carsten werners

Bei arte ist Bremen Tanzhaupstadt

In Kunst, Medien on 12. Dezember 2001 at 19:30

Die „Bewegten Spuren“ von Marcus Behrens

Bremens Mann bei arte ist Marcus Behrens: Der 33jährige Bremer Filmemacher arbeitet seit 1987 als Journalist, Hörfunk-Moderator und Nachrichtenchef bei Radio Bremen. Er hat für arte das Musikmagazin „Tracks“ erfunden – und ist jetzt so etwas wie der Tanz-Beauftragte des Kulturkanals. arte nämlich hat für den Tanz sonntags um 20.15 Uhr einen prominenten Sendeplatz eingerichtet, für den Behrens innerhalb der ARD „die“ Anlaufstelle ist. Für ihn, der schon mit zwölf Jahren fasziniert von Reinhild Hoffmanns Bremer Tanztheater war, schließt sich damit ein Kreis.

Heute (20 Uhr) wird im Maler-saal des Bremer Theaters sein Film „Bewegte Spuren“ uraufgeführt. Behrens verbindet darin die Beobachtung der Arbeit von Urs Dietrichs international besetzter Tanzcompagnie an der Produktion „Appetit mit einer Spurensuche in der Geschichte des Tanz-Theaters. Die Spielarten und Protagonisten des jungen Genres waren (außer Pina Bausch) allesamt eng mit Bremen verbunden. Mitte der 60er Jahre erfand Johann Kresnik sein Choreographisches Theater, „eine Geschichte erzählen“ sollte es, und politisch Stellung beziehen. Das war bis dahin im klassischen Ballett undenkbar. Ihm folgten Gerhard Bohner und Reinhild Hoffmann, die den Begriff Tanztheater prägten, sein Publikum entwickelten – und Bremen endgültig zum Mittelpunkt der Tanzwelt machten. Daran knüpften Heidrun Vielhauer und Rotraud de Neve, in den 90ern ein zweites Mal Hans Kresnik, und schließlich Susanne Linke und Urs Dietrich an.

Behrens zeigt zuweilen bizarr anmutende Bilder aus 30 Jahren Tanzgeschichte, während ihre Erfinder aufeinander bezugnehmend von ihrer Arbeit erzählen. Mitglieder des heutigen Ensembles berichten aus ihrem Bremer Alltag – und vom bremischen Tanztheater-Mythos, der sie aus Korea oder Brasilien an die Weser lockte … Ein Zentrum der Entwicklung zur Tanzmetropole war immer das Concordia als lange Zeit einmalige Raumbühne, in der Produktionen entwickelt, probiert und gespielt werden können – „bei der Übertragung von einer Probebühne auf die große Bühne verliert eine Inszenierung immer“, sagt Reinhild Hoffmann. „Hübner hat mit Kresnik hier etwas möglich gemacht, was es bis dahin nicht gab.“

Die Sparte Tanztheater wie die Spielstätte Concordia waren immer wieder Ziel von Angriffen der Kultursparkommissare. Klaus Pierwoß weist in Behrens Film darauf hin, wie wichtig es sei, für die Tanzkünstler gelegentlich das Wort zu erheben und sie gegen Sparkommissare und andere Banausen zu verteidigen. Schließlich sind die Tänzer und Choreographen nicht immer (wie Hans Kresnik) Leute der großen und lauten Worte, sondern drücken sich eben in erster Linie körperlich aus. Marcus Behrens Film kaschiert das nicht.

Im Herbst hat Behrens mit dem Choreographen Rui Horta in Portugal einen Tanz-Kurzfilm gedreht: „Im Freien, nur Bewegung, ohne Worte – ein Dance-and-Motion-Picture. Weitere internationale Tanz-Film-Produktionen für arte sind im Entstehen. Sein Traum wäre ein abendfüllender Spielfilm, getanzt und gedreht in den Straßen Brasiliens.

In Bremen hat er die Eigenart der Bremer entdeckt, „das kaputtzumachen, was erfolgreich ist – und dafür das erfolgreich haben zu wollen, was überall anders schon erfolgreich ist. Diese Stadt ist wie ein kleines Kind: Statt zu fördern, was neu ist und Erfolg hat, springt man immer auf schon abgefahrene Züge. So will er auch nicht der Bremer Regionalreporter für arte sein, sondern sich weiter auf Spurensuche auf der ganzen Welt begeben. Gelegentlich kommt man dabei auch an der Metropole Bremen nicht vorbei.

Carsten Werner

13.12.2001 taz Bremen Nr. 6625 Kultur 51 Zeilen, Carsten Werner S. 27
Rezension

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