carsten werners

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Ansteckender Wahnsinn

In Kunst, Radio on 16. Mai 2003 at 11:47

Ansteckend: Wahnsinn im Radio
Akustischer Jasmin auf Nordwest

„Jemand durchquert mich auf seiner Reise in mir. Der Mann im Jasmin. Ich bin seine Wohnung.“ Eine faszinierend wirre, schwirrend schwebende Kompilation von phantasierenden Gedankensprüngen, irren Ideen und autobiografischen Fakten hat Regisseurin Christiane Ohaus aus Texten von Unica Zürn gewonnen. „Spiele zu zweit, letztes Spiel“ heißt das Hörstück nach deren Buch „Der Mann im Jasmin – Eindrücke aus einer Geisteskrankheit“: Die Ursendung ist heute um 22 Uhr auf Nordwestradio.

Zürn war hin- und hergerissen zwischen dem Versuch, das Leben trotz und mit ihrer von Zeit zu Zeit ausbrechenden Schizophrenie zu genießen, und dem Bemühen, sich ihre Situation bewusst zu machen. Sie hat das in phantasievollen Sprachgemälden, oft auch in kühl distanziertem Beobachterton aufgeschrieben. 1916 in Berlin geboren, begann sie nach Studium, Heirat und Scheidung Kurzgeschichten zu schreiben und als Dramaturgin zu arbeiten. Seit den 50er Jahren lebte sie in Paris, zum engsten Freundeskreis gehörten die Surrealisten Breton, Arp, Duchamps, Ray und Ernst. 1970 setzte sie ihrem Leben durch einen Sprung aus dem Fenster ihrer Pariser Wohnung ein Ende.

Ohaus und ihre Sprecherin Michaela Caspar zerren den Hörer ständig auf den Boden der Tatsachen, starten ihr Hörkunststück immer wieder neu, mit trocken berichteten biografischen Stationen ihrer Protagonistin – um sie dann in Gedanken und Sphären zu entlassen, in denen sie in rasender Phantasie aus Naturtönen, heranschwebenden Formen und Gedanken immer neue Sprachbilder spinnt: Ein schier „unerschöpfliches Vergnügen: das Suchen nach einem Satz in einem anderen Satz“, findet Zürn.

Das Material entstammt ihrer Phantasie, ihrer Krankheit. Vielleicht ist aber auch im Bett ein Mikrofon eingebaut, das die Töne erzeugt, die dann Worte bilden und Formen heranschweben lassen, denen man so lange lauschen muss, bis – nachts – alles seinen wunderschönen Sinn hat: „Die schönsten Gedanken beginnen zu blühen – wie der Jasmin.“ Es könnte vielleicht sehr schön sein, verrückt zu sein. Und irgendwann konstatiert die Protagonistin schrecklich-schön: „Nach 43 Jahren ist mein Leben noch nicht mein Leben geworden.“

„Spiele zu zweit, letztes Spiel“ gibt den Zuständen und Worten, der Angst und der Kunst Unica Zürns Klänge und Raum – und dem Hörer das verstörende, spannende Gefühl, dass die Sprache ein unzureichendes Medium sein könnte. Man will mehr wissen von dieser Person. Denn diese „Eindrücke aus einer Geisteskrankheit“ sind unvollendet, offen. Für Fortsetzungen, nachts, träumend, im Jasmin vielleicht. Die Krisen von Unica Zürn begannen immer im Sommer.

Ursendung: Nordwestradio

16.5.2003 taz Bremen Nr. 7055 Schlagseite 105 Zeilen, S. 24

Ausgeglichenes Sündenkonto

In Kunst, Radio on 29. November 2002 at 21:00
Ausgeglichenes Sündenkonto

Die Ursendung des Hörspiels „Crazy Gary’s Mobile Disco“ im Nordwestradio

„88.3 – Schicksalsstories von Stage und Backstage, Geschichten über Leidenschaft und Liebe“ – Radio Bremen experimentiert wieder. Heute um 22.05 sendet das Nordwestradio das Hörspiel „Crazy Gary’s Mobile Disco“: Drei Männer erzählen Kerliges und Wehleidiges, stottern Beichten, banal und sprunghaft, absurd allemal. Zum Schreien komisch bis widerlich, wie in den Bekenntnisshows von Bärbel bis Reinhold. Nur: Bei Hörspiel-Regisseur Gottfried von Einem dürfen sie etwas weiter ausholen. Gute 20 Minuten gibt er jeder seiner drei Figuren.

