carsten werners

Die Kunst des Nervensägens

In Kunst, Medien on 11. Dezember 1993 at 21:14

Zum Zuschauen, Entspannen, Nachdenken: Ein vernichtender Leserbrief, eine gebührende Antwort

Wieso muß, wieso kann, warum will die taz sich einen Kulturredakteur leisten, der nichts auf der Pfanne hat, als die Sprache der Künstler und Kulturveranstalter seines journalistischen Provinzreviers mehr oder weniger witzig auseinanderzupflücken und so ihre Ideen und Inhalte zu verarschen und für dämliche Wortspielchen zu verramschen – offensichtlich ohne jedes Interesse und ohne den Anflug einer Kenntnis der Materie?

Manfred Dworschaks halbgare Sprüche und Artikel durchzieht immerhin ein Gedanke konsequent: Kunst ist meistens uninteressant, wenn nicht gar unverständlich und also langweilig und albern. Daß Künstler ihre Kunst auch noch mit Worten beschreiben oder betiteln (weil man Kulturschreibern oft genug die Worte in den Kuli pusten muß, damit sie sich überhaupt zur Wahrnehmung durchringen), ist nicht ihre Aufgabe und also bester Witz-Stoff. Das kann der witzige Manfred Dworschak viel besser: „Kultur ist Scheiße!“ möchte man schreien mit ihm, fast täglich, statt seitenweise Stammtisch- Gestammel runterzuwürgen, über seinen gestörten Redaktionsfrieden, über seine irre Sorge um zuviel Kunst auf seinem kleinen Schreibtisch und über seine persönlichen Probleme mit Zahnbürsten-Verpackung. Kultur-Politik erledigt er fast nebenbei: Heyme hochjubeln und Heyme kaltstellen, das schafft er rasant wendend geradezu in einem Rutsch. Die u.a. von seinem taz-Kollegen Thomas Wolff in Schwung gebrachte Concordia-Initiative der freien Theater kanzelt er mit zwei launigen Sprüchen ab. – Das Muster ist für diese politischen Stellungnahmen wie für die Volksstimme-Kritiken dasselbe: Hauptsache, die Sprüche peppen und die Überschrift zischt ordentlich. Kritisiert werden auf einer ganz vordergründigen äußerlichen Ebene (fehlende) Formen und Ansprüche, die die taz bei ihren eigenen Mitarbeitern übrigens nur zu oft und gerne akzeptiert.

In der ersten Reihe der taz- Kultur kläfft und blubbert jemand selbstvergnügt und wortbesoffen (und verhältnismäßig gut und sicher bezahlt) gegen die, die er nicht ernstnehmen kann oder will, die in Kunst und Kultur als Versuch, als Streitobjekt, als Lustgewinn immerhin und immer wieder einen Sinn sehen oder suchen.

Lieber Manfred, trag doch Deine pseudoliterarischen (oder pseudojournalistischen?) Wortketten in den Copyshop, bastle ein hübsches Bändchen im Selbstverlag, vertreib‘ es in der Heimat und hoff‘, daß nicht irgendein blöder Kultur-Reporter Dich fragt, warum Du das tust, was Du damit meinst und wen das interessieren soll. Bei der taz mach‘ Platz für eine mit Lust auf kulturelle Auseinandersetzung, auf Streit und Kritik auch und auf künstlerische Prozesse – und zur großen Lust ein bißchen Ahnung und Interesse. Dann wollen wir Dir Dein Generv und die Beleidigungen gerne verzeihen und uns ewig freuen an Deiner schönen Wortschöpfung vom „Quargel“

Carsten Werner

Lieber Carsten Werner,

das Lustigste ist, daß du ja wirklich glaubst, ich hätte Heyme „hochgejubelt“ bzw. im nächsten Augenblick „kaltgestellt“. Das ist aber nicht die Wahrheit, sondern es ist deine Phantasie, die sich naturgemäß an der Vorstellung des Hochgejubeltwerdens entzündet, um vor der dann leider drohenden Kaltstellung umso heftiger zu erschaudern. Die Wahrheit ist, daß dein „Junges Theater“ auch weiterhin weder das eine zu erhoffen noch das andere zu befürchten hat, und wenn du mir noch so viele Kulis mit Worten vollpustest. Auch Heyme mußte schließlich alles selber machen, und ich hatte genug zu tun, es aufzuschreiben.

