carsten werners

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Ausgeglichenes Sündenkonto

In Kunst, Radio on 29. November 2002 at 21:00
Ausgeglichenes Sündenkonto

Die Ursendung des Hörspiels „Crazy Gary’s Mobile Disco“ im Nordwestradio

„88.3 – Schicksalsstories von Stage und Backstage, Geschichten über Leidenschaft und Liebe“ – Radio Bremen experimentiert wieder. Heute um 22.05 sendet das Nordwestradio das Hörspiel „Crazy Gary’s Mobile Disco“: Drei Männer erzählen Kerliges und Wehleidiges, stottern Beichten, banal und sprunghaft, absurd allemal. Zum Schreien komisch bis widerlich, wie in den Bekenntnisshows von Bärbel bis Reinhold. Nur: Bei Hörspiel-Regisseur Gottfried von Einem dürfen sie etwas weiter ausholen. Gute 20 Minuten gibt er jeder seiner drei Figuren.

Crazy Gary betreibt eine mobile Disco und macht die Karaoke-Konkurrenz gerne mit der bloßen Faust platt. Doch in einem „wunderschönen Augenblick postmoderner Epiphanie“ verliebt er sich. Mit der „verdammt makellosesten Perle“ könnte jetzt das schönere Leben beginnen.

Pete ist arbeitsloser Künstler, nennt sich „Mathew D. Melody“ und bringt beim Karaoke „mit einem Lied die Liebe zum Leben.“ Aber das Arbeitsamt zwingt ihn an die Supermarktkasse, achtlos wirft er Colaflaschen weg, ermordet ungewollt Kätzchen – oder starrt der Arbeitsvermittlerin auf die Brust. Sein Sündenkonto bringt er mit Blitzgebeten und Erklärungs-Postkarten ins Reine. Ein Lieber, der oft rot sieht.

Russel will seit Jahren cool die Stadt verlassen – und seine Freundin. Doch etwas hält ihn, seine Lady hat leichtes Spiel, den Abschied immer zu verschieben. Eine Geschichte, vor Jahren Stadttratsch, läßt ihn aufhorchen: Zwei Schulfreunde wurden sexuell genötigt… Eine Rechnung ist noch offen.

Unspektakulär schiebt Hörspiel-Autor Gary Owen in seinem Drei-Monologe-Erstlingsstück die Erlebnisse aneinander. Wie im guten Krimi zeigen die letzten Minuten, was drei ausgewachsene Männer – jeder für sich ein Monstrum aus Gefühlen und Gewalt – verbindet. Was sie nötigt, so zu sein, wie sie sind. Der Medienalltag stellt Freaks aus, Owen erzeugt mit sporadischen Andeutungen Background und Tragödie. Angemessen schnoddrig gesprochen, mit heiligem Ernst und spannender Verwirrung, ist das Experiment geglückt: Kino im Kopf, Theater für die Ohren.

29.11.2002 taz Bremen Nr. 6917 Kultur 77 Zeilen, S. 23

Verzweiflungsgequatsche

In Kunst, Radio on 7. Juli 2002 at 10:00

Flimmerkiste aus, Radio an: Big-Brother-Talk auf Radio Bremen. Da läuft Freitagabend Christine Wunnickes Hörspiel „Start me up“

Vier Leute suchen …, ja was denn eigentlich? Einen Job, einen Partner oder vielleicht auch gleich zwei. Auf jeden Fall suchen sie Erfolg. Und Zuhörer. Denn irgendjemand muss ihnen gesagt haben, dass Quasseln lebensnotwendig sei, um weiter zu kommen, erfolgreich zu sein.

Vier Leute, wie Jenny Elvers und ihre Mackermänner Heiner Lauterbach und Alex „big brother“ Jolig oder auch unsere Nachbarn um die Dreißig. Mit ebensolchen Leuten hat die Autorin Christine Wunnicke nun ein Kommunikationsdesaster sondergleichen für Radio Bremen angerichtet. Nach dem Motto: „Ich rede, also bin ich“ ist das tragische Gequatsche am Freitagabend zu hören.