Crazy Gary betreibt eine mobile Disco und macht die Karaoke-Konkurrenz gerne mit der bloßen Faust platt. Doch in einem „wunderschönen Augenblick postmoderner Epiphanie“ verliebt er sich. Mit der „verdammt makellosesten Perle“ könnte jetzt das schönere Leben beginnen.

Pete ist arbeitsloser Künstler, nennt sich „Mathew D. Melody“ und bringt beim Karaoke „mit einem Lied die Liebe zum Leben.“ Aber das Arbeitsamt zwingt ihn an die Supermarktkasse, achtlos wirft er Colaflaschen weg, ermordet ungewollt Kätzchen – oder starrt der Arbeitsvermittlerin auf die Brust. Sein Sündenkonto bringt er mit Blitzgebeten und Erklärungs-Postkarten ins Reine. Ein Lieber, der oft rot sieht.

Russel will seit Jahren cool die Stadt verlassen – und seine Freundin. Doch etwas hält ihn, seine Lady hat leichtes Spiel, den Abschied immer zu verschieben. Eine Geschichte, vor Jahren Stadttratsch, läßt ihn aufhorchen: Zwei Schulfreunde wurden sexuell genötigt… Eine Rechnung ist noch offen.

Unspektakulär schiebt Hörspiel-Autor Gary Owen in seinem Drei-Monologe-Erstlingsstück die Erlebnisse aneinander. Wie im guten Krimi zeigen die letzten Minuten, was drei ausgewachsene Männer – jeder für sich ein Monstrum aus Gefühlen und Gewalt – verbindet. Was sie nötigt, so zu sein, wie sie sind. Der Medienalltag stellt Freaks aus, Owen erzeugt mit sporadischen Andeutungen Background und Tragödie. Angemessen schnoddrig gesprochen, mit heiligem Ernst und spannender Verwirrung, ist das Experiment geglückt: Kino im Kopf, Theater für die Ohren.

29.11.2002 taz Bremen Nr. 6917 Kultur 77 Zeilen, S. 23

Verzweiflungsgequatsche

In Kunst, Radio on 7. Juli 2002 at 10:00

Flimmerkiste aus, Radio an: Big-Brother-Talk auf Radio Bremen. Da läuft Freitagabend Christine Wunnickes Hörspiel „Start me up“

Vier Leute suchen …, ja was denn eigentlich? Einen Job, einen Partner oder vielleicht auch gleich zwei. Auf jeden Fall suchen sie Erfolg. Und Zuhörer. Denn irgendjemand muss ihnen gesagt haben, dass Quasseln lebensnotwendig sei, um weiter zu kommen, erfolgreich zu sein.

Vier Leute, wie Jenny Elvers und ihre Mackermänner Heiner Lauterbach und Alex „big brother“ Jolig oder auch unsere Nachbarn um die Dreißig. Mit ebensolchen Leuten hat die Autorin Christine Wunnicke nun ein Kommunikationsdesaster sondergleichen für Radio Bremen angerichtet. Nach dem Motto: „Ich rede, also bin ich“ ist das tragische Gequatsche am Freitagabend zu hören.

Von Manu zum Beispiel. Sie ist 36, fühlt sich frei, Kinder wären „der Horror“. So erlebt sie die Welt aus Hollywood-Perspektive und vergewissert sich in einem videobegeisterten Redeschwall regelmäßig bei ihrem aktuellen Freund, ob sie irgendwie nerve? „Nö“, findet der und liefert brav alle Filmtitel, Schauspielernamen und Handlungsgerüste, die seiner Dame durcheinander rutschen.

