carsten werners

„Ich will nicht nur der Kulturhansel sein“

In Politik, Werner on 29. Dezember 2010 at 14:21

AUSBLICK Mit Carsten Werner zieht ein langjährig Kulturschaffender für die Grünen wohl ins Parlament ein. Ein Gespräch über Kompromisse, Institutionen und kollektive Führung

INTERVIEW JAN ZIER

taz: Ist es Sendungsbewusstsein, dass Sie als erfolgreichen Regisseur, Kurator und Journalisten dazu treibt, in die Politik zu gehen, Herr Werner?

Carsten Werner: Ich kann dem nicht widersprechen. Ich agiere und äußere mich politisch, seit ich denken kann, bin grün sozialisiert und will was bewirken mit dem, was ich tue. Das war auch mein Ansatz für alles, was ich künstlerisch gemacht habe. Und mir ist es wichtig, um Konzepte zu streiten, die besten Argumente zu suchen.

Bisher konnten Sie dabei kritische Distanz wahren, künftig müssen Sie womöglich Koalitionsentscheidungen „mittragen“. Warum geben Sie diese Freiheit auf?

Das ist ein Klischee – wenn man Leiter einer komplexen Einrichtung wie der Schwankhalle war oder für eine große Redaktion Zeitungsseiten produziert. Ich habe mehr Verwaltung mitgemacht als mancher Politiker ertragen muss. Da hab ich keine Angst. „Lasst Ideen zu Taten schrumpfen“, ist ein schöner Theater-Spruch, Theater ist immer ein großer Kompromiss: Du hast eine Vision, aber nur ganz selten erlebst du die eins zu eins auf der Bühne. Nun muss ich Kompromisse auch öffentlich vertreten. Aber ich glaube, ich war immer ein guter Mittler zwischen Kunst, Politik, Verwaltung und Einrichtungen.

Ist es nicht etwas opportunistisch, jetzt für die Grünen in die Politik zu gehen, wo ihre Umfragewerte so hoch sind?

Der Hype wäre aber auch ein schlechter Grund dagegen! Vielleicht ist die Sympathiewelle ja auch eine Generationen- und Zeitfrage. Ich bin jetzt biografisch an einem Punkt, wo ich das, was ich kann und gelernt habe, auf ein anderes Level weitergeben will – ohne nur der Kulturhansel der Grünen zu sein.

Viele werden Sie aber als „Sprachrohr“ der freien Kulturszene wahrnehmen.

Das ist nicht meine Aufgabe. Und wenn wir den „Großen“ Geld wegnehmen und den „Kleinen“ geben, ist keinem geholfen. Aber ich weiß, wie die Szene tickt. Die freie Szene versucht viel zu oft, der Welt der etablierten Kultureinrichtungen nachzueifern. Ich versuche, eher nicht so institutionell zu denken. Inhaltlich kann man viel lernen und erfahren von freien Künstlern. Ich bin ein überzeugter Freiberufler.

Warum sind Sie 2005 zu den Grünen gegangen?

Helga Trüpels Europawahlkampf und -arbeit hat mir gezeigt, was grüne Politik alles sein kann. Auch die Lähmung durch die „große“ Koalition und Bremens Bewerbung als Kulturhauptstadt spielten eine Rolle.

Angesichts Ihrer Bekanntheit könnten Sie beim neuen Wahlrecht darauf setzen, durch Personenstimmen gewählt zu werden. Sie bevorzugen den sicheren Listenplatz 14. Warum?

Das war eine Momententscheidung: Bei den Grünen wird man ja auf den Listenplatz gewählt. Meine Bekanntheit unterschätze ich vielleicht, der Zuspruch hat mich freudig überrascht. Aber wer mir seine Stimmen gibt, gibt die der Partei. Und das will erst mal geschafft sein.

Bei Ihrer Bewerbung auf dem Parteitag haben Sie Sinn für gute Performance bewiesen.

Ja? Aber ich bin kein Schauspieler, hab das nie gelernt und noch nie vorher eine Rede gehalten.

