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Archive for the ‘Werner’ Category

Klons – unser Büro für weiterführende Kultur

In Ideenwirtschaft, Werner on 31. Dezember 2008 at 23:00

KLONS · · · Büro für weiterführende Kultur

KLONS sind scheu, neugierig und sehr lernfähig. Das sensible Weichtier hat hoch entwickelte Sehsinnesorgane und Nervensysteme.

KLONS löst viele Irrgarten-Probleme effizienter als die meisten Säugetiere, seine Intelligenz wird mit der von Ratten verglichen. KLONS besitzt kein Innenskelett und ist dadurch extrem beweglich. KLONS kann hoch flexibel selbst durch engste Spalten und Löcher schlüpfen. Erwiesenermaßen kann KLONS verschlossene Dosen öffnen und Flaschen entkorken. Dabei lernt KLONS auch durch Beobachtung eines Vorgangs, ohne ihn zuvor selbst erprobt zu haben: KLONS in einem Nachbaraquarium erwarben Wissen, indem sie den Lernprozess durch die Scheiben beobachteten.

In einem Experiment konnte nachgewiesen werden, dass KLONS Farben und einfache Formen auseinander halten kann.

Wenn es angegriffen wird, kann KLONS seine Tintendrüse einsetzen: In einer Wolke dunkler Flüssigkeit zieht es sich dann zurück, wechselt die Farbe und passt sich der Umgebung an, während die Farbwolke angegriffen wird. Gruselgeschichten, nach denen KLONS Menschen würgen oder Schiffe in die Tiefe ziehen können, sind unwahr und gehören ins Reich der Mythologie.

Kunden, die diesen Artikel gekauft haben: Von Bienen und Blumen und Schwänzeltänzen und Schwarmintelligenzen

In Ideenwirtschaft, Konsumempfehlung, Medien, Welt, Werner on 11. Februar 2008 at 23:07

Über die Honigbiene konnte der legendäre Bienendompteur und Nobelpreisträger Karl von Frisch Bände füllen. Und auf einer tunesischen Ferieninsel lernt ein junger Schriftsteller den Jesuiten Joseph Kuklinsky kennen, der sich als Mitglied einer Ethikkommission vorstellt und den jungen Mann in philosophische, teils seltsam indiskrete Gespräche verwickelt.
<< Der letzte Satz gehört zum Klappentext von Matthias Hirths schönem Roman „Angenehm“, gerade im schönen Blumenbar-Verlag erschienen: „Nach kurzer Zeit bietet er ihm an, für einen hohen Geldbetrag Geschichten zu schreiben, über deren Inhalt er frei entscheiden kann, aber: Erklären Sie jemandem den Menschen, der den Menschen nicht kennt.“ Der Wirtschafts- und Wisschenschaftkrimi dreht sich um künstliche Intelligenz, Bewusstsein und Poesie.
<< Der erste Satz dieser Kolumne hingegen stammt aus der FAZ-Besprechung eines Hörbuchs von Jürgen Tautz, Verhaltensforscher der weltweit bekannten BeeGroup der Universität Würzburg: „Der Bien“ aus dem supposé-Verlag.

Zusammengebracht haben diese Produkte „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben“, denn die „… kauften auch …“ – bei Amazon im Internet.

Man kann so Entdeckungen machen, von denen man nie zu träumen wagte: „Das dritt- wichtigste Haustier des Menschen nach Rind und Schwein“ begeistert mit Gelée- Royal-Designfood und „wabenbauenden Handwerkern, die ihre Ziegel selber ausschwitzen“. Ihr „Superorganismus“, „der Bien“ eben, arbeitet höchst ökonomisch und vorbildlich für uns Menschenkinder an Wärmetechnik, Arbeitsteilung, komplexen Kommunikationstechniken und Schwänzeltänzen. Womit wir bei deren Entdecker und Übersetzer, besagtem Karl von Frisch, wären: Auch fünf seiner Tonband- und Radiovorträge aus den Jahren 1953 bis 1962 haben den Weg vom Deutschen Rundfunkarchiv in ein Hörbuch des supposé-Verlags gefunden: „Die Tanzsprache der Bienen“.

„Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften …“ übrigens auch das Werk „Ökologisch Imkern“ oder den Kalender „Phänomen Honigbiene 2008“. Nunja, der Weg zur Biena Maja und ihrem Freund Willi ist sicher auch nicht weit. Aber bei aller Liebe zu Tanzkunst und Poesie – ein eigeninitiativer Klick zurück zu den Kunden von Matthias Hirths Erziehungsroman „Angenehm“ katapultiert ins Verlagsprogramm von Blumenbar – das aktuell „K1 – das Bilderbuch der Kommune“ präsentiert: Uschi Obermaier, Rainer Langhans … Moment: Hat uns hierher jetzt die künstliche Intelligenz der Amazonrechner gelockt, der schlichte Zeitgeist – oder haben uns an diese Blumenbar standesgemäß instinktsichere Bienen geführt?

Auf Wiederhören

In Medien, Radio, Stadt, Werner on 12. November 2007 at 23:29

„Alles was Radio kann“ beim Deutschlandradio

Die Klischees sind lange schon aufgeschrieben: Die Generation Golf saß im Bademantel vorm Fernseher und durfte vorm Schlafengehen noch „Dalli Dalli“ gucken. Das Deutschlandradio macht jetzt Ernst, nimmt sentimentale oder junggebliebene Quiz-, Radio- und Retrofans beim Wort und schickt Hans Rosenthal zurück ins Wohnzimmer. Zur wahren Bademantelzeit am Sonntagmorgen um 8 Uhr gibt es unten dem neuen Deutschlandradio-Wochenendmotto „Alles was Radio kann!“ eine Folge „Allein gegen alle“ aus dem Archiv. In dieser Radio-Mutter fast aller Fernsehshows stellt eine Person – gerne Oberstudien- räte und Oberlandesgerichtsräte – einer ganzen Stadt fünf Fragen, die in 15 Minuten beantwortet werden müssen. Um das nachzuvollziehen: „Frage 1: Welcher deutsche Musiker komponierte im Jahre 1875 für die 100-Jahr-Feier der Vereinigten Staaten von Amerika einen Marsch? – Frage 2: Die Porträtbüste welches weiblichen Mitgliedes des römischen Kaiserhauses war so gearbeitet, dass der obere Teil des Kopfes wie eine Perrücke abzunehmen ging, um bei etwaigem Wechsel der Mode ausgetauscht werden zu können? – Frage 3: Wie heißt der Schutzpatron der Gepäckträger? – Frage 4: Wo ließ Johann Gottfried Seume auf seinem Spaziergang nach Syrakus zum zweiten Mal seine Stiefel besohlen? – Frage 5: In welchem Bau ließen alle Universitäten der Welt zu Ehren eines großen Mannes eine Marmorplatte legen?“ Klären Sie das mal mit ihren Nachbarn, ohne Google, in einer Viertelstunde! Radio- und Fernsehredakteure von heute trauen Ihnen das jedenfalls nicht zu.

„Die Sonderrunde“ schließlich war die Urmutter aller „Wetten, dass …?“- Außenwetten: Mindestens 100 Bürger bitte zur Gymnastik auf den Marktplatz von Vechta, 25 Erwachsene zum Rennen mit Kinderrollern nach Delmenhorst: Sage und schreibe 100 Mark brachte die gelöste Aufgabe – für die Stadtkasse. Die Gags sind also geblieben – die Rätsel sind ja einfacher geworden, wenn heute in Call-Ins ein „Tier mit A“ mit 1000 Euro belohnt wird.

„Allein gegen alle“ geriet zur – auch kommunikationstechnisch – faszinierenden Rundreise durch die Provinz, wenn Hans Rosenthal zum Marktplatz oder in die Schulaula schaltete und seine Reporter unter zeitlichem Hochdruck die Bürgermeister und Oberstadtdirektoren Lösungen verkünden ließ, die die minutenschnell telefonisch von ihren Einwohnern eingesammelt hatten. Schwetzingen, Vechta, Melle, Kellinghusen und Delmenhorst (drei mal siegreich und gegen den Berliner Postbeamten Siegfried Luckmann nur an der Frage nach dem ersten Heiratsinserat – „im Delmenhorster Kreisblatt war es nicht“ – gescheitert!) mussten sich erst einmal durchsetzen, bevor sie gegen größere Städte und deren gesammeltes Wissen antreten konnten. Nach drei siegreichen Runden durfte eine Stadt sich mit dem Titel „Unschlagbare Rätselstadt“ schmücken – vermutlich eine weitaus integrativere Anstrengung, als weltrekordtaugliches Krähen (oder wars Miauen, Bellen, I-A-en?) auf dem Bremer Bremer Marktplatz anno 2007.

