carsten werners

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Verzweiflungsgequatsche

In Kunst, Radio on 7. Juli 2002 at 10:00

Flimmerkiste aus, Radio an: Big-Brother-Talk auf Radio Bremen. Da läuft Freitagabend Christine Wunnickes Hörspiel „Start me up“

Vier Leute suchen …, ja was denn eigentlich? Einen Job, einen Partner oder vielleicht auch gleich zwei. Auf jeden Fall suchen sie Erfolg. Und Zuhörer. Denn irgendjemand muss ihnen gesagt haben, dass Quasseln lebensnotwendig sei, um weiter zu kommen, erfolgreich zu sein.

Vier Leute, wie Jenny Elvers und ihre Mackermänner Heiner Lauterbach und Alex „big brother“ Jolig oder auch unsere Nachbarn um die Dreißig. Mit ebensolchen Leuten hat die Autorin Christine Wunnicke nun ein Kommunikationsdesaster sondergleichen für Radio Bremen angerichtet. Nach dem Motto: „Ich rede, also bin ich“ ist das tragische Gequatsche am Freitagabend zu hören.

Von Manu zum Beispiel. Sie ist 36, fühlt sich frei, Kinder wären „der Horror“. So erlebt sie die Welt aus Hollywood-Perspektive und vergewissert sich in einem videobegeisterten Redeschwall regelmäßig bei ihrem aktuellen Freund, ob sie irgendwie nerve? „Nö“, findet der und liefert brav alle Filmtitel, Schauspielernamen und Handlungsgerüste, die seiner Dame durcheinander rutschen.

Konflikte reduzieren sich da auf die Frage, ob Michael Douglas nun „in dieser Scheidungs-Schuld-Geschichte“ in die Waschmaschine gekackt oder nur in die Suppe gepinkelt hat. Enthusiastisch emotional wird Manu (wunderbar durchgeknallt: Susanne Schrader), wenn es um „Verzweiflung pur“ geht, um den UPS-Mann! Denn das sei in Hollywood der dazu gehörige und schon klassische Masterplot, „wenn jemand mit dem UPS-Mann vögelt.“

Weil ihr Partner (niedlich einsilbig: Konstantin Graudus) so wenig redet, macht Manu das für ihn mit: „Du findest mich echt krass. Du wärst mich gerne los. Ich muss immer für dich mitdenken! Ob ich Scheiße bin? … Also, wenn ich mit mir leben würde, ich würde mich rausschmeißen.“ Also macht sie Schluss.

Zuhause zum Stichwortgeber aus dem Beziehungs-Off degradiert, betextet ihr Ex in seinem Start Up das Bewerbungsgespräch einer jungen Doktorin der Islamistik fast im Alleingang: „Yep. Wir machen. Wir mastern. Wir motzen auf. … Um fair zu sein: Deinen Doktor brauchst Du hier echt nicht.“ Gesucht wird schließlich eine Assistentin, naja Sekretärin, naja irgendwie sowas wie Julia Roberts, eine, die managen kann und nicht nur schön aussieht.

Was in diesem neuen Mastering-Unternehmen gemastert werden soll? „Verschiedene Projekte. Auftritte. Features. Events. Krimskrams.“ So ein Start Up macht viel Arbeit, kreatives Chaos, ganz ohne moralischen Druck, aber bitte mit Teamgefühl. Der Erfolg gehört dem Team, „davor müssen wir halt alle Abstriche machen“. Und wer kocht jetzt den Kaffee?

Manu startet inzwischen eine neue Partnerschaft – mit dem Kompagnon des Ex (Bernhard Schütz). So sind die Synergien auch privater Art und man bleibt freundschaftlich im Gespräch. „Du musst keine Kinder haben, um was zu beweisen,“ findet Manu. Aber Kinderlosigkeit könnte bedeuten, dass der Eierstock nicht funktioniert. Aus der neuen Verbindung entsteht ein Baby. Jetzt wird das Ultraschallbild diskutiert und auf dem Mousepad verewigt. Und gleich wieder gibt es Neues von der Beziehungsfront: „Ich sollte das jetzt probehalber mal machen. Weil Du nicht der Typ bist, der sich trennt.“ Und prompt macht sie Schluss.

Zum freitagabendlichen Fernsehtalk gibt es also morgen eine Alternative: „Start me up“. Hörspielregisseur Gottfried von Einem hat das ganze Kommunikationsdesaster zu knackigen, komischen 37 Minuten beschleunigt und verquirlt. Übrigens: Ein paar Frequenzen weiter läuft auf N3 ein Alida-Gundlach-Special, Ähnlichkeiten mit der Big-Brother-Frau nicht ganz ausgeschlossen. Wählen Sie selbst.

