rui Horta in Portugal einen Tanz-Kurzfilm gedreht: „Im Freien, nur Bewegung, ohne Worte – ein Dance-and-Motion-Picture. Weitere internationale Tanz-Film-Produktionen für arte sind im Entstehen. Sein Traum wäre ein abendfüllender Spielfilm, getanzt und gedreht in den Straßen Brasiliens.

In Bremen hat er die Eigenart der Bremer entdeckt, „das kaputtzumachen, was erfolgreich ist – und dafür das erfolgreich haben zu wollen, was überall anders schon erfolgreich ist. Diese Stadt ist wie ein kleines Kind: Statt zu fördern, was neu ist und Erfolg hat, springt man immer auf schon abgefahrene Züge. So will er auch nicht der Bremer Regionalreporter für arte sein, sondern sich weiter auf Spurensuche auf der ganzen Welt begeben. Gelegentlich kommt man dabei auch an der Metropole Bremen nicht vorbei.

Carsten Werner

13.12.2001 taz Bremen Nr. 6625 Kultur 51 Zeilen, Carsten Werner S. 27
Rezension

Die Kunst des Nervensägens

In Kunst, Medien on 11. Dezember 1993 at 21:14

Zum Zuschauen, Entspannen, Nachdenken: Ein vernichtender Leserbrief, eine gebührende Antwort

Wieso muß, wieso kann, warum will die taz sich einen Kulturredakteur leisten, der nichts auf der Pfanne hat, als die Sprache der Künstler und Kulturveranstalter seines journalistischen Provinzreviers mehr oder weniger witzig auseinanderzupflücken und so ihre Ideen und Inhalte zu verarschen und für dämliche Wortspielchen zu verramschen – offensichtlich ohne jedes Interesse und ohne den Anflug einer Kenntnis der Materie?

Manfred Dworschaks halbgare Sprüche und Artikel durchzieht immerhin ein Gedanke konsequent: Kunst ist meistens uninteressant, wenn nicht gar unverständlich und also langweilig und albern. Daß Künstler ihre Kunst auch noch mit Worten beschreiben oder betiteln (weil man Kulturschreibern oft genug die Worte in den Kuli pusten muß, damit sie sich überhaupt zur Wahrnehmung durchringen), ist nicht ihre Aufgabe und also bester Witz-Stoff. Das kann der witzige Manfred Dworschak viel besser: „Kultur ist Scheiße!“ möchte man schreien mit ihm, fast täglich, statt seitenweise Stammtisch- Gestammel runterzuwürgen, über seinen gestörten Redaktionsfrieden, über seine irre Sorge um zuviel Kunst auf seinem kleinen Schreibtisch und über seine persönlichen Probleme mit Zahnbürsten-Verpackung. Kultur-Politik erledigt er fast nebenbei: Heyme hochjubeln und Heyme kaltstellen, das schafft er rasant wendend geradezu in einem Rutsch. Die u.a. von seinem taz-Kollegen Thomas Wolff in Schwung gebrachte Concordia-Initiative der freien Theater kanzelt er mit zwei launigen Sprüchen ab. – Das Muster ist für diese politischen Stellungnahmen wie für die Volksstimme-Kritiken dasselbe: Hauptsache, die Sprüche peppen und die Überschrift zischt ordentlich. Kritisiert werden auf einer ganz vordergründigen äußerlichen Ebene (fehlende) Formen und Ansprüche, die die taz bei ihren eigenen Mitarbeitern übrigens nur zu oft und gerne akzeptiert.

In der ersten Reihe der taz- Kultur kläfft und blubbert jemand selbstvergnügt und wortbesoffen (und verhältnismäßig gut und sicher bezahlt) gegen die, die er nicht ernstnehmen kann oder will, die in Kunst und Kultur als Versuch, als Streitobjekt, als Lustgewinn immerhin und immer wieder einen Sinn sehen oder suchen.

