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Ai Weiwei seit einem Monat verschwunden: Suchen Deutsche Kultur-Funktionäre immer noch ihre rote Linie?

In Politik, Welt on 3. Mai 2011 at 16:01

Was deutsche Kulturfunktionäre mit verengtem Blick auf den eigenen Ruhm oder auch nur auf das Wohlergehen der „eigenen“ Institution für einen Scheiß reden können!

Fast zwei Wochen nach der Verhaftung  und Verschleppung von Ai Weiwei vom 3. April schloss der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, Michael Eissenhauer, am 14. April erstmals (!) einen Abbruch der Ausstellung „Kunst der Aufklärung“ in Peking, in deren mindestens zeitlichem und inhaltlichem Kontext die Verhaftung steht, „nicht mehr aus“. Aus diesem Anlass schwadroniert der deutsche Funktionär von einer „roten Linie“:  Wenn diese überschritten werde, werde die Ausstellung abgebrochen. „Wir sind auf das Szenario vorbereitet, die Ausstellung nicht unter allen Umständen weiterlaufen zu lassen.“ Wobei er in dem Interview mit der Nachrichtenagentur dapd nicht sagte, wo diese Linie verlaufe („Das kann ich jetzt noch nicht direkt benennen“) und wie und wann sie überschritten wäre.

Heute, einen Monat nach der Eröffnung der Ausstellung und der Verhaftung des Künstlers, der nach wie vor verschollen ist, suchen die deutschen Museumsdirektorn jedenfalls offenbar immer noch nach dieser „Linie“.

Für eine Abschaffung des Eintrittspreises in die 10 Millionen Euro schwere, aber offenbar nicht sehr willkommende und dazu noch erfolglose Ausstellung (wegen laut Nachrichtenagentur dapd hoher Eintrittspreise, wenig Werbung und mangelhafter Ausschilderung) aber will sich E. jetzt verstärkt engagieren – während sich im Fall Weiwei weltweit Künstler für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzen. Darüber hinaus ist der Museumsdirektor von der Verhaftung „zutiefst frustriert. Es ist für mich ein tiefer Schmerz. Damit wurden nicht nur wir Museumsleute, sondern auch Bundesaußenminister Guido Westerwelle, der die Ausstellung ja
eröffnet hat, brüskiert. Allerdings sehen wir keinen direkten Zusammenhang zwischen der Ausstellung und der Festnahme Ais. Er war zur Eröffnung und den Dialoggesprächen im Zusammenhang mit der Ausstellung eingeladen. Wir hätten gewusst, wenn er nicht zugelassen worden wäre. Die Festnahme entspricht natürlich nicht dem, was wir unter der Freiheit des Künstlers verstehen. Wir erwarten schon einen anderen Umgang der Chinesen mit diesem Thema. Selbstverständlich fordern wir die Freilassung Ai Weiweis.“

Das muss man sich alles mal auf der Zunge zergehen lassen:
– Dass da ein Mensch entgegen aller rechtsstaatlichen Prinzipien, entgegen aller Menschlichkeit einfach von der Bildfläche verbindet – das gefährdet nicht etwa dessen Leben, das sagt auch nichts über den geschäftspartner China, sondern: Das „brüskiert“ IHN, den deutschen Museumsdirektor!
– Er spricht nicht vom Schicksal des Künstlers, sondern von „diesem Thema“,
– … sieht „keinen direkten Zusammenhang“ zwischen Kunstausstellung und Künstler in ein und demselben Land zur selben Zeit zum selben „Thema“, der Aufklärung nämlich,
– … „hätte“ schließlich „gewusst“, wenn da was nicht stimmt.
– und fordert „selbstverständlich“ die Freilassung.

Nicht mehr: Nur „selbstverständlich“, ohne „direkten Zusammenhang“ und entgegen den eigenen Erkenntnissen fordert er also halt, was alle eh gerade erwarten.

„Menschen, die in totalitären Staaten aufwachsen, sind geübt, Signale zwischen den Zeilen
wahrzunehmen“, beruhigt sich Eissenhauer beim Plädoyer für seine Ausstellung. Weil das stimmt, sollte man jenen Menschen sein Gequatsche über technische Probleme, freie Diskussion unter Eingeladenen, finanzielle Risiken und und und … ersparen!