Faszinierend ist beim heutigen Nachhören aber vor allem die technische Perfektion, mit der Hans Rosenthal und seine Reporter blitzschnell, hellwach, präzise und virtuos zig mal zwischen Bürgermeistern, Rollerrennstrecken und nächster Stadt kreuz und quer – „bitte melden, bitte melden!“ – hin und her schalteten, Juryentscheidungen und Publikumsstatements einholten und zwischendurch noch die Creme der deutschen Unterhaltungsmusik spielen ließen, live natürlich und immer wieder nur bis zum „Lichtsignal“ für den nächsten Antwortversuch, dessen Erfolg ein – selbstverständlich ebenfalls live gespielter – Jingle krönte.
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Weltwut & Körperflüssigkeit

In Kunst, Werner on 18. Dezember 2001 at 23:55

von cwerg @ 2001-12-18 – 23:55:20

Ben Becker mit Klaus Kinski on Tour

Schon Klaus Kinskis jugendlicher lyrischer Auswurf voll Weltschmerz, Weltwut und wahrer Körperflüssigkeitenflut kündet von einem intensiven, scheinbar egomanen Maniac: „Die Menschen sind bis tief ins Herz verhurt! / was wollten sie von mir! ich hatte nichts getan!! / ich hatte nur mein Leben durchgerissen, / weil sie mir Eiter in die Seele pissen!! / ich krümmte mich unter der Nachgeburt, / die mir im Wirbel flattert wie ein irrer Hahn“ – heißt es im Gedicht „Irrenhaus“.

Der Jungschauspieler Kinski, mit 26 Jahren noch still, prüde, sanftmütig, „reißendes Lamm unter Wölfen“, kümmerte sich 1952 rührend um eine todkranke, sechzehnjährige Geliebte. In diesen wenigen Wochen soll er vehemente und metaphernreiche Wortkaskaden rauschhaft niedergeschrieben haben, die erst jetzt unter dem Titel „Fieber – Tagebuch eines Aussätzigen“ erschienen: Seit 1953 waren Geliebte und Gedichtetes verschwunden, nie erwähnt.

Zum Gedicht-Bildband gibt es ein Hörbuch: Der Schauspieler Ben Becker und Alexander Hacke, Kopf der „Einstürzenden Neubauten“, haben sich Kinskis „Weltirrsinn“ und weiterer Texte angenommen. Hacke hat aus Alltagsgeräusch und Allerweltsrauschen, aufgenommen im und ums Krankenkaus, sinnige Klangteppiche gesponnen. Becker horcht, spürt und schmeckt den genialischen Ergüssen Kinskis ironiefrei nach. Die Performance zum Hörbuch gab es jetzt live im Theater am Goetheplatz: die Musiker Ulrik Spies (Percussion) und Jacki Engelken (Elektronisches) erweitern oder verstärken Hackes Klangkunst mit einigen Live-Zutaten, Ben Becker gibt vor jugendlich gefülltem Haus den Kinski.

Oft unsensibel laut und basslastig verstärkt, wühlt er sich durch Wortmassen und Bildungetüme – mit argem Druck: So beeindruckend die errungenen Höhepunkte sind, wenn er schreiend und zugleich staunend zu Kinski-Becker verschmilzt, so anstrengend ist live dieser Weg entlang der Grenze zur Parodie. Das wird dann auch mal unfreiwillig komisch geknödelt: „Ich bin ein Mutterkuchen!“ – Naja. Bisscken dicke!

Das ist schade, weil Ben Becker – nicht nur im Hörbuch – auch ganz anders kann: Wenn er nicht wie Kinski klingen muss, sondern bei sich und seiner Musikalität bleibt, gelingen wunderschöne Hörkunststücke:

Ganz klar feiert er dann den „Jazz!! / Unsterblichkeit der Nerven!!“ – oder musiziert den „Orient: Komm! amoktoller Mohn! / Komm! Lustbesautes Bett! / … / Ich seh auf Deinen scharfgeschliffnen Brüsten / den blutgeflammten Schaum des Himmels winken! / Komm! laß und schnell zusammenrasen / Blut in Blut!!“. In manchen Momenten reichen ein Paar Gummihandschuhe an Musikerhänden, ein paar stille Tanzschritte oder fahles Neonlicht, um Kinskis wilden Worten Bilder zu geben, einfach und gut. Dann ist Ben Becker vielleicht bei Kinski, bei dessen großem Porträt auf der Bühne er sich immer wieder rückversichert.