Von Manu zum Beispiel. Sie ist 36, fühlt sich frei, Kinder wären „der Horror“. So erlebt sie die Welt aus Hollywood-Perspektive und vergewissert sich in einem videobegeisterten Redeschwall regelmäßig bei ihrem aktuellen Freund, ob sie irgendwie nerve? „Nö“, findet der und liefert brav alle Filmtitel, Schauspielernamen und Handlungsgerüste, die seiner Dame durcheinander rutschen.

Konflikte reduzieren sich da auf die Frage, ob Michael Douglas nun „in dieser Scheidungs-Schuld-Geschichte“ in die Waschmaschine gekackt oder nur in die Suppe gepinkelt hat. Enthusiastisch emotional wird Manu (wunderbar durchgeknallt: Susanne Schrader), wenn es um „Verzweiflung pur“ geht, um den UPS-Mann! Denn das sei in Hollywood der dazu gehörige und schon klassische Masterplot, „wenn jemand mit dem UPS-Mann vögelt.“

Weil ihr Partner (niedlich einsilbig: Konstantin Graudus) so wenig redet, macht Manu das für ihn mit: „Du findest mich echt krass. Du wärst mich gerne los. Ich muss immer für dich mitdenken! Ob ich Scheiße bin? … Also, wenn ich mit mir leben würde, ich würde mich rausschmeißen.“ Also macht sie Schluss.

Zuhause zum Stichwortgeber aus dem Beziehungs-Off degradiert, betextet ihr Ex in seinem Start Up das Bewerbungsgespräch einer jungen Doktorin der Islamistik fast im Alleingang: „Yep. Wir machen. Wir mastern. Wir motzen auf. … Um fair zu sein: Deinen Doktor brauchst Du hier echt nicht.“ Gesucht wird schließlich eine Assistentin, naja Sekretärin, naja irgendwie sowas wie Julia Roberts, eine, die managen kann und nicht nur schön aussieht.

Was in diesem neuen Mastering-Unternehmen gemastert werden soll? „Verschiedene Projekte. Auftritte. Features. Events. Krimskrams.“ So ein Start Up macht viel Arbeit, kreatives Chaos, ganz ohne moralischen Druck, aber bitte mit Teamgefühl. Der Erfolg gehört dem Team, „davor müssen wir halt alle Abstriche machen“. Und wer kocht jetzt den Kaffee?

Manu startet inzwischen eine neue Partnerschaft – mit dem Kompagnon des Ex (Bernhard Schütz). So sind die Synergien auch privater Art und man bleibt freundschaftlich im Gespräch. „Du musst keine Kinder haben, um was zu beweisen,“ findet Manu. Aber Kinderlosigkeit könnte bedeuten, dass der Eierstock nicht funktioniert. Aus der neuen Verbindung entsteht ein Baby. Jetzt wird das Ultraschallbild diskutiert und auf dem Mousepad verewigt. Und gleich wieder gibt es Neues von der Beziehungsfront: „Ich sollte das jetzt probehalber mal machen. Weil Du nicht der Typ bist, der sich trennt.“ Und prompt macht sie Schluss.

Zum freitagabendlichen Fernsehtalk gibt es also morgen eine Alternative: „Start me up“. Hörspielregisseur Gottfried von Einem hat das ganze Kommunikationsdesaster zu knackigen, komischen 37 Minuten beschleunigt und verquirlt. Übrigens: Ein paar Frequenzen weiter läuft auf N3 ein Alida-Gundlach-Special, Ähnlichkeiten mit der Big-Brother-Frau nicht ganz ausgeschlossen. Wählen Sie selbst.

„Start me up“ im NordwestRadio

18.7.2002 taz Bremen Nr. 6803 Kultur 135 Zeilen, . 23

Den Dampfwalzen zum Trotz

In Kunst, Radio on 1. Juli 2002 at 23:58

Christiane Ohaus inszeniert Hermann Hesse als Hörspiel im Nordwestradio. Sie selbst hat lieber Marx und Adorno gelesen, weil Hesse meist „zum Schwampf und gedanklichen Höhenflug“ neigt

„Es gibt politische Stoffe, die muss man einfach machen“, findet die Hörspiel-Regisseurin Christiane Ohaus. Die Bücher von Hermann Hesse gehörten für sie allerdings lange nicht dazu. Mit 15 Jahren hat sie – anders als die Hesse verschlingenden KlassenkameradInnen – „nur Marx, Hegel und Adorno“ gelesen und hielt Hesse-Werke für „individualistischen Scheiß“, kitschig, ausufernd und jedenfalls nicht sehr relevant.