Konflikte reduzieren sich da auf die Frage, ob Michael Douglas nun „in dieser Scheidungs-Schuld-Geschichte“ in die Waschmaschine gekackt oder nur in die Suppe gepinkelt hat. Enthusiastisch emotional wird Manu (wunderbar durchgeknallt: Susanne Schrader), wenn es um „Verzweiflung pur“ geht, um den UPS-Mann! Denn das sei in Hollywood der dazu gehörige und schon klassische Masterplot, „wenn jemand mit dem UPS-Mann vögelt.“

Weil ihr Partner (niedlich einsilbig: Konstantin Graudus) so wenig redet, macht Manu das für ihn mit: „Du findest mich echt krass. Du wärst mich gerne los. Ich muss immer für dich mitdenken! Ob ich Scheiße bin? … Also, wenn ich mit mir leben würde, ich würde mich rausschmeißen.“ Also macht sie Schluss.

Zuhause zum Stichwortgeber aus dem Beziehungs-Off degradiert, betextet ihr Ex in seinem Start Up das Bewerbungsgespräch einer jungen Doktorin der Islamistik fast im Alleingang: „Yep. Wir machen. Wir mastern. Wir motzen auf. … Um fair zu sein: Deinen Doktor brauchst Du hier echt nicht.“ Gesucht wird schließlich eine Assistentin, naja Sekretärin, naja irgendwie sowas wie Julia Roberts, eine, die managen kann und nicht nur schön aussieht.

Was in diesem neuen Mastering-Unternehmen gemastert werden soll? „Verschiedene Projekte. Auftritte. Features. Events. Krimskrams.“ So ein Start Up macht viel Arbeit, kreatives Chaos, ganz ohne moralischen Druck, aber bitte mit Teamgefühl. Der Erfolg gehört dem Team, „davor müssen wir halt alle Abstriche machen“. Und wer kocht jetzt den Kaffee?

Manu startet inzwischen eine neue Partnerschaft – mit dem Kompagnon des Ex (Bernhard Schütz). So sind die Synergien auch privater Art und man bleibt freundschaftlich im Gespräch. „Du musst keine Kinder haben, um was zu beweisen,“ findet Manu. Aber Kinderlosigkeit könnte bedeuten, dass der Eierstock nicht funktioniert. Aus der neuen Verbindung entsteht ein Baby. Jetzt wird das Ultraschallbild diskutiert und auf dem Mousepad verewigt. Und gleich wieder gibt es Neues von der Beziehungsfront: „Ich sollte das jetzt probehalber mal machen. Weil Du nicht der Typ bist, der sich trennt.“ Und prompt macht sie Schluss.

Zum freitagabendlichen Fernsehtalk gibt es also morgen eine Alternative: „Start me up“. Hörspielregisseur Gottfried von Einem hat das ganze Kommunikationsdesaster zu knackigen, komischen 37 Minuten beschleunigt und verquirlt. Übrigens: Ein paar Frequenzen weiter läuft auf N3 ein Alida-Gundlach-Special, Ähnlichkeiten mit der Big-Brother-Frau nicht ganz ausgeschlossen. Wählen Sie selbst.

„Start me up“ im NordwestRadio

18.7.2002 taz Bremen Nr. 6803 Kultur 135 Zeilen, . 23

Den Dampfwalzen zum Trotz

In Kunst, Radio on 1. Juli 2002 at 23:58

Christiane Ohaus inszeniert Hermann Hesse als Hörspiel im Nordwestradio. Sie selbst hat lieber Marx und Adorno gelesen, weil Hesse meist „zum Schwampf und gedanklichen Höhenflug“ neigt

„Es gibt politische Stoffe, die muss man einfach machen“, findet die Hörspiel-Regisseurin Christiane Ohaus. Die Bücher von Hermann Hesse gehörten für sie allerdings lange nicht dazu. Mit 15 Jahren hat sie – anders als die Hesse verschlingenden KlassenkameradInnen – „nur Marx, Hegel und Adorno“ gelesen und hielt Hesse-Werke für „individualistischen Scheiß“, kitschig, ausufernd und jedenfalls nicht sehr relevant.

Zum 125. Geburtstag des Dichters, der heute noch für ein Drittel des Umsatzes des Suhrkamp-Verlages sorgt, inszeniert die 43-Jährige jetzt für Radio Bremen und den Hessischen Rundfunk den „Steppenwolf“. Der Dreiteiler ist ab Ende Juli im NordwestRadio zu hören, als Audiobook zu haben und ab 21. Juli auch im Internet zu erleben. Gleichzeitig führt sie Regie bei fünf Folgen „Glasperlenspiel“.

