carsten werners

80 Zeilen Kulturhauptstadt: „Großer Schreck und frischer Wind“

In Politik, Stadt, Welt on 17. März 2004 at 07:33
Viel hat sich im Zuge von Bremens Bewerbung für den Titel „Kulturhauptstadt Europas 2010“ in den letzten Monaten getan – vor und hinter den Kulissen. Seit April 2003 arbeitet Bewerbungsintendant Martin Heller mit seinem Team an der Bremer Bewerbung, Ende März wird der Schweizer Kulturmanager den Politikern das Konzept zur Beschlussfassung vorlegen. Endgültiger Abgabetermin der Bewerbung ist der 30. Juni. In einer Serie fragt die taz Kenner und Akteure der Kulturszene nach dem Stand der Dinge in Hirn und Bauch. Heute: Carsten Werner, ehemals Leiter des Jungen Theaters, heute Konzept- und Projektentwickler der Schwankhalle.

Wenn die Kulturhauptstadt ein Tier wäre, welches wäre es?

Vier. Ein Wurm, ein Chamäleon. Die anderen zwei kommen ja erst noch. Hoffentlich nicht bloß ein Zirkuspony oder ein lädierter Pfau. Lieber wäre mir etwas Richtung kluge Robbe, wilder Panther, zahme Ratte, magische Eule, besessener Mops … – immer gerne unerwartet, aus dem Off!

Was hat die Kulturhauptstadt bisher mit Bremen gemacht?

Spiel und Spaß: Stadtentwickler und Wirtschaftsförderer, Wirtschaft und Medienszene – viele der sagenhaft umworbenen „Entscheider“ haben endlich Kunst und Kultur im Hinterkopf. Und die Kultur wird sich langsam selbst wieder ihrer Bedeutung bewusst.

Mancher ist ja schon gut verstört, die Sinne sind geschärft, Hoffnungen gesät und Obrigkeitsdenken ist erschüttert: Die Inkompatibilität von künstlerischer Produktion und kulturellem Handeln mit verfilzten, verschmierten Verwaltungsapparaten – und ihren Apparatschiks – wird im laufenden Bewerbungsschriftenformulierungsfindungsprozess allerorten endlich ganz wunderbar offenbar: „Wo gibt man denn den Antrag ab?“ – Antrag? Es geht jetzt um Ideen, Pläne, Gedankengebäude – große Kunst.

Die Geschäftsordnung der Hinterzimmer muss überarbeitet werden, gut so: Überraschung, Zweifel und Streit, Angst und Enttäuschung inklusive. Die Szene und ihre Verwaltung, Künstler und Kulturförderung sind zu einer Bestandsüberprüfung geladen – nach neuen, kulturellen, spielerischen Regeln: Großer Schreck und frischer Wind!

Jetzt kommen vermutlich noch reinigende Gewitter, inbrünstiger Streit, die Mühen der Realisierung – und 2010 begeisternde Festspiele, 2020 die wundersame Wandlung zur wahren Kulturstadt …?

Was hat sich unmittelbar für Sie geändert?

Mehr Arbeit – und ein neues Interesse an Bremen. Ich habe mit alten Freunden und neuen Partnern im fröhlich-lustvollen Visionsaustausch neue Sichtlinien und Denkstrukturen entdeckt, Gestaltungs-Spiel-Räume erobert – über den künstlerischen Horizont hinaus ins Grüne, in den Osten, auf die Straße, in den Äther, von Bremen aus, auch weg von Bremen …

Wir haben offene Ohren für junge Performing Arts gefunden, wo wir sie nicht erwartet, bisher gar nicht gesucht hatten. Und wir haben neue Fördermodelle für die Freie Künstlerszene entwickelt, derer Verwirklichung wir nun harren: Denn Bremen braucht vor allem wieder Input, kulturelle Bildung und künstlerischen Austausch – statt immer komplizierterer Kulturverwaltungsvorgänge. Konkret: Stipendien, Preise, Festivals – und bessere kulturelle Medien. Vieles denkbar, alles machbar.

17.3.2004 taz Bremen Nr. 7311 Kultur 118 Zeilen, S. 23
taz-Serie

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