Lasst endlich Künstler sprechen!  Ai Weiwei und Gregor Eissenhauer zeigen, wie wichtig das ist.

Neue Fragen erfordern neue Antworten.

In Politik, Welt on 12. März 2011 at 20:40

Die Frage der Beherrschbarkeit der atomaren Gefahren sei „heute neu gestellt worden“, sagt Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) dem WDR-Hörfunk. „Auch Japan ist ja nicht irgendein Land. … Alle KKW waren darauf ausgelegt, was an Erdbeben passieren kann.“ – “ Dieses „Trotzdem“ ist eine gesellschaftspolitische Frage, die nicht abgewehrt werden kann.“

Und die Kanzlerin (CDU): „Unbestritten: Die Geschehnisse in Japan sind ein Einschnitt für die Welt.“ Wenn in einem so hoch wie Japan entwickelten Land mit höchsten Sicherheitsstandards so ein  Unfall passiere, könne „auch Deutschland nicht einfach zur Tagesordnung übergehen“.

Und Außenminister Westerwelle (FDP) will wissen, „ob auch unsere Kühlsysteme solche Anfälligkeiten haben“.

RWE-Technikvorstand  Gerd Jäger dagegen „sieht trotz des Atomunfalls in Japan keinen Grund, die Laufzeitverlängerung für deutsche Meiler bis 2035 zu überdenken. «In Deutschland werden mit gutem Grund höchste Sicherheitsstandards für Kernkraftwerke angesetzt, und sie werden von uns erfüllt», sagte er der «Welt am Sonntag». (…)  Naturkatastrophen in der Größenordnung wie das Erdbeben und der Tsunami in Japan seien in Europa nicht zu erwarten. «Dennoch gibt es natürlich wie in allen Lebensbereichen Restrisiken. Und die gilt es immer weiter zu minimieren.»“

http://www.greenpeace-magazin.de/index.php?id=55&tx_ttnews[tt_news]=102061&tx_ttnews[backPid]=54&cHash=c080a75163

Ansonsten: Brückentechnologie, „für sicher gehalten“ … etc. pp.

Hm.

– Hatte Japan seine Akw NICHT für sicher gehalten, keine Sicherheitsstandards gehabt, sich daran nicht gehalten?

– Alle 20,25 Jahre ein Gau – kann man das aus Technik-Vorstands-Sicht als „Restrisiko“ verstehen?

– Woher weiß der Mann, was „in Europa“ „zu erwarten“ ist an wildem Wetter, irgendwelchen Attacken und all dem … in den nächsten 10 Tagen , Monaten , Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten?

Wär doch gut, wenn sich hier dann doch wieder ein Unterschied herauskristallisierte zwischen Lobby-„Experten“ und Politik.

Bahntugenden

In Medien, Welt on 25. September 2010 at 02:47

Ich durfte mich heute zwischen Berlin und Bremen sechs Stunden darüber freuen,

 – dass die Deutsche Bahn es schafft, in ihren automatischen Ansagen und Bahnsteiganzeigen für ein und denselben Zug GLEICHZEITIG, im selben Laufband und abwechselnden Durchsagen, 10-20-45-60 Minuten „wegen Bauarbeiten“ und 40-75-80 Minuten „wegen eines Notarzteinsatzes“ Verspätungen zu verkünden; wobei die letzten Scheibchen dieser scheibchenweisen Verkündigung auch noch liefen, als schon 95 Minuten rum waren.