Zum 125. Geburtstag des Dichters, der heute noch für ein Drittel des Umsatzes des Suhrkamp-Verlages sorgt, inszeniert die 43-Jährige jetzt für Radio Bremen und den Hessischen Rundfunk den „Steppenwolf“. Der Dreiteiler ist ab Ende Juli im NordwestRadio zu hören, als Audiobook zu haben und ab 21. Juli auch im Internet zu erleben. Gleichzeitig führt sie Regie bei fünf Folgen „Glasperlenspiel“.

Dabei ist Hesse für Christiane Ohaus auch heute noch „kein guter Schriftsteller“. Er neige „zum Schwampf, zum gedanklichen Höhenflug“ und wo er nichts Treffendes finde, da reihe er Adjektive aneinander – ein klassisches Merkmal der Kitsch- und Trivialliteratur.

Aber Hesse war für Ohaus auch „ein unglaublich engagierter, radikaler Schriftsteller, von bedingungsloser Aufopferungsfähigkeit, der mit aller Kraft um eine Position, für politische Haltung und eine demokratische Kultur“ gekämpft habe. Gegen Macht und Nationalismus, gegen den drohenden Zweiten Weltkrieg. „Hesse vermisste politische Vernunft da, wo die politische Macht liegt und forderte daher einen Zustrom von Intelligenz und Intuition aus nichtoffiziellen Kreisen“. Mit diesem Nonkonformisten hat sich Christiane Ohaus dann doch angefreundet, sich immer tiefer in seine „Textgewebe“ versenkt und ist beim Lesen schließlich „in eine Art Trance geraten, in eine völlig andere Welt.“

Die Konstruktionen seiner Romane seien „sehr komplex und modern, befindet Ohaus heute. Der „Steppenwolf“ sei wie die Sätze einer Sonate aufgebaut. Der melancholische Held des „Steppenwolf“ Harry Haller kollidiert mit den absurden Anpassungszwängen einer ausgelaugten Zivilisation, ringt mit sich selber und der bürgerlichen Welt um eine klare Position. Ohaus: „Diesen Dualismus, diese Zerrissenheit treibt Hesse bis an die Grenze, bis zur Persönlichkeitsauflösung.“

Auch in ihrer „Steppenwolf“-Fassung werden Grenzen verschwimmen, wie Hesse will sie „das Gewisse verlassen. Welten erfinden. Keine Frage mehr, was real ist und was Fiktion. Hesse schlägt Rollenwechsel vor.“ Was ihn vor allem für Pubertierende zum Kultautor avancieren ließ.

Kann eine Gesellschaft Individualität ermöglichen? Mit Hermann Hesse will Christiane Ohaus „menschliche Lebenswege betrachten, nachdenken darüber: Wie könnte ein glückseliges Leben aussehen? Wie kann der Einzelne sich unmittelbar verwirklichen?“ Hesse träume „von einer Welt frei von unmittelbarem Zweck. Kultur als Produkt, als Ware verkaufen zu müssen, das wäre für ihn grauenhaft gewesen“. O-Ton Hesse: „Wir Geistigen haben, allen Dampfwalzen und Normierungen zum Trotz, das Differenzieren zu üben und nicht das Verallgemeinern.“ Schön, dass so was im Radio nochmal gesagt wird.

„Der Steppenwolf“ läuft im NordwestRadio auf 88,3 MHz am 26.7., 2. und 9. 8. um 22.05 Uhr. Das „Glasperlenspiel“ wird vom 23. bis 27.12. gesendet. Das Feature „Kinderspiel und Greisenglück“ sowie weitere Termine und Informationen zu Hesse sind zu finden unter www.radiobremen.de/online/hesse

2.7.2002 taz Bremen Nr. 6789 Kultur 125 Zeilen, S. 19

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