Dabei ist Hesse für Christiane Ohaus auch heute noch „kein guter Schriftsteller“. Er neige „zum Schwampf, zum gedanklichen Höhenflug“ und wo er nichts Treffendes finde, da reihe er Adjektive aneinander – ein klassisches Merkmal der Kitsch- und Trivialliteratur.

Aber Hesse war für Ohaus auch „ein unglaublich engagierter, radikaler Schriftsteller, von bedingungsloser Aufopferungsfähigkeit, der mit aller Kraft um eine Position, für politische Haltung und eine demokratische Kultur“ gekämpft habe. Gegen Macht und Nationalismus, gegen den drohenden Zweiten Weltkrieg. „Hesse vermisste politische Vernunft da, wo die politische Macht liegt und forderte daher einen Zustrom von Intelligenz und Intuition aus nichtoffiziellen Kreisen“. Mit diesem Nonkonformisten hat sich Christiane Ohaus dann doch angefreundet, sich immer tiefer in seine „Textgewebe“ versenkt und ist beim Lesen schließlich „in eine Art Trance geraten, in eine völlig andere Welt.“

Die Konstruktionen seiner Romane seien „sehr komplex und modern, befindet Ohaus heute. Der „Steppenwolf“ sei wie die Sätze einer Sonate aufgebaut. Der melancholische Held des „Steppenwolf“ Harry Haller kollidiert mit den absurden Anpassungszwängen einer ausgelaugten Zivilisation, ringt mit sich selber und der bürgerlichen Welt um eine klare Position. Ohaus: „Diesen Dualismus, diese Zerrissenheit treibt Hesse bis an die Grenze, bis zur Persönlichkeitsauflösung.“

Auch in ihrer „Steppenwolf“-Fassung werden Grenzen verschwimmen, wie Hesse will sie „das Gewisse verlassen. Welten erfinden. Keine Frage mehr, was real ist und was Fiktion. Hesse schlägt Rollenwechsel vor.“ Was ihn vor allem für Pubertierende zum Kultautor avancieren ließ.

Kann eine Gesellschaft Individualität ermöglichen? Mit Hermann Hesse will Christiane Ohaus „menschliche Lebenswege betrachten, nachdenken darüber: Wie könnte ein glückseliges Leben aussehen? Wie kann der Einzelne sich unmittelbar verwirklichen?“ Hesse träume „von einer Welt frei von unmittelbarem Zweck. Kultur als Produkt, als Ware verkaufen zu müssen, das wäre für ihn grauenhaft gewesen“. O-Ton Hesse: „Wir Geistigen haben, allen Dampfwalzen und Normierungen zum Trotz, das Differenzieren zu üben und nicht das Verallgemeinern.“ Schön, dass so was im Radio nochmal gesagt wird.

„Der Steppenwolf“ läuft im NordwestRadio auf 88,3 MHz am 26.7., 2. und 9. 8. um 22.05 Uhr. Das „Glasperlenspiel“ wird vom 23. bis 27.12. gesendet. Das Feature „Kinderspiel und Greisenglück“ sowie weitere Termine und Informationen zu Hesse sind zu finden unter www.radiobremen.de/online/hesse

2.7.2002 taz Bremen Nr. 6789 Kultur 125 Zeilen, S. 19

Addition der Schlagzeilen

In Uncategorized on 4. Mai 2002 at 09:05

Literatur-Performance: Nina Bittcher und Lucia Meinhold verheddern sich beim „Gudrun Ensslin-Monolog“ im Spektakulären und verklären die Erinnerung

Die RAF ist hip – zu Moden geronnene History, davon berichten die Zeitgeistpostillen seit Monaten fasziniert bis angewidert. Was also erwartet uns, wenn junge Leute sich Gudrun Ensslin nähern, der jungen, wunderhübschen Terroristin mit dem kräftigen Lidstrich?