Was verbindet die Politik und das Theater?

Es ist jeweils, wie auch im Journalismus, Inhalt, für den man eine Form gestaltet. Und natürlich geht es immer um Wirkung.

Den Grünen wird vorgeworfen, inhaltlich äußerst flexibel zu sein: Für Kriegseinsätze und dagegen, für Hartz IV und dagegen, für Olympia und dagegen.

Eine gewisse Ambivalenz ist total normal und spannend. Ich will auch die Umwelt schützen – und „muss“ Auto fahren. Die Welt ist nicht schwarz-weiß: Ich will Qualitäten diskutieren und Bewusstsein.

Reizt Sie die Macht?

Nein. Ich gebe eher Macht ab. Aber ich habe Lust auf gute Kompromisse, will Themen voranbringen – stärker, unmittelbarer als ich das als Künstler kann. Kulturpolitik besteht nicht nur darin, permanent Einrichtungen zu retten und dafür Bedarfe anzumelden …

etwa im Bremer Theater.

Um es mit Harry G. Frankfurt zu sagen: Hans-Joachim Frey hat „Bullshit“ geredet, von Anfang an. Das vermochten der damalige CDU-Kultursenator Jörg Kastendiek und seine Staatsrätin Elisabeth Motschmann nicht zu erkennen, die lobten ewig seine „guten Manieren“. Er hat ein paar interessante und richtige Fragen gestellt. Aber an dem, was er gemacht hat, war nichts neu, es gibt kein finanzielles Perpetuum mobile. Und das Kulturimage Bremens, die hiesige Szene wird viel länger und intensiver an Freys Wirken leiden, als wir heute wahrhaben wollen.

Hat die Politik nicht gut genug auf Frey aufgepasst?

Das weiß ich nicht. Aber Politik, auch rot-grün, und die Medien in Bremen sind fast alle zu lange auf Freys Gesabbel hereingefallen. Auch Jens Böhrnsen hat viel zu spät reagiert.

Braucht ein Theater überhaupt einen Intendanten?

Ja. Kollektive Leitungsmodelle funktionieren immer nur phasenweise. Sie sind impulsreich, aber extrem aufwändig und anstrengend. Und am Ende braucht es Entscheidungen – ob alleine gut getroffen oder gut moderiert. So viele Menschen in einem Stadttheater sind nur schwer kollektiv zu führen.

Macht Carmen Emigholz als SPD-Kulturstaatsrätin einen guten Job?

Ja. Sie kommt mit jungen Newcomern genauso gut ins Gespräch wie mit alten Hasen. Aber sie hat es noch nicht geschafft, die Szene wieder miteinander ins Gespräch zu bekommen. Da ist vieles eingeschlafen. Und es fehlt an der Vernetzung von Kultur- und Kreativwirtschaft, von Kultur- und Stadtentwicklung und an einer vernünftigen Aufstellung der kulturellen Bildung.

Dabei ist Kultur „Chefsache“.

Jens Böhrnsen ist als Kultursenator kaum wahrnehmbar. Er kann unheimlich gut zuhören, setzt aber kaum Impulse. Sicherlich schützt sein Bürgermeisteramt das Kulturressort in einer prekären Phase. Ich finde es besser, wenn Kultur zu einem großen, gestaltenden Ressort gehört.

Welches Projekt würden Sie als Politiker gerne anstoßen?

Kultur als wesentliches Element der Stadtentwicklung positionieren. Im Kleinen: ein Projekt gegen Zwangsbeschallung in der Öffentlichkeit und für Lärmbewusstsein finde ich unheimlich reizvoll, wie Linz es mit der „Hörstadt“ hat. Sogar Supermärkte verzichten dort auf Dudelmusik. In Bremen hat mich der stille autofreie Sonntag darauf gebracht.

Hinweis zum Interviewpartner

29.12.2010 taz Nord Nr. 9381 Bremen Aktuell 223 Zeilen, JAN ZIER S. 24
nur in taz-Teilauflage

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