Abschied: „Ich richte mich auf – ganz steil – wie es Baeume tun, wenn sie wissen, daß es Zeit zum Sterben ist – – – ich muß weg von hier!!“ – und Becker/Kinski geht.

19.12.2001 taz Bremen Nr. 6630 Kultur 45 Zeilen, S. 23

Provokation? Quatsch!

In Kunst, Politik, Werner on 1. November 2001 at 09:00

Bremen schasste Theaterdirektor Hübner trotzdem. Unter seiner Hand wurde das Theater zum Talentschuppen und Bremen zu einer wilden Stadt

Die Bremer Theater-Ära Hübner endete 1973. Carsten Werner, freier Regisseur und Leiter des Jungen Theaters, war damals grade mal sechs. Für die taz sprach er mit der Theaterlegende, die für junge Theatermacher nach wie vor Vorbild ist und der er als Entdecker noch immer zur Seite steht.

taz:Herr Hübner, Sie werden gefeiert als der große Anreger, Entdecker, Zusammenbringer und Animator des deutschen Theaters, als Legende und Vorbild vieler jüngerer Intendanten. Stört Sie das, dass der Regisseur und Schauspieler Kurt Hübner in den Lobreden so wenig vorkommt?

Kurt Hübner: Nein, gar nicht. Denn das hängt ja auch mit mir zusammen, daß ich immer Leute suchte und gefunden habe, von denen ich meinte, sie sind besser als ich oder sie könnten mich in irgendeiner Weise weit übertreffen. Und das hat den Ruhm des Theaters ausgemacht, dass ich diese Regisseure fand und hier her holte, die innovativ waren und unverwechselbar: Zadek, Stein und Grüber, Kresnik und Fassbinder, Wilfried Minks und viele andere – das waren alles unverwechselbare Leute.

Man sagt Ihnen Neidlosigkeit nach …

Neidlos bin ich. Dass ich das zustande gekriegt habe, dass hier was blühte, mit diesen Menschen, und dass man das nicht vergessen hat, das ist meine größte Genugtuung.

Sie feiern Ihren 85. Geburtstag in Bremen und tragen sich ins Goldene Buch der Stadt ein. Da haben Sie den heutigen Tag Ihren „Versöhnungstag mit Bremen“ genannt.

Ich möchte es so gerne. Und ich möchte alles wegschaufeln, was schwere Wunden gerissen hat. Es sind neue Leute da, eine andere Generation. Es sind ja nur wenige von den Politikern übrig, die für mich Monster waren, an Unwissenheit und auch an Unverschämtheit. Den Bremern von heute will ich doch nicht das mehr übel nehmen, was die Leute damals an uns Brutales und Mörderisches versucht haben. Das ist vorbei. Es muß Versöhnungstage geben, überhaupt, grundsätzlich in der Menschheit.

Wissen Sie, was man in Bremen gegen Sie oder Ihr Theater hatte?

Es waren aufregende, wilde, schwierige Zeiten. Und das Wilde wurde von den Politikern reflektiert und war eine Last. Es sollte doch mit der Kunst, mit dem Theater angenehm bequem bleiben, nicht ständig neue Auseinandersetzungen! Ich war denen vielleicht unheimlich.

Wollten Sie provozieren?

Quatsch. Wir wollten lebendiges Theater machen, das die Leute wach hält und wach macht, aber niemanden aus dem Theater vertreiben! Ich war Theaterdirektor und wollte, dass möglichst viele Leute kommen – und es sind viele gekommen, auch junge Menschen, die vorher nicht ins Theater gegangen sind.

Hans Koschnick sagt, Ihr Theater habe Politik und Gesellschaft neue Anstöße gegeben.

Ja, da war er eine Ausnahme. Nach außen hin hatte er immer seine große Zuneigung gezeigt zu dem, was wir machten. Er war ein wunderbarer Fan. Er war aber nach Innen, in die Politik rein, ein bißchen gehandicapt – der Bürgermeister hat sich nicht in andere Ressorts einzumischen. Da hat er dann so eine Bremer Vornehmheit walten lassen, über die ich immer ein bißchen verblüfft war.

Was machen Sie als nächstes?

