carsten werners

Die Stadtentwicklungshelfer

In Stadt on 3. September 2007 at 23:44

Wie Politik und Szene am Güterbahnhof mit Kultur und Kommerz, Visionen und Subventionen ein neues Stadtleben kreieren könnten

Bremen ist ein Beispiel geglückter Stadtentwicklung: Die “Stadt am Fluss” war Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre ein fast utopisches Ziel, Bremen hinter der Obernstraße zuende, dahinter ein Abfluss namens Weser – früher wichtig, inzwischen eigentlich unnötig. Augenreibend wagten sich Kulturfreunde zum jungen Zirkus Roncalli auf den unbebauten Teerhof oder staunten jedenfalls sehnsüchtig vom Ufer zu Zelt und Feuerzauber rüber. Inzwischen beherbergt der Fluss die komplette moderne Kunstszene der Stadt mit GAK, BBK und Weserburg, Schwankhalle und Shakespeare Company. Auf der anderen Seite toben Trödelmärkte, Werderfans und an der Schlachte schichtweise Businesspeople und Partyvolk. Der Fluss wird (wenn schon kaum der Länge nach befahren) gekreuzt von Hal Över und neu wahrgenommenen Brücken, belebt von Kultur- und Restaurantschiffen, Breminale, Café Sand und anderen Ausflugszielen. Auf Stadtwerderparzellen siedeln im 21. Jahrhundert wieder junge Familien, die Neustadt wird vom städtischen Hinterhof zum beliebten Studenten- und Szenewohnviertel. Der Sprung der Stadt in die alten Hafengebiete steht kurz bevor. Stadtentwicklungshelfer dieser Erfolgsgeschichte waren und sind Kultur und Kommerz: Vision und Subventionen konnten unerschrockene Künstler und Kuratoren, mutige Gastwirte, kreative Unternehmen und interessierte Investoren locken.

Jetzt steht eine Rückeroberung der City für das Stadtleben an: Das Stadtzentrum ist nach Ladenschluss so tot und leer wie die 200 Meter “Kulturmeile” von Kunsthalle bis
Stadttheater nach Vorstellungsbeginn. Bedarf und Funktionsfähigkeit sind durch allerlei Stadtfeste und Parkhausbespielungen, durch Cityfestivals und Mottopartys für Roland und “Bremer Freiheit” markiert. Wo aber finden sich in Bremen Künstlerhotels und Kultur- reisebüros, offener Medienkonsum und temporäre Architektur? Wo ist die Stadt selbstbewusst Stadt und lebt und tut, was eben nur in der Stadt geht – großflächig, rau, laut und bunt, freakig und sicher? Will Bremen nicht mehr Stadtleben als 48-stündige Naturkitschkunstgewerbeshows in den überschaubaren Wallanlagen, Madame Lothar und den traditionellen Freimarktsumzug?

Kunsthandel statt Drogendeals

Die Bremer Investitions Gesellschaft (BIG) hat jetzt einen interessanten Prozess angeschoben, indem sie das Gelände des Güterbahnhofs eben nicht spekulierenden “Investoren” für Hirngespinste anbietet, die ja auch im Alten Postamt 5, auf dem Bahnhofsvorplatz, im Musicaltheater oder in den Space-Park-Ruinen nicht so recht zu blühen beginnen wollen. Andererseits blüht im abgetakelten Güterbahnhof trotz dessen verführerischer Lage bisher auch der Handel mit Frauen, Diebesgut und Drogen nicht. Der Kunst sei Dank: Verein 23, Junges Theater und die neu gegründete Spedition haben das Gelände belebt und mutmaßlich vor der schiefen Bahn bewahrt. Aber reicht das, in dieser exponierten Lage leidlich funktionierende Heizungen für Leute zu installieren, die das Areal vor dem Absturz bewahren? Kann nicht gerade vom Bahnhof aus, “natürliches” Zentrum der modernen Stadt, die Rückeroberung der City fürs Leben beginnen, wie einst ums Café Sand die Weser (als ebenso wichtige und historische Ader) wieder entdeckt wurde?

Dazu muss die Stadtgesellschaft – angeführt von zeitgenössischer Politik – sich hinreißen lassen, die Avantgarde der Stadt nicht immer wieder nur als publikumswirksam billig zu “rettende” Freaktruppe in Not wahrzunehmen (oder als Luxusgeschöpfe, “nice to have”). Avantgardisten aller Sparten, Denker und Macher der Szenen müssen als Helfer im Spüren sozialer Trends, wirtschaftlicher Irrwege und von Pfaden in die städtische Nachhaltigkeit ernstgenommen und eingespannt werden.