Wir wissen ja nicht, was Ensslin wirklich dachte und machte in Stammheim (und davor). So redegewandt, schreibwütig und medial omnipräsent wie die Journalistin Ulrike Meinhof war sie nie. Wohl eher die „jugendliche Rätselhafte“ im Ensemble der deutschen Topterroristen, wenn man das heute so flapsig sehen darf – „Ihr letzter Wunsch galt der Wimperntusche“, angeblich.

Christine Brückner legte der Ensslin 1983 in ihrem Buch der „ungehaltenen Reden ungehaltener Frauen“ posthum Gedanken und Sprüche in den Mund, eine „Rede gegen die Wände der Stammheimer Zelle“. Diesen Text nutzen die junge Regisseurin Nina Bittcher und ihre junge Schauspielerin Lucia Meinhold für ihre „Literatur-Performance“ einschließlich Videoinstallation, die sie in der Medien-Koop im Lagerhaus aufführen.

In einem wenige Quadratmeter großen Gaze-Käfig kauert oder tigert hier die junge Terroristin und hält diesen inneren (?) Monolog. Darin eine Menge knalliger, feuilletonistischer Formulierungen, ein wenig Familiäres, ein bisschen Politik- und Staats-Kritik, eine Prise Selbstironie, ein Schuss Galgenhumor. Hypothetisches „Was wäre gewesen, wenn …“ und semidokumentarisches „So wird es vielleicht gewesen sein“, anno dazumal in Stammheim.

Auf die Gazeflächen wird per Video von einer Seite das abgefilmte minimalistische Bühnengeschehen gebeamt, von der anderen Seite flimmern nonstop und von den Künstlern unbearbeitet Best-of-RAF-Schnipsel aus ARD-Archiven: altbekanntes, viel- und gerngesehenes Material aus dem deutschen Bürgerkrieg der 60er und 70er, als Horst Mahler noch ein linker Terrorist war (oder so), viel Meinhof und weniger Ensslin, BILD-Schlagzeilen aus Absurdistan („Hamburg: Polizei erschoss falsche Ulrike Meinhof“), viel Disput, Gerenne, Geschiebe und Geschieße …

Den ikonenhaften Porträts der Jungterroristen stehen Bilder gegenüber, die zeigen, wie hässlich Kampf und Politisiererei schöne junge Menschen machten: „vorher / nachher“. Das wäre ein Ansatz für die theatralische Auseinandersetzung, hätte vielleicht die Chance geboten, „Gudrun nah zu sein“, wie es sich ein Zuschauer gewünscht hätte: „Was war sie, was wollte sie?“

Doch die junge Darstellerin wirkt eher leidend denn gefährdet und kämpferisch – und Brückners in die Jahre gekommener Text verschwindet in der einstündigen Aufführung hinter den Videobildern. So entstehen weder Bezug noch Reibung zwischen TV-Memorabillia und Theater-Fiktion.

Was sind die 12 Mio. DM, die der Stammheim-Bau kostete, im Verhältnis zu den Millionen, die Springer (und Kulturindustrie) der RAF verdanken? Da Politik schließlich „im Gerichtssaal, im Bett, im Kindergarten“ stattfinde, überall wird „unterdrückt, gefoltert, Macht ausgeübt“: Wie war die Liebe zwischen Ensslin und dem „durchgeknallten Literaten“ Bernward Vesper? Politische Kriminalität vs. kriminelle Politik … Alles wird angerissen, nur die Inszenierung verheddert sich in der Addition von Spektakulärem und Spekulativem. „Gequassel in Bildern und Gleichnissen“ nennt das die Protagonistin mal.

„Kein Denkmal für Gudrun Ensslin“, hatte Brückner ihren Text übertitelt. Die Inszenierung verharrt in verehrender, verklärender Erinnerung.

Carsten Werner

Noch am Samstag, 4.5., in der Medien-Coop im Lagerhaus, 3. Stock. Karten unter Telefon 0421-77020

4.5.2002 taz Bremen Nr. 6741 Kultur 54 Zeilen, Carsten Werner S. 27
Rezension

Weltwut & Körperflüssigkeit

In Kunst, Werner on 18. Dezember 2001 at 23:55

von cwerg @ 2001-12-18 – 23:55:20

Ben Becker mit Klaus Kinski on Tour

Schon Klaus Kinskis jugendlicher lyrischer Auswurf voll Weltschmerz, Weltwut und wahrer Körperflüssigkeitenflut kündet von einem intensiven, scheinbar egomanen Maniac: „Die Menschen sind bis tief ins Herz verhurt! / was wollten sie von mir! ich hatte nichts getan!! / ich hatte nur mein Leben durchgerissen, / weil sie mir Eiter in die Seele pissen!! / ich krümmte mich unter der Nachgeburt, / die mir im Wirbel flattert wie ein irrer Hahn“ – heißt es im Gedicht „Irrenhaus“.

