carsten werners

Addition der Schlagzeilen

In Uncategorized on 4. Mai 2002 at 09:05

Literatur-Performance: Nina Bittcher und Lucia Meinhold verheddern sich beim „Gudrun Ensslin-Monolog“ im Spektakulären und verklären die Erinnerung

Die RAF ist hip – zu Moden geronnene History, davon berichten die Zeitgeistpostillen seit Monaten fasziniert bis angewidert. Was also erwartet uns, wenn junge Leute sich Gudrun Ensslin nähern, der jungen, wunderhübschen Terroristin mit dem kräftigen Lidstrich?

Wir wissen ja nicht, was Ensslin wirklich dachte und machte in Stammheim (und davor). So redegewandt, schreibwütig und medial omnipräsent wie die Journalistin Ulrike Meinhof war sie nie. Wohl eher die „jugendliche Rätselhafte“ im Ensemble der deutschen Topterroristen, wenn man das heute so flapsig sehen darf – „Ihr letzter Wunsch galt der Wimperntusche“, angeblich.

Christine Brückner legte der Ensslin 1983 in ihrem Buch der „ungehaltenen Reden ungehaltener Frauen“ posthum Gedanken und Sprüche in den Mund, eine „Rede gegen die Wände der Stammheimer Zelle“. Diesen Text nutzen die junge Regisseurin Nina Bittcher und ihre junge Schauspielerin Lucia Meinhold für ihre „Literatur-Performance“ einschließlich Videoinstallation, die sie in der Medien-Koop im Lagerhaus aufführen.

In einem wenige Quadratmeter großen Gaze-Käfig kauert oder tigert hier die junge Terroristin und hält diesen inneren (?) Monolog. Darin eine Menge knalliger, feuilletonistischer Formulierungen, ein wenig Familiäres, ein bisschen Politik- und Staats-Kritik, eine Prise Selbstironie, ein Schuss Galgenhumor. Hypothetisches „Was wäre gewesen, wenn …“ und semidokumentarisches „So wird es vielleicht gewesen sein“, anno dazumal in Stammheim.

Auf die Gazeflächen wird per Video von einer Seite das abgefilmte minimalistische Bühnengeschehen gebeamt, von der anderen Seite flimmern nonstop und von den Künstlern unbearbeitet Best-of-RAF-Schnipsel aus ARD-Archiven: altbekanntes, viel- und gerngesehenes Material aus dem deutschen Bürgerkrieg der 60er und 70er, als Horst Mahler noch ein linker Terrorist war (oder so), viel Meinhof und weniger Ensslin, BILD-Schlagzeilen aus Absurdistan („Hamburg: Polizei erschoss falsche Ulrike Meinhof“), viel Disput, Gerenne, Geschiebe und Geschieße …

Den ikonenhaften Porträts der Jungterroristen stehen Bilder gegenüber, die zeigen, wie hässlich Kampf und Politisiererei schöne junge Menschen machten: „vorher / nachher“. Das wäre ein Ansatz für die theatralische Auseinandersetzung, hätte vielleicht die Chance geboten, „Gudrun nah zu sein“, wie es sich ein Zuschauer gewünscht hätte: „Was war sie, was wollte sie?“

Doch die junge Darstellerin wirkt eher leidend denn gefährdet und kämpferisch – und Brückners in die Jahre gekommener Text verschwindet in der einstündigen Aufführung hinter den Videobildern. So entstehen weder Bezug noch Reibung zwischen TV-Memorabillia und Theater-Fiktion.

Was sind die 12 Mio. DM, die der Stammheim-Bau kostete, im Verhältnis zu den Millionen, die Springer (und Kulturindustrie) der RAF verdanken? Da Politik schließlich „im Gerichtssaal, im Bett, im Kindergarten“ stattfinde, überall wird „unterdrückt, gefoltert, Macht ausgeübt“: Wie war die Liebe zwischen Ensslin und dem „durchgeknallten Literaten“ Bernward Vesper? Politische Kriminalität vs. kriminelle Politik … Alles wird angerissen, nur die Inszenierung verheddert sich in der Addition von Spektakulärem und Spekulativem. „Gequassel in Bildern und Gleichnissen“ nennt das die Protagonistin mal.

„Kein Denkmal für Gudrun Ensslin“, hatte Brückner ihren Text übertitelt. Die Inszenierung verharrt in verehrender, verklärender Erinnerung.

Carsten Werner

Noch am Samstag, 4.5., in der Medien-Coop im Lagerhaus, 3. Stock. Karten unter Telefon 0421-77020

4.5.2002 taz Bremen Nr. 6741 Kultur 54 Zeilen, Carsten Werner S. 27
Rezension

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