carsten werners

Auf Wiederhören

In Medien, Radio, Stadt, Werner on 12. November 2007 at 23:29

„Alles was Radio kann“ beim Deutschlandradio

Die Klischees sind lange schon aufgeschrieben: Die Generation Golf saß im Bademantel vorm Fernseher und durfte vorm Schlafengehen noch „Dalli Dalli“ gucken. Das Deutschlandradio macht jetzt Ernst, nimmt sentimentale oder junggebliebene Quiz-, Radio- und Retrofans beim Wort und schickt Hans Rosenthal zurück ins Wohnzimmer. Zur wahren Bademantelzeit am Sonntagmorgen um 8 Uhr gibt es unten dem neuen Deutschlandradio-Wochenendmotto „Alles was Radio kann!“ eine Folge „Allein gegen alle“ aus dem Archiv. In dieser Radio-Mutter fast aller Fernsehshows stellt eine Person – gerne Oberstudien- räte und Oberlandesgerichtsräte – einer ganzen Stadt fünf Fragen, die in 15 Minuten beantwortet werden müssen. Um das nachzuvollziehen: „Frage 1: Welcher deutsche Musiker komponierte im Jahre 1875 für die 100-Jahr-Feier der Vereinigten Staaten von Amerika einen Marsch? – Frage 2: Die Porträtbüste welches weiblichen Mitgliedes des römischen Kaiserhauses war so gearbeitet, dass der obere Teil des Kopfes wie eine Perrücke abzunehmen ging, um bei etwaigem Wechsel der Mode ausgetauscht werden zu können? – Frage 3: Wie heißt der Schutzpatron der Gepäckträger? – Frage 4: Wo ließ Johann Gottfried Seume auf seinem Spaziergang nach Syrakus zum zweiten Mal seine Stiefel besohlen? – Frage 5: In welchem Bau ließen alle Universitäten der Welt zu Ehren eines großen Mannes eine Marmorplatte legen?“ Klären Sie das mal mit ihren Nachbarn, ohne Google, in einer Viertelstunde! Radio- und Fernsehredakteure von heute trauen Ihnen das jedenfalls nicht zu.

„Die Sonderrunde“ schließlich war die Urmutter aller „Wetten, dass …?“- Außenwetten: Mindestens 100 Bürger bitte zur Gymnastik auf den Marktplatz von Vechta, 25 Erwachsene zum Rennen mit Kinderrollern nach Delmenhorst: Sage und schreibe 100 Mark brachte die gelöste Aufgabe – für die Stadtkasse. Die Gags sind also geblieben – die Rätsel sind ja einfacher geworden, wenn heute in Call-Ins ein „Tier mit A“ mit 1000 Euro belohnt wird.

„Allein gegen alle“ geriet zur – auch kommunikationstechnisch – faszinierenden Rundreise durch die Provinz, wenn Hans Rosenthal zum Marktplatz oder in die Schulaula schaltete und seine Reporter unter zeitlichem Hochdruck die Bürgermeister und Oberstadtdirektoren Lösungen verkünden ließ, die die minutenschnell telefonisch von ihren Einwohnern eingesammelt hatten. Schwetzingen, Vechta, Melle, Kellinghusen und Delmenhorst (drei mal siegreich und gegen den Berliner Postbeamten Siegfried Luckmann nur an der Frage nach dem ersten Heiratsinserat – „im Delmenhorster Kreisblatt war es nicht“ – gescheitert!) mussten sich erst einmal durchsetzen, bevor sie gegen größere Städte und deren gesammeltes Wissen antreten konnten. Nach drei siegreichen Runden durfte eine Stadt sich mit dem Titel „Unschlagbare Rätselstadt“ schmücken – vermutlich eine weitaus integrativere Anstrengung, als weltrekordtaugliches Krähen (oder wars Miauen, Bellen, I-A-en?) auf dem Bremer Bremer Marktplatz anno 2007.

Faszinierend ist beim heutigen Nachhören aber vor allem die technische Perfektion, mit der Hans Rosenthal und seine Reporter blitzschnell, hellwach, präzise und virtuos zig mal zwischen Bürgermeistern, Rollerrennstrecken und nächster Stadt kreuz und quer – „bitte melden, bitte melden!“ – hin und her schalteten, Juryentscheidungen und Publikumsstatements einholten und zwischendurch noch die Creme der deutschen Unterhaltungsmusik spielen ließen, live natürlich und immer wieder nur bis zum „Lichtsignal“ für den nächsten Antwortversuch, dessen Erfolg ein – selbstverständlich ebenfalls live gespielter – Jingle krönte.
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