Der Jungschauspieler Kinski, mit 26 Jahren noch still, prüde, sanftmütig, „reißendes Lamm unter Wölfen“, kümmerte sich 1952 rührend um eine todkranke, sechzehnjährige Geliebte. In diesen wenigen Wochen soll er vehemente und metaphernreiche Wortkaskaden rauschhaft niedergeschrieben haben, die erst jetzt unter dem Titel „Fieber – Tagebuch eines Aussätzigen“ erschienen: Seit 1953 waren Geliebte und Gedichtetes verschwunden, nie erwähnt.

Zum Gedicht-Bildband gibt es ein Hörbuch: Der Schauspieler Ben Becker und Alexander Hacke, Kopf der „Einstürzenden Neubauten“, haben sich Kinskis „Weltirrsinn“ und weiterer Texte angenommen. Hacke hat aus Alltagsgeräusch und Allerweltsrauschen, aufgenommen im und ums Krankenkaus, sinnige Klangteppiche gesponnen. Becker horcht, spürt und schmeckt den genialischen Ergüssen Kinskis ironiefrei nach. Die Performance zum Hörbuch gab es jetzt live im Theater am Goetheplatz: die Musiker Ulrik Spies (Percussion) und Jacki Engelken (Elektronisches) erweitern oder verstärken Hackes Klangkunst mit einigen Live-Zutaten, Ben Becker gibt vor jugendlich gefülltem Haus den Kinski.

Oft unsensibel laut und basslastig verstärkt, wühlt er sich durch Wortmassen und Bildungetüme – mit argem Druck: So beeindruckend die errungenen Höhepunkte sind, wenn er schreiend und zugleich staunend zu Kinski-Becker verschmilzt, so anstrengend ist live dieser Weg entlang der Grenze zur Parodie. Das wird dann auch mal unfreiwillig komisch geknödelt: „Ich bin ein Mutterkuchen!“ – Naja. Bisscken dicke!

Das ist schade, weil Ben Becker – nicht nur im Hörbuch – auch ganz anders kann: Wenn er nicht wie Kinski klingen muss, sondern bei sich und seiner Musikalität bleibt, gelingen wunderschöne Hörkunststücke:

Ganz klar feiert er dann den „Jazz!! / Unsterblichkeit der Nerven!!“ – oder musiziert den „Orient: Komm! amoktoller Mohn! / Komm! Lustbesautes Bett! / … / Ich seh auf Deinen scharfgeschliffnen Brüsten / den blutgeflammten Schaum des Himmels winken! / Komm! laß und schnell zusammenrasen / Blut in Blut!!“. In manchen Momenten reichen ein Paar Gummihandschuhe an Musikerhänden, ein paar stille Tanzschritte oder fahles Neonlicht, um Kinskis wilden Worten Bilder zu geben, einfach und gut. Dann ist Ben Becker vielleicht bei Kinski, bei dessen großem Porträt auf der Bühne er sich immer wieder rückversichert.

Abschied: „Ich richte mich auf – ganz steil – wie es Baeume tun, wenn sie wissen, daß es Zeit zum Sterben ist – – – ich muß weg von hier!!“ – und Becker/Kinski geht.

19.12.2001 taz Bremen Nr. 6630 Kultur 45 Zeilen, S. 23

Bei arte ist Bremen Tanzhaupstadt

In Kunst, Medien on 12. Dezember 2001 at 19:30

Die „Bewegten Spuren“ von Marcus Behrens

Bremens Mann bei arte ist Marcus Behrens: Der 33jährige Bremer Filmemacher arbeitet seit 1987 als Journalist, Hörfunk-Moderator und Nachrichtenchef bei Radio Bremen. Er hat für arte das Musikmagazin „Tracks“ erfunden – und ist jetzt so etwas wie der Tanz-Beauftragte des Kulturkanals. arte nämlich hat für den Tanz sonntags um 20.15 Uhr einen prominenten Sendeplatz eingerichtet, für den Behrens innerhalb der ARD „die“ Anlaufstelle ist. Für ihn, der schon mit zwölf Jahren fasziniert von Reinhild Hoffmanns Bremer Tanztheater war, schließt sich damit ein Kreis.