Oft kommt’s ja auch noch soweit, daß ich mit Kunstwerken zu schaffen habe, denen gerecht zu werden mir immer viel Müh und Plag und Skrupelei bereitet. Im Grunde finde ich schon kaum mehr die Muße, „Kultur ist Scheiße!“ zu schreien, denn unverhofft kommt dann wieder einer dieser Deppen daher, mit denen ich viel Freude habe, und schreibt beispielsweise mit meterhohen Lettern „ICH BIN GOTT“ an die Wand des Forums Langenstraße. Ich aber lächle ganz selbstvergnügt und schreibe: „O Leute, schaut, da kommt schon wieder ein Depp daher! Laßt uns ein Spielchen treiben mit ihm!“

Das ist dir zu böse? Soll ich den Kerl lieber ernstnehmen mitsamt seinem Versuch und Streitobjekt und Lustgewinn immerhin und immer wieder? Du weißt nicht, was du verlangst. Ich aber weiß wenigstens, was du stattdessen gern hättest, und weiß Gott nicht nur du: eine Kulturkritik, die einen jeden, der sich Künstlervisitenkarten druckt, mit den Würmern des Wohlwollens päppelt, bis der Kuckuck vollends fett und doof ist.

Das Schöne ist jetzt natürlich, daß gerade so die hergebrachte Kulturkritik vonstatten geht. Selbst einem, der mir nichts, dir nichts durch die Welt schlendert und für Geld mal blaue und mal gelbe Stangen aufstellt, schluffeln noch zehn Rezensenten hinterdrein und wackeln berufsmäßig mit den Köpfen dazu. Ja wir dürfen von einem ganzen vielreflektierten Kunstgenre sprechen, welches aus nichts besteht als aus einem alten Trick: Man nehme ein Ding und schleppe es getrost einmal ganz woanders hin; gerne auch den Granitklops auf die Straßenkreuzung, die Alpenkiesel auf den Rembertikreisel, die Discolasershow aufs Kongreßzentrumsdach. Gottchen, selbst ich, der ich meine Probleme noch lieber mit Zahnbürstenverpackungen habe, käme in einer halben Stunde auf Stücker dreißig solcher Einfälle und bin jederzeit bereit, das unter Aufsicht eines Notars zu beweisen. Immer aber werden sich Menschen finden, die ihre Kinder lieben und Mozart hören und dann aber hingehen und von der „Irritation eingefahrener Sichtweisen“, von „neuartigen Raumzeitbezügen“ und sowieso von „Denkanstößen“ skrupellos umeinanderschnattern.

Ich finde, es übt auf ein solches Geistesleben noch die erfrischendste Wirkung aus, wenn ich zu einem Deppen einfach „Depp!“ sage, auch ohne daß ich vorher die Salzwüsten seines Verstandes durchgrübelt habe. Oder soll ich nochmals und abermals analysieren und entlarven, was als Affigkeit allen Augen offenbar ist, und es sagt nur keiner? Nein, der Kulturkritik mit Herz ist schon auch die Arbeit des Sortierens und zur Not des Wegpfefferns aufgetragen; hinterher kann’s dann ja wieder jeder bestreiten. Aber daß ich einen, der für ein paar Mark in der Gegend herumirritiert, mit ausgesuchter Ernsthaftigkeit behandeln soll, das möchte ich nun meinerseits ablehnen wie jede andere Komplizenschaft auch.

Ich denke vielmehr, daß man die ganze friedsam schnarchende Kunstdebatte erfreulich befördern könnte, indem man endlich die Kategorien des Absahnerischen, des Selbstmörderischen und des komplett Bescheuerten einführte. Wie viele Seelchen könnte man noch früh genug abschrecken, und wie herrlich schwer hätten’s die Abgebrühten, denen die Kunst derzeit immer leichter von der Hand geht.