– wie old Helmut Schmidt dem Bahnchef DOKTOR (!) Rüdiger Grube und seinem blonden Beiböötchen DOKTOR  Antje Lüssenhoop, Leiterin PR und Interne Kommunikation der DB, in einem „Interview“ über Moral und Anstand und Tugenden und Werre im DB-Magazin „mobil“ einschenkt: „Ich heiße Schmidt, schon seit über 30 Jahren, da bleiben wir bei.“ – um sodann die servilen Fragen des Vorstandschefs DOKTOR (!) Grube abzuledern: Nach Werten „wie Glaubwürdigkeit, Respekt, Loyalität, Fleiß und Begeisterungsfähigkeit“ („die lernt man auch nicht auf der Harvard Business School, in St. Gallen auch nicht und in Oestrich-Winkel auch nicht“). Nach des DOKTORS (!) Befürchtung, „die Nutzung der neuen Medien könnte dazu führen, dass Kommunikation oberflächlicher wird“ („Ob der Medienkonsum aber auch notwendigerweise einen Verlust an Moralität unterstützen muss, da würde ich zögern mit der Antwort. Denn es hat ja auch im alten Griechenland, im alten Rom, in Mittelitalien, in Venedig, in Gent, in Siena (!) nicht immer nur den ehrbaren Kaufmann gegeben, sondern auch ganz üble Geschäftemacher. Es hat auch immer Mörder, es hat auch immer Diebe, es hat auch immer Betrüger gegeben.“) Nach „Werten wie Respekt, Anständigkeit und Offenheit“ in Freundschaften („es müssen nicht unbedingt Freundschaften sein“) und nach dem Grundgesetz, das inzwischen besagt, dass die Bahn „ein Wirtschaftsunternehmen in privatrechtlicher Form ist“ („Das steht neuerdings im Grundgesetz? Das wusste ich auch nicht.“). Nach famosen Exkursen in die Wirtschaftspolitik gehts dann noch mal um Sekundärtugenden: Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. „Die Eisenbahn möchte bitte pünktlich sein“, schließt Schmidt. Insgesamt ein schönes Beispiel für die Kraft des guten Arguments, echten Lebens und wahren Denkens gegenüber windelweichem PR-Gesäusel!

– dass ich erleben durfte, wie es Dr. (!)  Grubes Bahnpesonal in concreto „mit Werten wie“ Glaubwürdigkeit, Respekt, Anständigkeit und Offenheit und Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit hält. – Sagen wir mal: Loyal mit dem Arbeitgeber;  in Hamburg „gibts Freitagabend um Mitternacht doch keine Hotelzimmer“, Taxifahrten gibts nur zu sechst – auch wenn man dafür noch mal 35 Minuten auf ein Großraumtaxi warten muss. Und das 1 Meter lange Formular für die Erstattung eines überschaubaren Fahrpreisanteils „füllnsedasdochselbstaus!“.

– dass ich dann noch 90 Minuten im Taxi sinnieren durfte: „mit dem Auto über die A1 oder mit der Bahn einfach mal losfahren – was ist denn jetzt wirklich besser?“ Bin noch unentschieden.

– dass man auch mal nachgeben muss, dass man auch mal offline muss: Laptop im Taxi klappt nicht.

„Meine Bundesrepublik“ ???

In Politik, Welt, Werner on 23. April 2009 at 11:07
Ich war ja nicht von Anfang an dabei. Im Nachdenken über meinen Staat und mich drängen schwer angstbesetzte Situationen aus der Erinnerung, die wohl mein gesellschaftliches, politisches Bewusstsein geweckt haben: Die ungeheure Angst, als Lilienthaler Teenie von brutalen RAF-Terroristen mit meinen kleinen Schwestern vom Schulhof oder aus dem Vorortgarten entführt zu werden – oder direkt im Postamt, wo finstere Steckbrief-Visagen vor äußerster Brutalität und direktem „Schußwaffengebrauch“ warnten. Medien, Polizei und Politik implizierten mir dieses mögliche Schicksal. Etwas später beherrschte mich monatelang große Angst, bei der Bundeswehr einmal selbst zum Waffengebrauch gezwungen zu werden. Und meinen ersten und einzigen DDR-Besuch verbrachte ich absurd kreiselnd wandernd durch Ost-Berlin – sollte doch hinter jedem Busch und Schild ein Verfolger stehen. Keine sehr schönen Erinnerungen. Aber heute bin ich manchmal noch fröhlich überrascht, dass Helmut Kohl hier nicht mehr Kanzler ist und wie schnell Demokratie doch gehen kann. Ich kenne keine andere als diese eigentlich nette, liberale Bundesrepublik. In „der Krise“ von System und Staat verdichtet sich gerade mein Gefühl, dass sie sich noch mal gewaltig verändern wird und muss. Meine Angst reduziert sich jetzt auf bürokratische Monster und ist sonst Neugier und Entdeckerlust gewichen.

