carsten werners

Schönheit irritiert.

In Politik, Stadt on 10. Januar 2007 at 00:16

Ach, sind wir kreativ!?

Es war schon ziemlich out: „kreativ“ – so haben wir lange nur toskanische Töpferkurse, Gruppenatmen und irgend- wie Aerobicartiges, bestenfalls noch Wandmalerei bezeichnet und verspottet. Jetzt gilt „kreativ“ aber wieder was, als wirtschafts-, kultur-und stadtentwicklungspolitisches Zauberwort: Kreative Industrien werden gefeatured und gefördert, Kreativwerkstätten begründet und aus dem Kreativpotential der Künste und Medien soll einiges zu holen und zu machen sein für die Zukunft, die Wirtschaft, die Stadt. Gestritten wird nur noch: mit C oder mit K? Konservativ: kreative Industrien, weltläufig: creative industries, oder: cultural industries, wenn das bloß nicht schon wieder zu künstlerisch klingt … Die Antragsprosaisten, Masterplaner und Konzeptkünstler stempeln auf alles, was gestern „Kulturhauptstadt“ sein musste (weil Kulturstadt nicht reicht), wo vorgestern der „Synergieeffekt“ nicht „interdisziplinär“ genug sein konnte, jetzt das K-Wort.

Die Wertschöpfung im Kulturbereich liegt deutlich vor der von Land- und Forstwirtschaft, beschäftigt sind hier weit mehr Leute als in der Automobilindustrie. Die Branche boomt. Und viele können Vieles lernen von den Kreativen: Genügsamkeit und Sparsamkeit, vor allem aber Flexibilität, Improvisationskunst, Streitkultur. Aber stopp: Wer will da was von wem? Und was ist der Preis? Nach jahrzehntelanger Fixierung auf neue Techniken stellt sich raus, dass so langsam die Inhalte ausgehen. Von Callcentercity Bremen oder dem weltgrößten Supermarkt mit Rakete redet lieber keiner mehr. Gute Zeiten also für (wirklich) Kreative. Aber sind die institutionalisierten Einrichtungen und Organe wirklich so offen und frei und in der Lage, sich auf kreative Ein-, Rück- und Über- flüssen einzulassen? Auch die kreative Revolution wird ja nicht ganz konfliktfrei und schmerzhaft zu haben sein.

Das Leben jenseits der lebenslangen Festanstellung ist für viele noch nicht vorstellbar. Und wo immer sich in unserer Stadt Kreativität äußert, sind die großen Tanker und mauligen Dinosaurier im günstigsten Fall nur skeptisch oder ein bisschen eifersüchtig. Oft verhalten sie sich ängstlich, ablehnend, ausgrenzend. Das gilt auch für Kulturpolitik, -verwaltung und –institutionen: Wie Radio Bremen panikartig Konkurrenzangst vor frei flottierenden Funkern entwickelt, wie Kultureinrichtungen hinter den Kulissen um Geld kungeln, zocken und mobben, wie Kultursenator Kastendiek jedem inhaltlichen Diskurs ausweicht – da scheinen Angst und Unverständnis auf. Wer weiter von Vollbeschäftigung lügt oder träumt, der kann Selbständigkeit und berufliche „Freiheit“ (gern als „Outsourcing“ verpackt) nicht als Zukunft sehen und verstehen. Freiheit und Kreativität verunsichern, Schönheit irritiert.
Gerade den alten, stumpfen, dummen Glauben an Obrigkeit, Hierarchie und Abhängigkeit könnte eine wirklich kreative Stadt hinter sich lassen – um
Selbständigkeit, Freiheit, Selbstbewusstsein und Offenheit nicht nur zu demonstrieren, sondern zu leben, zu verkörpern – zu sein. Dazu gehören Streitkultur und Auseinandersetzung, Inspiration, Zuhören, Einlassen, Aushalten, auch Unsicherheit, Nachdenklichkeit, lebenslanges Lernen eben – Visionen und Scheitern. Das lernt man nicht durchs Anhimmeln der Markenikonen von Apple bis Beck’s; für Kreative sind das auch keine Designwunder, sondern wichtiges, gutes Werkzeug, das man sich leisten wollen und können muss.

Bremen neu erfinden – immer wieder und weiter: Das will erarbeitet, ausgehalten und durchgeführt sein, neu ist etwas ja nur einmal. Als Vorturner in Strategie und Kommunikation könnten Kreative die Stadt entwickeln helfen – als ihre risikomutige und entwicklungsfreu- dige Forschungsabteilung, als lern- freudige Schule des Stadtlebens, als Erfinder, die auch mal aussteigen oder den Rückwärtsgang einlegen. Aber das muss man sie dann auch mal machen lassen – ohne Netz und doppelten Boden, ohne Misstrauen, trotz gelegentlichem Unverständnis, auch in „Konkurrenz“ zum Alten.

Ach ja: Arbeit und Bildung schafft Kultur übrigens auch. Wenn „die Wirtschaft“ neue Ausbildungsplätze schafft und verkündet, entstehen die oft bei den Kreativen – von den Handelskammern werden sie dafür gern eingemeindet.

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