„Start me up“ im NordwestRadio

18.7.2002 taz Bremen Nr. 6803 Kultur 135 Zeilen, . 23

Den Dampfwalzen zum Trotz

In Kunst, Radio on 1. Juli 2002 at 23:58

Christiane Ohaus inszeniert Hermann Hesse als Hörspiel im Nordwestradio. Sie selbst hat lieber Marx und Adorno gelesen, weil Hesse meist „zum Schwampf und gedanklichen Höhenflug“ neigt

„Es gibt politische Stoffe, die muss man einfach machen“, findet die Hörspiel-Regisseurin Christiane Ohaus. Die Bücher von Hermann Hesse gehörten für sie allerdings lange nicht dazu. Mit 15 Jahren hat sie – anders als die Hesse verschlingenden KlassenkameradInnen – „nur Marx, Hegel und Adorno“ gelesen und hielt Hesse-Werke für „individualistischen Scheiß“, kitschig, ausufernd und jedenfalls nicht sehr relevant.

Zum 125. Geburtstag des Dichters, der heute noch für ein Drittel des Umsatzes des Suhrkamp-Verlages sorgt, inszeniert die 43-Jährige jetzt für Radio Bremen und den Hessischen Rundfunk den „Steppenwolf“. Der Dreiteiler ist ab Ende Juli im NordwestRadio zu hören, als Audiobook zu haben und ab 21. Juli auch im Internet zu erleben. Gleichzeitig führt sie Regie bei fünf Folgen „Glasperlenspiel“.

Dabei ist Hesse für Christiane Ohaus auch heute noch „kein guter Schriftsteller“. Er neige „zum Schwampf, zum gedanklichen Höhenflug“ und wo er nichts Treffendes finde, da reihe er Adjektive aneinander – ein klassisches Merkmal der Kitsch- und Trivialliteratur.

Aber Hesse war für Ohaus auch „ein unglaublich engagierter, radikaler Schriftsteller, von bedingungsloser Aufopferungsfähigkeit, der mit aller Kraft um eine Position, für politische Haltung und eine demokratische Kultur“ gekämpft habe. Gegen Macht und Nationalismus, gegen den drohenden Zweiten Weltkrieg. „Hesse vermisste politische Vernunft da, wo die politische Macht liegt und forderte daher einen Zustrom von Intelligenz und Intuition aus nichtoffiziellen Kreisen“. Mit diesem Nonkonformisten hat sich Christiane Ohaus dann doch angefreundet, sich immer tiefer in seine „Textgewebe“ versenkt und ist beim Lesen schließlich „in eine Art Trance geraten, in eine völlig andere Welt.“

Die Konstruktionen seiner Romane seien „sehr komplex und modern, befindet Ohaus heute. Der „Steppenwolf“ sei wie die Sätze einer Sonate aufgebaut. Der melancholische Held des „Steppenwolf“ Harry Haller kollidiert mit den absurden Anpassungszwängen einer ausgelaugten Zivilisation, ringt mit sich selber und der bürgerlichen Welt um eine klare Position. Ohaus: „Diesen Dualismus, diese Zerrissenheit treibt Hesse bis an die Grenze, bis zur Persönlichkeitsauflösung.“

Auch in ihrer „Steppenwolf“-Fassung werden Grenzen verschwimmen, wie Hesse will sie „das Gewisse verlassen. Welten erfinden. Keine Frage mehr, was real ist und was Fiktion. Hesse schlägt Rollenwechsel vor.“ Was ihn vor allem für Pubertierende zum Kultautor avancieren ließ.

Kann eine Gesellschaft Individualität ermöglichen? Mit Hermann Hesse will Christiane Ohaus „menschliche Lebenswege betrachten, nachdenken darüber: Wie könnte ein glückseliges Leben aussehen? Wie kann der Einzelne sich unmittelbar verwirklichen?“ Hesse träume „von einer Welt frei von unmittelbarem Zweck. Kultur als Produkt, als Ware verkaufen zu müssen, das wäre für ihn grauenhaft gewesen“. O-Ton Hesse: „Wir Geistigen haben, allen Dampfwalzen und Normierungen zum Trotz, das Differenzieren zu üben und nicht das Verallgemeinern.“ Schön, dass so was im Radio nochmal gesagt wird.