Fast möchte man meinen, der Kunst selber wäre wohler, wenn es ihren ehemals guten Namen nicht länger geschenkt gäbe. Manch einem, der ihn sich verdienen möchte, würde einfallen, wieviel der Wert eines Werks hat ja doch mit der Arbeit zu tun hat, die sich in ihm vergegenständlicht. Die Betrachter jedenfalls hoffen inständig, sie zu entdecken, weil sie zu Recht nicht ertragen, daß sich einer etwas erschleicht. Da sind sie eigen. Unbeirrt finden sie den Wert des Kunstwerks darin erfüllt, daß da eine schwere Arbeit zu großer Leichtigkeit geführt hat.

Umso schwieriger wird es aber für unsereinen, wenn die schwere Arbeit in schwerer Ödnis endigt, wenn das ganze verdienstreiche Schwitzen nichts geholfen hat. Das ist es vermutlich, was du, lieber Carsten, zu den Problemen einer „ganz vordergründigen, äußerlichen Ebene“ rechnest, die ich doch zugunsten der Inhalte, des Bestrebens und des unveräußerlich guten Willens nicht gar so wichtig nehmen möge. Bedenke aber bitte, daß mit der selben Leier von den „Ideen und Inhalten“ die Dummheit persönlich in aller Majestät vor sich hin zu lärmen pflegt, sobald sie sich zur Bewältigung der Formen und anderer Äußerlichkeiten nicht mehr imstande fühlt; ja man kann sie geradezu daran erkennen.

Nun hat natürlich ein jedes Menschenskind ein gewisses Recht auf „künstlerische Prozesse“, wo’s nicht so drauf ankommen soll, und wir berichten redlich und in voller Breite über all das Gewusel. Sobald es aber als Kunst vor die Leute tritt, sobald es an die Beurteilung geht, ist es aus mit den Prozessen; da zählt nicht mehr das Sinnen, Trachten und Schwitzen, sondern das Werk, dem man’s nicht mehr ansieht. Der Sinn der Kunst ist es, sehr, sehr gut zu sein. Einen anderen hat sie nicht.

Wenn es uns nur gelänge, in die Debatte, was Kunst sei und was Quargel, ein bißchen Geist und Bosheit zu rühren, so daß sie endlich richtig anhöbe, das wär schon was. Die Förderung des Leichtsinns bzw. Größenwahns unter Dilettanten rechne ich nicht zu unseren Aufgaben. Gegen diese Unerfreulichkeiten wird weiterhin dann und wann ein gut gespitzter Witz in Anschlag gebracht, zumal man Leute, die eben gelacht haben, schon gar nicht mehr so leicht verblöden kann. Nein, unterschätze mir die Lacher nicht, Carsten Werner. Ihresgleichen habe ich noch lieber als dich auf meiner Seite, es sei denn, sie wären nach deine spaßigen Brief etwa übergelaufen. Manfred Dworschak