Lieber Manfred, trag doch Deine pseudoliterarischen (oder pseudojournalistischen?) Wortketten in den Copyshop, bastle ein hübsches Bändchen im Selbstverlag, vertreib‘ es in der Heimat und hoff‘, daß nicht irgendein blöder Kultur-Reporter Dich fragt, warum Du das tust, was Du damit meinst und wen das interessieren soll. Bei der taz mach‘ Platz für eine mit Lust auf kulturelle Auseinandersetzung, auf Streit und Kritik auch und auf künstlerische Prozesse – und zur großen Lust ein bißchen Ahnung und Interesse. Dann wollen wir Dir Dein Generv und die Beleidigungen gerne verzeihen und uns ewig freuen an Deiner schönen Wortschöpfung vom „Quargel“

Carsten Werner

Lieber Carsten Werner,

das Lustigste ist, daß du ja wirklich glaubst, ich hätte Heyme „hochgejubelt“ bzw. im nächsten Augenblick „kaltgestellt“. Das ist aber nicht die Wahrheit, sondern es ist deine Phantasie, die sich naturgemäß an der Vorstellung des Hochgejubeltwerdens entzündet, um vor der dann leider drohenden Kaltstellung umso heftiger zu erschaudern. Die Wahrheit ist, daß dein „Junges Theater“ auch weiterhin weder das eine zu erhoffen noch das andere zu befürchten hat, und wenn du mir noch so viele Kulis mit Worten vollpustest. Auch Heyme mußte schließlich alles selber machen, und ich hatte genug zu tun, es aufzuschreiben.

Oft kommt’s ja auch noch soweit, daß ich mit Kunstwerken zu schaffen habe, denen gerecht zu werden mir immer viel Müh und Plag und Skrupelei bereitet. Im Grunde finde ich schon kaum mehr die Muße, „Kultur ist Scheiße!“ zu schreien, denn unverhofft kommt dann wieder einer dieser Deppen daher, mit denen ich viel Freude habe, und schreibt beispielsweise mit meterhohen Lettern „ICH BIN GOTT“ an die Wand des Forums Langenstraße. Ich aber lächle ganz selbstvergnügt und schreibe: „O Leute, schaut, da kommt schon wieder ein Depp daher! Laßt uns ein Spielchen treiben mit ihm!“

Das ist dir zu böse? Soll ich den Kerl lieber ernstnehmen mitsamt seinem Versuch und Streitobjekt und Lustgewinn immerhin und immer wieder? Du weißt nicht, was du verlangst. Ich aber weiß wenigstens, was du stattdessen gern hättest, und weiß Gott nicht nur du: eine Kulturkritik, die einen jeden, der sich Künstlervisitenkarten druckt, mit den Würmern des Wohlwollens päppelt, bis der Kuckuck vollends fett und doof ist.

Das Schöne ist jetzt natürlich, daß gerade so die hergebrachte Kulturkritik vonstatten geht. Selbst einem, der mir nichts, dir nichts durch die Welt schlendert und für Geld mal blaue und mal gelbe Stangen aufstellt, schluffeln noch zehn Rezensenten hinterdrein und wackeln berufsmäßig mit den Köpfen dazu. Ja wir dürfen von einem ganzen vielreflektierten Kunstgenre sprechen, welches aus nichts besteht als aus einem alten Trick: Man nehme ein Ding und schleppe es getrost einmal ganz woanders hin; gerne auch den Granitklops auf die Straßenkreuzung, die Alpenkiesel auf den Rembertikreisel, die Discolasershow aufs Kongreßzentrumsdach. Gottchen, selbst ich, der ich meine Probleme noch lieber mit Zahnbürstenverpackungen habe, käme in einer halben Stunde auf Stücker dreißig solcher Einfälle und bin jederzeit bereit, das unter Aufsicht eines Notars zu beweisen. Immer aber werden sich Menschen finden, die ihre Kinder lieben und Mozart hören und dann aber hingehen und von der „Irritation eingefahrener Sichtweisen“, von „neuartigen Raumzeitbezügen“ und sowieso von „Denkanstößen“ skrupellos umeinanderschnattern.

Ich finde, es übt auf ein solches Geistesleben noch die erfrischendste Wirkung aus, wenn ich zu einem Deppen einfach „Depp!“ sage, auch ohne daß ich vorher die Salzwüsten seines Verstandes durchgrübelt habe. Oder soll ich nochmals und abermals analysieren und entlarven, was als Affigkeit allen Augen offenbar ist, und es sagt nur keiner? Nein, der Kulturkritik mit Herz ist schon auch die Arbeit des Sortierens und zur Not des Wegpfefferns aufgetragen; hinterher kann’s dann ja wieder jeder bestreiten. Aber daß ich einen, der für ein paar Mark in der Gegend herumirritiert, mit ausgesuchter Ernsthaftigkeit behandeln soll, das möchte ich nun meinerseits ablehnen wie jede andere Komplizenschaft auch.