Das ist nicht mit einem Hausmeister und Gebäudeverwalter getan – aber es braucht vielleicht wenig mehr als die ohnehin anstehende “Rettung” liebgewordener Biotope: Der Breminale fehlen 50.000 € zu einem sinnvollen Stattfinden, dem internationalen Straßenzirkusfestival “La Strada” fehlen 7.000 € zur weiteren Existenz, Bildenden Künstlern und Freien Musikern fehlen (immer) Galerie-, Proben- und Wohnräume, der Offene Kanal zerstreut sich in einer medienpolitischen Sinnkrise, das Junge Theater plagen Sinn- und Altersfragen – und wo ist eigentlich der Bremer Karneval geblieben? All diese Kreativen und Konstruktiven könnten am Güterbahnhof einen neuen Stadtteil kreieren – vielleicht nur auf Zeit, höchstwahrscheinlich mit Impulsen für eine politische Ewigkeit.

Unter den im neuen Koalitionsvertrag von SPD und Grünen festgeschriebenen Prämissen für Stadtentwicklung und Kreativwirtschaft, für Kunst und Kultur als beider Motor, für lebenswerte Arbeitsmöglichkeiten kostet das nicht viel Geld – wäre aber eine werthaltige Bündelung von Investitionen, eine wichtige Förderung für Klein- und Mikrounternehmen.

Mikro-Investition statt Notgroschen

Flohmärkte fänden einen stilgerechten Ort, der Schlachthof rückte wieder ans Zentrum der Stadt, “Breminale”, “La Strada”, ein Freak-Festival, Konzerte, Ausstellungen und ein Kindermedienbaumhaus, temporäre Architektur, Backpackerhostel und Filmtierschule belebten regelmäßig das grüne Riesengelände – urban statt roncallikitschig. Bremer Besucher und Gäste sähen täglich mehr Leben, als ihnen heute Hochstraße, Verwaltungs- miniwolkenkratzer und McDonalds suggerieren: Eine Stadt, die mit ihren Ideen wirtschaftet.

Wenn die Stadt sich nicht weiter verspätet mit überdimensionierten Megaprojekten im Anschluss an Musical-, Funpark-, Callcenter- und sonstige Booms zur Lachnummer der Republik machen will, wäre jetzt eine Aufbauphase angesagt. Bremen hat dafür unter den zehn größten deutschen Städten eine einmalig durchlässige Stadtöffentlichkeit – den kurzen Wegen zwischen Politik, Gesellschaft und Verwaltung ebenso zu danken wie dem heimatlichen Zeitungsmonopol und Radio Bremens zügig verglühendem Charme als Stadtsender. Kombiniert mit einem intellligenten Stadtmarketing jenseits der Stadtmusikanten-Seligkeit und verblassendem Hafenambiente könnte der Bahnhof Pendler, Besucher, Bewohner und Multiplikatoren locken.

Open Space statt Erbhof

Gefordert wäre von den kreativen Protagonisten und Aktivisten dafür innovative Kooperation statt grenzenloser Individualisierung und Institutionalisierung. Jede Idee braucht einen Raum, in dem sie sich geschützt entwickeln kann. Darin aber sind Reibung, Auseinandersetzung, Infragestellung, Konkurrenz und Synergie auf Augenhöhe wichtiger als vollkommen individualisierte Windstille – eine Herausforderung für die Bremer Szenen.

Aber nur Grenzgänger sehen die andere Seite. Auch auf Seiten der Kreativen muss die Opferpose aufgegeben und die Rolle von Auftragnehmern beizeiten angenommen werden. Im Gegenzug zu günstigsten Mieten und größter Toleranz könnte ihre Verpflichtung zur Offenheit weitere Impulse schaffen: Freier Zutritt aufs Gelände jederzeit – für Interessenten, Diskutanten, Schaulustige, Käufer, Konsumenten und auch Investoren.

So ließe sich ein künftiger Stadtteil durchspielen: Kraft, Lust und Interesse sind für eine florierende Ideenwirtschaft so notwendig wie für den ehemaligen Bahnhof die inzwischen abgebauten Gleise.

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  1. […] An einem konkreten – und gerade dieser Tage wieder aktuell werdenden – Beispiel habe ich sowas vor einiger Zeit schon mal durchgespielt. – Und siehe gerne auch noch mal da: Bürgerbaubeteiligung. […]

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