8.12.1993 taz Bremen Nr. 4183 305 Zeilen, Manfred Dworschak S. 19


Lieber Manfred Dworschak,

als Lacher hast Du mich seit Jahren oft und gerne auf Deiner Seite. Und was alles so als Kunst und Künstler herumsteht und -rennt, ist wirklich nicht immer der Hit und bedarf sicher oft der von Dir zu Recht vehement verteidigten Kulturkritik, inhaltlich bin ich da gar nicht so selten Deiner Ansicht. Aber in meinem Brief an Dich ging es ja in erster Linie auch nicht um die Kunst im öffentlichen Raum, die Du bei dieser Gelegenheit gleich wieder seitenbreit betrauerst, sondern um Deinen Stil und Umgang mit allen möglichen Kunstrichtungen und Kulturschaffenden. Ich meine, daß die taz, die oft genug blauäugig und unwissend einfach (oder sogar mehrfach) drauflosberichtet oder – interviewt (Beispiele: das „Sturm“- Schauspielstudio im Schlachthof oder Dein „Event-Marketing“-Interview), an anderer Stelle wiederum ein bißchen blind und unverhältnismäßig hart dreinschlägt: Deine Beiträge zum grassierenden Festival-Phänomen sind ja voll berechtigt. Dein Umgang mit den Problemen „alkoholkranker Komantschen“ oder mit „polnischer Seefahrerlyrik“, mit denen Du da Deine Scherzchen treibst, werden aber jedenfalls der von Dir beanspruchten „Kulturkritik mit Herz“ oder einem (kultur-)politischen Anspruch Deiner taz genausowenig gerecht wie das Auflisten der 20 blödesten Sätze eines mehr oder weniger begnadeten Schriftstellers anstelle einer Rezension. Am DAB gäbe es vielleicht eine Menge zu kritisieren, wenn man mal genau nachguckt. Aber die Leute und ihre Veranstaltungsreihe und deren Künstler auf Kosten Deiner heißgeliebten Lacher im „Leck‘ mich!“- Sound als idiotisch abzufeiern, finde ich mindestens unangemessen. Daß die „Inhalte und Ideen“ in der Kulturkritik und in der Finanzierung von Kultur allzuoft eine bestimmendere Rolle spielen als das endliche „Werk“, ist bestimmt eines Nachdenkens und harter Kritik wert – fragt sich nur, ob die sich nicht vor den Künstlern erst einmal an die vielen schlauen Feuilletonisten und Politiker und Kulturbeamten richten müßte. Du setzt Dich aber für die zitierten und viele andere Deiner Beiträge eben gerade nicht einem fertigen „Werk“ zur Beurteilung und Verriß aus, sondern erklärst aufgrund eines Titels, einer Pressemitteilung (oder auch mal einer Laune oder einem höheren kulturpolitischen Ziel folgend) die Leute zu Idioten, Trotteln, Deppen, die lallen, schwanken, „plempeln“, herumposaunen bzw. -irritieren und was sonst noch alles. Für ein Theaterstück, ein Buch oder eine Musikveranstaltung bräuchte man natürlich ein bißchen mehr Zeit und Lust als für ein paar „blaue und gelbe Stangen“, die sich schon in wenigen Minuten Deiner kostbaren Kulturredakteurs-Zeit herzlich schwachsinnig finden lassen. Daß Du aber auch noch glaubst, ich würde meine Fantasie ausleben, indem ich mich mit Hansgünther Heyme (dem ich bekanntlich in inniger Liebe zutiefst verbunden bin) identifiziere und ihn nun gegen die taz verteidige, das nenne nun wieder ich eine ziemlich idiotische Fantasie. -91 hast Du Heyme als den quasi heiligen „Theaterberserker“ sonderseitenfreudig gefeiert, der den Bremern schon zeigen wird, wie Theater geht. Guck mal im Archiv nach! Daß Deine Theaterkritiken zu seinen Inszenierungen geprägt waren von der kulturpolitischen Quengelei um ihn, daß Du -92 bestimmte „Nachrichten“ in bestimmten Zusammenhängen erfahren und sie zu bestimmten Terminen passend in Deiner taz veröffentlicht hast, das schien mir vielleicht nur so. Ich habe Dir einen Brief geschrieben, weil ich hoffte und dachte, Ihr Journalisten möchtet ab und zu mal ein Feedback zu Eurer Arbeit, und weil ich diese Auseinandersetzung manchmal ganz spannend finde. Du möchtest „zu einem Deppen einfach Depp!“ sagen. Na ja. Bloß wenn einer Dich einen Deppen nennt, ist das gleich „vernichtend“, wird eine „Debatte“ draus und er kriegt -ne volle Breitseite Feuilleton. Mir scheint das leicht übertrieben.

Carsten Werner

10.12.1993 taz Bremen Nr. 4185 121 Zeilen, S. 27

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