Ich denke vielmehr, daß man die ganze friedsam schnarchende Kunstdebatte erfreulich befördern könnte, indem man endlich die Kategorien des Absahnerischen, des Selbstmörderischen und des komplett Bescheuerten einführte. Wie viele Seelchen könnte man noch früh genug abschrecken, und wie herrlich schwer hätten’s die Abgebrühten, denen die Kunst derzeit immer leichter von der Hand geht.

Fast möchte man meinen, der Kunst selber wäre wohler, wenn es ihren ehemals guten Namen nicht länger geschenkt gäbe. Manch einem, der ihn sich verdienen möchte, würde einfallen, wieviel der Wert eines Werks hat ja doch mit der Arbeit zu tun hat, die sich in ihm vergegenständlicht. Die Betrachter jedenfalls hoffen inständig, sie zu entdecken, weil sie zu Recht nicht ertragen, daß sich einer etwas erschleicht. Da sind sie eigen. Unbeirrt finden sie den Wert des Kunstwerks darin erfüllt, daß da eine schwere Arbeit zu großer Leichtigkeit geführt hat.

Umso schwieriger wird es aber für unsereinen, wenn die schwere Arbeit in schwerer Ödnis endigt, wenn das ganze verdienstreiche Schwitzen nichts geholfen hat. Das ist es vermutlich, was du, lieber Carsten, zu den Problemen einer „ganz vordergründigen, äußerlichen Ebene“ rechnest, die ich doch zugunsten der Inhalte, des Bestrebens und des unveräußerlich guten Willens nicht gar so wichtig nehmen möge. Bedenke aber bitte, daß mit der selben Leier von den „Ideen und Inhalten“ die Dummheit persönlich in aller Majestät vor sich hin zu lärmen pflegt, sobald sie sich zur Bewältigung der Formen und anderer Äußerlichkeiten nicht mehr imstande fühlt; ja man kann sie geradezu daran erkennen.

Nun hat natürlich ein jedes Menschenskind ein gewisses Recht auf „künstlerische Prozesse“, wo’s nicht so drauf ankommen soll, und wir berichten redlich und in voller Breite über all das Gewusel. Sobald es aber als Kunst vor die Leute tritt, sobald es an die Beurteilung geht, ist es aus mit den Prozessen; da zählt nicht mehr das Sinnen, Trachten und Schwitzen, sondern das Werk, dem man’s nicht mehr ansieht. Der Sinn der Kunst ist es, sehr, sehr gut zu sein. Einen anderen hat sie nicht.

Wenn es uns nur gelänge, in die Debatte, was Kunst sei und was Quargel, ein bißchen Geist und Bosheit zu rühren, so daß sie endlich richtig anhöbe, das wär schon was. Die Förderung des Leichtsinns bzw. Größenwahns unter Dilettanten rechne ich nicht zu unseren Aufgaben. Gegen diese Unerfreulichkeiten wird weiterhin dann und wann ein gut gespitzter Witz in Anschlag gebracht, zumal man Leute, die eben gelacht haben, schon gar nicht mehr so leicht verblöden kann. Nein, unterschätze mir die Lacher nicht, Carsten Werner. Ihresgleichen habe ich noch lieber als dich auf meiner Seite, es sei denn, sie wären nach deine spaßigen Brief etwa übergelaufen. Manfred Dworschak

