carsten werners

Bahntugenden

In Medien, Welt on 25. September 2010 at 02:47

Ich durfte mich heute zwischen Berlin und Bremen sechs Stunden darüber freuen,

 – dass die Deutsche Bahn es schafft, in ihren automatischen Ansagen und Bahnsteiganzeigen für ein und denselben Zug GLEICHZEITIG, im selben Laufband und abwechselnden Durchsagen, 10-20-45-60 Minuten „wegen Bauarbeiten“ und 40-75-80 Minuten „wegen eines Notarzteinsatzes“ Verspätungen zu verkünden; wobei die letzten Scheibchen dieser scheibchenweisen Verkündigung auch noch liefen, als schon 95 Minuten rum waren.

– wie old Helmut Schmidt dem Bahnchef DOKTOR (!) Rüdiger Grube und seinem blonden Beiböötchen DOKTOR  Antje Lüssenhoop, Leiterin PR und Interne Kommunikation der DB, in einem „Interview“ über Moral und Anstand und Tugenden und Werre im DB-Magazin „mobil“ einschenkt: „Ich heiße Schmidt, schon seit über 30 Jahren, da bleiben wir bei.“ – um sodann die servilen Fragen des Vorstandschefs DOKTOR (!) Grube abzuledern: Nach Werten „wie Glaubwürdigkeit, Respekt, Loyalität, Fleiß und Begeisterungsfähigkeit“ („die lernt man auch nicht auf der Harvard Business School, in St. Gallen auch nicht und in Oestrich-Winkel auch nicht“). Nach des DOKTORS (!) Befürchtung, „die Nutzung der neuen Medien könnte dazu führen, dass Kommunikation oberflächlicher wird“ („Ob der Medienkonsum aber auch notwendigerweise einen Verlust an Moralität unterstützen muss, da würde ich zögern mit der Antwort. Denn es hat ja auch im alten Griechenland, im alten Rom, in Mittelitalien, in Venedig, in Gent, in Siena (!) nicht immer nur den ehrbaren Kaufmann gegeben, sondern auch ganz üble Geschäftemacher. Es hat auch immer Mörder, es hat auch immer Diebe, es hat auch immer Betrüger gegeben.“) Nach „Werten wie Respekt, Anständigkeit und Offenheit“ in Freundschaften („es müssen nicht unbedingt Freundschaften sein“) und nach dem Grundgesetz, das inzwischen besagt, dass die Bahn „ein Wirtschaftsunternehmen in privatrechtlicher Form ist“ („Das steht neuerdings im Grundgesetz? Das wusste ich auch nicht.“). Nach famosen Exkursen in die Wirtschaftspolitik gehts dann noch mal um Sekundärtugenden: Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. „Die Eisenbahn möchte bitte pünktlich sein“, schließt Schmidt. Insgesamt ein schönes Beispiel für die Kraft des guten Arguments, echten Lebens und wahren Denkens gegenüber windelweichem PR-Gesäusel!

– dass ich erleben durfte, wie es Dr. (!)  Grubes Bahnpesonal in concreto „mit Werten wie“ Glaubwürdigkeit, Respekt, Anständigkeit und Offenheit und Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit hält. – Sagen wir mal: Loyal mit dem Arbeitgeber;  in Hamburg „gibts Freitagabend um Mitternacht doch keine Hotelzimmer“, Taxifahrten gibts nur zu sechst – auch wenn man dafür noch mal 35 Minuten auf ein Großraumtaxi warten muss. Und das 1 Meter lange Formular für die Erstattung eines überschaubaren Fahrpreisanteils „füllnsedasdochselbstaus!“.

– dass ich dann noch 90 Minuten im Taxi sinnieren durfte: „mit dem Auto über die A1 oder mit der Bahn einfach mal losfahren – was ist denn jetzt wirklich besser?“ Bin noch unentschieden.

– dass man auch mal nachgeben muss, dass man auch mal offline muss: Laptop im Taxi klappt nicht.

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