carsten werners

Stadt in Angst

In Politik, Stadt on 6. März 2007 at 09:37

Was soll nur aus Bremen werden?

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Kinder sterben in der Obhut des Staates, durchgeknallte Verfassungsschützer mobben sich im Schatten ihres geheimen Wirkens wie in billigen Agentenfilmen, mutmaßlich Schwerkriminelle übernehmen das Gesundheitswesen der Stadt, Sozial- und Kulturpolitik werden von Controlling-Fetischisten bestimmt, Medien und Bildung gehören der Gewerkschaft, die Jugend verblödet und verarmt. Mit Marketing ist da wahrscheinlich nicht mehr viel zu machen. Bis zur Unkenntlichkeit anpassungsfähige Regierungsmitglieder kippen kiloweise Mehltau über jeden Widerspruch. Neues ist der Feind des Alten – Kulturguerilleros bedrohen altehrwürdige Institutionen. Es kann, es muss einem Angst werden in Bremen, um Bremen.

Körperliche, physiologische Symptome und Folgen der Angst: Erhöhte Aufmerksamkeit, erhöhte Reaktionsgeschwindigkeit, besseres Sehen, Hören und Rennen, mehr Energie. Immerhin. In einer Gefahrensituation wollen unsere Körper so das Überleben sichern, Kampf oder Flucht vorbereiten.

Schlecht beraten?

Aber Kritik gefährdet die Selbständigkeit Bremens – der reine Horror droht, wenn der Bremer und die Bremerin nicht stillhalten und ehrfürchtig bessere Tage erwarten. So will uns das die meinungsführende und politikprägende Klasse weismachen. Wer mehr wissen oder tun will als dieses berüchtigte Kaninchenglotzen auf die böse Schlange (wahlweise maskiert als „der Bund“, „die überregionalen Medien“ oder „die Wahl“), wird zum Feind: Bitte nicht bewegen, nicht berühren, noch nichts sagen, jetzt nicht. Lieber noch warten und beraten lassen – nach McKinsey, Roland Berger, Frank Haller, „culturplan“, Klinikchef Lindner und x anderen kann jetzt am schlechtesten Berater unserer Zeit auch nicht viel falsch sein: Angst! Weltweit im Einsatz als Konzept und modernes Machtinstrument. Ihre Produktion kostet fast nichts und beherrscht ganze Industriekomplexe – zählen wir die Politik ruhig mal dazu.

„Die Angst hat Hochkonjunktur, die Initiierung immer neuer Angstinhalte und Angstquellen erzeugte einen historischen Wandlungsprozess der Angst und schafft ein sich fortwährend wandelndes Konsumverlangen, um die neuen, vermeintlichen Risiken zu verstehen, einzudämmen, abzuwenden. Angst als Wirtschaftsfaktor und ihre Kultur gehört zu den wesentlichen Schrittmachern, zur Überlebensstrategie der spätkapitalistischen Gesellschaft. Sie gehört zum Kulturgut, zum Luxus von Gesellschaften, die den permanenten Überlebenskampf überwunden oder an die Ränder verdrängt haben.“ So beschreiben die Regisseurin und Kuratorin Sabrina Zwach und der Schauspieler Herbert Fritsch den Stoff, aus dem Politik ist.

Habt Angst!

Kein Tag vergeht, an dem nicht ein Minister die Angst vor dem Terror, die Angst um die Rente, die Angst vor verrohter Jugend großflächig an die Wand malt, um dann wolkig mit geheimnisvollen, amorphen Rezepten Linderung zu prophezeien: „Gesundheitsreform“, „Erbschaftssteuerreform“ – verstehen muss man das gar nicht. Was in großen Unternehmen als chefige „Paranoiasbotschaft“ bespöttelt wird, hat Prinzip: Hältst Du nicht still, machst Du nicht mit, lässt Du uns nicht machen, fragst Du nach Sinn – dann bringst Du uns und Dich in Gefahr! Dann können wir kein bisschen Sicherheit mehr garantieren! Dann drohen Hartz IV und schlimmer Husten!

Murat Kurnaz als prototypische Bedrohung von draußen (und gefundenes Fressen) bedroht Bremen – als Popanz eines gerne mal kernig hysterischen Innensenators, der sich aber ebenso gerne auch immer mal selbst dementiert. Die Chamäleonhaftigkeit als Reaktionsschema naseweiser Jungsenatoren mag ja auch eine Laune der Natur im Angstabwehrstress sein: „Es gibt keine Festlegung“ heißt es ständig oder „Wir sind auf einem guten Weg“ oder eben man „persönlich“ habe mit all dem eigentlich auch wieder nichts zu tun. Haltung? Interesse? Wissen gar? Nö. Lieber undifferenziert Scheitern als Verantwortung übernehmen: Wo alle immer kuschen, geht das ganz gut.

Empfinden und Verhalten in Ungewissheit

Die Sicherheiten sind futsch und kommen auch nicht wieder. Adrienne Goehler erklärt in ihrem schönen Buch „Verflüssigungen“ anschaulich und genau, wie Kreativität und Kommunikation, auch Leidenschaft und Lust, einer wackeligen Welt mit immer weniger stringenten (Arbeits-)Biografien auf die Sprünge helfen könnten: Mit positiv gelebter Entwicklung statt immer neuer Scheinsicherheiten. Angst könnte da eine wunderbare Hilfe sein: Ein ungerichteter Gefühlszustand, das Befürchten und Vermeiden möglichen Leidens. Angst ist Empfinden und Verhalten aus Ungewissheit, wissen Psychologen. Wer in Angst verharrt, kommt darin wohl um: Zu ihrer Natur gehört deshalb, die Anspannung zu überwinden, Bedrohung zu erkennen, Angst eben hinter sich zu lassen: Kampf oder Flucht – um Bremen, aus Bremen, zum Beispiel. Selbständigkeit und Abhängigkeit sind in dieser Situation nur relative Größen. Alles geht.

„Was für eine Scheißangst muss Dostojewki gehabt haben, als er sich sicher sein konnte, dass er hingerichtet werden würde. Welche Kraft ist daraus geboren? Welche Tiefe wurde dadurch möglich?“, fragen Zwach und Fritsch. Oder: „Welche Todesangst haben Frauen bei der Geburt ihrer Kinder?“ Während alle Religionen die Angst zu „entmachten“ trachten, könnte Kultur Adrenalin-Schübe und Cortisol-Attacken anders nutzen: Bei Gefahr in Verzug setzen sie blitzschnell Energien frei!

-> 14. bis 16. März: ANGST! Boxen-Team, Schwankhalle

-> Adrienne Goehler: Verflüssigungen, Campus-Verlag


„Angst ist das Organ, durch das jemand sich das Leid zu Herzen nimmt, es sich aneignet und assimiliert. Es ist die geistige Kraft, mittels derer sich das Leid in ein Menschenherz hineinbohrt. Die Wirkung derselben ist aber nicht wie die des Pfeiles, sondern eine successive, nicht ein für allemal fertige, sondern eine beständig werdende.“
Theodor W. Adorno

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