carsten werners

Jagdszenen in der Bremer Kulturlandschaft

In Politik, Stadt on 3. Mai 2011 at 00:44

ein Artikel aus dem Sommer 2005 – eigentlich immer noch interessant und gültig:

Jagdszenen in der Bremer Kulturlandschaft
Martin Heller und seine Stadtwerkstatt als Bedrohung für politische und institutionelle Bürokraten
von Arnulf Marzluf
im Weser-Kurier v. 6.8.2005

BREMEN. „Bremens größtes Problem ist gewiss nicht die Stadtwerkstatt. Im Grunde sind es auch nicht die Finanzen, obschon die derzeitige Haushaltslage harte Sachzwänge schafft. Das wirkliche Problem liegt darin, dass dem kulturpolitischen Handeln der Stadt keine schlüssige, zukunftsweisende Strategie zugrunde liegt.“ Dies ist ein Satz aus einem Strategiepapier der Stadtwerkstatt, von der sich der Kultursenator erhofft, dass eben dieser darin benannte Mangel durch die Stadtwerkstatt konkreter benannt und bald behoben werden kann. An der Spitze der Stadtwerkstatt: Martin Heller. Während der Kulturhauptstadt-Bewerbung Spielführer oder Coach auf dem Feld der Neuorientierung der Bremer Kultur, danach einer, der in dieser Stadt der guten Beziehungen und kurzen Wege öffentlich als Fremder betrachtet wird. Es wäre zu kurz gegriffen, wollte man den Zentralfiguren der Bremer Kultur und -politik narzisstische Kränkung vorwerfen, die sie erleiden mussten und ansatzweise noch müssen, weil ihre Weltsicht Konkurrenz bekommen hat und die Netzwerke, in denen sie sich bewegen, neu geknüpft weden könnten. Sie kämpfen eben auch um die Verteilung der knapp gewordenen Mittel und fürchten nun, was offenbar viel schlimmer ist: eine Neuinterpretation der Spielregeln, wie diese Mittel zu verteilen sind. Knapp oder nicht – so rasend viel hat sich hinsichtlich der Mittel in Bremen nicht verändert, sie reichten nie, und der Kulturetat ist über Jahre hinweg nicht gesenkt worden wie in anderen Städten. Martin Heller ist jedoch zu einer symbolischen Figur dieser Neuinterpretation geworden, deren Folgen freilich nicht nur symbolisch sein würden. Systembedinger Konflikt Der Konflikt scheint also eher systematisch oder gar systembedingt, was sich darin zeigt, dass Vertreter klassischer Institutionen, wie jüngst der Bremer Museen (andere wie der Intendant des Bremer Theaters äußerten früher schon offen oder verdeckt ihren Unmut über die Intendanz), mehr oder weniger verblümt artikulierten: Raus mit ihm, den brauchen wir nicht, wir können die anstehenden Aufgaben alleine bewältigen; zurück in die Ordnung der Institutionen und Ende des Spiels, bei dem nur überflüssig Geld ausgegeben wird. Nicht zufällig sympathisieren hier Institutionen, deren Organisationsstruktur mehr oder minder Erbe der Bürokratien des 19. Jahrhunderts ist, mit einem Geist der Behördensprache. In ihr muss der Begriff der Grundständigkeit mit seinem assoziativ moralisierenden „grundanständig“ erfunden worden sein. Was nicht dazugehört, sitzt auf der anderen Seite der Nicht-Anständigen und Frivolen, die die funktionierende Ordnung bloß kaputt machen wollen. Man beobachtet an dem Schulterschluss der Etablierten mit einer bestimmten Art von Politik, wie sich Systeme der klassischen Institutionalisierung nicht nur gut verstehen, sondern auch aneinander Schutz innerhalb der allgemeinen Verflüssigung von bislang fest gefügten Strukturen in Politik und Gesellschaft suchen. Ein Parlamentarier wie der SPD-Abgeordnete Björn Tschöpe attackiert die Absichten