8.12.1993 taz Bremen Nr. 4183 305 Zeilen, Manfred Dworschak S. 19


Lieber Manfred Dworschak,

als Lacher hast Du mich seit Jahren oft und gerne auf Deiner Seite. Und was alles so als Kunst und Künstler herumsteht und -rennt, ist wirklich nicht immer der Hit und bedarf sicher oft der von Dir zu Recht vehement verteidigten Kulturkritik, inhaltlich bin ich da gar nicht so selten Deiner Ansicht. Aber in meinem Brief an Dich ging es ja in erster Linie auch nicht um die Kunst im öffentlichen Raum, die Du bei dieser Gelegenheit gleich wieder seitenbreit betrauerst, sondern um Deinen Stil und Umgang mit allen möglichen Kunstrichtungen und Kulturschaffenden. Ich meine, daß die taz, die oft genug blauäugig und unwissend einfach (oder sogar mehrfach) drauflosberichtet oder – interviewt (Beispiele: das „Sturm“- Schauspielstudio im Schlachthof oder Dein „Event-Marketing“-Interview), an anderer Stelle wiederum ein bißchen blind und unverhältnismäßig hart dreinschlägt: Deine Beiträge zum grassierenden Festival-Phänomen sind ja voll berechtigt. Dein Umgang mit den Problemen „alkoholkranker Komantschen“ oder mit „polnischer Seefahrerlyrik“, mit denen Du da Deine Scherzchen treibst, werden aber jedenfalls der von Dir beanspruchten „Kulturkritik mit Herz“ oder einem (kultur-)politischen Anspruch Deiner taz genausowenig gerecht wie das Auflisten der 20 blödesten Sätze eines mehr oder weniger begnadeten Schriftstellers anstelle einer Rezension. Am DAB gäbe es vielleicht eine Menge zu kritisieren, wenn man mal genau nachguckt. Aber die Leute und ihre Veranstaltungsreihe und deren Künstler auf Kosten Deiner heißgeliebten Lacher im „Leck‘ mich!“- Sound als idiotisch abzufeiern, finde ich mindestens unangemessen. Daß die „Inhalte und Ideen“ in der Kulturkritik und in der Finanzierung von Kultur allzuoft eine bestimmendere Rolle spielen als das endliche „Werk“, ist bestimmt eines Nachdenkens und harter Kritik wert – fragt sich nur, ob die sich nicht vor den Künstlern erst einmal an die vielen schlauen Feuilletonisten und Politiker und Kulturbeamten richten müßte. Du setzt Dich aber für die zitierten und viele andere Deiner Beiträge eben gerade nicht einem fertigen „Werk“ zur Beurteilung und Verriß aus, sondern erklärst aufgrund eines Titels, einer Pressemitteilung (oder auch mal einer Laune oder einem höheren kulturpolitischen Ziel folgend) die Leute zu Idioten, Trotteln, Deppen, die lallen, schwanken, „plempeln“, herumposaunen bzw. -irritieren und was sonst noch alles. Für ein Theaterstück, ein Buch oder eine Musikveranstaltung bräuchte man natürlich ein bißchen mehr Zeit und Lust als für ein paar „blaue und gelbe Stangen“, die sich schon in wenigen Minuten Deiner kostbaren Kulturredakteurs-Zeit herzlich schwachsinnig finden lassen. Daß Du aber auch noch glaubst, ich würde meine Fantasie ausleben, indem ich mich mit Hansgünther Heyme (dem ich bekanntlich in inniger Liebe zutiefst verbunden bin) identifiziere und ihn nun gegen die taz verteidige, das nenne nun wieder ich eine ziemlich idiotische Fantasie. -91 hast Du Heyme als den quasi heiligen „Theaterberserker“ sonderseitenfreudig gefeiert, der den Bremern schon zeigen wird, wie Theater geht. Guck mal im Archiv nach! Daß Deine Theaterkritiken zu seinen Inszenierungen geprägt waren von der kulturpolitischen Quengelei um ihn, daß Du -92 bestimmte „Nachrichten“ in bestimmten Zusammenhängen erfahren und sie zu bestimmten Terminen passend in Deiner taz veröffentlicht hast, das schien mir vielleicht nur so. Ich habe Dir einen Brief geschrieben, weil ich hoffte und dachte, Ihr Journalisten möchtet ab und zu mal ein Feedback zu Eurer Arbeit, und weil ich diese Auseinandersetzung manchmal ganz spannend finde. Du möchtest „zu einem Deppen einfach Depp!“ sagen. Na ja. Bloß wenn einer Dich einen Deppen nennt, ist das gleich „vernichtend“, wird eine „Debatte“ draus und er kriegt -ne volle Breitseite Feuilleton. Mir scheint das leicht übertrieben.

Carsten Werner

10.12.1993 taz Bremen Nr. 4185 121 Zeilen, S. 27

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