carsten werners

Schön wärs: Kreativ altern

In Politik, Stadt on 22. Oktober 2007 at 23:33

Den denkmalgeschützten Sendesaal von Radio Bremen halten Künstler, Medienmenschen und Politiker in seltener Eintracht für ein erhaltenswertes Bau- und Kulturdenkmal – zumal eines, das nicht nur Erinnerungsfunktion, sondern mitten im Leben internationales Renommée und einen hohen Nutzwert hat: als Konzertsaal, als Studio und Produktionsstätte für Klassik, Jazz und zu Pop, Rock und Hörspiel. Obwohl das unstrittig ist, soll der Saal seinen Denkmalschutz verlieren und, möglicherweise, abgerissen werden.

Das ist ein hartes Signal zum Auftakt einer neuen Kulturpolitik der rot-grünen Koalition: Kultur soll in der “kreativen Stadt“ (grün) ja als “Motor der Stadtentwicklung“ (rot) behilflich sein, den Strukturwandel vom Industriestandort hin zu Lebensqualität, Wissen, Tourismus und Dienstleistung unterstüt- zen, der alternden Gesellschaft das
Altern erleichtern.

Daraus einfach steigende Kulturbudgets ableiten zu wollen, greift zu kurz: Die (arg verspätete) Beschäftigung mit “kreativen Industrien“, “Ideenwirtschaft“ und “weichen Standortfaktoren“ dient natürlich nicht allein der Förderung der Kunst, geht über klassische Kulturpolitik weit hinaus: Es geht um Stadtentwicklung, Arbeitsmarkt und Soziales, um Bildung und Wirtschaft. Kultur bekommt im Geflecht des Staates Aufgaben (wieder). Alleine lösen kann Kunst gesellschaftliche Problemstellungen höchstens punktuell. Mit ihrer Erfahrung und Kompetenz aber können Kreative in der Gesellschaft beraten, unterstützen, motivieren und vielleicht auch vor Irrwegen bewahren.

Dass das Label “kreativ“ also nicht automatisch zur Überweisung von Millionenbeträgen an feilschende Investoren führt, müsste daher nicht betrüblich stimmen. Wenn denn sonst die Richtung klar wäre für die “kreative Stadt“, wenn denn klar wäre, dass Bremen um seine Ressourcen wüsste und sie für die Zukunft zu nutzen wüsste!

Wer aber in Bremen einen der neuen “kreativen Berufe“ lernen will, begibt sich auf eine frustrierende, oft demütigende Tour durch Kultureinrichtungen, Hochschulen und Kammern, von der Arbeitsagentur zu big zu bagis und wieder zurück. Auch fürs Alter sind die Perspektiven noch nicht verlockend: Die “digitale Bohème“ – Sinnbild, Vorreiter oder jedenfalls Stichwortgeber für den angestrebten Strukturwandel – wird ja auch alt: In 30 Jahren sind die kreativen Freiberufler von heute angewiesen auf altersangemessenes Wohnen, ein sie akzeptierendes und von ihnen akzeptiertes Umfeld, zehn Jahre später vielleicht auf Pflege. Ein MusicVillage auch für alternde Kreative rund um den alten Sendesaal wäre eine schöne Perspektive – schöner als die Vorstellung, die Nachmittage bei Seniorentalkshows im Überseemuseum
verbringen zu müssen, finde ich.

Erst einmal aber haben Radio Bremen und die vergangene Große Koalition den Sendesaal verschachert, Verantwortliche dafür prägen weiter das Stadtleben. Und 30 Jahre (acht Legislaturperioden) sind zu weit weg, um heute politische Entscheidungen zu bewegen. Ob Wirtschaft und Kultur weitsichtiger und nachhaltiger und zusam- men arbeiten können, zeigt sich demnächst wohl auch am guten, alten Sendesaal.

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