(für den Weser Kurier)

Hörspiel des Monats September: Séance Vocibus Avium

In Kunst, Radio, Welt on 10. Juni 2008 at 12:11

Séance Vocibus Avium
Von Wolfgang Müller

Hörspiel des Monats August 2008, Begründung der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste:

Wolfgang Müller gibt ausgestorbenen Vogelarten eine Stimme: Er hat Künstler der deutschen Avantgarde-Pop-Szene gebeten, allein auf der Grundlage wissenschaftlicher Aufzeichnungen verstummte, vergangene Vogelstimmen zu rekonstruieren. So wird aus der rein schriftsprachlichen Erinnerung an ausgestorbene Natur wieder lebendige Akustik – und wir werden nie erfahren, ob diese Töne und Stimmen ‚richtig‘ sind oder doch ganz anders als die ihrer tierischen Vorbilder. Mit ihren jeweils ganz eigenen musikalischen und stimmlichen Mitteln und Techniken schaffen die Musiker uns aber die Möglichkeit einer Erinnerung, einer Vorstellung der ausgestorbenen Vögel.

Der Ernst, mit dem Justus Köhnke, Annette Humpe, Frederik Schikowski, Frieder Butzmann, Hartmut Andryczuk, Max Müller, Nicholas Bussmann, Wolfgang Müller, Francoise Cactus, Brezel Göring, Khan und Namosh sich ihrer bio-archäologischen Aufgabe widmen, wird dem Sujet gerecht: Denn die Stimmen ausgestorbener Vogelarten kommen nicht zurück, sind nicht zu archivieren, nicht zu ersetzen – und eben auch bei noch so kunstfertiger Bemühung nicht zu rekonstruieren. Die Künstler verausgaben sich hier uneitel (und letztlich nicht mehr persönlich zu identifizieren) hör- und fühlbar für den Erhalt eines winzigen Moments Natur – und scheitern daran allen Ernstes.

Parallel referiert die Sprecherin Claudia Urbschat-Mingues die wissenschaftlichen Beschreibungen der Vogelstimmen; durch unendlich viele Deutungen und Bedeutungen, Übersetzungen, Synonyme und Interpretationen der Begriffe , mit denen Wissenschaftler die Natur beschreibbar machen woll(t)en, werden auch deren Versuche ad absurdum geführt: Schon nach wenigen Runden des aus Hören, Sagen und Verstehen unweigerlich folgendenden Deutens wird aus der Vogelstimme ein neues ‚Irgendwas‘ aus der Natur oder dem Rest unserer individuellen Erfahrungswelt.

Wolfgang Müller setzt mit seinem Hörspiel der aussterbenden Natur ein akustisches Denkmal – und erzählt dabei viel über die Kraft, aber auch über die klaren Grenzen der Kunst. Für die intellektuelle Auseinandersetzung mit der Natur hinterfragt er die Maßstäbe – und erfindet ein paar neue.

Carsten Werner

Mitwirkende: Claudia Urbschat-Mingues

Musiker: Justus Köhnke, Annette Humpe, Frederik Schikowski, Frieder Butzmann, Hartmut Andryczuk, Max Müller, Nicholas Bussmann, Francoise Cactus, Brezel Göring, Khan, Namosh, Wolfgang Müller

Kunden, die diesen Artikel gekauft haben: Von Bienen und Blumen und Schwänzeltänzen und Schwarmintelligenzen

In Ideenwirtschaft, Konsumempfehlung, Medien, Welt, Werner on 11. Februar 2008 at 23:07

Über die Honigbiene konnte der legendäre Bienendompteur und Nobelpreisträger Karl von Frisch Bände füllen. Und auf einer tunesischen Ferieninsel lernt ein junger Schriftsteller den Jesuiten Joseph Kuklinsky kennen, der sich als Mitglied einer Ethikkommission vorstellt und den jungen Mann in philosophische, teils seltsam indiskrete Gespräche verwickelt.
<< Der letzte Satz gehört zum Klappentext von Matthias Hirths schönem Roman „Angenehm“, gerade im schönen Blumenbar-Verlag erschienen: „Nach kurzer Zeit bietet er ihm an, für einen hohen Geldbetrag Geschichten zu schreiben, über deren Inhalt er frei entscheiden kann, aber: Erklären Sie jemandem den Menschen, der den Menschen nicht kennt.“ Der Wirtschafts- und Wisschenschaftkrimi dreht sich um künstliche Intelligenz, Bewusstsein und Poesie.
<< Der erste Satz dieser Kolumne hingegen stammt aus der FAZ-Besprechung eines Hörbuchs von Jürgen Tautz, Verhaltensforscher der weltweit bekannten BeeGroup der Universität Würzburg: „Der Bien“ aus dem supposé-Verlag.

