carsten werners

Ai Weiwei seit einem Monat verschwunden: Suchen Deutsche Kultur-Funktionäre immer noch ihre rote Linie?

In Politik, Welt on 3. Mai 2011 at 16:01

Was deutsche Kulturfunktionäre mit verengtem Blick auf den eigenen Ruhm oder auch nur auf das Wohlergehen der „eigenen“ Institution für einen Scheiß reden können!

Fast zwei Wochen nach der Verhaftung  und Verschleppung von Ai Weiwei vom 3. April schloss der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, Michael Eissenhauer, am 14. April erstmals (!) einen Abbruch der Ausstellung „Kunst der Aufklärung“ in Peking, in deren mindestens zeitlichem und inhaltlichem Kontext die Verhaftung steht, „nicht mehr aus“. Aus diesem Anlass schwadroniert der deutsche Funktionär von einer „roten Linie“:  Wenn diese überschritten werde, werde die Ausstellung abgebrochen. „Wir sind auf das Szenario vorbereitet, die Ausstellung nicht unter allen Umständen weiterlaufen zu lassen.“ Wobei er in dem Interview mit der Nachrichtenagentur dapd nicht sagte, wo diese Linie verlaufe („Das kann ich jetzt noch nicht direkt benennen“) und wie und wann sie überschritten wäre.

Heute, einen Monat nach der Eröffnung der Ausstellung und der Verhaftung des Künstlers, der nach wie vor verschollen ist, suchen die deutschen Museumsdirektorn jedenfalls offenbar immer noch nach dieser „Linie“.

Für eine Abschaffung des Eintrittspreises in die 10 Millionen Euro schwere, aber offenbar nicht sehr willkommende und dazu noch erfolglose Ausstellung (wegen laut Nachrichtenagentur dapd hoher Eintrittspreise, wenig Werbung und mangelhafter Ausschilderung) aber will sich E. jetzt verstärkt engagieren – während sich im Fall Weiwei weltweit Künstler für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzen. Darüber hinaus ist der Museumsdirektor von der Verhaftung „zutiefst frustriert. Es ist für mich ein tiefer Schmerz. Damit wurden nicht nur wir Museumsleute, sondern auch Bundesaußenminister Guido Westerwelle, der die Ausstellung ja
eröffnet hat, brüskiert. Allerdings sehen wir keinen direkten Zusammenhang zwischen der Ausstellung und der Festnahme Ais. Er war zur Eröffnung und den Dialoggesprächen im Zusammenhang mit der Ausstellung eingeladen. Wir hätten gewusst, wenn er nicht zugelassen worden wäre. Die Festnahme entspricht natürlich nicht dem, was wir unter der Freiheit des Künstlers verstehen. Wir erwarten schon einen anderen Umgang der Chinesen mit diesem Thema. Selbstverständlich fordern wir die Freilassung Ai Weiweis.“

Das muss man sich alles mal auf der Zunge zergehen lassen:
– Dass da ein Mensch entgegen aller rechtsstaatlichen Prinzipien, entgegen aller Menschlichkeit einfach von der Bildfläche verbindet – das gefährdet nicht etwa dessen Leben, das sagt auch nichts über den geschäftspartner China, sondern: Das „brüskiert“ IHN, den deutschen Museumsdirektor!
– Er spricht nicht vom Schicksal des Künstlers, sondern von „diesem Thema“,
– … sieht „keinen direkten Zusammenhang“ zwischen Kunstausstellung und Künstler in ein und demselben Land zur selben Zeit zum selben „Thema“, der Aufklärung nämlich,
– … „hätte“ schließlich „gewusst“, wenn da was nicht stimmt.
– und fordert „selbstverständlich“ die Freilassung.

Nicht mehr: Nur „selbstverständlich“, ohne „direkten Zusammenhang“ und entgegen den eigenen Erkenntnissen fordert er also halt, was alle eh gerade erwarten.

„Menschen, die in totalitären Staaten aufwachsen, sind geübt, Signale zwischen den Zeilen
wahrzunehmen“, beruhigt sich Eissenhauer beim Plädoyer für seine Ausstellung. Weil das stimmt, sollte man jenen Menschen sein Gequatsche über technische Probleme, freie Diskussion unter Eingeladenen, finanzielle Risiken und und und … ersparen!

Lasst endlich Künstler sprechen!  Ai Weiwei und Gregor Eissenhauer zeigen, wie wichtig das ist.

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