„Der Steppenwolf“ läuft im NordwestRadio auf 88,3 MHz am 26.7., 2. und 9. 8. um 22.05 Uhr. Das „Glasperlenspiel“ wird vom 23. bis 27.12. gesendet. Das Feature „Kinderspiel und Greisenglück“ sowie weitere Termine und Informationen zu Hesse sind zu finden unter www.radiobremen.de/online/hesse

2.7.2002 taz Bremen Nr. 6789 Kultur 125 Zeilen, S. 19

Weltwut & Körperflüssigkeit

In Kunst, Werner on 18. Dezember 2001 at 23:55

von cwerg @ 2001-12-18 – 23:55:20

Ben Becker mit Klaus Kinski on Tour

Schon Klaus Kinskis jugendlicher lyrischer Auswurf voll Weltschmerz, Weltwut und wahrer Körperflüssigkeitenflut kündet von einem intensiven, scheinbar egomanen Maniac: „Die Menschen sind bis tief ins Herz verhurt! / was wollten sie von mir! ich hatte nichts getan!! / ich hatte nur mein Leben durchgerissen, / weil sie mir Eiter in die Seele pissen!! / ich krümmte mich unter der Nachgeburt, / die mir im Wirbel flattert wie ein irrer Hahn“ – heißt es im Gedicht „Irrenhaus“.

Der Jungschauspieler Kinski, mit 26 Jahren noch still, prüde, sanftmütig, „reißendes Lamm unter Wölfen“, kümmerte sich 1952 rührend um eine todkranke, sechzehnjährige Geliebte. In diesen wenigen Wochen soll er vehemente und metaphernreiche Wortkaskaden rauschhaft niedergeschrieben haben, die erst jetzt unter dem Titel „Fieber – Tagebuch eines Aussätzigen“ erschienen: Seit 1953 waren Geliebte und Gedichtetes verschwunden, nie erwähnt.

Zum Gedicht-Bildband gibt es ein Hörbuch: Der Schauspieler Ben Becker und Alexander Hacke, Kopf der „Einstürzenden Neubauten“, haben sich Kinskis „Weltirrsinn“ und weiterer Texte angenommen. Hacke hat aus Alltagsgeräusch und Allerweltsrauschen, aufgenommen im und ums Krankenkaus, sinnige Klangteppiche gesponnen. Becker horcht, spürt und schmeckt den genialischen Ergüssen Kinskis ironiefrei nach. Die Performance zum Hörbuch gab es jetzt live im Theater am Goetheplatz: die Musiker Ulrik Spies (Percussion) und Jacki Engelken (Elektronisches) erweitern oder verstärken Hackes Klangkunst mit einigen Live-Zutaten, Ben Becker gibt vor jugendlich gefülltem Haus den Kinski.

Oft unsensibel laut und basslastig verstärkt, wühlt er sich durch Wortmassen und Bildungetüme – mit argem Druck: So beeindruckend die errungenen Höhepunkte sind, wenn er schreiend und zugleich staunend zu Kinski-Becker verschmilzt, so anstrengend ist live dieser Weg entlang der Grenze zur Parodie. Das wird dann auch mal unfreiwillig komisch geknödelt: „Ich bin ein Mutterkuchen!“ – Naja. Bisscken dicke!

Das ist schade, weil Ben Becker – nicht nur im Hörbuch – auch ganz anders kann: Wenn er nicht wie Kinski klingen muss, sondern bei sich und seiner Musikalität bleibt, gelingen wunderschöne Hörkunststücke:

Ganz klar feiert er dann den „Jazz!! / Unsterblichkeit der Nerven!!“ – oder musiziert den „Orient: Komm! amoktoller Mohn! / Komm! Lustbesautes Bett! / … / Ich seh auf Deinen scharfgeschliffnen Brüsten / den blutgeflammten Schaum des Himmels winken! / Komm! laß und schnell zusammenrasen / Blut in Blut!!“. In manchen Momenten reichen ein Paar Gummihandschuhe an Musikerhänden, ein paar stille Tanzschritte oder fahles Neonlicht, um Kinskis wilden Worten Bilder zu geben, einfach und gut. Dann ist Ben Becker vielleicht bei Kinski, bei dessen großem Porträt auf der Bühne er sich immer wieder rückversichert.

Abschied: „Ich richte mich auf – ganz steil – wie es Baeume tun, wenn sie wissen, daß es Zeit zum Sterben ist – – – ich muß weg von hier!!“ – und Becker/Kinski geht.

19.12.2001 taz Bremen Nr. 6630 Kultur 45 Zeilen, S. 23

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