Heute (20 Uhr) wird im Maler-saal des Bremer Theaters sein Film „Bewegte Spuren“ uraufgeführt. Behrens verbindet darin die Beobachtung der Arbeit von Urs Dietrichs international besetzter Tanzcompagnie an der Produktion „Appetit mit einer Spurensuche in der Geschichte des Tanz-Theaters. Die Spielarten und Protagonisten des jungen Genres waren (außer Pina Bausch) allesamt eng mit Bremen verbunden. Mitte der 60er Jahre erfand Johann Kresnik sein Choreographisches Theater, „eine Geschichte erzählen“ sollte es, und politisch Stellung beziehen. Das war bis dahin im klassischen Ballett undenkbar. Ihm folgten Gerhard Bohner und Reinhild Hoffmann, die den Begriff Tanztheater prägten, sein Publikum entwickelten – und Bremen endgültig zum Mittelpunkt der Tanzwelt machten. Daran knüpften Heidrun Vielhauer und Rotraud de Neve, in den 90ern ein zweites Mal Hans Kresnik, und schließlich Susanne Linke und Urs Dietrich an.

Behrens zeigt zuweilen bizarr anmutende Bilder aus 30 Jahren Tanzgeschichte, während ihre Erfinder aufeinander bezugnehmend von ihrer Arbeit erzählen. Mitglieder des heutigen Ensembles berichten aus ihrem Bremer Alltag – und vom bremischen Tanztheater-Mythos, der sie aus Korea oder Brasilien an die Weser lockte … Ein Zentrum der Entwicklung zur Tanzmetropole war immer das Concordia als lange Zeit einmalige Raumbühne, in der Produktionen entwickelt, probiert und gespielt werden können – „bei der Übertragung von einer Probebühne auf die große Bühne verliert eine Inszenierung immer“, sagt Reinhild Hoffmann. „Hübner hat mit Kresnik hier etwas möglich gemacht, was es bis dahin nicht gab.“

Die Sparte Tanztheater wie die Spielstätte Concordia waren immer wieder Ziel von Angriffen der Kultursparkommissare. Klaus Pierwoß weist in Behrens Film darauf hin, wie wichtig es sei, für die Tanzkünstler gelegentlich das Wort zu erheben und sie gegen Sparkommissare und andere Banausen zu verteidigen. Schließlich sind die Tänzer und Choreographen nicht immer (wie Hans Kresnik) Leute der großen und lauten Worte, sondern drücken sich eben in erster Linie körperlich aus. Marcus Behrens Film kaschiert das nicht.

Im Herbst hat Behrens mit dem Choreographen Rui Horta in Portugal einen Tanz-Kurzfilm gedreht: „Im Freien, nur Bewegung, ohne Worte – ein Dance-and-Motion-Picture. Weitere internationale Tanz-Film-Produktionen für arte sind im Entstehen. Sein Traum wäre ein abendfüllender Spielfilm, getanzt und gedreht in den Straßen Brasiliens.

In Bremen hat er die Eigenart der Bremer entdeckt, „das kaputtzumachen, was erfolgreich ist – und dafür das erfolgreich haben zu wollen, was überall anders schon erfolgreich ist. Diese Stadt ist wie ein kleines Kind: Statt zu fördern, was neu ist und Erfolg hat, springt man immer auf schon abgefahrene Züge. So will er auch nicht der Bremer Regionalreporter für arte sein, sondern sich weiter auf Spurensuche auf der ganzen Welt begeben. Gelegentlich kommt man dabei auch an der Metropole Bremen nicht vorbei.

Carsten Werner

13.12.2001 taz Bremen Nr. 6625 Kultur 51 Zeilen, Carsten Werner S. 27
Rezension

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