von Martin Heller als außerparlamentarisch anmaßend, bewegt sich hingegen in einer kulturpolitischen Kulisse jenes Zuschnitts, vor dem es „uns in Bremen derzeit graust“, wie ein Museumsdirektor es unlängst sagte. Die beschworenen demokratischen Institutionen sind es schließlich, die sich selber in einem nicht unwesentlichen Bereich über mehrere Jahre hinweg haben herunterkommen lassen. Vermutlich läuft die Chose auch ohne sie oder manchmal sogar besser. Unter Obhut demokratischer Verhältnisse wurde versucht, eine Stelle in der Bremer Kulturbehörde mit einer Person aus dem Bekanntenkreis des Stellenauschreibers zu besetzen, und unter dieser Obhut werden Personen aus privaten Gründen geschützt, die in kaum einem freien Unternehmen eine Chance für eine verantwortliche Beschäftigung hätten. Das Missverhältnis zwischen der Leistung derer, die die Kulturszene kontrollieren, und derer, die sie beleben, ist oft auffällig. Zu beobachten ist jedoch generell eine breite Verlagerung bislang institutionell abgesicherter Lebensprozesse in die freie Wildbahn. Die Existenz des modernen Bürgers nimmt zwangsläufig Formen ehemaligen Künstlertums an. Es gibt Ähnlichkeiten zwischen denen, die ein neuartiges Bild malen, um ihr Leben zu führen, und Menschen, die in den Institutionen – privaten, öffentlichen, koporatistischen oder wie auch immer – trotz ihrer Klugheit künftig keinen Platz finden werden und alternative Wege in freier Wildbahn gehen müssen. Wer den Systemwechsel Kapitalismus nennt, darf ein parteipolitisch nützliches Weltbild anbieten. Auch die Kultur ist längst kein geschützter Bereich mehr. Viele, die sich trotz der Schwierigkeiten auf den Kulturbereich einlassen, haben ihre Lebensplanung umgestellt und eine Philosophie der improvisierten Existenz und des Innovationsdruckes für sich entdeckt. Die „freie Szene“ wächst nicht nur notgedrungen, sondern, glaubt man ihren Protagonisten, aus dem Selbstbewusstsein heraus, auf diese Weise die eigenen Ideen besser verfolgen und zukunftsgemäßer leben zu können. Carsten Werner, Schauspieler, Regisseur, Gründer des Jungen Theaters und ehemaliger Geschäftsführer der Schwankhalle, beobachtet neue Entfaltungsmöglichkeiten in der freien Szene: „Man kann nicht nur in Deutschland, sondern auch in Bremen wieder verstärkt frei arbeiten und an die internationale Szene auf den Gebieten von Theater, Musik, Literatur und so weiter Anschluss finden.“ Was Heller immer vorgeworfen wurde – er habe seine Konzepte nicht bis ins Detail ausgepinselt -, entspricht einer Organisationstheorie, nach der wir Innovationen nicht klugen Absichten zu verdanken haben, sondern der Entdeckung interessanter Gelegenheiten und der Konfiguration von Situationen, in denen Ideen entstehen. Diese Form von Innovation setzt in beinahe amerikanischem Sinne self-reliance voraus, die „Fähigkeit der Entdeckung und Ausbeutung im Vorhinein nicht bekannter Gegebenheiten. Der ’self-reliant entrepreneur‘ mit der Fähigkeit, sich selbst auf sich zu verlassen, bewegt sich im empirisch dichtesten Gestrüpp einer Wirklichkeit, in der alles aus dem Gewebe einer mimetischen Rivalität im Kontext sozialer Systeme besteht“ (Dirk Baecker). Das ist etwas anderes, als eine Weile Außenseiter zu spielen, um dann zu den Etablierten zu gehören, der „Clique von Leuten, denen es nur auf ihre geplante Innovationen ankommt“.

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