Zusammengebracht haben diese Produkte „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben“, denn die „… kauften auch …“ – bei Amazon im Internet.

Man kann so Entdeckungen machen, von denen man nie zu träumen wagte: „Das dritt- wichtigste Haustier des Menschen nach Rind und Schwein“ begeistert mit Gelée- Royal-Designfood und „wabenbauenden Handwerkern, die ihre Ziegel selber ausschwitzen“. Ihr „Superorganismus“, „der Bien“ eben, arbeitet höchst ökonomisch und vorbildlich für uns Menschenkinder an Wärmetechnik, Arbeitsteilung, komplexen Kommunikationstechniken und Schwänzeltänzen. Womit wir bei deren Entdecker und Übersetzer, besagtem Karl von Frisch, wären: Auch fünf seiner Tonband- und Radiovorträge aus den Jahren 1953 bis 1962 haben den Weg vom Deutschen Rundfunkarchiv in ein Hörbuch des supposé-Verlags gefunden: „Die Tanzsprache der Bienen“.

„Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften …“ übrigens auch das Werk „Ökologisch Imkern“ oder den Kalender „Phänomen Honigbiene 2008“. Nunja, der Weg zur Biena Maja und ihrem Freund Willi ist sicher auch nicht weit. Aber bei aller Liebe zu Tanzkunst und Poesie – ein eigeninitiativer Klick zurück zu den Kunden von Matthias Hirths Erziehungsroman „Angenehm“ katapultiert ins Verlagsprogramm von Blumenbar – das aktuell „K1 – das Bilderbuch der Kommune“ präsentiert: Uschi Obermaier, Rainer Langhans … Moment: Hat uns hierher jetzt die künstliche Intelligenz der Amazonrechner gelockt, der schlichte Zeitgeist – oder haben uns an diese Blumenbar standesgemäß instinktsichere Bienen geführt?

Großes Angebot – Mission possible

In Politik, Welt on 7. Mai 2007 at 23:57

Die Aufgaben für Kultur wachsen, die Nachfrage steigt

Ein bisschen Lebensberatung, dazu nach Wahl Gesang, eine Massage oder kluge Geschenktipps. Im Park oder an der Straßenecke wird solche Auseinandersetzung oder Unterhaltung aus dem Stand gern angenommen: „Art to go“, zuweilen wird dafür bezahlt. Und so weit ist es schon: Die Bremer Musical-Company fliegt zur Truppenbetreuung nach Afghanistan. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen setzt Ma- nager ins Orchester und lehrt in Führungskräfteworkshops Kooperation, Phantasie, Mut, freies Denken. Die Entertainerin Gayle Tufts unterrichtet für den Schulbuchverlag Diesterweg Englisch, Deutsch und Denglish in 7. Klassen. Lehrer klappern die Theater nach einem Stück „zu Erfurt und Emsdetten“ ab; Stichworte: Balllerspiele, Amok und Gewalt an der Schule. Freie Schauspieler coachen Pfarrer für das „Wort zum Sonntag“ und bereiten Drogeriemarkt-Azubis auf ihren Job vor. Die Kuratorin und Berliner Ex-Kultursenatorin Adrienne Goehler veranstaltet zum G8-Gipfel in Heiligendamm ein deeskalierendes Kunstprogramm in Rostock – und stellt dabei Kultur explizit als „Globalisierungsgewinner“ vor.

