carsten werners

Großes Angebot – Mission possible

In Politik, Welt on 7. Mai 2007 at 23:57

Die Aufgaben für Kultur wachsen, die Nachfrage steigt

Ein bisschen Lebensberatung, dazu nach Wahl Gesang, eine Massage oder kluge Geschenktipps. Im Park oder an der Straßenecke wird solche Auseinandersetzung oder Unterhaltung aus dem Stand gern angenommen: „Art to go“, zuweilen wird dafür bezahlt. Und so weit ist es schon: Die Bremer Musical-Company fliegt zur Truppenbetreuung nach Afghanistan. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen setzt Ma- nager ins Orchester und lehrt in Führungskräfteworkshops Kooperation, Phantasie, Mut, freies Denken. Die Entertainerin Gayle Tufts unterrichtet für den Schulbuchverlag Diesterweg Englisch, Deutsch und Denglish in 7. Klassen. Lehrer klappern die Theater nach einem Stück „zu Erfurt und Emsdetten“ ab; Stichworte: Balllerspiele, Amok und Gewalt an der Schule. Freie Schauspieler coachen Pfarrer für das „Wort zum Sonntag“ und bereiten Drogeriemarkt-Azubis auf ihren Job vor. Die Kuratorin und Berliner Ex-Kultursenatorin Adrienne Goehler veranstaltet zum G8-Gipfel in Heiligendamm ein deeskalierendes Kunstprogramm in Rostock – und stellt dabei Kultur explizit als „Globalisierungsgewinner“ vor.

Die Wirtschaft hat Künstler und Kreative ja lange schon als Trendschnüffler identifiziert und mit Sponsoring für Einblicke und Kooperationen gut bezahlt. Jetzt kommt auch Vater Staat in die Spur: Migration, Kommunikation der Kulturen und Religionen, lebenslang lernen statt Bildung anhäufen, neue Arbeit, neue Medien: Da sollen Kreative bitte helfen. Und „zeitgenössischer Kunst wird zunehmend die Verantwortung für die Dokumentation des Zustandes der Welt überlassen oder übertragen, die Aufgabe des Zuhörens, Beobachtens und Veröffentlichens von Welt- und Mikroereignissen“, stellt Goehler fest.

Kein Wunder, dass das neue Vertrauen in Ideen jene schreckt, die Kunst für Zeitvertreib und „nice to have“ hielten – und jene, deren Macht- und Arbeitsfelder plötzlich in Diskurse und Assoziatives driften. Während wahre „Spezialisten“ mehr denn je gefragt sind, drohen Reglern und Verwaltern, Controllern und Vertstehern die Maßstäbchen zu verwackeln. Künstler sollen aus den heimeligen Theatern, Museen, Kon- ferenzen und Symposien raus auf die Straße, in Schulen und Verwaltungen – für manche ein Graus. Die haben gute Gründe, den Status Quo zu halten – und bekämpfen Neues gern mit (altem) System.

Aber Angst lohnt sich nur, wenn Reaktionen folgen. Kultur ist Querschnittsaufgabe und -angebot, braucht Phantasie und Pragmatismus. Und Mut zur Selbständigkeit: Geduld und Vertrauen für kulturelle Prozesse sind eine Herausforderung.

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