carsten werners

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Grüner geht noch

In Politik, Stadt on 16. April 2008 at 22:35

Bremen muss wohl doch untergehen – wegen der Umweltzone!

Frühling wirds, der Sperling piept … naja, vielleicht hat das bis zum Erscheinen dieser Ausgabe ja wirklich mal geklappt. Aber ist Ihnen aufgefallen, wie grün es schon geworden ist in den letzten Monaten – auf den Straßen? Und das ist gar nicht gut, glaubt man der umtriebigen Bremer Handelskammer oder den Grün-Spezialisten von Beck’s und Beck’s Mutter Inbev. Denn die Umweltplakette, die – wenn man mal so guckt am zugeparkten Wegesrand – schon jedes zweite oder dritte Auto infiziert hat. Das sind Plaketten des Teufels, vielleicht gar des Todes, des Untergangs. Bremen könnte daran zugrunde gehen, wenn sich nichts anderes findet. Jedenfalls die Bierproduktion. Und die von Schokolade.

Hunderte Mitarbeiter müssten vor den Stadttoren bleiben und kämen nicht an ihre Maschinen, kostbare Rohstoffe kämen nicht hinein, heißt es – wenn auch Bremen eine Umweltzone für die inneren Citybereiche einführen würde. So muss man es glauben und fürchten, wenn man die Nachrichten des Zentralsenders und der Zentralzeitung liest: Fast täglich droht irgendjemand mit Abwanderung, Einstellung, Wahnsinnsfolgen. Man kann die Entwicklung ja auch beobachten: Schon untergegangen sind in den letzten Monaten so schöne Flecken wie: Augsburg, Berlin, Dortmund, Essen, Hannover, Ilsfeld, Köln, Leonberg, Ludwigsburg, Mannheim, Nürnberg, Potsdam, Schwäbisch Gmünd, Stuttgart, Reutlingen und Tübingen. Weil da nach und nach keine Autos mit besonders hohen Schadstoffwerten mehr fahren dürfen.

Nun ist auch aus diesen Städten nicht berichtet worden, dass Fabriken schließen mussten oder Menschen neuerdings zig Kilometer weit mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren – bei den inkriminierten Dreckschleudern geht es schließlich um wenige, ziemlich alte Kraftfahrzeuge, meistens um Lastkraft-wagen. Und wer fährt schon mit seinem Lastkraftwagen von 1970 ins Büro? Und wie gesagt: Jeder, der nach Berlin oder Hannover rein will, braucht das grüne (gelbe, rote) Klebchen sowieso.

Aber man wird sich ja nochmal aufregen dürfen, es geht ja sicher auch ums Prinzip: Freie Fahrt für freie Bürger ist ja eh schon lange klar: Unterneh-men sind sowieso, quasi von Natur aus, die besseren Bürger – und warum sollen gerade die für ein paar Euro ihre Autos modernisieren? Wäre auch schön, wenn die Wirtschaft die Wiedereinführung traditionell heimeliger Brikettöfen oder das Heizen mit offenem Feuer fordern würde. Obwohl: Bei Vorschriften für umweltschonende Innovationen, die der Endverbraucher zahlt, ist man da ja gern dabei.

Kein Bier mehr, keine Schokolade aus Bremen?

„Die Wirtschaft“ ist aber auch in Sachen Umweltplakette nicht einig: Droht ein Schokoladenfabrikant mit Ab-wanderung, hört man vom anderen nichts. Bier ist in einer Umweltzone nicht herstellbar, Kaffee aber doch. Warum gerade Teile der Nahrungsmittelbranche zwingend schadstoffreichere Autos brauchen als Unternehmen anderer Bereiche, das bleibt ein bisschen rätselhaft in der aufgeregten Debatte mitten im schönen, lebenswerten, kreativen, weltoffenen und -läufigen Bremen.

Schwankungen Print #25 (PDF)

Frey? Bullshit!

In Kunst, Politik on 15. Mai 2006 at 22:35

Substanzlose Stichwortsammlung

Senator Kastendiek lobt seinen „Blick für Management und Sponsoring“, die Staatsrätin die feinen Manieren. Auf der künstlerischen Seite läuft es noch nicht so rund: Er habe sich bei der Suche nach einer Schauspieldirektorin nur „Körbe geholt“, gesteht Hans-Joachim Frey freimütig. Fürs Tanztheater sucht er was „in der Mitte“ zwischen Choreografischem Theater und „Nussknacker“. Seit einem Jahr als Pierwoß-Nachfolger im Gespräch, hat Frey sich bis heute nicht mit beeindruckenden Namen oder Themen verbinden können. Agiert so ein PR-Profi?

Jetzt hat er ein „neues Theatermodell“ entwickelt. Doch schon einmal sollte das Theater per Star-gestütztem Semi-Stagione-Koproduktions-Betrieb saniert werden: Hansgünther Heyme startete vor 15 Jahren als Bremer Intendant mit Gudrun Landgrebe als „Tochter der Lüfte“, halbierte ratzfatz die Auslastung und wurde als „Herr der Windmaschinen“ verspottet und dozierte, „das Teure am Theater ist das Spielen“. Nach zwei Jahren war das Geschichte.

Im März vor Spielzeitbeginn den Spielplan zu veröffentlichen – das ist Usus aller Theater seit anno dunnemals. Frey will damit zur Internationalen Tourismus-Börse, doch die Bus- und Reiseunternehmer interessieren sich nur für die übernächste Spielzeit. Ein „Education-Schwerpunkt“ klingt super für eine Stadt, in der Schüler, Lehrer und Politiker nicht einmal „Bildung“ richtig schreiben oder gar mit Kultur verbinden können.

„Die Selbstverständlichkeit, mit der bis vor einigen Jahren Kultur und Theater rezipiert worden sind, nimmt ab“, behauptet Frey. Volkswirtschaftler und Arbeitsmarktexperten sind sich einig, dass es genau anders herum ist; die Bundesregierung spricht vom „Kulturbetrieb als Wachstumsbranche“.

Frey will es – abgekoppelt von Finanzdebatten, Inhalten, Personalien – jedem Recht machen. So sampelt er „das Beste der 80er und 90er“ aus simplen Kulturmanagement-Workshops. Mit einer so substanzlosen Stichwortsammlung wäre beim Bremer Kultursenator nicht mal eine Projektförderung zu erhaschen. Im Suhrkamp-Verlag ist zu diesem Phänomen gerade ein lesenswertes Büchlein des Philosophen Harry G. Frankfurt erschienen: Es hat 72 kleine Seiten, kostet 8 Euro und heißt „Bullshit“.

Carsten Werner (freier Produzent, Kulturmanager und Regisseur)

15.5.2006 taz Nord Nr. 7971 Bremen Aktuell 78 Zeilen, S. 24

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