Die Wirtschaft hat Künstler und Kreative ja lange schon als Trendschnüffler identifiziert und mit Sponsoring für Einblicke und Kooperationen gut bezahlt. Jetzt kommt auch Vater Staat in die Spur: Migration, Kommunikation der Kulturen und Religionen, lebenslang lernen statt Bildung anhäufen, neue Arbeit, neue Medien: Da sollen Kreative bitte helfen. Und „zeitgenössischer Kunst wird zunehmend die Verantwortung für die Dokumentation des Zustandes der Welt überlassen oder übertragen, die Aufgabe des Zuhörens, Beobachtens und Veröffentlichens von Welt- und Mikroereignissen“, stellt Goehler fest.

Kein Wunder, dass das neue Vertrauen in Ideen jene schreckt, die Kunst für Zeitvertreib und „nice to have“ hielten – und jene, deren Macht- und Arbeitsfelder plötzlich in Diskurse und Assoziatives driften. Während wahre „Spezialisten“ mehr denn je gefragt sind, drohen Reglern und Verwaltern, Controllern und Vertstehern die Maßstäbchen zu verwackeln. Künstler sollen aus den heimeligen Theatern, Museen, Kon- ferenzen und Symposien raus auf die Straße, in Schulen und Verwaltungen – für manche ein Graus. Die haben gute Gründe, den Status Quo zu halten – und bekämpfen Neues gern mit (altem) System.

Aber Angst lohnt sich nur, wenn Reaktionen folgen. Kultur ist Querschnittsaufgabe und -angebot, braucht Phantasie und Pragmatismus. Und Mut zur Selbständigkeit: Geduld und Vertrauen für kulturelle Prozesse sind eine Herausforderung.

Kino statt Fließband!

In Politik, Stadt, Welt on 6. März 2007 at 09:36
Baustelle Arbeit: Von der Losigkeit und ihrer Zukunft

Braucht die Welt eigentlich noch Arbeit? Schon. Aber braucht die Arbeit noch Menschen? Schon weniger. Goetz Werner, Besitzer der Drogeriemarktkette „DM“ sieht, polemisch zugespitzt, eine wesentliche Aufgabe der Wirtschaft darin, die Arbeit abzuschaffen – möglichst wenig Menschen möglichst wenig arbeiten zu lassen – und plädiert für ein Grundeinkommen, unabhängig von Arbeit, Ausbildung und Beruf. Reine Konsumsteuern würden die entsprechenden Einnahmen bringen. Eine beeindruckende Idee, die auch unter Wirtschaftswissenschaftlern zunehmend Anhänger gewinnt – zumal das finanzierbar scheint. Natürlich aber macht sich auch Angst breit: Wer das alles und wie man das alles missbrauchen könnte! Wer denn dann die Schrankwand als kleinen Luxus finanziert? Und überhaupt: So einfach alles anders? Steuererklärung auf dem Bierdeckel wäre ja schon schön – aber gar keine mehr?

Wer bin ich und wenn ja wie viele?

Es gibt auch Menschen, die der Gedanke entspannt, beruhigt, erleichtert: Selbständige, die mal ein, zwei Monate (oder Jahre!) durchatmen könnten, sich konzentrieren könnten, Zeit hätten. In Zeiten umfassender „Losigkeit“ wäre das schon eine Frage der Gesundheit, auch eine der Kreativität. „Arbeiten, um zu leben“ scheint nicht mehr dauerhaft notwendig und möglich – und warum soll nicht die Technik allein tun, was sie kann? „Leben, um zu arbeiten“ ist schon länger out, da ist die Freizeitgesellschaft davor. „Lebenslanges Lernen“ ist für manchen noch eine Bedrohung – für andere klingt das fast paradiesisch.

Wie sieht Arbeit in Zukunft aus? Fremdbestimmt oder selbstbestimmt? Abhängig oder unabhängig? Lohnt sie sich noch? Braucht sie überhaupt noch jemand? Braucht mich überhaupt noch jemand. Eher nicht. Aber was „bleibt“ von uns, wenn wir nichts mehr (oder anderes) „schaffen“? Arbeit hat jahrhundertelang unser (!) Leben bestimmt und geprägt. Deshalb lässt sie keiner so leicht und gern hinter sich – was kommt denn danach? Leben und Arbeit hängen zusammen, verdammt vertrackt. Während Politiker noch munter die Lüge von der Vollbeschäftigung verbreiten, überlegen sie schon lange, ob und wie Menschen überhaupt noch auf dem Arbeitsmarkt einsetzbar sind. Und die überlegen schon mal, wer und was sie ohne Arbeit überhaupt noch wären.

