carsten werners

Mohikaner, allein zu Haus

In Uncategorized on 24. April 2002 at 10:03

„Die letzten sind wir!“

Trotz Schwund an Kollegen und Illusionen spielt das Antigone-Theater weiter. Bis zur theatral-konsequenten Privatheit fehlen aber noch ein paar Schritte

Die Schauspielschule am Waldau-Theater ist Geschichte, aber in jedem Ende liegt ein Anfang.

So gründeten die ehemaligen Schüler mit ihrem Lehrer, dem Regisseur Jürgen Müller-Othzen, vor knapp drei Jahren das „antigone theater“. Die Truppe näherte sich ihrer Namenspatronin aus ganz verschiedenen Richtungen. In einem „work in progress“ gab es Antigone grotesk: Als Streetperformance und in einem großen, inszenierten Abschiedsfest-Theater mit und von den SchauspielerInnen, ihren Figuren und dem Publikum.

Vor einem Jahr emanzipierte sich die Truppe vom Antigone-Stoff und auch vom Regisseur – und eröffnete mit einer grotesk verträumten „inner city midsummer night“ Müller-Othzens Wohnzimmer-Theater „the most little private“ in Findorff. Man suchte unterhaltsam und poetisch Halt und Sinn und Kunst in dieser Wohnung. Gegen Ende wagten sich die Figuren wieder tastend auf die Straße, verließen Bremens jüngstes Theaterchen – auf dem Weg in die nächste (Theater-)Welt?

Heute sitzen hier noch Henriette Hensel-Knipp und Peter Almendinger, zwei letzte Mohikaner der Schauspielkunst, allein zuhaus. Am Wochenende hatte ihr neues Stück Premiere: „Die Letzten sind Wir!“ Sie können das Spielen nicht lassen, auch wenn sie von allen Kollegen und Illusionen schon verlassen sind.

Das ungleiche Paar – sie könnte seine Mutter sein – kabbelt sich durch einen Wust aus Erinnerungen und Zitaten, Theatergeschichte(n) und sozialhilfefinanziertem Alltag. Er wäre gerne Faust, sie röhrt kinskische „Erdbeermund“-Zeilen, er legt selbst beim Sex den Künstler-Seidenschal nicht ab, sie serviert den Cappucino in der Espresso-Tasse und zu heiß und repetiert „Antigone“: „Drehung nach links, Maske quer-links / Kopf an Kinn auf Brust / höchste Intensität!“ Auch das Publikum gehört zur Imagination.

Auf dem Programmzettel: Kein Autor, kein Regisseur, keine Rollen, keine Darsteller – könnte es sein, dass wir da in der Münchener Straße in das Privatleben abgehalfterter Möchtegern-Stars gestolpert sind? Nach der Aufführung erzählt Almendinger, dass das Projekt schon „ein bisschen autobiografisch“ sei. Weiter schrumpfen kann ihr „Antigone-Theater“ jedenfalls nicht mehr. Tagsüber arbeitet er als Physiotherapeut, seine Partnerin als Lehrerin, bevor sie abends selbstorganisiert, -geschrieben und -inszeniert „halt als Laientheater“ auf die Bühne steigen.

Das jedenfalls macht ihnen sichtbar Spaß, sie wollen weiter an ihrem Stück arbeiten. Wenn sie dabei den Mut hätten, viel offensiver und verwirrender mit der Grundsituation „Wohnzimmer gleich Bühne“ umzugehen, könnten sie aus dem vom Publikum erstaunlich distanzierten Geschehen noch manchen witzigen oder tragischen Funken schlagen.

Die zum Mini-Theater drapierte Bühne, die boulevardesken Kostüme und Möbel, die verhängte Einrichtung der Wohnung und die obligatorische Publikumsermahnung zum Handy-Abschalten beschwören viel zu viel Hochkultur, statt Nähe und – so der Untertitel des Stückes – einfach „Intimität“ zuzulassen. Selbst die rumpelnden Nachbarn und auf der Straße quatschende Passanten werden in solcher Heiligkeit zum Störgeräusch. Dabei könnten sie ein wunderbarer Soundtrack sein für diese „real soap“ …
Carsten Werner

Weitere Vorstellungen an den kommenden beiden Wochenenden, jeweils Freitag und Samstag um 20 Uhr im „most little private“, Münchener Straße 47. Vorbestellung unter Tel.: (0421) 794 98 01 erforderlich.

24.4.2002 taz Bremen Nr. 6733 Kultur 52 Zeilen, Carsten Werner S. 23

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