Ich habe jetzt in Berlin im Hörspiel den Kant verkörpert. Da war ich gegen mich selber außerordentlich skeptisch. So eine große, skurrile Figur, die muss ich mir ja erstmal erkämpfen. Ich bin beim Impulse-Festival der Freien Theater in der Preisjury und ich habe den Auftrag der Akademie der Künste und der Eysoldt-Stiftung in Bensheim, für die jährliche Verleihung eines Preises den jungen Regisseur zu finden, der dafür in Frage kommt.

Wie entdecken und erkennen Sie einen jungen Künstler?

Das hat viel mit Spüren, Nervlichkeit und auch mit Psychologie zu tun. Dieses Geheimnis eines Menschen, das entdeckt nicht jeder. Ich bin oft gefragt worden: Wie hast Du die alle gefunden? Da müßte ich ein kleines Buch darüber schreiben. Die Intendanten sind überall in Deutschland auf der Suche nach den großen neuen Talenten. Und da sind Leute plötzlich „große Talente“, bevor sie auf Herz und Nieren daraufhin untersucht worden sind. Es gibt viel Brimborium – ich durchschaue das wahrscheinlich leichter als andere, die über eine stilistisch merkwürdige Geschichte entzückt sind. Aber sehr häufig verbirgt sich dahinter nichts weiter als ein bißchen heißer Wind und dann kommt – leere Luft.

Was raten Sie jungen Leuten, die Regisseurin oder Schauspieler werden wollen? Kann man das an einer Schule lernen?

Das weiß ich nicht. Ich habe zu Schulen ja eine ganz schlechte, mißtrauische Beziehung. Es sind ja die Fußkranken des Theaters, die an den Schulen meistens die Lehrer sind, zu viele im Theater Gescheiterte. Da sind immer einige wenige sehr gute Lehrer. An die jungen Regisseure und deren eigene Verfeinerung durch sich selber, an die glaube ich mehr, als an alle Lehrer. Die meisten Hochbegabten sind letzten Endes Autodidakten.

Gilt das auch für Schauspieler?

Ich sage denen: Ihr müßt sehen und schauen. Wie man daran arbeitet, wie man spricht oder stumm ist, Pausen setzt, wie das entsteht. Aber geht nur zu denen, von denen ihr überzeugt seid! Ich liebe es ja, Filme zu sehen. „Die Klavierspielerin“: Was der Haneke da zustande gekriegt hat, das ist wunderbar. Eine höchst neurotische Geschichte, wenn Sie die aber in dem Film sehen, denken Sie, es ist überzeugende Wirklichkeit. Man kann doch an den Maßstäben, die große Kunst setzt, sich selber messen. Dazu sind sehr viele von den jungen Leuten auf den Schulen zu bequem und zu faul. Diese leidenschaftliche Begierde, seine Maßstäbe zu finden an großen Kunstwerken des Theaters oder des Films, ist relativ selten.

1.11.2001 taz Bremen Nr. 6589 Kultur 170 Zeilen, S. 27

Kurt Hübner: Der Möglichmacher

In Kunst, Werner on 27. Oktober 2001 at 10:00

Der ehemalige, im „Kultursenatorium“ nicht gelittene Generalintendant des Bremer Theaters wird 85 Jahre

Am 30. Oktober wird Kurt Hübner 85 Jahre alt. Von 1962 bis 1973 war er Generalintendant am Bremer Theater. Er wird seinen Geburtstag mit vielen seiner Weggefährten im Bremer Theater am Goetheplatz feiern. In gewissem Sinn beehrt er so noch einmal die Stadt, aus der im Jahr 1973 ohne offiziellen Abschied und Dank gejagt wurde: beleidigt, beschimpft und entlassen vom „Kultursenatorium“, wie er die Institution einmal bitter-ironisch nannte.

Mit der Entlassung Hübners endete Bremens, vielleicht sogar Deutschlands bedeutendste Theater-Ära. Für den damaligen Kultursenator Moritz Thape allerdings ein „völlig legaler Vorgang“, hatte Thape, der Hübner und dessen Arbeit nie sonderlich schätzte, doch nur den Vertrag des Intendanten nicht verlängert.