Kultur macht Arbeit

Bei diesem Nachdenken hilft und provoziert jetzt eine bundesweite Initiative der „Freunde der Deutschen Kinemathek“ im Rahmen des Programms „Arbeit in Zukunft“ der Kulturstiftung des Bundes: „work in progress“ untersucht in Filmreihen vor allem kulturelle Aspekt der Arbeit – die unerträgliche Realität ebenso wie die utopische Vision. In Bremen haben das Kino 46 und die Arbeitnehmerkammer ein Filmorakel im Angebot und fragen Zukunftsforscher, was sie aus Science-Fiction-Filmen lesen, untersuchen das aktuelle Verhältnis von Reisen und Arbeiten, kontrastieren die „digitale Bohème“ mit dem neuen Armutsbericht. Arbeit ist auch zutiefst privat.

Die Industrialisierung ist heute schon wieder Geschichte, Freizeit ist Wirtschaft geworden, Kultur macht Arbeit: Sich nicht zu verirren zwischen „Ich-AG“, „Biografie-Design“, Urheberrechten und Kleinunternehmersteuerfragen – das sind ganz neue Herausforderungen. (cwe)

Hörspiel ohne Worte

In Radio, Welt on 25. Mai 2006 at 10:01
Ein gigantisches Kulturprojekt: In Bremen, Berlin und Hamburg, in Florenz, Rom, Barcelona, Lyon, Glasgow, Liverpool, London und Rotterdam haben Millionen Fußballfans dazu beigetragen, eine Kantate für eine Million Stimmen in sechs Sprachen zu produzieren. In 22 Fußballstadien – dort wo sich sonst alles und jeder, alle Mikrofone, alle Kameras und alle Emotionen auf den grünen Rasen in der Mitte der Arena konzentrieren – hat der Regisseur und Autor Alfred Behrens die Fangesänge von Fans aus sechs europäischen Ländern in Mehrkanal-Surround-Technik aufgezeichnet. Behrens ist auf die Jagd gegangen „nach dem Groove des Fußballs“: Vor dem Stadion, in den Pausen und nach dem Spiel blieben seine Mikrofone eingeschaltet – so hat er neben den Gesängen noch viel mehr akustisches Material aus der Fußballfanwelt zusammengetragen. Haben Sie am 13. November 2004 im Weserstadion, Werder gegen Leverkusen, mitgebrüllt? Dann sind Sie vielleicht Teil der Welturaufführung am Samstag im Nordwestradio. Ein ganzes Spiel hat Behrens im März 2005 außerhalb das Stadions verbracht, FC Arsenal London gegen die Bayern – ausverkauft: Da konnte er sich konzentrieren „auf die Menschen, die nicht mehr reingekommen sind. Weil sie keine Karte mehr kriegen konnten, oder weil sie sich keine Karte leisten können. Man könnte einen Film drehen über die Peripherie des Währenddessen-Draußen-Vor-Der-Tür: Match-Food-Verkäufer, Mounted Police, Bierdosensammler, Fan-Schal-Händler.“ Beeindruckend ist die kollektive Kreativität, mit der Fans bekannte Songtexte in Windeseile umdichten und so blitzschnell auf das aktuelle Spielgeschehen reagieren. „You’ll Never Walk Alone“ heißt das fertige Hörspiel, das Behrens aus dem Material komponiert hat – eine 60-minütige Klangkompilation aus treibenden Beats, Schlachtgesängen, Torjubel, Hymnen und Liedern. „Jeder Verein hat seine Musik, seinen Klang“, hat der Autor festgestellt. Um daraus seine „Hörspiel-Kantate“ zu bauen, hat er den gesammelten Stoff nach musikalischen Prinzipien geschnitten und gemischt – Folklore im modernsten Sinne. Weltkultur also mal auf dem Sofa zu Haus: Die Reise geht mit treibenden Beats quer durch Europa. Ohne Worte. Krakeelende Fußballreporter und stammelnde Balltreter kommen nicht vor.

Samstag, 27.5., 20.05 Uhr,
Nordwestradio

27.5.2006 taz Nord Nr. 7981 Bremen Aktuell 83 Zeilen, S. 31

80 Zeilen Kulturhauptstadt: „Großer Schreck und frischer Wind“

In Politik, Stadt, Welt on 17. März 2004 at 07:33
Viel hat sich im Zuge von Bremens Bewerbung für den Titel „Kulturhauptstadt Europas 2010“ in den letzten Monaten getan – vor und hinter den Kulissen. Seit April 2003 arbeitet Bewerbungsintendant Martin Heller mit seinem Team an der Bremer Bewerbung, Ende März wird der Schweizer Kulturmanager den Politikern das Konzept zur Beschlussfassung vorlegen. Endgültiger Abgabetermin der Bewerbung ist der 30. Juni. In einer Serie fragt die taz Kenner und Akteure der Kulturszene nach dem Stand der Dinge in Hirn und Bauch. Heute: Carsten Werner, ehemals Leiter des Jungen Theaters, heute Konzept- und Projektentwickler der Schwankhalle.

Wenn die Kulturhauptstadt ein Tier wäre, welches wäre es?

Vier. Ein Wurm, ein Chamäleon. Die anderen zwei kommen ja erst noch. Hoffentlich nicht bloß ein Zirkuspony oder ein lädierter Pfau. Lieber wäre mir etwas Richtung kluge Robbe, wilder Panther, zahme Ratte, magische Eule, besessener Mops … – immer gerne unerwartet, aus dem Off!

Was hat die Kulturhauptstadt bisher mit Bremen gemacht?

Spiel und Spaß: Stadtentwickler und Wirtschaftsförderer, Wirtschaft und Medienszene – viele der sagenhaft umworbenen „Entscheider“ haben endlich Kunst und Kultur im Hinterkopf. Und die Kultur wird sich langsam selbst wieder ihrer Bedeutung bewusst.

Mancher ist ja schon gut verstört, die Sinne sind geschärft, Hoffnungen gesät und Obrigkeitsdenken ist erschüttert: Die Inkompatibilität von künstlerischer Produktion und kulturellem Handeln mit verfilzten, verschmierten Verwaltungsapparaten – und ihren Apparatschiks – wird im laufenden Bewerbungsschriftenformulierungsfindungsprozess allerorten endlich ganz wunderbar offenbar: „Wo gibt man denn den Antrag ab?“ – Antrag? Es geht jetzt um Ideen, Pläne, Gedankengebäude – große Kunst.

Die Geschäftsordnung der Hinterzimmer muss überarbeitet werden, gut so: Überraschung, Zweifel und Streit, Angst und Enttäuschung inklusive. Die Szene und ihre Verwaltung, Künstler und Kulturförderung sind zu einer Bestandsüberprüfung geladen – nach neuen, kulturellen, spielerischen Regeln: Großer Schreck und frischer Wind!

Jetzt kommen vermutlich noch reinigende Gewitter, inbrünstiger Streit, die Mühen der Realisierung – und 2010 begeisternde Festspiele, 2020 die wundersame Wandlung zur wahren Kulturstadt …?

Was hat sich unmittelbar für Sie geändert?

Mehr Arbeit – und ein neues Interesse an Bremen. Ich habe mit alten Freunden und neuen Partnern im fröhlich-lustvollen Visionsaustausch neue Sichtlinien und Denkstrukturen entdeckt, Gestaltungs-Spiel-Räume erobert – über den künstlerischen Horizont hinaus ins Grüne, in den Osten, auf die Straße, in den Äther, von Bremen aus, auch weg von Bremen …

Wir haben offene Ohren für junge Performing Arts gefunden, wo wir sie nicht erwartet, bisher gar nicht gesucht hatten. Und wir haben neue Fördermodelle für die Freie Künstlerszene entwickelt, derer Verwirklichung wir nun harren: Denn Bremen braucht vor allem wieder Input, kulturelle Bildung und künstlerischen Austausch – statt immer komplizierterer Kulturverwaltungsvorgänge. Konkret: Stipendien, Preise, Festivals – und bessere kulturelle Medien. Vieles denkbar, alles machbar.

17.3.2004 taz Bremen Nr. 7311 Kultur 118 Zeilen, S. 23
taz-Serie

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