Hübners Verdienste indes sind so vielgestaltig wie seine Talente: Er holte die drei großen Antipoden des deutschen Theaters, Stein, Grüber und Zadek nach Bremen und konfrontierte sie mit Kresnik und Fassbinder, damals noch kreative Nachwuchskräfte. Im „offenen Vorsprechen“ entdeckte er in blutigen Anfängern schon große Schauspieler, etwa Bruno Ganz. Hübner brachte „Antitheater“ und „Living Theatre“, „Off“ und „Off Off“ ins deutsche Stadttheater und schaffte Verbindungen zu Musik, Bildender Kunst und Choreographischem Theater.

Gemeinsam mit Zadek produzierte er hierzulande das erste amerikanische Musical und unterlief, noch in Ulm, den westdeutschen Brecht-Boykott und damit alle Erwartungen und Konventionen der deutschen Bildungsbürger an „ihr“ Theater. Von nun an gehörten ein Offenlegen von Machtstrukturen sowie politisches Opponieren zum Alltag der Bühnen des Bremer Theaters.

„…von der Freiheit eines Theatermenschen“ heißt ein Film über Hübner von Marcus Behrens (heute um 14 Uhr auf N 3). Bremens ehemaliger Bürgermeister Koschnik begeistert sich darin über „Hübners Theater“, ein Theater, das der Gesellschaft einst eine Reihe neuer Anstöße gegeben hat. Zadek schwärmt von einer permanenten Theater-Party. Er kam sich vor wie „fünf Jahre lang auf einem Trip“.

Ästhetisch deutlich vom Bühnenbildner Wilfried Minks geprägt, entstand so unter der Ägide Hübners der berühmte Bremer Stil, in dem sich die Hansestadt bis heute allzugerne sonnt. Geprägt wurde der Begriff von der Zeitschrift „Theater Heute“, die sich am Bremer Geschehen derart interessiert zeigte, dass sie sich dafür flux den Spitznamen „Bremen Heute“ einhandelte. Hübner allerdings spricht lieber von der „Bremer Schule“, „weil da jeder in eine andere Richtung rannte und Zadek sogar in 17 verschiedene“.

Bis heute ist Hübner neugierig, im positiven Sinne „naiv“, immer unterwegs auf der Suche nach Neuem, Abseitigem und Aufregendem. Er unterrichtet Schauspielschüler, regt an, sammelt und sichtet die Szene. Beharrlich hält er Ausschau nach förderungswürdigen Kandidaten und jungen Talenten. Allerdings, die Messlatte liegt hoch: „Wenn ich nicht das Gefühl habe, der ist viel interessanter als ich selber, dann interessiert er mich nicht. Und das war vielleicht das ganze Geheimnis, immer“. Wahrscheinlich.

Der ehemalige Intendant feiert seinen 85. Geburtstag in Bremen. Tags darauf trägt er sich ins Goldene Buch der Hansestadt ein. Sein Lebensmotto nannte er einmal: „Trotzdem!“ Herzlichen Glüchwunsch!

27.10.2001 taz Bremen Nr. 6585 Kultur 48 Zeilen, S. 27

Meine erste Platte

In Werner on 10. August 1994 at 00:45

Meine erste Platte (8)

„Die erste eigene Schallplatte?“ Ein quälend langes Schweigen entsteht. Ist Carsten Werner vom „Jungen Theater“ noch am Apparat? Ist er von der geistigen Wucht der Frage erdrückt? „Ja, das war als Kind“, kommt es endlich mit vorsichtigem Bedacht vom anderen Ende der Leitung zurück. Aber welche Platte war das, die ihm solange den Atem zum Sprechen genommen hat? „Das waren Wum und Wendelin vom ,Großen Preis‘ mit Wim Thoelke“, rückt Werner langsam mit der Sprache heraus. „Das Lied hieß Ich wünsch mir eine kleine Mietzekatze. Ich habe sie gemeinsam mit meinem ersten Plattenspieler vor dem Schuleintritt bekommen. Danach habe ich die Hitparadenplatten rauf und runter genudelt, aber an die Titel erinnere ich mich nicht mehr.“ Nur Wum und Wendelin haben sich also in das kindliche Gedächtnis eingegraben? „Ja, vielleicht erinnere ich mich deshalb so gut daran, weil der Sommer mit meiner ersten Single und meinem ersten Plattenspieler genauso heiß war wie in diesem Jahr. Vor kurzem habe ich die Platte übrigens vergeblich gesucht. Ein Regie-Kollege brauchte für sein Stück einen Duettgesang.“ abi / Foto: Claudia Hoppens

10.8.1994 taz Bremen Nr. 4387 Schlagseite 39 Zeilen, abi S. 20

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